Startseite > Gesellschaft > Das Dogma der Macht

Das Dogma der Macht

Alternative Konzepte und Lösungsansätze für eine lebenswerte Zukunft – von Thomas V Weiss

Thomas V Weiss

Habe ich im ersten Teil Die EU – Gesichter einer Dikatur versucht, die Strukturen des Neoliberalismus als umfassendes Übel unserer Zeit kompakt zu erfassen, möchte ich mich nun der Frage widmen, wie man dieses zerstörerische System, welchem wir alle ausgesetzt sind, überwinden kann. Denn, so starr die Mechanismen der marktwirtschaftlichen Perversion auch zu sein scheinen, sie sind keinesfalls unüberwindlich.

Bevor ich auf die wichtigste Frage eingehe, nämlich jene, was man selbst tun kann, möchte ich kurz bei der Politik, die dem Neoliberalismus wie eine Fassade vorgeblendet ist, ansetzen. Geht es nach den Politikern und den meisten Ökonomen, ist unser Wohlstand am BIP, also dem Bruttoinlandsprodukt zu messen. Aber bereits hier liegt der Fehler, da nach dieser Anschauung beispielsweise Industriezweige wie die Rüstungs-, die Finanz- oder die chemische Industrie genügen würden, um ein zufriedenstellendes BIP zu schaffen, wenn diese nur erfolgreich genug wären.

Dass damit aber kein echter Wohlstand und auch keine echten Werte geschaffen würden, leuchtet ein. Zusammen mit den ebenso verrückten Maximen Wachstum, Wettbewerb und Profitmaximierung sollte die Mär vom BIP als Wohlstandsindikator dringend am Friedhof der gescheiterten Systeme begraben werden, gemeinsam mit den Sagen und Legenden vom qualitativen und grünen Wachstum, welches ebenfalls auf Dauer nicht aufrecht zu erhalten ist.

Leider erleben wir zur Zeit eine Tendenz, in der hauptsächlich gewählt wird, um Andere zu verhindern. Dabei ist es ziemlich egal, was man wählt – die großen Parteien setzen alle mehr oder weniger auf kapitalistische bzw. neoliberale Konzepte wie etwa Wachstum, Marktkonformität oder Wettbewerb. Da aber all dies nur noch weiter in die Krise führt, wäre es sicher sinnvoller, eine Partei zu wählen, die diesen Mechanismen abschwört und alternative Konzepte fordert und fördert. In Österreich gab es bei der letzten Wahl mit „G!lt“ erstmals das Modell einer Offenen Demokratie zu wählen. Vielleicht wäre gerade das das politische Modell der Zukunft, verspricht es doch eine echte Demokratie.

Doch warum sollten wir darauf warten, dass sich die Politik ändert? Ändern wir doch die Politik! Ändern wir uns selbst! Wer nun der Meinung ist, er könne alleine doch eh nichts ändern, der sei daran erinnert, dass er beim Wählen auch nur seine eigene Stimme abgibt, und nicht zusätzlich die von Tante Trude und Onkel Karl. Seien wir also unsere eigenen Politiker!

Da die neoliberalen Prozesse in erster Linie identisch sind mit Konzerninteressen, macht es Sinn, genau dort anzusetzen. Wenige Konzerngiganten dominieren die Märkte und bestimmen das Angebot. Boykottieren wir sie und kaufen stattdessen bei kleinen, regionalen, nachhaltig und biologisch wirtschaftenden Betrieben. Dann ist schon mal mehr getan als man annehmen mag. Setzen wir uns für eine Postwachstumsökonomie ein, etwa indem wir bei Genossenschaften oder Betrieben kaufen, die die Gemeinwohlbilanz erstellen! Die Gemeinwohlökonomie ist eines der Konzepte, die als Wirtschaftsalternative ein vielversprechendes Potenzial haben.

Kündigen wir, wenn möglich, die Rentenvorsorge! Derartige Einzahlungen gehen meist sofort als Spekulationskapital in den Umlauf und es ist keinesfalls garantiert, dass man im Krisenfall überhaupt etwas ausbezahlt bekommt! Gründen wir eigene, regionale Währungsalternativen! Viele sind bereits jetzt höchst erfolgreich.

Leben wir so gut wie möglich vegan. Die Vorteile dieser Lebensweise liegen auf der Hand: Nicht nur, dass man damit großes Leid an Tier, Mensch und Natur verhindert, man tut auch was Gutes fürs Klima und für sich selbst. So gehen etwa mehr als 90% der weltweiten Sojaernte als Tierfutter in die Massentierhaltung. Für einen Kilo Rindfleisch braucht man ca. 15.000 Liter Wasser und ein Vielfaches an pflanzlichen Stoffen im Gegensatz zur veganen Ernährung. Man schützt somit auch Pflanzen.

Trotz der Notwendigkeit einer Konsumreduktion – wir haben schließlich keine drei Erden zur Verfügung – ist es äußerst wichtig, die fortschreitende Digitalisierung sowie die Automatisierung nicht nur zu kontrollieren (Stichwort Militär, Geheimdienste und Softwaregiganten), sondern auch endlich mal wirklich sinnvoll zu nutzen. Denn zur Zeit ist es so, dass die Hochtechnologisierung vor allem den Konzernen, den Investoren und den Kapitaleignern etwas bringt, während die einfachen Menschen zunehmend einer Forderung der Mehrarbeit und einem vermehrten Stress ausgesetzt sind. Sie sollen in Zukunft aus der verbesserten Technologie Nutzen ziehen, etwa indem sie weniger und sinnvoller arbeiten.

Stellen wir uns gegen die geplante Obsoleszenz, jenes Verbrechen, das seit Jahrzehnten als völlige Selbstverständlichkeit zum immerwährenden Konsum zwingt! Es wäre jederzeit möglich, Autos, Waschmaschinen oder Glühbirnen zu bauen, die Jahrzehnte lang halten. Das Argument, dass dies der Wirtschaft schaden würde, stimmt nur soweit, dass es wenigen Firmeneignern schaden würde. Für den Arbeitnehmer wäre es hingegen ein wahrer Segen.

Ein weiterer Ansatz wäre, Städte und Gemeinden anzuregen, vermehrt Obst- und Nussbäume, sowie andere nutzbare Pflanzen zu kultivieren. Man stelle sich mal vor, wie es wäre, wenn in einer Großstadt statt Robinien oder Götterbäumen plötzlich überall Obst- und Nussbäume gepflanzt würden. Auf Plakatwänden stünden statt Werbung für krank machende Konzernprodukte Rezepte und Anleitungen zum Ein- und Haltbarmachen von Obst und Gemüse. Eine naive Vorstellung? Mag sein, aber bei weitem nicht so naiv wie die Vorstellung, die Wirtschaft könne ewig weiter wachsen. Trauen wir uns doch einfach, solche und ähnliche Utopien und Visionen zu denken und zu gestalten!

Gründen wir Gemeinschaftsgärten und Solidarlandwirtschaften! Betreiben wir Subsistenz und üben wir uns in Suffizienz! Fangen wir an, wieder mehr zu reparieren anstatt wegzuwerfen und neu zu kaufen! Fangen wir an, Dinge selbst herzustellen! Zu lange schon sind wir nur noch Anwender, Arbeitnehmer und Verbraucher! Tauschen wir Dinge und schenken wir uns Zeit! Setzen wir uns für Urban Gardening ein und nutzen wir Car Sharing! Verzichten wir, so gut es geht, auf Kreuzfahrten und Flüge! Sparen wir Strom und fahren wir weniger mit dem Auto, dafür mehr mit dem Fahrrad! Meiden wir Plastik und reduzieren wir Müll! Beginnen wir zu dumpstern und helfen wir bei Foodsharing-Aktionen mit! Hören wir auf, Lebensmittel zu verschwenden!

Gehen wir auf die Straße und zeigen auf friedliche und sachliche Weise unseren Unmut! Eine kleine Mahnwache oder Demo lässt sich jederzeit ohne Probleme organisieren. Aus Erfahrung weiß ich, dass viele Passanten darauf positiv reagieren und beginnen, nachzudenken.

Warten wir nicht darauf, dass die große Politik sich ändert! Sie hetzt uns gegeneinander auf, bietet zur Ablenkung Feindbilder an, welche uns angeblich so viel kosten, während sie die wahren Übel, wie etwa die Steuerflucht der Großkonzerne und einiger Superreichen, sowie ihre Schuldenpolitik und Mechanismen wie Deregulierung oder Privatisierung, weitgehend verschweigt. Denken wir nicht über eine Energiewende nach, sondern reduzieren wir unseren Energieverbrauch! Fordern wir die gleiche Wertigkeit aller Menschen und eine gerechte Verteilung! Setzen wir auf Dialog und Annäherung und sagen wir dem Hass und der Distanz ab! Vertreiben wir die Angst, mit der wir „klein“ gehalten werden! Setzen wir uns für Frieden ein, wo immer es geht! Lernen wir bereits unseren Kindern, dass nicht Konkurrenz, sondern die Bereitschaft zum Miteinander die Gesellschaft nachhaltig voranbringt! Seien wir einfach Mensch, wie Mensch sein sollte!

Kategorien:Gesellschaft
  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: