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Marx für Dummies – die Sechste

Dieser Artikel ist die Fortsetzung von 1234 und 5:

Hauptteil

Karl Marx in der typischen Pose
der Freimauerer
Foto: Wikipedia

Der Hauptteil stellt in geraffter Form den zum Zwecke der Aufdeckung des Mechanismus des Kapitals verwendeten begrifflichen Werkzeugkasten vor. Marxens Begriffe sind umstandslos aus den Warenströmen und einigen wenigen, allen wissenschaftlich-technischen Warenproduktionen gemeinsamen Bedingungen ableitbar. Da Pferde von vorn aufzuzäumen sind, folgt der Hauptteil dem zeitlichen Ablauf der Entstehungsgeschichte des Kapitals.

Die Berichte der geist-materie-dualistischen Religionen von der von der Schöpfung der Welt beginnen mit dem „Höheren“, mit dem «Logos» bzw. «Geist», was in der deutschen Bibel als „Wort“ übersetzt wurde.

<Im Anfang war das Wor.t>

Marx beginnt seinen Bericht von der Entstehung der Welt des Kapitals mit dem „Niederen“.

<Im Anfang war die Ware.>

Als erstes geht der Blick auf das, was eine Ware von all den vielen schönen Dingen im biblischen Paradies unterscheidet.

1.) Wert, Tauschwert, Gebrauchswert sowie Preis einer Ware

1.1) Wert

Würde auf Münzen und Geldscheinen nicht €, $, ₤ usw. stehen, sondern eine Zeiteinheit wie zum Beispiel „Minuten“, würde ein Weißkohl mit einer Münze zu bezahlen sein, auf der „½ Minute“ zu lesen wäre. Auf einen Geldschein wäre nicht 100 € gedruckt, sondern „100 Minuten“. Und schon ist der Wert einer Ware erklärt. Er bemißt sich an der Summe aller Arbeitszeiten, die in ihre Herstellung sowie in ihren Transport hin zu ihrem Käufer eingeflossen sind. Wie auch immer benannt, drückt eine Geldwährung Arbeitszeit aus. Demnach stehen €, $, ₤ usw. in Wirklichkeit für Arbeitszeit. Wer es blumig-dramatisch mag, kann diesem simplen Sachverhalt Gesetzeskraft verleihen und von „Wertgesetz“ reden.

1.2) Tauschwert

Indem die Werte von Waren über die in ihnen enthaltenen Arbeitszeiten gegeben sind, liegt ein Maß vor, welches einzelne Waren miteinander austauschbar macht. Der Wert einer Ware stellt so zugleich ihren Tauschwert dar. Wer auch möchte 200 gegen 100 Minuten hergeben, da er dann 100 Minuten für einen anderen gearbeitet hätte, ohne eine Gegenleistung zu erhalten. Als selbstverständlich vorauszusetzen ist, daß die Arbeitszeiten, die in die Bestimmung des Tauschwerts eingehen, der in einem Wirtschaftsraum üblichen Produktivität entsprechen und mithin gesamtmarkträumlich durchschnittlich sind. Tatsächlich wird diese Bedingung eingehalten, denn wer langsamer als seine Wettbewerber arbeitet, ist bald vom Markt verschwunden. Als Zahlungsmittel ist Geld lediglich ein Werkzeug zur Erleichterung der Warentauschvorgänge und enthebt der Mühen und Umständlichkeiten des direkten Warentausches.

Die Begriffe Wert und Tauschwert besitzen ein und dieselbe Meßgröße. Deren Maßeinheit ist die in Stunden, Minuten oder Sekunden gezählte Arbeitszeit. Von „Wert“ wird in allgemeinen Zusammenhängen gesprochen; von „Tauschwert“, wenn allein auf die den Warentausch vermittelnde Funktion des Werts geschaut wird.

Treten sich Warenbesitzer als einander fremde, vereinzelte Individuen gegenüber, gewinnt der Tauschwert seine Bedeutung aus dem beim Warentausch unweigerlich aufkommenden Gerechtigkeitsempfinden. Ein Warentausch ist „gerecht“, wenn gleiche Werte, sprich: gleiche Arbeitszeiten getauscht werden.

Nicht mehr vom Tauschwert geleitete Warenströme sind daher nur bei Menschen vorstellbar, die sich von ihrem Selbstverständnis her miteinander verbunden sehen und dann nicht etwa Waren miteinander tauschen, sondern sich gegenseitig „etwas geben“. Dies ist bei naturwüchsigen oder spirituell gestifteten Gemeinschaften zu beobachten (siehe beispielsweise Karl Polanyi in «The Great Transformation» über das „Gemeinland“ der Herrenlosen/Freien im vorkapitalistischen England). Solche Gemeinschaften kennen privates Eigentum, halten zudem aber gemeinsam bewirtschaftetes kollektives Eigentum, dessen Ertrag nach gewissen Regeln untereinander verteilt wird. In Gesellschaften ohne Herren und Staat war diese Produktionsweise üblich.

1.3) Gebrauchswert

Anders als Wert und Tauschwert, die sich in Zahlen messen lassen, ist der Gebrauchswert einer Ware eine allein qualitative und subjektive Angelegenheit: Was will ein Eskimo mit einem Kühlschrank!

1.4.1) Preis

Selbst und sogar der Wert von Gold bemißt sich anhand der zur Rohstoffgewinnung, Herstellung und zum Transport aufgewendeten Arbeitszeiten. Der Preis einer Ware muß jedoch nicht immer mit ihrem Tauschwert übereinstimmen. Der für eine Ware zu zahlende Preis ist bekanntlich schwankend und von etlichen äußeren Einflüssen abhängig, z.B. von aktuell herrschenden Natur- oder Witterungsbedingungen. Allgemeiner gesagt, ist er vom zufällig gegebenen Verhältnis von Angebot und Nachfrage auf dem Warenmarkt abhängig.

1.4.2) Durchschnittlicher Preis

Monopole können die Gesetze des Marktes, nicht aber Wert und Tauschwert umgehen, und so sind Monopole eine Form der Prellerei in großem Stil. Wer nun aber keine Monopolmacht besitzt und zu teuer verkauft, wird von der Marktkonkurrenz unterboten und muß seinen Verkaufspreis senken. Wer zu billig verkauft, verdient zu wenig oder macht Bankrott.

So schwanken zwar die zu zahlenden jeweiligen Warenpreise, aber sie tun das nicht beliebig. Nach einer gewissen Zeit ergeben sich Durchschnittspreise, welche mit den Tauschwerten der Waren übereinstimmen. Der durchschnittliche Preis einer Ware entspricht daher ihrem tatsächlichen Wert bzw. Tauschwert. Dafür sorgt der marktliche Wettbewerb.

Wie im Abschnitt <Besonderheiten des Stoffwechsels Mehrprodukt => Profit> kurz angerissen worden ist, jedoch erst unter 3.2) genauer zu sehen sein wird, gilt die Entsprechung von Tauschwerten und Durchschnittspreisen nicht für jede Branche, sondern lediglich mit Blick auf die Summen der Werte sowie der Durchschnittspreise aller Waren des Gesamtmarktraums.

2.) Mehrwert und Mehrwertrate, Profit und Profitrate sowie gesamtmarkträumlich allgemeine Durchschnittsprofitrate

2.1) Mehrwert und Mehrwertrate
[Mehrprodukt, notwendige Arbeit(szeit), Mehrarbeit(szeit)]

Was der von Marx als „das ganze Geheimnis der kapitalistischen Produktionsweise“ identifizierte Mehrwert ist, würde sich jedermann unmittelbar enthüllen, wenn auch Arbeitslöhne ganz so, wie bereits unter 1.1) für Waren gesagt, nicht in irgendeiner Geldwährung, sondern in Minuten gesamtmarkträumlich durchschnittlicher Arbeitszeit zu zahlen sein würden. Geldwährungen sind ja lediglich ein verhüllter Ausdruck für den Tauschwert von Waren, und dieser wiederum bemißt sich anhand der in Produktion und Transport einer Ware eingeflossenen Arbeitszeit.

Geld steht demnach für Arbeitszeit. Würde der Lohn nun also nicht in €, $ oder £, sondern in Minuten gezahlt, würde sich auf einen einzigen Blick hin zeigen, daß die Anzahl der als Tageslohn gezahlten Minuten weit unter der Gesamtzahl der täglich gearbeiteten Minuten liegen würde. Heißt zugleich: Der in Minuten bemessene Tauschwert derjenigen Waren, die ein Arbeiter unter Verausgabung seines Tageslohnes täglich konsumieren kann, liegt weit unter dem Tauschwert derjenigen Waren, die er arbeitstäglich produziert. Der Mehrwert läßt sich unter diesem Blickwinkel sehr einfach als Differenz zweier Tauschwertbeträge darstellen.

Auch wenn Löhne als Stundenlöhne deklariert sind, so kauft ein Unternehmer mit einem Stundenlohn keineswegs eine Arbeitsstunde ein. Die Summe der Stundenlöhne eines Arbeitstages dienen dem Zweck, die Arbeitskraft des Arbeiters mindestens für die Dauer des Arbeitstages so weit physisch zu erhalten bzw. zu reproduzieren – daß der Arbeiter anderntags wiederkommen kann. Wie hoch der Lohn sein muß, damit der Arbeiter anderntags auch wiederkommen möchte, hängt von kulturellen Faktoren ab und wird letztlich mit den Füßen abgestimmt. Zur Wahl stehen: 1.) in die Fabrik gehen; 2.) relative bis absolute Armut sowie Ableistung von relativ und bisweilen absolut demoralisierenden Zwangsdiensten.

Mehrwert wird allein von den in Warenproduktion und Warentransport unmittelbar händisch Arbeitenden gebildet, jedoch nicht von diesen konsumiert. Materiell besteht der Mehrwert aus Mehrprodukt, das heißt, aus den Waren des privaten Konsums aller sonstigen Arbeitenden sowie aller Nichtarbeitenden; ferner aus den Waren, die für den produktiven Konsum aller nicht warenproduzierenden Unternehmen in Form von Produktionsmitteln bestimmt sind; ferner auch aus den Waren, die als Ausrüstungsmittel in Politik, Staat, Militär, Justiz usw. zum Einsatz kommen. Da die unbezahlte Arbeit, die Mehrarbeit, demnach all jene Waren hervorbringt, die nicht als Produktionsmittel und Konsumgüter in die Halle einfließen, besitzt der Mehrwert einen enormen physischen Umfang.

Mit Blick auf die mehrwerterzeugenden Arbeitenden läßt sich nun derjenige Teil der täglichen Arbeitszeit, der den Tauschwert von deren Lohn ausmacht, heißt, der für die Aufrechterhaltung von deren Arbeitskraft notwendig ist, als notwendige Arbeitszeit bezeichnen. Während des verbleibenden Teils der täglichen Arbeitszeit werden Waren produziert, deren Tauschwert vom Lohn nicht aufgewogen wird, weswegen dieser Teil des Arbeitstags Mehrarbeitszeit darstellt. Die während der notwendigen Arbeitszeit geleistete Arbeit ist die notwendige Arbeit, die während der Mehrarbeitszeit geleistete Arbeit ist die Mehrarbeit.

Zusammengefaßt, wird Mehrwert durch die während der Mehrarbeitszeit geleistete Mehrarbeit erzeugt und hat physisch die Form von Waren, welche das Mehrprodukt darstellen. Das mit der Mehrarbeitszeit im Zähler und der notwendigen Arbeitszeit im Nenner gegebene Zahlenverhältnis ist die Mehrwertrate.

2.2) Profit und Profitrate

Der Mehrwert ist der gängigen Volkswirtschaftslehre peinlich. Sie ignoriert die Marxsche Politische Ökonomie und kennt allein die geldliche Erscheinungsform des Mehrwerts, den Profit.

Rechnerisch ergibt sich der Profit als Differenz aus dem Warenverkaufserlös und dem im Produktionsprozeß der Waren in der Halle eingesetzten Kapital. Dies letztere firmiert betriebswirtschaftlich heute als „Herstellkosten“, zu Marxens Zeiten als „Kostpreis“. (Nicht den Herstellkosten zuzurechnen sind die Kosten für Management, Verwaltung, Vertrieb, Technisches Büro, die Lagerung von Fertigware usw.) Werden der Profit und die Herstellkosten der verkauften Waren rechnerisch zueinander ins Verhältnis gesetzt, ergibt sich die Profitrate. Beispiel: 30 Millionen € Jahresverkaufserlös minus 20 Millionen € jährliche Herstellkosten = 10 Mio. € betrieblicher Jahresprofit. Werden die 10 Millionen € Profit nun dividiert durch die 20 Millionen € des für Herstellkosten aufgewendeten Kapitals, ergibt sich eine betriebliche Profitrate von 50%. Tatsächlich dürfte diese Rate in den OECD-Ländern bei durchschnittlich gut über 80% liegen.

ACHTUNG! Bei Marx sind der Profit und der Unternehmergewinn bzw. der *Kapitalgewinn* nicht dasselbe. Letztere werden dem Profit zwar entnommen; aus dem Profit sind daneben jedoch auch die Zinsen für *Leihkapital*, die Management-, Vertriebs- und Verwaltungskosten, die Kosten für das Technische Büro, das Lager für Fertigware, Steuerzahlungen und verschiedenes andere noch zu bestreiten, nämlich alle betrieblichen Kosten, die nicht „Herstellkosten“ sind. Der Unternehmergewinn bzw. die Kapitalrendite ist dann der meist klägliche Rest, der vom Profit noch übrigbleibt.

2.3) Gesamtmarkträumlich allgemeine Durchschnittsprofitrate

Mit dem Steigen und Sinken des gesamtmarkträumlichen Mehrwerts, das ist der Wert der gesamtmarkträumlichen Masse des Mehrprodukts, steigt und sinkt die gesamtmarkträumlich zur Verteilung verfügbare Masse des Profits. Einfach ausgedrückt, begrenzt die Masse des Mehrwerts die Masse des Profits. Was sinnfällig wird, wenn die jeweilige physische Form von Mehrprodukt und Profit betrachtet wird. Die von Profit ist Zahlungsmittel; die von Mehrprodukt ist ein Warenstrom. Dieser Warenstrom steht dem Profit zum Kauf gegenüber.

Der Profit verteilt sich unter alle Unternehmen, nicht allein unter die warenproduzierenden, sondern auch unter die im Handel, in der Lagerhaltung, im Geldwesen und in sonstigen Dienstleistungsbereichen tätigen. Im Durchschnitt erhält ein jedes von diesen so viel vom großen Mehrwertkuchen, wie sich aus den jeweiligen branchenüblichen Durchschnittsprofitraten ergibt.

Die Höhe der Durchschnittsprofitraten der verschiedenen Branchen ergibt sich durch den marktlichen Wettbewerb. Jedes Unternehmen versucht, für seine jeweiligen Waren den höchstmöglichen Preis zu erzielen. Ist die durchschnittliche Profitrate einer Branche höher als der gesamtmarkträumliche Durchschnitt, strömt *Kapital* in der Hoffnung auf gleichfalls überdurchschnittlich hohen Profit in die jeweiligen Aktivitäten und vermehrt das Warenangebot. Infolge des marktlichen Angebotswettbewerbs sinken nun die zu erzielenden Verkaufspreise. Mit diesen sinkt der Profit, so auch die Branchenprofitrate, bis diese sich der gesamtmarkträumlichen Durchschnittsprofitrate annähert.

Daß die Höhe der Durchschnittsprofitraten je nach Branche in einem gewissen Rahmen differiert, liegt auf der Hand, wenn an Branchen mit wissenschaftlich-technisch hoch anspruchsvollen Produktionen oder auch an Hersteller von Waren des Premiumsegments gedacht wird. Letzteres gilt vor allem für die weit überdurchschnittlichen Profitraten des kleinen aber feinen automobilen Spitzensektors. Distinktion ist eine Ware einsamer Höhen, zu denen aufzublicken, aber nicht aufzusteigen ist. Der Preis distinguierender Ware muß genügend hoch sein, um garantieren zu können, hoch über allen anderen „unter sich“ zu bleiben; er enthält einen Distinktinsaufschlag. Doch wird der Rahmen, in dem die Branchendurchschnittsprofitraten differieren,im allgemeinen vom unternehmerischen Wettbewerb bestimmt und ist eher eng.

Forsertzung folgt

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