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Der Faschist in uns

Offizielles Logo der Antifaschistischen Aktion , leicht geändert zu jener aus 1932 (Quelle: Wikipedia)

Mich verstören seit geraumer Zeit die Aktivisten der Anti-Faschisten, denn ich nehme sie inzwischen genauso faschistisch wahr, wie sie ihre Feinde, die Faschisten. Nun habe ich einen Text gefunden, der darauf schaut, was denn die treibende innere Kraft ist, ein Faschist zu sein. Und da scheint klar zu werden: Wer Angst vor Freiheit hat, wird sich unterordnen, aber auch selbst Andere drangsalieren wollen. Also auch das ab ins Regal:

Faschismus

Nicht zufällig wurde in diesem Buch deutlich, dass sich Gruppierungen, seien es politische Parteien oder Glaubensgemeinschaften, gegenseitigen Faschismus vorwerfen. Weiter oben habe ich bereits ausgeführt, dass insbesondere bei diesem Thema die Mechanismen des blinden Flecks und die Negierung des Schattens greifen, mit anderen Worten:

Für Faschisten gilt dasselbe wie für Populisten – es sind immer nur die anderen.

Da die meisten Menschen wenig über die tiefenpsychologische Struktur des Faschismus wissen, glauben viele, das gegnerische Lager würde einer politischen Ideologie aufsitzen, man selbst aber wäre frei von jeglicher faschistoider Tendenz. Deshalb möchte ich an dieser Stelle eine kurze Begriffsklärung beziehungsweise Differenzierung von Faschismus und faschistoidem Charakter einbringen:

Faschismus im klassischen Sinne ist tatsächlich eine politische, anti-demokratische Ideologie, die sich durch Verherrlichung der eigenen In-Group (Nation, Glaubensgemeinschaft, Rasse), Führerprinzip, Totalitätsanspruch, militärische Strukturen, mythische (Ersatz-)Religion u.v.m. auszeichnet.

Dennoch wird diese Ideologie von recht typischen Charakteren getragen, die Erich Fromm »autoritäre Charaktere« genannt hat. Es ist hilfreich, diesen eigentümlichen Charakterzug von der politischen Vorstellung des Faschismus zu trennen, da sich derartige Persönlichkeiten prinzipiell in allen Gemeinschaften, Schichten und politischen Organisationen zeigen.

Der autoritäre Charakter ist primär unsicher und gewinnt vor allem durch Konformismus Halt – dann hat er jedoch durchaus Freude daran, Macht auszuüben.

Für das als »richtig« und »gute« erkannte (Luzifer-Prinzip…), macht es ihm keine Probleme, andere zu drangsalieren und zu unterdrücken. Doch seine Rolle als Herrscher bleibt stets ambivalent, denn »nach oben« empfindet der autoritäre Charakter wiederum Freude an Unterwerfung. Nach Fromm liebt der autoritäre Charakter Identifikation mit Mächtigen, da er dadurch nicht länger mit seinen Ängsten und Minderwertigkeitsgefühlen konfrontiert wird. In allen fundamentalen Systemen politischer wie religiöser Natur besetzen autoritäre Charaktere auf quasi natürliche Weise Schlüsselpositionen und Ämter in den unterschiedlichsten Stufen der Hierarchie. Denn unbedingte Loyalität zur eigenen In-Group und deren Führer sowie die Bereitschaft, eine Ideologie unkritisch zu übernehmen und den Druck von oben nach unten weiterzuleiten, sind Grundprinzipien von Nationalismus und religiösem Fundamentalismus.

Doch abgesehen vom klassischen autoritären Charakter, wie er in Heinrich Manns »Der Untertan« beschrieben wurde, sind faschistoide Denk- und Verhaltensstrukturen wesentlich weiter zu fassen. Psychologisch betrachtet, handelt es sich um unausrottbare, tiefenpsychologische Archetypen, die zu schrecklichen, aber dennoch »normalen« Abwehrstrukturen der menschlichen Psyche gehören. So gesehen, trägt jeder autoritäre Strukturen in sich, die unter besonderen Umständen geweckt werden können, wie die berühmten Milgram-Experimente eindrucksvoll gezeigt haben. 1961 führte der amerikanische Psychologe Stanley Milgram Versuche durch, bei denen verschiedene Personen autoritären Anweisungen Folge zu leisten hatten, die im Widerspruch zum eigenen Gewissen standen. Ursprünglich sollte die Studie der Frage nachgehen, ob Deutsche ganz besonders gehorsam und obrigkeitshörig sind. Doch schnell stellte sich auf erschreckende Weise heraus, dass fast jeder Mensch unter gewissen Bedingungen bereit ist, eher einer Autorität (dem Versuchsleiter) zu folgen als seinem Gewissen. Sofern der Versuchsleiter darauf bestand, andere Testpersonen mit Stromschlägen zu »bestrafen«, um das Experiment nicht zu gefährden, und zudem versicherte, er allein trüge die Verantwortung für die Folgen, waren die meisten Probanden bereit, ihren Schutzbefohlenen (in Wirklichkeit Schauspielern) größte Schmerzen zuzufügen.

Faschistoide Handlungsmuster stets »dort draußen bei den Anderen« und am besten nur politisch und rechts zu verorten ist überaus naiv und wird dem Problem nicht im Mindesten gerecht. Faschismus im tiefenpsychologischen Sinn ist keine Ideologie, die man ein für alle Mal ausrotten könnte oder der mit politischen Aufklärung beizukommen wäre. Faschismus entsteht in sozialen Gruppen immer wieder neu und wie von selbst, wenn mangelhaft individuierte, ängstliche, unerwachsene Persönlichkeiten Halt in festen Strukturen suchen und zu projizieren anfangen. Deshalb gibt es jüdische, hinduistische, christliche und muslimische Faschisten. Zudem gibt es natürlich politisch rechte und linke Faschisten, nicht zu vergessen ökologische Faschisten usw.

Faschistoide Verhaltensmuster zeigen sich aus Angst und Überforderung von Freiheit. Autoritäre Persönlichkeiten sind von ihrem Über-Ich dominiert und gehen konform mit ihrer sozialen Gruppe. Abweichungen werden abgelehnt oder gar verfolgt, Individualismus und liberale Einstellungen lösen hingegen Ängste aus.

Erich Fromm

Zudem entstehen faschistoide Verhaltensmuster immer wieder neu, wenn unterdrückte, verletzte und drangsalierte Menschen an ihren Umschlagpunkt vom Opfer zum Täter gelangen. In meiner Familienchronik beschreibe ich, wie in meiner Schule aus einem ängstlichen, unterdrückten und gehänselten Schüler eines Tages ein boshafter, die anderen Mitschüler unterdrückender Junge wurde. Dieser Junge war ich.

Sir William Goldings Parabel Herr der Fliegen zeigt ebenfalls sehr schön, dass diese Strukturen universelle Gültigkeit haben und selbst auf einer isolierten Insel entstehen. Für Faschismus braucht man keine Vordenker. Das einzig wirksame Mittel gegen Faschismus ist deshalb, gegen die Ur-Ängste des Menschen vorzugehen, die faschistoiden Denkmustern zugrunde liegen. Ur-Ängste sind Angst vor Schmerz und Leid, vor sozialer Isolation, vor einem sinnlosen Leben, letztlich jedoch die Angst vor dem Tod. Deshalb sind die Antworten gegen Faschismus auch nicht politischer, sondern seelsorgerischer Natur. Nur psychologisch, philosophisch und spirituell lässt sich dem Übel beikommen.

Wahre »antifaschistische Aktionen« agieren keinen Schatten auf politischer Bühne aus, was ohnehin nur invertierter Faschismus ist. Wahre »Antifa-Kämpfer« sitzen in psychologischen Praxen oder geben Kurse zur Selbstkonfrontation in kreativen Prozessen, wie autobiografisches Schreiben oder Malerei, oder Yoga-,ZEN- und Mediationskurse oder unterrichten buddhistische Weltanschaung. Echter Kampf gegen Faschismus führt über individuelle Reifeprozesse und nicht über politische Agitation.

Der Text ist zu finden in: Die Wiedergutmacher: Das Nachkriegstrauma und die Flüchtlingsdebatte

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