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Offener Brief an Herrn Spahn die Gesundheits- und Krankenpflege betreffend

Aus gegebenem Anlass möchte ich einen öffentlich gemachten Brief einer gerade examinierten Gesundheitskraft auch hier ins Regal stellen. Eine gute Bekannte war gerade wieder im Krankenhaus und hatte die hier beschriebene Situation gut wahrnehmen können. Als ausgebildete Kinderkrankenschwester hat sie inzwischen Angst, selbst als Patientin in einem unserer unterversorgten Häuser behandelt werden zu müssen. U.a. auch, weil unter diesen krassen Verhältnissen die Hygiene leidet und daran jährlich viel mehr Menschen umkommen als an den Auswirkungen schlechter Luft. Nur wird hier kein Rummel wie um die Autoabgase gemacht. Der Hebel hier etwas Gutes zu bewirken wäre definitiv größer! Aber macht Euch wie immer selbst ein Bild:

Janina K.

Sehr geehrter Herr Jens Spahn

lange habe ich überlegt, ob ich diese Zeilen überhaupt verfassen soll. Was soll sich schon ändern, wenn Sie das wirklich lesen sollten? Ob Sie das überhaupt ernst nehmen?

Im September 2018 beendete ich meine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin in Berlin sehr erfolgreich. Die drei Jahre waren sehr sehr hart. Ich hätte niemals gedacht, dass eine Gesundheits- und Krankenpflegerin mal so viel Verantwortung übernehmen müsse. Es gab viele bewegende Momente in meiner Ausbildung. Es gab viele gute und auch sehr viele schlechte Momente. Am härtesten war die Ausbildung aber, weil man direkt ins kalte Wasser geworfen wird. Ab Tag 1 wird einem alles abverlangt.

Nun stellen Sie sich mal vor, Sie starten eine neue Ausbildung. Starten in einen neuen Beruf, sind noch jung und unerfahren. Und dann stehen Ihnen Kollegen gegenüber. Völlig gestresst, völlig genervt und völlig kaputt von den miserablen Umständen. Und diese Kollegen haben keine Zeit für Sie. Diese Kollegen haben keine Zeit, um Sie an die Hand zu nehmen, Sie rum zu führen, Ihnen etwas zu zeigen oder zu erklären. Nein. Die Zeit ist nicht vorhanden, da die Kollegin sich mit zwei anderen Kollegen um 36 Patienten kümmern muss. 
Und nun stellen Sie sich vor: Man verlangt von Ihnen, dass Sie ab Tag 1 funktionieren. Wie würden Sie sich fühlen? Ich kann Ihnen sagen, wie viele Auszubildende sich fühlen. Sie haben Angst, sie sind eingeschüchtert, sie sind schockiert… und brechen die Ausbildung vor lauter Selbstzweifel ab.
Adios, weg ist unser Nachwuchs.

Das schlimme daran ist: wir machen das nicht mal mit Absicht. Wir wollen unsere Schüler nicht „verjagen“. Wir wollen uns mit ihnen ruhig hinsetzen können. Wir wollen uns die Zeit nehmen können, um ihnen etwas zu erklären, um ihnen offene Fragen zu beantworten, um Selbstzweifel aus dem Weg zum räumen. Wir möchten unseren Nachwuchs fördern und stärken. Schließlich sind sie unsere Zukunft, unsere neuen Kollegen.
Aber wir können es nicht….

Wie Sie anhand des oben genannten Datums erkennen können, bin ich frisch examiniert. Man erwartet von mir, dass ich fit und frisch, aber vor allem voll motiviert bin.
Tatsächlich, jeden Morgen um 4, wenn der Wecker klingelt, stehe ich motiviert auf. Es beginnt ein neuer Tag, eine neue Chance! Ich fahre zur Arbeit und der erste Schlag sitzt, als ich sehe, wieviele Kollegen im Frühdienst anwesend sind. Eine examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin, eine examinierte Altenpflegerin und eine Pflegeassistenz. Für 36 kranke Patienten. 14 Patienten müssen in regelmäßigen Abständen das Inkontinenzmaterial gewechselt haben, 4 Patienten muss das Essen angereicht werden, 10 Patienten müssen regelmäßig neu positioniert werden. Nebenbei noch die Medikamentenausgabe, Infusionen richten und anhängen, Essen austeilen, Verbandswechsel und die heißgeliebte Dokumentation. 4 Patienten sind unruhig, weil es ihnen zu lange dauert, bis die Pflegerin da ist. 5 Patienten haben keinerlei Kontrolle mehr über ihren Körper, sind auf die Hilfe von uns Pflegern angewiesen. 36 Patienten möchten manchmal einfach nur eine Schwester haben, die ihnen zuhört, ihnen die Angst nimmt und ihnen offene Fragen beantwortet.

Nun die entscheidende Frage: wären Sie da noch motiviert, Herr Spahn? Würde Sie dann noch lächelnd wie ein Sonnenschein über die Station laufen? 
Ich verspreche Ihnen hoch und heilig: Nein. Sie wären nicht mehr motiviert. Und Sie würden auch nicht wie ein Sonnenschein über Station laufen. Sie würden mit den Tränen kämpfen. Wieso?

Für mich war ganz klar gewesen, dass ich Gesundheits- und Krankenpflegerin werden möchte. Ich fand den Beruf sehr vielseitig und interessant. Es hat mich sehr angesprochen, kranke Menschen nach bestem Wissen und Gewissen wieder gesund zu pflegen… oder sie vielleicht auf ihrem letzten Weg zu begleiten und ihnen diesen so angenehm wie möglich zu gestalten. (Wenn es die Zeit zulässt, was zu 95% leider NICHT der Fall ist.) In meinen Augen hat nämlich jeder Mensch das Recht, in Würde und ohne Schmerzen sterben zu dürfen.
Auch während der Ausbildung habe ich gemerkt, dass es genau der richtige Beruf für mich ist. Ich habe sehr viel gelernt, sehr viel gesehen, sehr viel gehört, sehr viel erlebt und sehr viel durchgemacht. Aber aufgeben wollte ich nie. Ich habe für diesen Job gebrannt. Ich hatte riesen Spaß daran. Jedoch konnte ich mich auch immer unter dem „Schülerstatus“ verstecken, musste nie die vollste Verantwortung übernehmen.

Nun. Nachdem ich im September ausgelernt habe, fing ich ab Oktober eine 100% Stelle in einem Krankenhaus an. Und Zack. Da war sie, die harte und bittere Realität. Es war wie ein Schlag mitten ins Gesicht. Plötzlich die volle Verantwortung für 36 kranke Patienten und ja, ich möchte meinen, wir haben auch sowas wie eine Fürsorgepflicht.
Es war hart, aber ich war fest der Meinung, das wäre alles Gewöhnungssache.
Ich muss auch ehrlich zugeben, ich mache meinen Job trotz der schlimmen Umstände sehr sehr gerne. Auch wenn der Dienst noch so schlimm ist, dann versuche ich mir vor meinen Patienten nichts anmerken zu lassen. Mitbekommen tun sie es natürlich trotzdem.

Ja, ich mache meinen Job sehr gerne und mit sehr viel Leidenschaft. Noch. Es kommt ganz drauf an, wie lange ich dies noch mit meinem Gewissen vereinbaren kann. Pflegen, so wie man es in der Ausbildung gelernt hat? Gar nicht möglich. Überhaupt nicht.
Könnten Sie es mit Ihrem Gewissen vereinbaren, wenn Ihre Patienten stundenlang in Ihren eigenen Körperausscheidungen liegen? Könnten Sie es mit Ihrem Gewissen vereinbaren, wenn die Notfallklingel in Zimmer 12 über 10 Minuten warten muss, weil Sie gerade in einem anderen Zimmer einen Notfall behandeln? Könnten Sie es mit Ihrem Gewissen vereinbaren, wenn Ihr Patient schmerzhafte Druckstellen am Gesäß kriegt, weil Sie es einfach nicht pünktlich schaffen, den Patienten regelmäßig in eine neue Position zu bringen? Oder können Sie es mit Ihrem Gewissen vereinbaren, wenn Sie vor lauter Stress und Druck aus versehen das falsche Medikament verabreichen? Und dies im schlimmsten Fall mit dem Tod enden könnte? Können Sie, Herr Spahn?

Wir Pfleger und Pflegerinnen müssen das. Wir gehen jeden Tag mit einem schlechten Gewissen nach Hause, weil wir nicht so pflegen konnten, wie wir es gerne getan hätten. Wir gehen mit einem schlechten Gewissen nach Hause, weil wir dem nachfolgenden Dienst eine Menge Mehrarbeit hinterlassen haben. Wieso? Weil wir zeitlich einfach nicht alles schaffen können. Wir betreiben gefährliche Pflege.
Wie würden Sie sich fühlen? Wundert es Sie, Herr Spahn, dass immer mehr Kollegen der Pflege den Rücken kehren? Mich nicht.
Mittlerweile ist schon etwas passiert. Seit Januar ist ein Personalschlüssel für pflegeaufwändige Bereiche festgelegt. Das ist toll. Aber was sind pflegeaufwändige Bereiche? Denken Sie, die alten und vollst pflegebedürftigen Menschen liegen NUR auf der Kardiologie? NUR auf der Geriatrie? Nein, Herr Spahn. Diese Patienten liegen im gesamten Krankenhaus. Ein festgelegter Personalschlüssel für ALLE Bereiche wäre in Zukunft sinnvoll…

Ich bin 21 Jahre jung. Eigentlich ging ich davon aus, dass ich meinen Ausgelernten Job bis zur Rente ausüben möchte und auch kann. Aber dies wird unter diesen Umständen nicht möglich sein. Es ist kein schönes Gefühl, nach einem völlig anstrengenden Dienst nach Hause zu kommen und den gesamten sonnigen Nachmittag zu verschlafen, weil man so schrecklich müde und erschöpft ist. Es ist kein schönes Gefühl, der eigenen Mama und dem eigenen Papa zum Kaffee abzusagen, die Familie und Freunde jedesmal versetzen zu müssen, weil man einfach nicht mehr die Kraft hat für weitere Unternehmungen… und dennoch ist man froh, eine Familie hinter sich zu haben, die Verständnis haben, einen unterstützen und hinter einem stehen!!!

Auch ich schaue mich mittlerweile um. Nach einer Alternative. Nach einem zweiten Standbein. Ich weiß, dass ich diesen Beruf nicht viele Jahre ausüben werde. Nicht, weil ich es nicht möchte. Sondern weil ich es körperlich nicht könnte. Und so geht es vielen Kollegen.

Es muss sich was ändern. Es muss etwas passieren. Lassen Sie endlich ihren Worten Taten folgen, zeigen Sie uns, dass Sie es ernst meinen, dass Sie hinter uns stehen. Zeigen Sie uns, dass Sie besser sind, als Ihre Vorgänger. Aber bitte, tun Sie was. Denn wir arbeiten nicht mit Maschinen. Es geht hier um Menschen. Um meine Oma, um Klaras Bruder, um Peters kleine Schwester und vielleicht irgendwann auch um Ihre Familienangehörigen…
Tun Sie etwas dafür, damit wir wieder für unseren Beruf brennen können.

Die Uhr schlägt zwei vor zwölf, Herr Spahn.

Es tut weh, Herr Spahn.

Ja, ich habe lange überlegt, ob ich diese Zeilen öffentlich machen soll. Aber, wieso nicht? Wir können nur was erreichen, wenn wir aufstehen, wenn wir laut sind und zusammenhalten…

Es grüßt herzlich
Janina K.

**********************************************

Da sich ja viele darüber echauffiert haben, dass ich auf mein „Fame poche“ und ich mich mit meinem Bild in den Mittelpunkt stellen möchte: ändert das jetzt was an der eigentlichen Tatsache? Ich glaube nicht.🤔 Ich habe diesen Beitrag in meinem Interesse geschrieben. Dass dies so weite und hohe Wellen schlägt, hätte ich mir in meinen Träumen nicht ausmalen können. Ich habe auch niemanden aufgefordert dies zu Teilen oder habe drunter geschrieben: „Bitte uuuuuuunbedingt teilen!!!“.

Ich habe auch nirgends geschrieben: „Jens Spahn, Sie sind ein ganz Schlimmer, Sie sind scheiße und ich hasse Sie.“ Dies habe ich nirgends erwähnt. In diesem Zuge würde ich gerne auf ein paar User darauf aufmerksam machen, sachlich zu bleiben. Beleidigungen sind hier Fehl am Platz. Untereinander nicht, gegen mich nicht und auch nicht gegen Jens Spahn.

Natürlich ist Jens Spahn nicht für das ganze Desaster verantwortlich. Seine Vorgänger haben gute Arbeit geleistet. Aber er ist nun mal der aktuelle Gesundheitsminister und somit dafür zuständig.

Ich habe meine Meinung dazu öffentlich geäußert. Und habe Herrn Spahn darum gebeten, uns zu unterstützen. Mehr nicht.

Ich bin auch für jeden Kritik offen, jedoch werden Menschen, die mich, Herr Spahn oder andere User massiv beleidigen direkt blockiert. Wir können sehr gerne diskutieren, aber dann bitte mit Niveau! 😊 Seid respektvoll zueinander!!!😊

Quelle: Artikel auf Facebook

Kategorien:Gesundheit Schlagwörter: , ,
  1. Martin Bartonitz
    Februar 23, 2019 um 12:05 pm

    Mangelnde Hygiene: 40.000 Tote durch Klinikinfektionen

    In Deutschland infiziert sich jährlich eine Million Menschen mit Krankenhauskeimen. Experten fordern, dass Hospitäler mit hohen Infektionsraten öffentlich gemacht werden.

  2. E. Duberr
    Februar 23, 2019 um 12:32 pm

    Das ist alles wahr . Leider habe ich es am eigenen Körper erfahren müssen . Das Krankenhauspersonal ist nur noch zu bedauern . Arme , ausgebeutete Menschen mit bleichen Gesichtern . Drei Krankenhausaufenthalte in wenigen Jahren mit schlimmsten Erfahrungen . Z.B. Aufwachen in der Besenkammer neben dem OP .Aufzuwachen und erschreckt glaubend, in der Hölle ( falls es sie gibt) gelandet zu sein . Wegen Personalmangels eine Woche lang mit fünf Knochenbrüchen auf Behandlung zu warten .Nachtschwestern , alleistehend , mit zwei Kindern, die nur im Laufschritt ihre Arbeit schaffen und trotz des Alarmknopfes nicht kommen können .Arme Kreaturen .

  3. Februar 23, 2019 um 1:09 pm

    Hat dies auf haluise rebloggt.

  4. Gerd Zimmermann
    Februar 23, 2019 um 3:46 pm

    Ernst

    Ich habe einmal die Lufttechnik in Krankenhäusern geplant und beim
    bauen betreut. Air flow.
    Ein OP Saal besitzt immer eine Einleitung und eine Ausleitung, sprich
    Aufwachraum.

    Unter Kriegsbedingungen im Feldlazarett waren Wundinfektionen
    nicht höher als unter sterilen OP-Decken.

    Wer es in der Besenkammer treibt, naja, Bobelle, ist irgendwann
    krank oder pleite.

    Ich habe noch ein Universum voller Kerngesunder Sterne.
    Nur verkaufen tut sie der kleine Prinz nicht.
    Denn er besitzt sie nicht.
    Ich besitze auch nicht meinen Körper, genauso wie du.

    Vor Jahren mal von Tula hinterfragt.

    Bewusstsein ist in allen Dingen.
    Bewusstsein durchdringt alle Dinge und lenkt sie.
    Bewusstsein ist aber nicht die Dinge.

    Siehe Max Planck, es gibt keine Materie.
    Wie soll es dann eine Krankheit geben oder einen spannenden Span?

    Im kosmischen Kino schon, aber ohne Materie.

    Materie wird gedacht und gefühlt.

    Elektrisch.

    Gott sei Dank.

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