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Fremdbestimmung – Ja, bitte!

Marianne Gronemeyer, emiritierte Professorin für Erziehungs- und Sozialwissenschaften

Der Unterschied zwischen selbstbestimmter und fremdbestimmter Arbeit ist unkenntlich geworden, und das ist ganz im Sinne derer, die das Sagen haben. Es kann ihnen gar nichts Besseres passieren, als wenn die Untergebenen sich ihrer Willensfreiheit rühmen und an ihre Entscheidungsfreiheit glauben. Betrug und Selbstbetrug wirken da einträchtig zusammen. Denn natürlich möchte man sich lieber als Herr im eigenen Hause fühlen denn als Knecht unter fremder Knute.
Marianne Gronemayer

Ich habe Mal wieder einen sehr inspirierenden Text von Marianne Gronemeyer gefunden. Es ist das Skript zu einem Vortrag, den sie anlässlich des 10. Todestages von Ivan Illich am 1. Dezember 2012 auf der Veranstaltung „Narrenfreiheit in Absurdistan“ hielt.

Sie hält ein Plädoyer, die Fremdbestimmung nicht grundsätzlich zu verurteilen. Dabei zeigt sie auf, wie das Leben in Selbstbestimmung den Menschen in seiner Entfaltung eher nicht voran bringt. Marianne zeigt wunderbar auf, was passiert, wenn Jemand für eine herausfordernde Aufgabe vertrausensvoll berufen, also bestimmt wird.

Was diesen Artikel für mich auch so besonders macht, ist ihre Systemanalyse mit Blick auf die Lohnarbeit. Also ab ins Regal und lasst Euch inspirieren:

Fremdbestimmung – Ja, bitte! (Quelle)

Da scheint sich ein Masochist zu Wort zu melden, der ergebenst um Prügel bittet; oder vielleicht ein Zyniker? Oder ein Witzbold? Oder einer, der auf der ‚Flucht vor der Freiheit’ (Erich Fromm) ist und sich lieber unter fremdes Kommando stellt, als sich den Gefahren der eigenen Entscheidung auszusetzen? Normal ist es jedenfalls nicht, um Fremdbestimmung zu betteln, und wer halbwegs bei Courage und Verstand ist, votiert für Selbstbestimmung. Nicht einmal diejenigen, die daraus Kapital schlagen, dass sie Andere nach ihrer Pfeife tanzen lassen können, finden ein ungeteiltes Vergnügen an der Fremdbestimmung. Wer einen Anderen fremdbestimmt, muss mit dessen Widerwillen rechnen, und der hat viele Spielarten: Aufsässigkeit, Rebellion, Nachlässigkeit in der Auftragserfüllung, Flucht in die Krankheit, insgeheime Verweigerung, wenn nicht gar Sabotage. Fremdbestimmung ist selbst aus der Perspektive der Mächtigen immer auch kontraproduktiv, weil demotivierend.

Und so wird – zum Beispiel in der modernen Arbeitswelt – viel darüber gegrübelt, wie man fremdbestimmter Arbeit den Anschein von Selbstbestimmung geben kann. Das ist im Großen und Ganzen recht gut gelungen. Die Mehrheit der Lohndiener würde schon aus Selbstachtung entschieden bestreiten, nur fremdbestimmt zu arbeiten und keine Spielräume für eigene Entscheidungen zu haben. Der Unterschied zwischen selbstbestimmter und fremdbestimmter Arbeit ist unkenntlich geworden, und das ist ganz im Sinne derer, die das Sagen haben. Es kann ihnen gar nichts Besseres passieren, als wenn die Untergebenen sich ihrer Willensfreiheit rühmen und an ihre Entscheidungsfreiheit glauben. Betrug und Selbstbetrug wirken da einträchtig zusammen. Denn natürlich möchte man sich lieber als Herr im eigenen Hause fühlen denn als Knecht unter fremder Knute.

Um den möglichen Widerstand im Keim zu ersticken, muss fremdbestimmte Arbeit akzeptabel gemacht werden. Das kann auf sehr verschiedene Weise geschehen. Die primitivste und auch anfälligste Art, den Eigenwillen eines Anderen zu brechen, ist der unverhohlene Zwang. Das ist das Prinzip der Galeere. Wer über die entsprechenden Machtmittel verfügt, kann Andere zwingen zu tun, was sie sollen, Um aber die Nachteile des schieren Zwangs zu vermeiden, setzte sich ein anderes Prinzip durch: die Bezahlung. Die Untergebenen werden für ihre Beherrschung entschädigt, damit sie sich bereitwillig statt unwillig zur Verfügung stellen.

Jede Lohnzahlung lässt sich als eine Ent-Schädigung für zugefügten Schaden verstehen, während wir gewohnt sind, sie als Gegenleistung für geleistete Arbeit anzusehen.

Elegant und unauffällig wird Fremdbestimmung erst, wenn sie sich eines Paradoxes bedient: Obwohl dem fremdbestimmt Arbeitenden die Souveränität, seine eigenen Ziele zu bestimmen, abgesprochen wird, wird ihm in modernen Arbeitsverhältnissen Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit abverlangt, und die Höhe seines Lohnes bemisst sich geradezu daran, wie ‚selbständig’ und ‚eigenverantwortlich’ er oder sie arbeitet. Diese Eigenverantwortlichkeit ist illusionär, denn Eigenverantwortlichkeit, die mir jemand aufnötigen kann, hört augenblicklich auf zu sein, was sie zu sein vorgibt. Ich soll verantworten, was meinem Einfluss im Vorhinein entzogen ist. Ich werde dafür bezahlt, dass ich Selbständigkeit und Verantwortlichkeit perfekt simuliere. Das Arbeitsarrangement begünstigt die Illusion. Dem äußeren Anschein nach treffe ich souveräne Entscheidungen. Das Gerede um die ‚flachen Hierarchien’ ist Teil dieser Selbstbestimmungspropaganda. Bereitwillig nehme ich den Anschein von Selbstbestimmung für bare Münze und bin verlässlich dienstbar für Zwecke, die nicht meine sind. Um den schwer erträglichen Widerspruch zwischen meiner illusionären und meiner realen Arbeitssituation vor mir selbst zu kaschieren, übernehme ich die fremden Ziele, in deren Auftrag ich tätig bin, als meine eigenen und mobilisiere dann, ohne mich unter Zwang zu fühlen, Kräfte, die ich normalerweise nur für eigene Zielsetzungen und persönliche Herzensanliegen aufbringen könnte. Ich erfahre mich als ‚selbstbeherrscht’ und nehme dafür sogar in Kauf, mich selbst auszubeuten. Das ist, wie gesagt, die eleganteste Variante der Fremdbestimmung und die totalitärste. Sie ist den gehobenen Positionen in der Arbeitshierarchie vorbehalten, jenen, in denen die hoch ausgebildeten Eliten sich tummeln. Dort darf man sich nach Herzenslust souverän fühlen, während man doch nichts weniger als das ist.

In den unteren Etagen gelten einfachere Spielregeln. Da wird den Arbeitenden ihre Selbstbestimmung mit mehr oder weniger kargem Lohn abgekauft und ihr Widerwille durch die Androhung von Arbeitsplatzverlust im Zaum gehalten. Und kaum jemand würde etwas Anstößiges oder Skandalöses daran finden können, dass derjenige, der die Arbeit bezahlt, sie auch seiner Zwecksetzung unterwerfen kann. Wer seine Arbeit verkauft, dem gehört sie halt nicht mehr. Das scheint so vollkommen selbstverständlich und rechtens, dass es schon harter Gedankenarbeit bedarf, um diese Selbstverständlichkeit anzuzweifeln. Natürlich gehört mir nicht mehr, was ich verkauft habe. Und wer meine Arbeitskraft gekauft hat und sie fortlaufend bezahlt, der kann sich ihrer als eines Mittels bedienen, mit dem er seine Absichten realisiert. Das ist der Deal.

Fremdbestimmung ist verrufen

Fremdbestimmung ist also heutzutage durch vertragliche Vereinbarungen gezähmt, sie ist tariflich verregelt und gesetzlich abgesichert. Wir haben uns angewöhnt zu denken, dass die Höhe des Lohnes ein sicheres Indiz für den Grad der Fremdbestimmung ist. Am meisten von ihr geplagt seien diejenigen, so glauben wir, die am wenigsten ent-schädigt werden. Aber nicht einmal diese einfache Faustregel stimmt mehr.

Halten wir fest: Über die Fremdbestimmung wird ziemlich einhellig geurteilt. Sie ist in weiten Teilen legal, aber nicht legitim. Sie ist moralisch verwerflich, aber zum Erhalt des Ganzen unverzichtbar; für die, die bestimmen, ist sie äußerst profitabel, und für die anderen beschämend. Aus sehr verschiedenen Gründen sind folglich Herrschende und Beherrschte darum bemüht, dass sie unsichtbar bleibt oder mindestens nicht ins Rampenlicht gerät.

Ebenso einhellig, wie die Fremdbestimmung moralisch missbilligt wird, wird Selbstbestimmung ins Recht gesetzt und zur politisch korrekten Forderung erhoben. Wer oder was sich als selbstbestimmt ausweist, ist demokratisch legitimiert und mit Gütesiegel versehen. Gegen Selbstbestimmung lässt sich mit Fug und Recht nichts einwenden.

1975 erschien Ivan Illichs Streitschrift: Tools for Conviviality unter dem Titel ‚Selbstbegrenzung’ erstmalig in Deutschland. Sie wird auch in der Wiederauflage von 1998 im Klappentext als ein großes Plädoyer für Selbstbestimmung angekündigt: Ivan Illich, so heißt es da, fordert „eine Begrenzung des Wachstums nicht nur aus ökologischen Gründen, sondern vor allem mit dem Ziel, den Menschen wieder zu einem autonomen Wesen werden zu lassen. Seine These: Der Fähigkeit zur Selbstbestimmung stehen im wesentlichen die von uns selbst geschaffenen Institutionen und die immer größer werdende Schar von Spezialisten und Experten im Wege, die den Menschen zunehmend entmündigen.“ [1]

Es mag den modernen Leser verwirren, wenn ein Buch mit dem Titel ‚Selbstbegrenzung’ für die Wiedergewinnung von Selbstbestimmung plädiert. Selbstbestimmung ist heutzutage viel eher mit der Bedeutung von Selbststeigerung belehnt als mit der von Selbstbegrenzung.
Aber noch in anderer Hinsicht ist dieses entschiedene Eintreten Illichs für Selbstbestimmung irritierend.

Erstens: Es sieht Ivan Illich nicht sehr ähnlich, dass er mit seinen Forderungen so ganz auf der Linie dessen liegt, was allgemein im Schwange ist und gutgeheißen wird. Und Selbstbestimmung ist in den gehobenen Diskursen seit den späten 60er und frühen 70er Jahre sehr im Schwange.

Zweitens: Es ist auch kaum vorstellbar, dass er sich positiv für eine bestimmte en ausgerichtet werden sollen, ausspricht.Er hat sich immer gehütet, zu sagen, wo es lang gehen soll. Er hat sich vielmehr darauf konzentriert, die Bedingungen zu benennen, zu analysieren und zu kritisieren, die verhindern, dass Menschen „ihre unmittelbare Umgebung nach eigenen Vorstellungen gestalten“ können. [2] Er nannte diese Vorgehensweise Suche nach ‚negative design criteria’. Er hätte also Niemandem vorgeschrieben, sich selbst zu bestimmen, aber die Verhältnisse gegeißelt, die es ihm unmöglich machen, es zu tun.

Drittens: In einem Aufsatz über Eigenarbeit bespöttelt Illich den wachsenden Wust von Bemühungen, die sich zu ihrer Selbst-Bezeichnung der Vorsilbe ‚selbst’ bedienen. Sozialpädagogen leiten zur Selbsthilfe an, Mediziner propagieren all-monatliche Selbstbetastung nach Krebssymptomen, Psychologen organisieren Gruppen zur Selbstbefreiung durch Psychodrama und Beziehungsgelaber.“ [3] Die Reihe der genannten Selbstbefriedigungsaktivitäten ließe sich beliebig ergänzen: Selbstverwaltung, Selbstverwirklichung, Selbsterfahrung, Selbstsuche und –findung, kurzum: Selbsthilfe. „Selbsthilfe“, so Illich, „ist wortwörtlich ein masturbatorischer Begriff. Das Wort Masturbation stammt aus dem Lateinischen und ist aus manus (mit der Hand) und stuprum (Vergewaltigung) zusammengesetzt. … Solche Selbstvergewaltigung zerlegt das handelnde Subjekt in eines das hilft“ und eines, das selbst sein einziger Klient ist, „dem geholfen wird.“ [4]

Dieser Selbst-Enthusiasmus, der besonders in der Alternativbewegung grassiert, ist demnach eine Art trojanisches Pferd, mit dem die Direktiven der Expertenkaste in die Bedürfnisse von Klienten eingeschleust werden oder genauer: als Bedürfnisse verinnerlicht werden. Die selbstbefreiten Einzelnen tun zwar immer noch, was sie sollen und was der Dienstleistungsindustrie förderlich ist, glauben aber aus freien Stücken und unverfälschtem Eigeninteresse zu handeln, weil sie unablässig mit sich selbst beschäftigt sind.

Ist nun also die Selbstbestimmung, die Ivan Illich – angeblich – einfordert, auch nur eine Spielart dieser selbstischen Selbstzurichtung, über die er sich andernorts lustig macht? Und führt sie auch – je selbstbestimmter desto zuverlässiger – zum Einschluss in den „netzhaft dicht gesponnenen Zusammenhang“ des Systems, von dem Adorno sagt, dass er klaustrophob mache, während die modernen Soziologen von Inklusion schwärmen und glauben, damit der Gleichheit und der sozialen Gerechtigkeit einen Dienst zu erweisen? Einen Dienst vielleicht, aber einen Bärendienst.

Tatsächlich finden sich in ‚Selbstbegrenzung’ zahlreiche Stellen, in denen von Selbstbestimmung die Rede ist, nicht immer wörtlich aber der Sache nach. Um Ihnen davon einen Geschmack zu geben, zitiere ich einige davon:

Über den Begriff der Konvivialität sagt Illich, er solle „für den autonomen und schöpferischen zwischenmenschlichen Umgang und den Umgang von Menschen mit ihrer Umwelt“ stehen „als Gegensatz zu den konditionierten Reaktionen von Menschen auf Anforderungen durch andere und Anforderungen durch eine künstliche Umwelt.“ [5] Er spricht von der Freude an einer „bestimmten Ressource, die alle Menschen in fast gleichem Maße besitzen …: der eigenen Kraft, über die man selbst bestimmt.“ [6] Ausdrücklich fordert er „selbstbestimmte Arbeit“ [7] , durch die sich jeder Mensch „verwirklichen kann, ohne dass deshalb einem anderen Ausbildung oder Konsum aufgezwungen wird.“ [8] Dieser Nachsatz ist ziemlich wichtig. Ein Lehrer zum Beispiel kann so selbstbestimmt sein, wie er will, wenn er um seiner eigenen professionellen Existenz willen anderen Ausbildung oder Konsum von Unterricht aufnötigt, vergeht er sich an der Konvivialität. Statt große „Werkzeuge für leblose Menschen zu optimieren“, sei die Verwendung individuell zugänglicher Werkzeuge zu begünstigen, „um das sinnvolle und eigenverantwortliche Tun, wirklich bewusster Menschen zu fördern.“ [9] Werkzeuge, die den Menschen dabei helfen, „die eigenen Ziele auf ihre jeweils eigene Weise zu erreichen“, [10] würden vollständig verdrängt von jenen übergroßen und überprogrammierten Werkzeugsystemen, in denen Menschen nur noch als Maschinenkomponenten fungierten. Und schließlich beklagt er, dass in einer „Welt der industriellen Fertigpackungen“ Menschen ihrer „Fähigkeit, selbst etwas zustande zu bringen, immer weniger“ vertrauten. [11]

Industrielle Gewalt, Manipulation und Konditionierung

Es fällt auf, dass in all diesen Äußerungen jede pädagogische, psychologische oder therapeutische Grübelei darüber, wie Menschen dazu gebracht werden könnten, sich selbst zu bestimmen, unterbleibt. Ivan Illich will nicht „tun, was Gott nicht kann, nämlich andere zu ihrem Heil …manipulieren.“ [12] Er begnügt sich damit, „den Terminus ‚konvivial’ für Werkzeuge“ zu verwenden „und nicht für Menschen“, und er hofft damit vor dem Missverständnis gefeit zu sein, es gehe ihm um einen Aufruf zur Menschenbesserung. Er ist überzeugt, dass die Menschen Alles in allem von Natur aus [13] recht gut geeignet sind, ihr Leben auch unter schwierigen Bedingungen – sogar respektgebietend – zu meistern, wenn sie nur nicht durch Expertenmacht, Institutionenwillkür und Maschinen-Power daran gehindert werden. Er weist nach, dass daseinsmächtige Menschen systematisch dazu abgerichtet werden, ihr Leben als eine „Prozedur des Bestellens aus einem alles umfassenden Einkaufskatalog“ fristen zu müssen [14] und nur noch „aus einer Produktpalette … ihre Auswahl treffen dürfen.“ [15] Er brandmarkt den Industrialismus als einen unermesslichen Diebstahl, der die Menschen ihres Tuns beraubt hat und sie zu kriegenden Mängelwesenmacht, die alles, was sie zum Leben brauchen oder zu brauchen glauben, kriegen müssen, und die sich darum zugleich im Kriegszustand mit ihresgleichen befinden, im Kampf um die immer knapp gehaltenen Befriedigungsmittel. Er ist also weit davon entfernt, Selbstbestimmung als eine Angelegenheit zu beschreiben, zu der man sich in Volkshochschulkursen und Wochendendseminaren in der Obhut von Experten ertüchtigen sollte. Entsprechend wird auch die Fremdbestimmung – Ivan Illich benutzt das Wort nicht, er spricht von industrieller Gewalt, von Manipulation und Konditionierung – als etwas beschrieben, das von den ‚tools’, vom Apparat ausgeht und ihm einprogrammiert ist. Moderne Werkzeuge sind demnach längst nicht mehr Instrumente, die man (selbstbestimmt) für gute oder schlechte Zwecke nutzen kann, so wie man mit einem Hammer eine Hütte zimmern oder einen Nachbarn erschlagen kann. Dieses Stadium ihrer souveränen Nutzungsmöglichkeit haben sie im Zeitalter der Systeme endgültig hinter sich gelassen.

Ehrenrettung der Fremdbestimmung

Nachdem ich nun einigen Zweifel am guten Ruf, den die Selbstbestimmung genießt, gesät habe, taucht die Frage auf, ob nicht umgekehrt eine Ehrenrettung der Fremdbestimmung fällig wäre. Und damit sind wir beim Thema: Ist es überhaupt richtig, dass alles, wozu ich von außen bestimmt werde, zwangsläufig schändlich und erniedrigend ist?

Wir sind möglicherweise in einem verhängnisvollen Irrtum befangen, wenn wir ganz selbstverständlich, geradezu reflexhaft Fremdbestimmung negativ und Selbstbestimmung positiv beurteilen. Ich könnte geradezu darauf bestehen, dass nur aus fremdbestimmtem Tun, also aus solchem, zu dem ich bestimmt oder ‚berufen’ bin und das mich unter einen ‚Anspruch’ stellt, etwas Gutes erwachsen kann. Während selbstbestimmte Tätigkeit vielleicht in erster Linie auf Eigennutz spekuliert, ist jene, zu der jemand in Anspruch genommen und berufen wird, von vornherein in ein soziales Gefüge eingebunden. Die für diesen Vorgang der Beauftragung benutzten Wörter oder Wortkombinationen: ‚berufen, in Anspruch nehmen, bestimmen, jemandem etwas zur Aufgabe machen’, bezeichnen alle ein Geschehen zwischen Menschen, die als Sprechende und Hörende aufeinander bezogen sind. Wer Jemanden ‚beruft’, muss einen Hörer finden. Das gleiche gilt, wenn er ihn ‚in Anspruch nehmen’ will. Wenn jemand zu etwas bestimmt wird, wird ihm zugleich eine Stimme verliehen, kraft derer er selber Sprecher werden kann. Wer Jemandem etwas zur Aufgabe macht, sucht als Gebender einen Empfänger, der bereit ist, seinen Eigenwillen vorübergehend ‚aufzugeben’, also seinerseits Geber zu werden. Was diese Fremdbestimmung von Bemächtigung, was die Berufung von der Ausbeutung unterscheidet, ist, dass Auftraggeber und Auftragnehmer sowohl Sprecher als auch Hörer sind. Sobald Einer nur anordnet und der Andere stumm bleibt und ausführt, was ihm vorgeschrieben wurde, wird nicht Fremdbestimmung, sondern Herrschaft ausgeübt. Nennen wir sie also Fremdbeherrschung. So gesehen wären also Fremdbestimmung und Selbstbestimmung gar keine unversöhnlichen Gegensätze.

Berufen kann nur ein Auserkorener werden, einer, der zu der Bestimmung, die ihm zugedacht ist, in jeder Hinsicht stimmt. Eine Berufung stiftet eine unverwechselbare Bezogenheit zwischen Rufer und Berufenem und der Aufgabe, die sie miteinander teilen. Sie ist so konkret, dass sie nur namentlich geschehen kann. Jemanden berufen, ist etwas ganz Anderes als ihn auf seine Eignung für ein Projekt hin zu mustern. Die Eignungsprüfung ist vom Gesichtspunkt der Selektion bestimmt und konzentriert sich auf die Ausmusterung der Ungeeigneten. Die Berufung hingegen ist eine Einladung, die den Berufenen in eine Aufgabe und in eine Gemeinschaft hereinholt.

Sie setzt gerade nicht voraus, dass der Angesprochene das erforderliche Know how bereits mitbringt und die geforderte Könnerschaft routiniert handhaben kann, sondern eher umgekehrt, dass er oder sie über sie noch nicht verfügt. Auf den Berufenen richtet sich eine Hoffnung, auf den Getesteten eine Erwartung. Und das ist wahrlich ein Unterschied.

Ich berufe Jemanden zu einer Aufgabe, die er „ – zumindest zunächst – kaum bewältigen kann“, setze ihm Ziele, „die seine Möglichkeiten – zumindest im Moment überschreiten“, und lege Qualitätsmaßstäbe an, „die jedes Mal weit über seinen – augenblicklichen – Fähigkeiten liegen“. [16] Ich traue also Jemandem etwas, was er noch nicht ist und noch nicht unter Beweis stellen kann, zu und gehe das Wagnis ein, mich in ihm zu irren. Dazu ist etwas notwendig, was nur in einem persönlichen Verhältnis seinen Platz hat: gegenseitiges Vertrauen. Wer sich zutraut- und das ist wahrlich ein Wagnis -, einen Anderen fremdzubestimmen, muss vor allem sich und dem Anderen Rechenschaft über die Rechtmäßigkeit der Aufgabe geben. Er muss im Rahmen des Möglichen sicher sein, dass er den Anderen nicht zu schädlicher, zerstörerischer oder überflüssiger Arbeit anstiftet. Wenn ich Jemandem etwas zu tun gebe, von dem ich glaube, dass es unbedingt getan werden muss, hoffe ich, dass der Andere darin mit mir übereinstimmt und sich angesichts des Vertrauens, das ich ihn setze, zutraut, sich der Sache anzunehmen. Insofern Fremdbestimmung eine Beziehung zwischen Dreien stiftet, dem Rufer, dem Berufenen und der Aufgabe,  müssen alle drei gleiches Gewicht haben. Sobald eine der drei Instanzen das Übergewicht bekommt und die Belange der anderen benachteiligt oder ganz missachtet werden, entsteht eine Schieflage. Wenn die Aufgabe dominiert, werden Diejenigen, die sie tun, instrumentalisiert, wenn die Beauftragten dominieren, herrscht pädagogische Tyrannei, wenn der Auftraggeber dominiert herrscht Ausbeutung. Alle drei Instanzen müssen füreinander nicht nur in Rufweite, sondern auch hörfähig sein, um die immer gefährdete Balance zwischen ihnen aufrecht zu erhalten. Dafür aber braucht es überschaubare Zusammenhänge, kleine Einheiten und kurze Wege. Nichts von dem findet sich z.B. in der modernen Berufswelt. Beruf und Berufung sind mittlerweile so weit auseinandergedriftet, dass sie trotz ihrer engen sprachlichen Verwandtschaft keine Gemeinsamkeit mehr haben. Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, dass wir uns über die bindende Macht unserer Sprache achtlos hinweggesetzt haben und uns Wörter mit gutem Klang für schlechte Gewohnheiten ausleihen.

Wenn ich Jemanden fremdbestimme, dann muss also die Aufgabe bedeutsam, ja notwendig sein. Ich berufe Jemanden, weil ich ihn oder sie in einer wichtigen Angelegenheit brauche, und zwar ausdrücklich diesen besonderen Anderen für dieses besondere Anliegen brauche. Menschen werden durch die Aufgaben, die ihnen im Laufe ihres Lebens gestellt werden, geprägt und in ihrem Werdegang bestimmt. Wer mit Überflüssigem beschäftigt wird, wird selber austauschbar und überflüssig. Wem Belanglosigkeiten zugemutet werden, wird selber belanglos. Wer dagegen mit ernsten Anliegen betraut wird, kann wachsen. Die Möglichkeit‚ überhaupt ‚Ich’ zu sagen, hängt daran, dass ich in meiner Lebensgeschichte oft genug für bedeutsame Aufgaben ‚in Anspruch’ genommen wurde: „Das Hören, dass wir für andere da sind und etwas bedeuten, dass sie etwas von uns wollen, geht also dem Aussprechen dessen, dass wir selber sind und was wir selber sind, vorauf. Dass wir Befehle von außen erhalten und von außen beurteilt werden, gibt uns Selbstbewusstsein. Denn nun empfinden wir uns als Etwas und Besonderes gegenüber diesem Befehl und diesem Urteil. Etwas anderes und etwas Besonderes zu sein, ist das Grunderlebnis des Ich.“ [17]

Schulen sind wahre Produktionsstätten für belanglose Aufgaben

Wenn wir auf unsere Schulen und Hochschulen schauen, dann müssen uns erhebliche Zweifel kommen, ob die Aufgaben, mit denen Schüler in Trab, wenn auch nicht bei Laune gehalten werden, diesen Anforderungen genügen. Können wir uns Lehrer vorstellen, die auf die Mitarbeit ihrer Schüler für eine wichtige gemeinsame Angelegenheit angewiesen sind? Können wir uns Schüler vorstellen, die das im Ernst erwarten? Die Aufgaben, die Schülern und Studenten auferlegt werden, sind beinah ausnahmslos trivial. Schulen sind wahre Produktionsstätten für belanglose Aufgaben. Allein die Tatsache, dass immer alle das Gleiche tun müssen und immer alle am festgelegten Standard gemessen werden, macht die Arbeit, die in der Schule geleistet wird – von Schülern wie von Lehrern – systematisch belanglos. Dass ein Schüler mit einer ihm gemäßen Aufgabe befasst werde, wird nicht einmal mehr für wünschbar gehalten. Dass ein Professor sich um Talent und Begabung jedes seiner Studenten sorgt, macht ihn zu einem Störfaktor im Betrieb. Aufgaben müssen nicht bedeutsam sein, wenn nur die Resultate abprüfbar sind und mit einer Note erledigt werden können. Und an die Stelle der Kooperation bei der Bewältigung wichtiger Aufgaben ist die Konkurrenz getreten, die jede Erkenntnis und alle Wahrheitssuche dem Siegeswillen und der Imagepflege opfert. Aus Lehrenden und Lernenden sind Prüfer und Prüflinge geworden und die Aufgaben sind zum Prüfstoff verkommen, wodurch selbst Inhalte von erheblicher Tragweite zu Bagatellen werden. Bildung ist von diesen Bildungseinrichtungen nicht zu erwarten und wird auch nicht von ihnen erwartet. Man kann in ihnen reussieren oder scheitern, das ist alles. Dass sich im Einzelfall Bildung dennoch ereignet, weil Lehrer und Schüler trotz alledem auch unter den widrigsten Umständen dort einander und ihre Aufgaben finden, ist ein Wunder, ändert aber nichts an der traurigen Bilanz. Wäre diese Prozedur nur einfach wirkungslos, dann könnte man die vergeudete Zeit und die verschwendeten Steuergelder beklagen, und müsste sich sonst nicht weiter aufregen. Dann wäre die Sache eben einfach unnütz. Tatsächlich aber ist sie sehr wirksam, und es wird dabei eine verheerende Lektion gelernt, nämlich die, dass es auf mich überhaupt nicht ankommt, auch nicht auf das, was ich tue oder kann oder lasse, nicht darauf, ob ich Gutes oder Böses im Sinn habe oder ignorant gegenüber beidem bin, sondern lediglich darauf, dass ich mithalten kann im Kampf um Rang und Vorteil.

Fremdbestimmung ist umso kostbarer, je fremder sie ist. Auch hier gilt die von Adorno getroffene Feststellung, dass „nur Fremdheit … das Gegengift gegen Entfremdung“ sei. [18] Die Selbstbestimmung greift ja notwendig auf das, was ich schon kenne und kann, was schon in meinem Horizont ist, zurück. Man kann bei ‚selbstbestimmten’ Tätigkeiten durchaus die eigene Könnerschaft verfeinern, sie sogar auf die Spitze zu treiben. Aber wie soll denn das Andere, das Noch-Nicht meiner selbst hervorgelockt werden, wenn nicht durch die Herausforderung des Fremden. ‚Selbstbestimmung’ wird die Fähigkeiten, die unerprobt und unerweckt in mir schlummern, nicht erwecken. Sie hat einen autistischen Zug und ist eher langweilig. Das fanden auch die Kinder, die in den sechziger und siebziger Jahren antiautoritäre Erziehung genossen und die sich, wenn sie morgens in ihren antiautoritären Kindergarten kamen, einigermaßen besorgt erkundigten, ob sie heute schon wieder machen müssten, was sie wollten. Man kann diese Frage natürlich als einen erschreckenden Beleg für ihre konsumistische Verirrung nehmen. Ich glaube eher, diese Kinder haben von den Erwachsenen ihre Berufung eingefordert und haben verstanden, dass sie nicht ernst genug genommen wurden für eine wichtige Bestimmung. Sie haben einfach gefunden, dass Selbstbestimmung langweilig ist und unter ihrem Niveau bleibt.

Das Gleichnis vom Samariter im Licht der Fremdbestimmung

Wenn ich auf das Verhältnis von Fremd- und Selbstbestimmung ein anderes Licht zu werfen versuchte, so hatte ich dabei eine Erzählung im Sinn, die Ivan in seinen letzten Lebensjahren in immer neuen Varianten und mit immer überraschenden Nuancen zu erzählen, nicht müde wurde. Es ist nicht möglich, zu seinem 10. Todestag die Geschichte vom barmherzigen Samariter nicht zu erzählen, und schon gar nicht, wenn wir über Fremdbestimmung nachdenken wollen.

„Die Geschichte ist bestens bekannt.“ [19] Aber gerade diese Bekanntheit hat dazu beigetragen, ihre anstößige Pointe zu verharmlosen. „Die vielleicht einzige Art, wie wir sie heute ins Gedächtnis zurückrufen können, ist, uns den Samariter als einen Palästinenser vorzustellen, der einem verwundeten Juden beisteht.“ [20] Ivan Illich macht darauf aufmerksam, dass dieses Gleichnis in einem jahrhundertelangen Missverständnis umgedeutet wurde zur Parabel darüber, wie man sich seinem Nächsten gegenüber benehmen soll. In Wahrheit aber ist die Frage, die Jesus von den Pharisäern – mit wahrscheinlich nicht ganz lauterem Hintersinn – gestellt wurde, nicht: ‚Was gehört sich gegenüber meinem Nachbarn, wie muss man sich ihm gegenüber verhalten?‘, sondern: ‚Wer ist mein Nachbar?‘ Und die zugleich irritierende und ärgerliche Antwort Jesu lautet: Das liegt bei Dir. Wer dein Nächster ist, entscheidest du selbst. Weder Familienbande, noch ethnische Zugehörigkeit, noch Tradition oder Konvention oder Norm bestimmen, wer dein Nächster ist, sondern nur du allein. Die Verbundenheit, die euch zu Nächsten füreinander macht, schaffst du selber. Der Samariter, der in Geschäften unterwegs ist von Jerusalem nach Jericho, ist nach all den herkömmlichen Kriterien gerade nicht zuständig, für den, der da verwundet am Wegesrand liegt, von Wegelagerern ausgeplündert bis auf die nackte Haut. Der Priester und der Levit, die auf ihrem Weg nach Jerusalem an dem Geschundenen vorbeigegangen sind, weil sie wichtige Tempeldienste zu verrichten haben, die keinen Aufschub und keine Blutbesudelung dulden, wären von Rechts wegen zuständig gewesen, denn der Geschlagene war einer von ihnen, einer aus ihrer Sprach-, Sitten- und Religionsgemeinschaft. Der Samariter hingegen war keinesfalls zu helfen verpflichtet, im Gegenteil: er war ein Erzfeind des Juden, und machte sich mit seiner Hilfeleistung sogar eines Verrats gegenüber den eigenen Leuten schuldig. Er also entschied ganz allein, dass dieser geplünderte Jude sein Nächster ist. Und genau darum geht es, Illich zufolge, in diesem Gleichnis. Es ist eben keine Anleitung zu korrektem moralischen Verhalten. Und der Samariter handelt weder nach ethischen Grundsätzen, noch nach Moral, Pflicht, Regel oder Gesetz.

Ich muss gestehen, dass mir diese Zuspitzung des Gleichnisses zu einem Akt vollkommener Freiheit wirklich anstößig gewesen ist. Sie scheint der Selbstherrlichkeit, der Willkür, der Beliebigkeit, der schrankenlosen Subjektivität, ja der Selektion Tor und Tür zu öffnen. Aber nun kommt etwas ganz anderes ins Spiel. Die Hinwendung des Samariters zu dem Juden im Straßengraben, der in seiner Erbärmlichkeit nicht gerade ein prädestiniertes Objekt der Erwählung ist, diese Hinwendung zum erbarmungswürdigen Anderen entspringt nicht dem eigenen großherzigen Entschluss, nicht einer Generosität, derer sich der Samariter rühmen könnte, nicht einem Akt der Selbstüberwindung, auf die er stolz sein könnte, nicht seiner Selbstbestimmung, sondern sie ist Resonanz, Widerhall auf ein Geschenk, das der Geschundene dem Vorbeikommenden macht. Die Möglichkeit der Zuwendung nämlich entsteht durch den Anblick des Geschlagenen; ‚Anblick’ im doppelten Sinn des Blickens und des Anblicks, den er in seiner Not bietet und der dem Samariter buchstäblich in die Eingeweide fährt. Der Samariter verdankt nicht sich selbst, sondern dem Anderen die Möglichkeit, sich ihm zuzuwenden und seine Geschäfte einstweilen fahren zu lassen. Man könnte auch sagen, dass er seine Unternehmungen unterbricht, dass er innehält, dass er für das Nächstliegende – oder den Nächstliegenden – frei wird, ist eine Folge davon, dass er auf den Anderen, der sich ihm anbefiehlt, hört. Er ist frei, es zu tun oder zu lassen. Hätte er es aber unterlassen, dann hätte er seinerseits das in ihn gesetzte Vertrauen ausgeschlagen.

Die Freiheit, die der Samariter praktiziert, geht noch über das, was Emmanuel Lévinas „Güte“ nennt, hinaus. Die Güte muss, damit sie nicht ein Phantasma bleibt, im „Werk“ wirklich werden. Das Werk ist die verkörperte Güte; es ist „eine Bewegung des Selben zum Anderen, die niemals zum Selben zurückkehrt.“ [21] Dem Ich wird dabei die Anstrengung auferlegt, seine Freiheit als ungerecht, übergriffig und darum unberechtigt zu erkennen. Nur aus dieser Anerkenntnis heraus, kann ‚Ich’ mich dem Anderen zuwenden, ohne ihn zu ‚verselbigen’. ‚Ich’ bin dann zwar nicht Gewinner in einem Bemächtigungsakt, aber doch willentlicher Initiator der Zuwendung. Der Samariter aber ist von Anfang an durch den Anderen bestimmt. Er erfährt sich nicht als Initiator, sondern als Berufener. Und das schützt ihn davor, auf den moralischen ekulieren und so doch wieder bei sich selbst und dem eigenen Vorteil zu landen. Er geht ohne eine Gegenleistung – und sei es die des Dankes – zu fordern, aber doch in einzigartiger Verbundenheit mit dem ebenbürtigen Opfer seiner Wege. Demgegenüber kann der Andere, Levinas zufolge, vor seiner Verselbigung und Übermächtigung nur bewahrt werden, wenn die Trennung zwischen Ich und Du als zwischen zweien, die fremd für einander bleiben und ihre Fremdheit verzweifelt respektieren, strikt aufrechterhalten wird.

In dem Gleichnis, erscheint die Fremdbestimmung als unerhörte, nie dagewesene Freiheit. Freiheit von allem, was nach Sitte und Brauch maßgeblich darüber entscheidet, für wen und was ich zuständig oder verantwortlich bin. Diesen Ausbruch aus Tradition und Konvention, den der Samariter wagt, kann ich noch einigermaßen mühelos als Freiheit verstehen. Was mir aber zugemutet wird, ist, mich an einer Freiheit zu freuen, die mich von der Selbstbestimmung befreit und mir erlaubt, mich vom Anblick des Fremden bestimmen zu lassen.

Und beinah noch widersprüchlicher ist es, dass der Samariter, der sich den Fremden angelegen sein lässt, vollkommen frei von Verantwortlichkeit für ihn ist, während wir doch ganz selbstverständlich sagen würden, er habe Verantwortung für ihn übernommen, als er sich seiner annahm. Über die Verantwortung habe ich bei Ivan einen Satz gefunden, der mir mit einem Schlag viel tiefer begreiflich gemacht hat, warum er die Zumutung der Verantwortung mit einem klaren ‚Danke, Nein!’ zurückgewiesen hat. „…our responsability for the other, exempting us from responsability to him.“ [22] Ich würde diesen Satz etwas holprig so übersetzen: Meine Verantwortung für den Anderen bringt mich um die Möglichkeit, ihm zu antworten, ihm gegenüber ‚antwortlich’ zu sein. Sie macht aus ‚DIR’, der du mir deinen Anblick, deinen Anspruch und dein Vertrauen gewährst, ein ‚Der da’, ‚Die da’, ,Das da’, dem gegenüber ich mich bestenfalls benehme, wie es der Anstand gebietet. Sie macht aus einem ‚Du’ ein Objekt der Behandlung. Was es heißt, dir gegenüber antwortend zu sein, das sagen uns die drei christlichen Tugenden,‚Glaube, Liebe, Hoffnung’. Ivan übersetzt diese drei abstrakten Substantive in eine konkrete Bezogenheit zwischen Du und Ich: „Glaube: – ‚auf Dein Wort hin’ / Hoffnung: – ‚baue ich auf Dich / Liebe – und zwar Dir zu Liebe.“ [23] Bezogen auf den Samariter hieße das: Auf Deinen Anblick hin, von dir bestimmt, gehe ich auf ‚Abwege’, und zwar um deinetwillen. Fremdbestimmung ist also in dieser Geschichte ein Akt vertrauensvollen Gehorsams, Selbstbestimmung wäre dann der aus dem Gehorsam erwachsende Ungehorsam, die Anarchie, die der Samariter übt. Über den Gehorsam schreibt Ivan: Gehorsam im biblischen Sinn meint die bedingungslose Bereitschaft auf den Anderen zu hören und der Hang, die Neigung, sich von ihm immer neu überraschen zu lassen. [24]

Inmitten einer von Institutionen, radikalen Monopolen, rationalisierten Verfahren, kriegenden Menschen und übereffizienten Apparaten verunstalteten Welt sagt Ivan Illich: „Ich glaube, dass diese Wahl, (dass nämlich ein konkreter Anderer, wahrscheinlich von Räubern gerade verprügelt, …von mir als Nächster gewählt (wird)) heute noch möglich ist.“ Er vertraue darauf, dass jene Traditionsstränge „überleben, die es mir möglich machen, das Soll nicht nach einer Regel, sondern nach der immer überraschenden, immer anderen Eigentümlichkeit der Freundschaft auszurichten.“ [25]

Es geht darum, ins Abseits zu gelangen

Im Lichte dieser Freiheit wendet Ivan Illich seine Aufmerksamkeit nun aber doch noch einmal der Möglichkeit der Selbstbestimmung in unserer apokalyptischen Zeit zu, pointierter noch, als er es in der frühen Streitschrift tat. Wenn es in den siebziger Jahren darum ging selbstbestimmte Tunsmöglichkeiten zurückzugewinnen, geht es heute in erster Linie darum, dem Absurdistan, so gut es geht, zu entkommen. Es geht darum, ins Abseits zu gelangen. Beinah bedauernd stellt Illich fest: „Ich bin nicht Bob Hope, der amerikanische Komiker, dessen Slogan in den 1960ern jedem bekannt war: ‚Lord, let the world stop for a moment, I want to get off!’ Ich weiß, dass dieser Wunsch utopisch ist. Ich kann nicht umhin, mich von Helfern, Rettern und Heilern umgeben zu wissen und bedroht zu fühlen. Aber ich will nicht in diese Welt gehören. Ich will mich in ihr als Fremder, als Wanderer, als Außenseiter, als Besucher, als Gefangener fühlen. Ja, ich spreche von einem VorUrteil, also von einer Haltung, nein, nicht einer Haltung, meiner Haltung. …Einem Grund auf dem ich stehe, auf dem ich be-stehe, auf den ich mich in jedem Punkt besinne. …“ [26] Hier ist er wieder der unerhörte Widerspruch:

Ich will mich in dieser Welt als Gefangener fühlen, um meiner Freiheit willen, als Außenseiter, um meiner Verbundenheit willen, als Fremder, um der Freundschaft willen.

Die Schule, ein großer soul-shredder

Mit großem Respekt beruft sich Illich auf die drop outs dieser Welt. Die Schule, die er einen großen soul-shredder nennt, hat sie auf dem Gewissen, sie schafft und rechtfertigt eine Welt, in der die große Majorität als drop out stigmatisiert wird, während die Minorität darin bestärkt wird, sich als Superrasse zu fühlen, deren Pflicht es ist zu herrschen. [27] Illich ist weit davon entfernt, die drop outs wegen ihrer Aussperrung aus der gesellschaftlichen Mitte und wegen ihres Verlustes von Zugehörigkeit zu bedauern. Nicht weil er ihr Elend ignoriert, sondern weil er auf ihre Fähigkeit setzt, erfolgreiche ‚Aus-dem-Weg-Geher’ (successful avoiders) zu werden, die gelernt haben, sich klug zu verstellen. Der drop out ist gesellschaftlich gezeichnet als ein defizientes menschliches Wesen, das der Lenkung und Leitung bedürftig ist. Aber genau dies könnte er als Privileg entdecken, das es ihm ermöglicht, auf eine soziale Realität zu pfeifen, welche ordentliche Leute noch nicht einmal wegzuwünschen die leiseste Chance haben. Drop outs könnten sich zu ‚refusniks’ mausern und dann ein herzhaftes ‚Nein, Danke! zu all jenen ‚Wohltaten’ sagen, mit denen wir Insider und Eingesessenen uns bei der Stange halten lassen, um den Preis unserer Selbstbestimmung – jetzt ohne Anführungsstriche. Es ist die Freiheit, sich aus dem Staub zu machen vor der Drohung „diagnostiziert, kuriert, erzogen, sozialisiert, informiert, unterhalten, garagiert, beraten, zertifiziert, gefördert oder beschützt zu werden, gemäß den Bedürfnissen die (uns) durch professionelle Wärter aufmontiert werden. [28]

Die Nischen und Narren in Absurdistan

Und was könnten wir dazu tun, dass solche Orte im Abseits entstehen? „Ich denke an Nischen, freie Räume, Hausbesetzungs-Arrangements, geistige Zelte, die einige von uns eventuell zur Verfügung stellen könnten. Nicht für den ‚drop out im Allgemeinen’, aber Jeder von uns für eine kleine „Liste“ (Anspielung auf Schindlers Liste) von Anderen, die durch die Erfahrung wechselseitiger Fremdbestimmung (obedience) instandgesetzt wurden, dem Einschlus in das System zu entsagen.“ [29] Da sind sie: die Nischen und Narren in Absurdistan.

Literaturliste:

[1] Ivan Illich: Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik, München 1998, Klappentext., [2] Ebenda S. 59f.
[3] Ivan Illich: Eigenarbeit, in: ders.: Vom Recht auf Gemeinheit, Reinbek 1982, S. 50., [4] Ebenda, S. 50.
[5] Selbstbegrenzung a.a.O. S. 28., [6] Ebenda S. 29.
[7] Im englischen Original: self-defined, [8] Ebenda S. 31, [9] Ebenda S. 35., [10] Ebenda S. 45., [11] Ebenda S. 92
[12] Ivan Illich: In den Flüssen nördlich der Zukunft, München 2006, S. 33. [13] I.Illich : Selbstbegrenzung a.a.O. S. 11: „natürliche Fähigkeiten frei entfalten“ auch: „Kraft und Phantasie, die jeder besitzt… S. 27,
[14] Ebenda S 47., [15] Ebenda S. 59.
[16] Bauman, Zygmunt: Wir Lebenskünstler, Berlin 2010, S. 38.
[17] Rosenstock-Huessy, Eugen: Die Sprache des Menschengeschlechts, Bd. 1, Heidelberg 1963, S. 754.
[18] Adorno, Theodor W.: Minima Moralia, in: ders.: Gesammelte Schriften Bd. 4, Darmstadt 1998, S. 105.
[19] Das Evangelium nach Lukas 10, 25-37. 20 Illich: Ivan: In den Flüssen nördlich der Zukunft. München 2006, S. 74.
[21] E.Levinas: Die Spur des Anderen, Freiburg/München 1998, S. 215.
[22] 20th Anniversary Rendezvous – Ivan Illich
[23] Vorlesungsnotizen, Bremen, 26. November 1998, ohne Seitenangabe.   
[24] „Obedience in the biblical sense means unobstructed listening, unconditional readiness to hear, untrammeled dispostion to be surprised. I.Illich: The Educational enterprise in the Light oft he Gospel, Chicago Nov 13th 1988, S.8
[25] Vorlesungsnotizen, Bremen, 4. Dez.1998 ohne Seitenangabe
[26] Vorlesungsnotizen, Bremen 21.Jan. 1999
[27] Ivan Illich: The Educational enterprise in the Light oft he Gospel, Chicago Nov 13th I 1988, S.1, [28] Ebenda S. 2, [29] Ebenda letzter Absatz.

  1. Januar 13, 2019 um 9:19 pm

    Hat dies auf haluise rebloggt.

  2. Januar 14, 2019 um 12:51 pm

    In einer Welt der Meinungen bekommen manche/r Professor/in eine gute Schweizer Note 5 für etwas, das in der Tat sehr schlechte (Note 1) Konsequenzen hat. Wer heute das Recht hat, Todesstrafen auszusprechen zieht Menschen an, die ihm bestätigen etwas Gutes (Note 5) zu tun und damit ist er/sie dann im genügenden (Note 4) Frieden mit seinen Mitläufern.

    Das nennen wir GULAG-Mentalität (https://mysoul.think-systems.ch/rules.htm). Das Positive dabei ist/wäre, wenn Sie ALLE Ihre substantiellen Erfolgsregeln kennen, können Sie dieses Trauma überwinden und damit die FREMDBESTIMMUNG ad absurdum führen. Mit heutigen Grundlagen in zeitgeistigen Humansystemen mit deren selbstzerstörerischer Beliebigkeit eine Illusion. Das zeigt sich ganz pragmatisch im Kampf gegen den Menschenhandel und die Zwangsprostitution und inzwischen können viele von uns sagen: „I am proud to be a slave“, wie ein McDonald’s-Mitarbeiter kürzlich in den USA mit seinem aufgesetzten Lächeln, den ich auf diese Heuchelei ansprach.

    Allerdings, wer auf solches sehr Gute (Note 6) aufmerksam macht, erntet (auch hier in diesem Forum) ein Ungenügend (Note 3) für die verursachte Unzufriedenheit in Absurdistan.

    Weil das, das repressive 541-GULAG in seinem Zwangsfrieden der politischen Korrektheit stört, ist das schlecht (Note 2) für die (geistigen) Eliten oder diejenigen, welche sich dafür halten und so muss ein Störand/Querulant/Querdenker mit konkreten LÖSUNGEN eliminiert werden, denn das stört die schönen Diskussionen empfindlich und zeigt deren völliges Ungenügen zur LÖSUNG von irgendwelchen PROBLEMEN.

    GULAG-Kommunisten waren schlecht (Note 2) für Hitler und so eliminierte er sie im KZ. Deren Prototypen wurden von führenden (auch Schweizer) Nazi-Psychiatern mit rund 70’000 Morden stetig optimiert und im Ansatz in die heutige, humane Psychiatrie mit ihren Giftcocktails weitergetragen, insgesamt seit den 20er Jahren bis heute um das 100-fache hinaufskaliert.

    Heute wird nun jedes Humansystem mit Substanz vom Zeitgeist als schlecht (Note 2) erkannt und unterdrückt sowie als Teil des Problems identifiziert. Leider müsste das als Teil der Lösung hin zu Ihrer OPTION II und zur SELBSTBESTIMMUNG gesehen werden, was Menschen guten Willens voraussetzt.

  3. Fluß
    Januar 14, 2019 um 3:52 pm

    Heute kam beim Tages-Gespräch auf ARD Alpha das Thema AFD und der Dexit. Da alleine verstanden einige schon nicht das einfachste: es geht um das System, wenn es um die Abschaffung des EU-Parlaments geht und die EU wieder nur als *Kontinent gesehen wird. Anbei gäbe es dann ein Kontrollgremium, einen EU-Rat. Und die Völker wären wieder viele Kleinstaaten.. Ich las, daß wenn der *Brexit gilt, es wieder Zoll geben wird. Und jeder der aussteigt aus der EU bekommt Geld von der EU bzw. Deutschland.
    Es geht also um Reformen.

    Aus Feuer des Herzens, da geht es um den Autor als Wissenschaftler, der sich mit einer befreundeten Wissenschaftlerin unterhält. Sie als messende stramm akademisch, er als Forscher der Wahrheit. Er ist da auf Zypern wegen Daskalos:

    “ »Offen gesagt, ich begreife nicht, was du in all diesen Jahren getan hast«, begann Sophia lächelnd, nachdem wir uns an einen Tisch unter einem der venezianischen Bögen gesetzt hatten. »Ich muß dir ganz ehrlich sagen: Die Dinge, mit denen du dich beschäftigst, beunruhigen mich. Sie stehen im Gegensatz zu meiner ganzen Ausbildung und Denkweise.« »Ich kann das nachempfinden«, erwiderte ich lachend und versicherte ihr, daß mich solche Reaktionen nicht im geringsten betrübten. Ich war fast sicher, daß Sophia über meine Forschungen nur vage Informationen besaß. Sie kannte mich als politischen Soziologen, bei verschiedenen Gelegenheiten hatten wir an Seminaren über die Lösung des Zypern-Problems teilgenommen. Es fiel ihr schwer zu verstehen, wie ich mich mit dem Leben und Wirken obskurer Heiler und Mystiker beschäftigen und durch meine schriftstellerische Tätigkeit einen so radikalen Gesinnungswandel demonstrieren konnte.

    Wie ich, hatte auch sie in der wissenschaftlichen, positivistischen Tradition der Sozialwissenschaften studiert und gelernt, daß jegliche Form von Religion ein Schutz ist, entweder für die Gesellschaft oder für eine Psychopathologie. Es war nur natürlich, daß Sophia meine Sympathien für Daskalos, Kostas und deren Schülerkreis in Frage stellte. Ich ahnte, was in ihrem Denken vorgehen mußte: Armer Kyriacos! Er meint es gut, aber wie konnte es nur so weit kommen? »Als ich vor fast zehn Jahren meine Forschungen mit Daskalos begann, war ich durch und durch Skeptiker wie du«, erklärte ich. »Aber nach all diesen Jahren bin ich zu der Erkenntnis gelangt, daß es sich hier um etwas höchst Authentisches handelt, das wir nicht leichtfertig abtun dürfen.« »Aber wie steht es nun um deine wissenschaftliche Objektivität?« fragte Sophia mit freundlicher Ironie. »Ich versichere dir, daß mein Vorgehen nicht im Widerspruch zu den Zielen der Wissenschaftlichkeit steht. Ich gehe lediglich einen eher phänomenologischen Weg in diesem besonderen Falle.« Es war nicht mein Ziel gewesen, die Welt zu erklären (oder vom Tisch zu wischen), die Menschen wie Daskalos und Kostas erlebten. »Statt als amerikanischer Akademiker die Welt des Daskalos mit festen vorgefaßten Vorstellungen über ihre Realität zu betreten, beschloß ich vielmehr, ihn zu bitten, mir selbst darüber zu erzählen. In Situationen, in denen die Realität deines Forschungsobjektes so radikal verschieden ist von deiner eigenen, ist es unklug, deine Sichtweise aufzudrängen, ganz gleich, wie wissenschaftlich sie auch zu sein scheint, bevor du ihm die Möglichkeit bietest, seine Sache in eigener Sprache und Begrifflichkeit darzustellen. Ich mußte vorsichtig sein, um ihm nicht meine Vorurteile und Begrenzungen aufzudrängen.« »Meinst du nicht, Kyriaco«, warf Sophia nachdenklich ein, »daß deine Methode auch ihre Nachteile hat? Mit anderen

    Worten: Ist es nicht ein Rückschritt, daß deine Methode deskriptiv ist und nicht auf kritischer Grundhaltung basiert?« »Im Gegenteil, bei meinen Begegnungen mit Daskalos ebenso wie mit Kostas hatte ich immer die Rolle des zweifelnden Thomas< gespielt. Die ganze Zeit hatte ich eine kritische Grundhaltung, manchmal sogar intensiver, als es die Umstände erfordert hätten. Anders ausgedrückt: Ich fühlte mich gezwungen, die Gültigkeit dessen zu erforschen, was über das Wesen der Realität gesagt wurde. Dies war gar nicht schwer, weil ich als Skeptiker akzeptiert war.« Sophia blieb hartnäckig: »Andererseits bedeutet deine Me thode, daß du ihre Version der Wirklichkeit im Grunde gar nicht hinterfragst. Du konfrontierst sie nicht mit einer alternativen Sicht.« »Auf der Ebene der Konfrontation allein wäre ich nicht so weit gekommen. Es wäre mir nicht möglich gewesen, zehn Jahre lang soviel Material über die außergewöhnliche Welt zu sammeln, in der diese Mystiker leben und wirken. Sie hätten mich längst als hoffnungslos starren Dogmatiker abgelehnt.« »Aber«, beharrte Sophia, »läufst du nicht Gefahr, dich mit diesen Leuten zu identifizieren, wenn du dich unter sie mischst, ihre Welt und Wahrnehmungsweise teilst und dabei deine Rolle als kritischer Soziologie vergißt?« »Ist das mein Risiko oder dein Vorurteil?« konterte ich. »Das Risiko, sich mit ihnen zu identifizieren, verlangt, daß ich als Forscher mich weigere, in die Situation hineinzugehen, um meinen Gegenstand wirklich zu verstehen. Statt dessen ziehe ich es vor, einen wissenschaftlichen Abstand zu wahren, und behandele die anderen als Forschungsobjekte. Ich glaube nicht, daß ein solcher Weg in Fällen dieser Art zu irgendwelchen fruchtbaren Resultaten oder zu wirklichem Verstehen führen würde. Im Gegenteil: Es führt zu Voreingenommenheit und einem Mangel wirklicher Einsicht in die zu erforschende Materie.« „

  4. Fluß
    Januar 14, 2019 um 7:20 pm

    https://sciencefiles.org/2019/01/14/warum-gender-studies-trash-und-keine-wissenschaft-sind-ein-beispiel-von-steuergeldverschwendung/

    Da gehts um ne Studie zwecks Physikerinnen. Studie kommt von Studieren, genauso wie ein Schularzt als Allopath noch in den Kinderschuhen steckt und rumdoktert. Und sie treibens mechanisch.

    Also ich kann mitlerweile 3 Namen nennen von Physikerinnen, neben der Merkel. Also die Physikerinnen gibts.
    Guiliana Conforto, da hab ichs Sonnenkind-Buch. Gavby Müller, hat einen Blog und Forum.
    Die dritte ist offline, bietet aber ihr Buch online kostenlos an als Skript und im Buch steht ihr Name.

  5. Januar 16, 2019 um 5:58 pm

    Frage : Was charakterisiert eine Idee, die Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft hat und wo liegt die kritische Masse an Anhängern der Idee, damit sie sich auf die gesamte Gesellschaft ausbreitet.

    • Januar 16, 2019 um 6:03 pm

      Tom Campbell : Zunächstmal müssen wir definieren, was das Ungewöhnliche ausmacht, denn das Ungewöhnliche existiert nur im Bezug zum Gewöhnlichen bzw. zur Mitte. Die Mitte besteht aus den gedanklichen Konzepten, die von der Mehrheit geteilt werden. Alle neuen Ideen kommen stets aus Randbereichen. Somit entsteht jede Idee, die es irgendwann zu einem Durchbruch schafft, zunächst in einem Randbereich. Der Zweck von Randbereichen ist, außerhalb vorgegebener Normen zu denken und neue Ideen zu entwickeln. Die Aufgabe der Mitte besteht nicht darin kreativ zu sein, sondern sie stellt Infrastruktur und Resourcen bereit und gewährleistet außerdem die Stabilität des Gesamtsystem vor allem durch ihre Trägheit und ihren Widerstand gegenüber neuen Ideen. Eine neue Idee muss sich also langsam in die Mitte vorarbeiten und die Mitte von innen heraus verändern, bis die neue Idee akzeptiert wurde. Die Mitte bewegt sich aufgrund ihrer Trägheit allerdings nur sehr langsam.

      Dieses Verhalten ist aber sinnvoll, denn wenn der Mitte diese Trägheit fehlte, würden wir als Gesellschaft permanent zwischen aufkommenden neuen Ideen hin und her springen und solche dauerhafte Unruhe wäre keine gute Vorausetzung für produktive Weiterentwicklung. Eine neue Idee entsteht also in Randbereichen und muss die Mitte schrittweise für sich gewinnen bis die Mitte irgendwann die neue Idee akzeptiert. Dann ist eine ehemals als schräg angesehene Idee plötzlich völlig normal und dann macht sich auch schon die nächste Idee auf den Weg vom Randbereich in die Mitte.

      Natürlich ist nicht jede Idee, die aus Randbereichen kommt, auch eine gute Idee. Da gibt es viele verrückte oder schlicht schlechte Ideen und die schlechten Ideen überwiegen dabei wahrscheinlich die guten. Im Grunde kann sich jeder hinstellen und seine Idee verbreiten, aber um erfolgreich zu sein, muss die Idee Sinn machen. Speziell auf ihrem Weg vom Randbereich in die Mitte muss die Idee für immer mehr Menschen nicht nur Sinn machen sondern auch nützlich sein. Das Kriterium, das ich hier benutze, um eine Idee als nützlich zu bewerten, ist das gleiche, das auch in der Wissenschaft angewendet wird : Eine wissenschaftliche Theorie ist nützlich, wenn sie die bekannten wissenschaftlichen Fakten erklären kann und darüber hinaus Aussagen über bisher Unbekanntes erlaubt, die sich danach durch Experimente verifizieren lassen.

      Das Kriterium, was eine gute Idee ausmacht ist also das gleiche Kriterium, das eine gute wissenschaftliche Theorie ausmacht. Man kann eine vermeintlich gute Idee haben, aber wenn sie zu viele Annahmen als gegeben voraussetzt, dann kommt Ockham’s Ökonomieprinzip (Ockham’s Razor) zum Tragen, denn mit einer langen Liste von Annahmen, kann man so ziemlich alles erklären. Das Ziel muss stets sein, Zusammenhänge mit so wenig Annahmen wie möglich zu erklären. In der Wissenschaft spricht man dann von einer eleganten Theorie, wenn sie viel erklären kann und dafür nur wenige Annahmen braucht. Diese Eleganz macht auch gute Ideen aus, denen dann ein Durchbruch aus dem Randbereich in die Mitte gelingen kann. Kreative Denker leben in diesem Randbereich wohingegen Gewohnheitsmenschen – die an Universitäten deutlich in der Mehrheit sind – die Infrastruktur bilden, welche die Existenz des Randbereichs erst ermöglicht.

      Hat das die Frage soweit beantwortet ?

      Matrixwissen : Im Wesentlichen ja, aber mich würde doch noch interessieren, ob man den Kipppunkt genauer spezifizieren kann, an dem eine Idee aus dem Randbereich die kritische Masse erreicht, um die Mitte zu erobern. Gibt es eine kritische Masse der Anhänger einer Idee – z.B. 10 Prozent der Bevölkerung – ab der es kein zurück mehr gibt ?

      Tom Campbell : Ja klar gibt es diesen Effekt. Die neue Idee dringt aus dem Randbereich in die Mitte ein und weckt das Interesse einiger Menschen, die gefallen an der Idee finden, weil sie bekannte Probleme löst und diese Menschen setzen sich dann dafür ein, dass die Idee ernstgenommen wird. Diese Gruppe von Aktivisten wächst zunächst langsam, aber irgendwann ist der Punkt erreicht, wo eine Kettenreaktion ausgelöst wird. Ab diesem Punkt hält allein das Interesse an der Idee, den Prozess der Verbreitung der Idee am Leben.

      In der Nuklearphysik kennt man den Begriff der Kettenreaktion, wenn es genügend freie Neutronen gibt, welche durch ihr Herumschwirren immer mehr Fusionsreaktionen auslösen, die dann wiederum immer mehr freie Neutronen erzeugen und der Prozess verselbstständigt sich. Da gibt es auch einen Kipppunkt, ab dem der Prozess von alleine weiterläuft. Das gleiche muss auch bei einer Idee passieren : Sie muss genügend Interesse auslösen, um zum Selbstläufer zu werden. Ab diesem Moment wächst sie von alleine solange weiter, bis sie die komplette Mitte eingenommen hat. Wenn die Idee diesen Kipppunkt nicht erreicht und nicht zum Selbstläufer wird, dann schläft sie im Lauf der Zeit wieder ein. Es gab dann zwar eine Untergruppe, welche diese unkonventionalle Idee angenommen hat, aber wenn die Idee nicht ausreichenden Wert in sich trägt, um zum Selbstläufer zu werden, dann bleibt sie eine Randerscheinung.

      Wo genau die Prozentzahl dabei liegt – ob es 10, 20 oder 50 Prozent sind – weiß ich nicht, es geht aber auch weniger darum eine bestimmte Prozentzahl zu erreichen, sondern was zählt, ist die Qualität der Idee. Sie muss genügend Anziehungskraft in sich tragen und sie muss genügend Antworten auf offene Fragen liefern, um als Theorie erfolgreich genug zu sein und kontinuierlich mehr Leute für sich zu gewinnen. Das geschieht im wesentlichen durch Mundpropaganda, also dadurch dass Menschen, welche die Idee für genial halten, mit anderen darüber sprechen. Es kann auch gut sein, dass eine Idee es nicht schafft genügend Fahrt aufzunehmen und Jahre – im Extremfall vielleicht sogar Jahrzehnte – ein Schattendasein führt und dann plötzlich den Durchbruch schafft und zum Selbstläufer wird. Nur weil eine Idee den Durchbruch nicht sofort schafft, heisst das nicht, dass es sich um eine schlechte Idee handelt. Es gibt einen permanenten Wettbewerb guter Ideen und eine Idee muss einfach einen deutlichen Vorteil liefern, wenn sie die Mitte in kurzer Zeit für sich begeistern will……..

      Quelle: Matrixwissen

  6. Gerd Zimmermann
    Januar 16, 2019 um 8:40 pm

    Schaue mal das Leben des Brian

    Das finde ich elfunddreisig mal besser als Campbell.

  7. Gerd Zimmermann
    Januar 16, 2019 um 11:13 pm

    Fremdbestimmung

    Ich habe eine Fremdbestimmung.

    Ein Urteil.
    Scheidungsurteil.

    Im Namen des Volkes.
    Die Ehe ist geschieden.

    Ich habe nicht im Namen des Volkes geheiratet.
    Aber das Volk scheidet mich.
    Welches Volk ???

    Mein Volk ?
    Wer ist mein Volk?
    Habe ich mir mein Volk auserwählt oder ist das ein Fake.

    Mein Volk ?
    Das mich im Namen des Volkes scheidet.

    Meine ehemalige Frau.
    Gut, es gehören immer Zwei dazu.
    Die heiraten und geschieden werden, Anwälte inklusive.
    Wovon sollten Anwälte sonst leben?
    Ohne Rechtsstreit.
    So schnell kann auch ein Staat arbeitslos werden.
    Ein Volk das sich nicht mehr verwalten lässt.
    Die Geburtsurkunde.
    Gestempelt und unterschrieben vom Volk.
    Oder einem vom Volk gewählten Beamten.

    Wer bestätigt die Geburt von Sternen ???
    Ein Wissenschaftler ?

    Du träumst einen anderen Traum.

    C.G.Jung, musst du nicht kennen, Max Planck auch nicht.
    Jung spricht vom kollektiven Traum und Max Planck sagt das im
    Traum keine Materie vorhanden ist.

    Martin.
    Wo ist dein Hut?
    Putzen.

    Du hast mich nicht ernst genommen.
    Das wissen die Mädels auch noch nicht.

    Eine, da setze ich alles auf eine Karte.
    Ohne Hochzeit und ohne Scheidung.

    Sie wollte wissen, es gibt etwa Mrd.
    Aber nur EINE.

    Geduld ist nicht an Zeit gebunden, aber der Gedultsfaden reisst auch mal.
    Es sei denn, Du bist

  8. Januar 21, 2019 um 12:02 pm

    Hinzugefügt von Sukadev Bretz am 21. Januar 2019 um 5:30am
    Blog anzeigen
    .

    Was ist Gott? Schwer zu sagen. Aber wenn ich den Ganges ansehe, weiß ich, es ist Gott. Wenn ich den Jasmin sehe, weiß ich, es ist Gott. Wenn ich den blauen Himmel sehe, weiß ich, es ist Gott. Wenn ich das Zwitschern der Vögel höre, weiß ich, es ist Gott. Wenn ich Honig schmecke, weiß ich, es ist Gott.

    Das Höchste ist nicht zu erklären, obwohl Gelehrte intellektuell darüber sprechen, es jedoch nicht wirklich ausdrücken können.

    Jeder Mensch hat seine eigene Vorstellung von Gott. Der Gott eines Militaristen trägt einen Helm. Der Gott eines Chinesen hat eine flache Nase und eine Opiumpfeife. Der Gott eines Hindu hat Zeichen auf der Stirn und trägt einen Rosenkranz (Mala) und eine Blumengirlande. Der Gott eines Christen trägt ein Kreuz. Für manche Menschen hat Gott Flügel. Ein Büffel wird denken, Gott sei ein sehr großer Büffel.

    Eine solche menschenähnliche Vorstellung von Gott ist natürlich albern. Das Größte und Wichtigste auf der ganzen Welt ist es, die richtige Vorstellung von Gott zu entwickeln, denn dein Glaube an Gott lenkt dein ganzes Leben.

    https://mein.yoga-vidya.de/profiles/blogs/swami-sivananda-was-ist-gott

  9. Januar 21, 2019 um 12:10 pm

  10. Gerd Zimmermann
    Januar 21, 2019 um 1:18 pm

    Der Dalei Lama,

    gut, er ist keine kleine Komparse im kosmischen Kino,
    so wie ein VW Golf.
    Trump ist maximal ein Golfball im kosmischen Kino,
    der bockt wie ein drei Jahre altes Kind.

    Kuschelt mit Putin, Kim, hinter der vorgehaltenen Hand
    mit den Kommunisten in Peking.

    China trägt etwa 3500 Mrd Dollar an Geldreserven, in Papierform,
    Papier brennt, oder Binär, ein kleiner EMP und Schluss mit lustig.
    Amerika, ach, studiere das selbst, 50 Mrd an Reserven.
    China ist die Weltmacht, wenn China die Dollars verkauft, bekommst
    du für 10.000 Dollar noch eine Schachtel Streichhölzer.

    Geschichte wiederholt sich ???

    Der Dalei Lama ?

    Jesus gefällt mir besser, Jesus hat wenigstens noch
    um die Wahrheit herumgeredet, was ein Weichei nicht
    mehr macht.

    Ihr habt alle Eier oder Eierstöcke aus Kruppstahl.
    Ich nicht, ich sage aber auch nicht an der Klagemauer,
    der der Blog momentan gleicht, Schuld sind immer die Anderen.

  11. Januar 22, 2019 um 12:15 pm

  12. Januar 22, 2019 um 12:27 pm

    Die Wahrheit

    Die Wahrheit muss nicht nur bedeutsam und ganz sein, sie muss auch radikal sein, nicht geschönt, gesüßt, mit Zuckerguß überzogen. Die Erfahrung zeigt, dass die Wahrheit, das heißt die Konfrontation mit der Wirklichkeit, dort eine besondere Wirkung hat, wo man sie vollständig, klar und ohne Kompromisse sieht.

    Erich Fromm

  13. Januar 22, 2019 um 7:11 pm

    Hier scheint ein Manko an Bildung zu sein über den Dalai Lama
    Damit kann ich dienen – aufzuräumen.

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