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Es gibt ein weit verbreitetes Missverständnis darüber, was „Zuhören“ ist …

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Ich habe Mal wieder ein Leckerbissen eines Blogger-Kollegen, der als Führungsberater aktiv ist, und sich aber auch viele Gedanken über eine wirklich funktionierende Demokratie macht, eine, in der anstelle für Wenige möglichst für Alle gesorgt wird. In dem Artikel untersucht er ein Thema, das wir von unseren Politikern letzte Zeit so häufig hören: man müsse mehr zuhören. Wie schwierig das ist, besonders in hierarchischen Umgebungen, und wann das gut funktionieren kann … unsere Institutionen wären wohl umzukrempeln. Aber lest Mal rein:

Die unterschätzte Kraft des erkennbaren Zuhörens (Quelle)

Uns wird viel zugemutet in Sachen Zuhören heutzutage. Alles mögliche müssen wir uns anhören, ohne dass wir uns leicht dagegen verwehren können. – Das beginnt nicht erst in der Schule. Und es endet nicht in unseren Ausbildungen, Studien und Betrieben. Auch im öffentlichen Raum, an unseren Wohnungstüren, auf unseren Online-Kanälen und unseren Festnetzanschlüssen werden wir zugeknallt mit Dingen, „die wir uns mal anhören sollen“.

Gleichzeitig werden wir permanent dazu ermuntert, „besser zuzuhören“. Weil das ja so unglaublich segensreich für Alle sei.

Mein Eindruck als Jemand, der zu viel spricht, weil er sich zuviel anhören musste, ist ja: Es gibt ein weit verbreitetes Missverständnis, was „Zuhören“ ist und wie es sich auf die daran beteiligten Menschen auswirkt.

Am besten bekommt man dieses Unerhörte ins Ohr, wenn man vom „Erkennbaren Zuhören“ spricht. Was ist damit gemeint?

Hartnäckig hält sich der Mythos, es ginge bei zwischenmenschlicher Kommunikation allein um Informationsaustausch. Genauer: Über eine wechselseitige oder einseitige Verständigung über Dinge da draußen, also über die sogenannte „Außenwelt“. – So nach der Devise: „Guck mal, da ist ein Reh!“ Oder: „Du hast den Müll wieder nicht rausgebracht!“ – „Doch, hab ich wohl, schau doch mal nach!“

Diese Dimension von Gesprächen ist unleugbar vorhanden. Doch es ist in den allermeisten gehaltvollen Gesprächen die relativ unwichtigere Komponente der Kommunikation.

Wenn ein Mensch spricht, will er sicher sein, dass er „gehört wird“. – Und damit das gewährleistet ist, reicht es leider nicht aus, dass ein anderer Mensch tatsächlich zuhört, mitdenkt, das Gesagte auf sich wirken lässt (was selten genug der Fall ist).

Nein: Beim erkennbaren Zuhören geht es ganz simpel darum, dass der, der spricht, überdeutlich erkennen kann, dass der Zuhörer wirklich voll dabei, aufnahmebereit und offen dafür ist, dass das Gesagte „etwas mit ihm macht“.

Es macht in den allermeisten sprachlichen Interaktionen zwischen Menschen den denkbar größten Unterschied, ob das passiert oder ob das nicht passiert.

Allerdings unterschätzen wir diesen Unterschied nahezu immer und überall. – Selbst dort, wo „gut zugehört wird“, wird nur selten „erkennbar gut zugehört.“

Psychologisch löst dieses Fehlen von erkennbarem Zuhören bei den meisten Menschen, die glauben, sich gerade äußern und andere Menschen addressieren zu müssen, dass sie weiter sprechen, dass sie mehr sprechen und dass sie nach und nach immer „lauter“ werden.

Im umgekehrten Fall: Wenn Zuhören für Sprecher erkennbar wird – und erst dann! -, tritt beim Sprecher Entspannung ein.

Sprecher sind also auf Rückmeldungen angewiesen, die ganz subjektiv für sie sicherstellen, dass ihnen gerade zugehört wird oder wurde. – Thomas Gordon und andere Beziehungs- und Kommunikationspraktiker haben dafür die Form „Aktives Zuhören“ erarbeitet, detailliert beschrieben und in eigenen Trainings eingeübt.

Sprechen und Zuhören ist für uns Menschen ein primär emotionales Geschehen, bei dem Informationsaustausch „über Fakten“ nachrangig ist. Zumindest solange wir darunter allein Informationen über die nicht-menschliche Außenwelt verstehen. Und nicht auch Informationen über die menschliche Innenwelt (Gefühle, Bedürfnisse, Wünsche) und über die zwischenmenschliche Beziehungswelt (wie stehst du zu mir? Bin ich dir wirklich wichtig? Gehöre ich für dich wirklich zu deiner Bezugsgruppe dazu?).

Dieses emotionale Geschehen und diese Beziehungsdimension läuft nahezu in jedem Gespräch mit, auch noch im scheinbar nüchternsten und faktenorientiertesten.

Leider haben viele Menschen heute Probleme damit, sowohl diese Diemension überhaupt auf dem Schirm ihres Bewusstseins zu haben als auch ihr aktiv gerecht zu werden. Insbesondere Menschen mit starken „Management-Neigungen“ und Menschen mit stark technischer und/oder theoretischer Ausbildung verkennen diese Dimension von Kommunikation regelmäßig. Sie wurden in der Regel darauf getrimmt und dafür trainiert, genau von der Beziehungsdimension abzusehen und sie für unerheblich zu halten.

Dass sie für uns, in unserem Bewusstsein verschwunden ist, heißt jedoch nicht, dass sie auch in der Realität verschwunden ist. – All die damit verbundenen Gefühle und Bedürfnisse laufen weiter mit und spielen eine gewaltige Rolle in der Zusammenarbeit. Mangels Wahrnehmung jedoch nun subkutan und unbewusst.

Die Folge: Es wird unglaublich viel geredet, aber es entsteht über dieses „informative Gerede“ unglaublich wenig Zusammenhalt und Commitment.

Beim erkennbaren Zuhören tritt dagegen Entspannung und Beruhigung ein: Es wird weniger geredet. Und die Rollen von Sprecher und Zuhörer wechseln häufiger und organischer. Meist pendeln sich die Rede-/Zuhör-Anteile bei gleichen Anteilen zwischen den beteiligten Menschen ein, wenn erkennbar zugehört wird. – Dieser messbare Wert kann daher auch als Indikator dafür gelten, ob in der Wahrnehmung der beteiligten Menschen gerade gut erkennbar zugehört wird. Oder eben nicht.

WARUM ERKENNBARES ZUHÖREN FÜR UNS HEUTE BESONDERS WICHTIG IST

Die Auswirkungen von vorhandenem/nicht-vorhandenem erkennbaren Zuhören sind für uns heute wichtiger denn je geworden.

Und zwar durch zwei Phänomene, die unsere heutige Gesellschaft stärker prägen als jede andere menschliche Gesellschaft zuvor:

1.) Die Virtualität bzw. Körperlosigkeit von menschlicher Kommunikation. – Es ist für uns als Menschen, die biologisch auf Kommunikation im gleichen Raum angelegt sind, unglaublich schwer und anstrengend, in virtuellen Räumen erkennbar zuzuhören.

Wer das schonmal über einen beliebigen social media-Kanal oder in der Kommentarspalte zu irgendeinem Artikel versucht hat, weiß im Grunde sofort, wovon ich hier spreche.

Der Virtuelle Raum des Internets ist daher trotz der Unmenge an sofortigen Rückmeldungen, die wir dort generieren können, ein Raum, in dem kaum erkennbar zugehört werden kann.

Dieser Zusammenhang ist völlig hinreichend um zu erklären, warum unsere Gesellschaft über die Möglichkeiten virtueller Kommunikation so zu überhitzen und emotional zu überladen scheint: Alle sprechen, aber keiner kann sich gehört fühlen.

Das ist Niemandes Schuld. Und das ist auch kein Argument dagegen, die wunderbaren Möglichkeiten, die uns dadurch geboten sind, nicht zu nutzen. Auch nicht offensiv zu nutzen.

Es bedeutet nur, dass überall dort, wo Konflikte, Interessengegensätze oder starke Bedürfnisse im Raum sind, Menschen nach wie vor physisch zusammen kommen müssen, weil es anders für uns nicht funktionieren kann. Weil wir als körperliche Wesen erkennbares Zuhören brauchen, das wir nur in gemeinsamer physischer Anwesenheit im gleichen Raum erhalten können. – Und selbst dort hat es starke Voraussetzungen.

Diese Einsicht hat Konsequenzen für das, was wir heute „virtuelle Teams“ nenne. Und es hat insbesondere auch Konsequenzen für den zweiten Punkt: Die Politik in einer halb-anonymen Großgesellschaft, wie unsere heutige Weltgesellschaft nun Mal eine ist.

2.) Der politische Raum ist neben dem ökonomischen derjenige Raum menschlicher Zusammenkünfte und Gespräche, in denen am wenigsten erkennbar zugehört wird.

Und das ist insofern fatal, als wir heute in einer Welt leben, in der wir uns – ob wir wollen oder nicht – durch unsere Lebensvollzüge und Entscheidungen recht unmittelbar wechselseitig in unseren Handlungsspielräumen beeinflussen: Uns wechselseitig einschränken, aber auch uns wechselseitig Handlungen ermöglichen, das ohne entsprechendes Handeln anderer gar nicht möglich für uns wäre.

Kurz: Wir leben in einer – physisch! – stark vernetzten Welt.

Das heißt auch: Wir leben in einer Welt, in der es entscheidend ist, dass wir Sicherheit haben, „gehört zu werden“, wenn für uns wichtige Bedürfnisse unerfüllt sind. Bedürfnisse, die wir allein für uns niemals befriedigen können, „wenn andere nicht entsprechend mitmachen“.

Fundamentale Voraussetzung für jenes Mitmachen Anderer ist aber wieder zweierlei: A) Dass Andere überhaupt mitbekommen, dass wir etwas brauchen, und was genau wir brauchen; und B) dass Andere selber gerade nicht so in Not, so akut bedürftig sind, dass sie uns gar nicht entgegen kommen und um uns kümmern können.

Wir sind heute auf eine extrem gute gesellschaftliche Kooperation angewiesen, damit Bedürfnismängel nicht so akut werden, dass eine wechselseitige Blockade-Situation auftritt, in der Keiner mehr bereit ist, sich auch nur anzuhören, was der Andere gerade von ihm will und braucht.

Die unmittelbare Beruhigung des erkennbaren Zuhörens ist hier ein probates Mittel. Leider wird es wenig genutzt.

Das ist nicht nur ein Bewusstseins-Problem. Es fehlen uns heute auch Formate, Verfahren und Institutionen, die auf erkennbares Zuhören fokussieren und es ermöglichen.

Ich bin daher sehr skeptisch, was alle oberflächliche und rein virtuell bleibende politische Kommunikation angeht.

Wir brauchen m.E. heute Formate, die eine Kultur des erkennbaren Zuhörens pflegen. Formate, die Menschen als Menschen unterschiedlicher Situation und Lebensführung physisch in einem Raum zusammenbringen und zwischen ihnen Gespräche ermöglichen, in denen sie sich wechselseitig erkennbar zuhören können.

Diese Formate sind nicht unmöglich. Sie sind auch nicht furchtbar schwer ins Leben zu bringen. Sie sind – im Vergleich zu unseren bereits vorhandenen politischen Institutionen – noch nicht einmal besonders kostspielig, sondern vergleichsweise preisgünstiger zu haben.

Was m.E. fehlt, ist Klarheit darüber, wie sehr wir als Menschen erkennbares Zuhören brauchen. Und wie sehr erkennbares Zuhören gerade im politischen Raum fehlt. Also in jenem Raum, der der Beilegung von Konflikten dient und der Findung neuer gesellschaftlicher Lösungen, bei denen Keiner verliert, sondern Alle gewinnen. Und denen daher Alle zustimmen können.

Ist diese Klarheit über die Wichtigkeit erkennbaren Zuhörens gegeben, lassen sich leicht eine Fülle von ganz verschiedenen politischen Verfahren und demokratischen Institutionen (er-)finden, die dem Abhilfe schaffen.

ERKENNBARES ZUHÖREN VERLANGT WECHSELSEITIGKEIT – AUS STRUKTURELLEN GRÜNDEN

Erkennbares Zuhören ist strukturell ein Treiber von Demokratisierung. Denn es verlangt strukturell wechselseitig.

Wir gehen oft unbewusst davon aus, dass „auf der anderen Seite des Sprechens“, beim Zuhörer unbegrenzte Zuhör-Ressourcen vorhanden sind. Da wir jedoch alle Menschen und keine Götter sind, ist das so gut wie niemals der Fall.

Alle Menschen sind bedürftig. Und in manchen Situationen ist jeder Mensch so bedürftig, dass er nicht mehr zuhören kann.

Das vorausgesetzt, können wir nicht von Menschen in so genannten „Führungspositionen“ verlangen, „immer ein offenes Ohr zu haben“ und uns dann vielleicht auch noch erkennbar Zuzuhören.

In der Realität ist das dann ja auch so gut wie nie der Fall. Die Kommunikation in hierarchischen Beziehungen krankt strukturell an einem Mangel an erkennbarem Zuhören.

Wenn mal eine Führungskraft auf eigene Rechnung beschließt, der ihr anvertrauten Menschen wirklich erkennbar zuzuhören, erschließt sich ihr in der Regel ein ganzer Kosmos an menschlicher Bedürftigkeit. In Ausmaßen, die jeden Menschen überfordern müssen.

Daher hören viele Menschen in Machtpositionen aus purem Schutz vor Selbstüberforderung nicht mehr zu. – Und es erscheint mir unmenschlich, diesen Menschen daraus einen Vorwurf zu stricken.

Auch wenn wir über Empathie sprechen, gibt es ein weit verbreitetes Vorurteil, nach der „empathisches Verhalten“ ausschließlich oder vorrangig darum drehe, „ganz beim Anderen zu sein“. – Erfahrene Praktiker in Empathie-Verhalten haben jedoch ein ganz anderes Verständnis von Empathie: Sie betonen die Selbstoffenbarung, die Offenbarung eigener Bedürftigkeit und Verletzlichkeit als Moment einer wirksamen Empathie-Praxis.

Menschen in fixierten Machtpositionen haben aber in der Regel reflexhaft die Befürchtung, dass Offenbarung eigener Bedürftigkeit sie allzu schwach und angreifbar erscheinen lässt. Mental befinden sie sich permanent in einem Krieg, in dem sie Schachzüge berechnen und sich absichern müssen.

In dieser Lage ist weder Selbstoffenbarung eigener Emotionen und Bedürfnisse noch erkennbares Zuhören mit Offenheit für die Emotionen und Bedürfnisse anderer zu erwarten.

Erkennbares Zuhören ist nur dann möglich, wenn es sich um reziproke Beziehungen auf Augenhöhe handelt. Nur hier ist erkennbares Zuhören keine strukturelle Überforderung einiger Weniger, die Gott-gleich mit der Bedürftigkeit von unzählig Vielen konfrontiert werden, wenn sie beginnen, „wirklich zuzuhören“ und das auch erkennbar zu machen.

Die Auflösung von insitutionalisierten „Gott-Positionen“ in unseren sozialen Systemen: In Schulen, Unternehmen, in der Politik ist daher der zentrale Baustein um eine Kultur des erkennbaren Zuhörens zu etablieren oder auch nur zu ermöglichen.

Nur wenn Alle „ganz offiziell“ bedürftig sein können: Andere um ihre Gefühle und Bedürfnisse wissen lassen können, können umgekehrt Alle immer wieder in die Verfassung kommen, in denen ihnen selbst erkennbares Zuhören möglich ist.

Menschen, die latent bedürftig sind, die das aber positionsbedingt nicht zeigen können, ohne in eine bedrohliche Situation geraten, können nicht zuhören. Und erkennbar zuhören schon gleich zweimal nicht.

Kategorien:Gesellschaft Schlagwörter: ,
  1. Martin Bartonitz
    Januar 1, 2019 um 7:48 pm

    Aus eigener Erfahrung: Als ich als Produktmanager in die Rolle des Product Owners im agilen SCRUM Prozess schlüpfte, durfte ich erfahren, dass diese Form meines Verhandelns mit dem Team auf Augenhöhe die Kommunikation gerade aufgrund des viel intensiveren gegenseitigen Zuhörens deutlich verbessert und damit die erzielten Lösungen auch viel besser wurden.

  2. Januar 1, 2019 um 7:50 pm

    Hat dies auf haluise rebloggt.

  3. Johannes Anunad
    Januar 1, 2019 um 11:47 pm

    Eine wunderbare Beschreibung eines Teils unserer menschlichen Kommunikation!
    Ich habe dazu ein paar Anregungen:
    Als wirkungsvolle Instrumente einer ausgeglichenen Kommunikation, wie oben als dringliches Erfordernis heraus gestellt, betrachte ich u.a. sowohl die SOZIOKRATIE mit ihrem KONSENT-Verfahren (www.soziokratie.org), als auch die vom TRANSFORMALEN NETZ praktizierte WIR-Kommunikation (www.transformales-netz.de). Auch andere Werkzeuge wie GFK (Gewaltfreie Kommunikation) usw. sind natürlich dienlich.

    Vor einiger Zeit wurde ich darauf aufmerksam gemacht, welchen Unterschied ZUhören (geschlossene Haltung) gegenüber Worten wie HINhören oder LAUSCHEN (offene, interessierte Haltung) ausmacht. Allein vom verwendeten Wort als Beschreibung her, meine ich. Seitdem achte ich bewusster darauf, welches Wort ich im Austausch verwende – und habe den Eindruck: Da passiert wirklich etwas, vor Allem IN MIR!

    HINgewandte Haltung also in einem Gespräch – auf BEIDEN Seiten, ja: DAS sind „Subjekt-Subjekt-Beziehungen“ auf Augenhöhe, wie Prof. Gerald Hüther es auch nennt.

    Ein weiteres Phänomen, welches „echte Kommunikation“ heutzutage außerdem erschwert, habe ich kürzlich bereits einmal erwähnt: Genau wegen unserer zahlreichen – emotionalen – inneren Bedürftigkeiten sind Begriffe oft mit verdrehten, sehr individuellen Bedeutungen verknüpft, deren Ursprung häufig in traumatischen Erfahrungen zu finden ist. Aussagen wie „Du bist gerade genauso wie meine Mutter“ sind z.B. darauf zurück zu führen, sind natürlich absolut „unsachlich“ und töten zudem jegliche „offene Kommunikation“ im Sinne einer Verständigung „mit offenem Herzen“. Das geht schlichtweg nicht, da der „Trauma-Autopilot“ läuft. Es ist wichtig, um diesen Mechanismus zu wissen – um Verständnis zu haben und ihn, wenn immer möglich, sogar selber unterbrechen zu können. Dieser Effekt tritt am Arbeitsplatz ebenso auf wie in persönlichen Beziehungen.

    Bedeutungen von Schlüsselworten können auch aus anderen Gründen als traumatischen Ursachen inzwischen deutlich voneinander abweichen. Aus sozialem Hintergrund, Ausbildung, persönlichen Umständen heraus… ich sehe darin eine Begleiterscheinung unserer derzeit ablaufenden „Individualisierung“. So sind Gespräche mit manchen Menschen extrem einfach, weil sehr ähnliche „Wortschatz-Bedeutungen“ vorliegen. Mit anderen Menschen müssen wir uns große Mühe geben, um die unterschiedlichen „Begriffsinhaltswelten“ – trotz ähnlicher Weltbilder! – aufeinander abzustimmen. Ich schreibe das aus vielfacher – bewusster – Gesprächserfahrung dieser Art.
    OHNE derartige Erfahrung erschöpfen sich Gespräche oftmals im Austausch von Statements und Meinungen, die den Anderen kaum oder gar nicht erreichen – eben weil Dieser dann nur noch Zuhört. Das ist auch die oben beschriebene Krankheit von Blogkommentaren.

    In jedem Fall entstehen bei unterschiedlichen „Begriffsfüllungen“ rasch Konfliktsituationen oder zumindest – bewusste oder unbewusste – Missverständnisse. Abhilfe sehe ich in der Praktizierung der oben angedeuteten Gesprächskultur:
    Vermutete Unklarheiten können vom Lauschenden durch kurze Verständnisfragen geklärt werden, oder indem z.B. der verstandene Sinn einer Aussage mit eigenen Worten wiederholt wird.
    Als Sprechender kann ich kurz innehalten, wenn ich das Gefühl bekomme, meine(n) GesprächspartnerIn inhaltlich „verloren“ zu haben und nachfragen, wie meine Worte aufgenommen wurden, vlt. mit einer anderen Formulierung, einem anderen Bild das Verstehen ermöglichen.
    Ich nenne dieses aktive, aufmerksame Gesprächsverhalten, in dem HINhören und LAUSCHEN als Haltung im Vordergrund stehen auch „bewusste Gesprächskalibrierung“.

    Noch etwas wurde mir vor ein paar Jahren bewusst gemacht – durch gute Freunde: Ich habe, gerade wenn ich etwas vermitteln will, was mich in dem Moment emotional sehr beschäftigt, offenbar ein Problem mit meiner wichtigsten „Kommunikationsspur“. NICHT mit der Sprache. DIE erscheint meinen Gesprächspartnern dann sogar sehr abstrakt, geschliffen, gefühllos, analytisch…
    Es ist die HERZENSSPRACHE! Also wie wenn die Tonspur zwar läuft (die Worte eben), aber die Bildspur im Video nicht an ist – blöde Sache! Ich vermute, das liegt an einem ungewöhnlichen, sicherlich auf traumatischer Erfahrung basierenden „emotionalen Schutzbedürfnis“, das diese „Herzfrequenz“ dann offenbar nicht nach außen gelangen lässt, für die Zuhörer wahrnehmbar macht.
    Mir wurde dann gesagt:
    „Johannes, Du redest total aus dem Kopf, ich FÜHLE Dich gar nicht!“
    Was für eine blöde Geschichte! Wo ich doch gerade über meine intimsten Herzensangelegenheiten und „Gefühle“ zu sprechen meinte – für Männer eh eine recht komplizierte Angelegenheit!
    Heute WEISS ich darum zumindest und kann aufmerksamer darauf achten. Und bei Zweifeln, ob die Anderen FÜHLEN können, was ich gerade sage, lieber einmal mehr nachfragen.
    Ich teile Euch das hier mit, weil ich mir vorstellen kann, dass es Manchem ähnlich geht – OHNE dass Er/Sie es weiß! ICH konnte es jedenfalls selber bis dahin NICHT wahrnehmen.
    Ich bin diesen Freunden noch heute zutiefst dankbar für den Mut, mir das angesichts eines „akuten Beziehungsdramas“, das mich geade intensiv beschäftigte, ganz unverblümt zu sagen, denn sonst wüsste ich es vielleicht heute noch nicht!!

    Bleibt mir zusammen zu fassen, was auch oben schon anklang:
    Kommunikation ist UNENDLICH viel mehr, als Worte auszutauschen!
    Lasst uns also wieder „echte Kommunikation“ miteinander pflegen!
    ICH übe täglich daran…

    • Martin Bartonitz
      Januar 2, 2019 um 9:10 am

      Lieber Johannes,

      vielen Dank für Deine wertvollen Ergänzungen zur besser gelingenden Kommunikation! Das …:

      Es ist die HERZENSSPRACHE! Also wie wenn die Tonspur zwar läuft (die Worte eben), aber die Bildspur im Video nicht an ist – blöde Sache! Ich vermute, das liegt an einem ungewöhnlichen, sicherlich auf traumatischer Erfahrung basierenden „emotionalen Schutzbedürfnis“, das diese „Herzfrequenz“ dann offenbar nicht nach außen gelangen lässt, für die Zuhörer wahrnehmbar macht.

      … kenne ich auch bei mir. Ich kann mich zwar an kein konkretes stattgefundenes Trauma erinnern, aber klare Anzeichen sind bei mir erkennbar. Ich habe große Probleme damit, meine Gefühle wahrzunehmen und sie dann noch passend in Worte zu kleiden.

      Noch eine Leseempfehlung: Systemisches Konsensieren als Entscheidungsinstrument, ohne ein Machtinstrument zu sein

      Gerne möchte ich noch etwas an schlecht gelingender Kommunikation beschreiben:

      Ich bin bei OPTIMAL SYSTEMS, einem Hersteller von Software zur Verwaltungen von Vorgängen mit klassischen Dokumenten, Produktmanager. Eine meiner Aufgaben ist es, alle 2 bis 4 Wochen den so genannten Stakeholdern die neuen Funktionen der von mir verantworteten Komponenten vorzustellen, die mir ein sich selbstorganisierendes Team nach entsprechender Verhandlung fertiggestellt hat. Diese Präsentation findet immer Freitagmorgens statt, an einem Tag, in dem ich in der Regel im Homeoffice bin, 600 Km entfernt. Wenn ich im Homeoffice bin, präsentiere ich via Web-Konferenz. D.h. man sieht nur den Bildschirm und hört meine Stimme. Ich selbst ebenfalls nicht die Stimmung im Raum, in dem in der Regel 20 Menschen sitzen, komplett wahrnehmen. Meine Erfahrung damit ist, dass die Motivation zur Art und Weise der gezeigten Umsetzung viel schlechter zu transportieren ist als wenn ich doch selbst im Raum anwesend bin. Vieles wird doch über die Körpersprache kommuniziert, die über Web-Konferenzen nicht wahrgenommen werden kann und weshalb häufig nur die halbe Information ankommt und somit Missverständnisse stehen bleiben. Daher hatte ich mich entschlossen, doch real mit dabei zu sein. Das geht deutlich besser.

      Noch tragischer ist es mit E-Mail-Kommunikation. Hier fehlt neben der Körpersprache auch noch die Stimmmodulation. Inzwischen helfen Emotikons ein wenig, die Stimmlage noch ein wenig einzubringen. Dennoch geht so manchen Kommunikation so in den falschen Hals. Wenn ich eine kritischen Info habe, bin ich dazu übergegangen, das Telefon in die Hand zu nehmen, oder mich auf dem Weg zum Kollegen zu machen. Diese Bewegung hilf dabei zweifach: ich sitze viel am Schreibtisch und der Körper freut sich. Und Bewegung hilft dem Denken auf die Sprünge 😉

  4. Gerd Zimmermann
    Januar 2, 2019 um 11:49 am

    Jesus

    aber kennst du die Sprache der Tiere

    Ihr redet über die Kultur des Zuhörens.

    Gehe an das Meer oder gehe in den Wald
    und lerne die Kultur des Zuhörens.

    Zuhören ist die Sprache der Stille zu hören.

    Die Stille spricht alle Sprachen.

    Kein Vogel hat jemals ungarisch als Ursprache
    erlernt.
    Dein Denken ist unglaublich begrenzt.
    Man muss nicht das Ganze sehen.

    Das Ganze ist aber weit mehr, als die Summe
    seiner Teile.

    Dieter Vollmuth

    ganz sicher nichts für Menschen die gerade erst das
    Zuhören lernen wollen.

    Jesus
    wer Ohren hat der höhret.

    Vollmuth hat erkannt, wie man der Stille lauscht.

    Klang kommt aus der Stille.
    Aus der Ruhe, der Bewegungslosigkeit.

    Der Klang der Harfenseite kommt aus der Stille und kehrt
    auch in die Stille und Bewegungslosigkeit zurück.

    Alle Bewegung kommt aus der Bewegungslosigkeit und kekrt
    auch dahin zurück, um neu zu erscheinen.

    Das ist das Geheimnis der Schöpfung.

    • Johannes Anunad
      Januar 2, 2019 um 1:36 pm

      passt alles – es gibt eben äußerst unterschiedliche Ebenen der WahrNEHMUNG und KOMMUNIKATION mit unserer Mitwelt – und KEINE ist dabei BESSER oder SCHLECHTER, wie Gerd es uns hier wohl wieder einmal unterschwellig nahebringen möchte?

      Ach wie schön wäre es, wenn Dies und Das des oben Geschriebenen bei ihm etwas „eingesickert“ wäre…

      Immerhin leben wir hier auf dem Planeten eben allem voran in der Materie, wo Worte und deren Bedeutungen und Schwingung sowie das umfassende Verständnis darum (noch) großen Einfluss haben – und ZUGLEICH sind wir in ganz anderen Welten und Ebenen zu Hause…

    • Am.Selli
      Januar 3, 2019 um 9:28 am

      😉 SÄÄR SCHÖN ! 😉
      So wir in Gottes „Fuß-Stapfen“ gehen,
      werden wir dann irgendwann
      auch IHN selber sehen.
      Es ist an der Zeit !
      Bist DU bereit ?
      GeH !
      Übe !
      LIEBE !
      Selbst manche (Nur-)Gespräche
      halten die Himmels-Tür offen
      für ein ER-NEU-tes Hoffen.
      😉
      Auch die Psalter sind
      Tür-offen-Halter.
      Sprüche 9:
      Weisheit und Torheit
      laden zum Male …
      … ~ V ~ …

  5. Gerd Zimmermann
    Januar 2, 2019 um 2:36 pm

    Johannes

    erst einmal Alles Gute für das Neue Jahr.
    Stellvertretend auch für alle die sich angesprochen
    fühlen.

    Ich bin kein Messias, weder erleuchtet, noch wissend.

    Ich bin ein Kind geblieben.
    Ich frage.
    Auch nach.
    Auch zweimal.

    Warum ist das so !!!

    Warum ist im Herzen die 5000 fache elektromagnetische
    Energie messbar, wie im Gehirn.

    Ein Gehirn das denkt !!!
    Was soll dann die Hirn-Blut-Schranke ???

    Ich sage, erkläre mir das Johannes, greife Dich aber
    nicht persönlich an.

    Ich sage auch Dr Martin, meine aber seine schweigenden
    Fachkollegen und nicht Martin persönlich.

    Die Breite der Wahrnehmung ist im Blog Recht gross.
    Also von Abba bis Zappa.

    ABBA hat etwas und Zappa wohl auch.
    Dazwischen ist alles Andere vorhanden.

    Das Bõse kann es nicht ohne das Gute geben.
    Sonst würde ja das Böse denken es wäre das Gute.

    Ich wünsche mir weiterhin viele Denkanstöße
    in und auf Martins Blog.

    • Johannes Anunad
      Januar 2, 2019 um 3:46 pm

      Hallo Gerd,

      ZUhören oder HINhören?
      Miteinander kommunizieren oder Statements abgeben???

      Ich kann wieder einmal wenig Bezug zu dem erkennen, was ich vorhin schrieb…
      Auch kaum zu dem Artikel…
      Gerade DIESER Beitrag lädt doch dazu ein, zur direkten Bezugnahme, meine ich…

      Gerd, geht es Dir wirklich um DENKanstöße???
      Geht es denn wirklich noch immer um’s DENKEN???
      Öffne doch einfach Dein Herz und LAUSCHE einmal auf das, was hier mitgeteilt wurde…
      Lass Dich berühren davon.

      Und lass Dein SELBSTbild doch mal kurz beiseite, das Du uns hier wieder mitteilst.
      BIST DU das wirklich???
      Hast Du Dich DAS schon mal gefragt?
      Oder führst auch Du (wir wir wohl alle meistens :-)) hier eher Dein eigenes Theaterstück auf?
      Und hättest uns gerne als Komparsen darin?
      Ja, Komparsen: Die haben nämlich keine eigenen Sprechbeiträge… 😮

  6. Gerd Zimmermann
    Januar 2, 2019 um 5:37 pm

    Über die Feiertage, Sim sala Grimm.

    Nicht oder hat Tula verstsnden?
    Mir egal.

    Über die Feiertage, Harry Potter, Herr der Ringe,
    Old, schon Scheintod, usw.

    Raumpatrouille.

    Älter als eine Steinzeit.

    Das Bewusstsein hat keine Wahl,
    ausser umschalten.

    Du schaltest um, Herr deiner Sinne.

    Verliere nie den Glauben in dich und deine Fernbedienung.

    Einmal verliere auch ich das Intresse.
    An Dir.

    Prinzessin.

    Heirate einen König.

    Im Märchen kein Problem.

  7. Gerd Zimmermann
    Januar 2, 2019 um 7:44 pm

    Lustig

    Zuhören und dem Hirten folgen.
    Mehr habt ihr nicht gelernt.

    Brave Schafe hören immer dem Hirten.

    Ich schwarzes Schaf brauche den Hirten nicht.
    Wofür, um mir den Weg zu weissen?

    Lass dir den Weg weissen, sei es durch zuhören.

    Welchen Weg ???

    Ganz sicher nicht deinen Weg.

    Den Weg eines selbsternannten Schäfermeisters.
    Ihr Schafe, hört mir zu.
    Schafe werden zuhören, denn sie wollen geführt
    werden, genauso wie du.

    • Johannes Anunad
      Januar 2, 2019 um 11:07 pm

      Ach Gerd, was projizierst Du da nur wieder…
      und auf WEN???

      Auch ich finde es in der Tat zunehmend uninteressant, diesen Aphorismen zu folgen…

  8. Fluß
    Januar 4, 2019 um 3:10 pm

    Ich nehm ja gerne die wORTE auseinander.
    Und hinterfrage die Bedeutung. Letztens lief ein kleiner Sketch, da ging es genau um die dt.spRache und was geschieht, wenn ihr genau genau gefolgt wird. UmGANGs-sprach-Lich-ES wie ein Buch zu-Schlagen ist da geWalt. Aber geWalt-en-TEIL-ung gibts als Institutionen, was sagt das über die Gier-Archie.
    Übrigens sagte Gerd mal, daß er so sdhreibt wie es gedacht ist, also es ist aufgeladen mit beDEUTung. Deuten kommt vom ver-STAND. Er hinterfragt also nicht, was andere denken/fühlen könnten. Er sieht sich als gedacht, nur kann jede/r selber das Gammaband beeinflussen.

    Hin-hören, ZU-hören, auf-hören. Auf und hören. oder das Wort be-vor-Rat-ung, Prepper gibts ja auch in der Polizei. Oder vor-Bild, da macht einer vorher ein Bild, bevors jemand anderes tut. Imprägniert also und Fans als Fanaticker folgen.

    Wörter sind Formeln, auch ARD alpha lief was über Heisenberg. Er nennt ja die physi-kali-schen Formeln Steno-Grafie.

    Ein Bild (Hieroglyphe) wird mit beDeutung imprägniert und mit Gefühl = Hypnose. Also Bild und Inhalt.

    Oder Soft-ware braucht Hard-Ware. Ist die getrennt, gibt es keinen Kontext, Verbindung.

  9. Gunhild Ziegenhorn
    Januar 10, 2019 um 9:40 am

    Lieber Martin, es tat mir gut, ihren Text zu lesen! Hier in Karlsruhe gibt es das Netzwerk Gewaltfreie Kommunikation. Ich gehe davon aus, dass Sie Ihre Kenntnisse auch daher haben. Ich bin Mitglied dort und fühle mein Leben durch diese wunderbare Kommunikation sehr bereichert.
    Wie wunderbar wäre es, wenn die Politiker sich mal in der GFK schulen lassen würden.
    Und wenn sie es denn dann auch umsetzen könnten/würden, wären wir der Bewunderung der politischen Welt sicher! Ach, nicht daran zu denken, dass das den Weltfrieden fördern würde …

    • Martin Bartonitz
      Januar 10, 2019 um 9:56 am

      Liebe Gunhild, ja, das wäre auch in der Politik sehr wohltuend zu beobachten, wenn achtsam miteinander um die beste Lösung gerungen würde.
      und Zufall: Diese Woche fand ein entsprechendes Training für die Mitglieder des Forum Agile Verwaltung statt. Ich konnte leider nicht teilnehmen, bin aber gespannt, was meine KollegInnen zu berichten haben.
      Herzliche Grüße, Martin

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