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Der Proletarier war wieder am Ende seines Lateins

Silvio Gesell, Begründer der Freiwirtschaft (Foto: Wikipedia)

Alles ist im Fluss. Vieles ändert sich, weil schlaue Köpfe einen Arbeitsprozess vereinfachen, um Zeit und menschliche Energie zu sparen. Für die einen ist es ein Fluch, für die anderen dagegen ein Segen. Fortschritt ist daher ein sowohl als auch. Nur, wie müsste eine Gemeinschaft beschaffen sein, so dass Jene, die nichts haben, in diesem Fortschritt nicht abgehängt werden, und zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel haben? Silvio Gesell, den wir hier schon einige Male gelesen haben, hat auch dazu Interessantes kontrovers geschrieben:

Der Proletarier war wieder am Ende seines Lateins

In Havanna trafen kürzlich Kisten aus den Vereinigten Staaten ein, mit Maschinen für die Herstellung guter und billiger Zigarren. Die aufgeklärten Zigarrenarbeiter in Havanna vermochten aber das Ausladen der Maschinen zu verhindern, und so fuhr das Schiff mit den guten Maschinen wieder dorthin zurück, woher es gekommen war. Die Zigarrenarbeiter aber freuen sich über ihren „Sieg“, der sie vor Arbeitslosigkeit und Lohndruck schützen soll.

Stillstand ist Rückschritt. Auch diese Politik der kubanischen Zigarrenarbeiter muss als Stillstand, somit als Rückschritt bewertet werden. Rückschritt dient also hier als Kampfmittel gegen Arbeitslosigkeit und Lohndruck! Nun wird jeder zugeben, dass, wenn der Rückschritt für die Tabakarbeiter vorteilhaft ist, der Rückschritt auch für alle anderen Arbeiter vorteilhaft sein muss. Wir wissen, wie schlecht den Webern die Erfindung des mechanischen Webstuhles bekommen ist. Hätten doch damals die Weber den Mut der kubanischen Tabakarbeiter gehabt und hätten sie alle mechanischen Webstühle zerschlagen! Da hatten die hessischen Schiffer, die auf der Weser Papins Dampfschiffmodell zerschlugen, doch mehr Weitblick gezeigt. Und die Fuhrleute, die die Schienen der neu erbauten Eisenbahn wieder aufrissen, handelten sie nicht auch im Geiste der Tabakarbeiter? Und so überall in der Welt, auf allen Gebieten der Technik? Immer wird es so sein, dass der Fortschritt in der Technik die Interessen einzelner Menschen, ganzer Gruppen verletzt. Die Erfindung amerikanischer Landbebauungsmaschinen gab z. B. seiner Zeit den Anlass zu der so genannten Not der Landwirtschaft, die den ökonomischen Ruin unzähliger Gutsbesitzer und Bauern verschuldete und die uns die Agrarpolitik brachte, von der der Gedanke des „Geschlossenen Wirtschaftsgebietes“ kam, der wieder die imperialistischen Bestrebungen weckte, mit denen wir in den Weltkrieg gerieten. Hätten wir doch auch damals die landwirtschaftlichen Maschinen bei ihrer Ausschiffung in Hamburg zerschlagen! Dann könnten die Bäuerinnen heute noch das Korn mit Flegeln dreschen und hätten den ganzen Winter über die schöne Arbeit von morgens 2 Uhr bei einer trüben Stalllaterne bis abends 6. Wie herrlich wäre es gewesen und wie gut würde uns doch das mit der Hand von schwitzenden Menschen gedroschene Korn schmecken! Und wie idyllisch der Gedanke, dass das Brot uns nicht auf kalten Eisenbahnschienen zugeführt wird, sondern auf gemütlichen Landfuhrwerken, gezogen von wiederkäuendem Getier! Wie interessant waren die auf schweißtriefenden Pferden durch einen besonderen Kurier überbrachten Eilbriefe mit der Mitteilung, dass die Schwiegermutter unterwegs sei, wie interessant, verglichen mit der heutigen telephonischen Mitteilung gleichen Inhalts!

Es fehlte eben damals wie noch heute an entschlossenen Männern, wie sie in Havanna jetzt aufgetreten sind. Es fehlt überall der Arnold von Winkelried, der sich dem Fortschritt der Technik, der Arbeitslosigkeit und dem Lohndruck entgegenzustemmen weiß, unter Umständen mit Opferung des Lebens, bis dass der Lohn des mit Maschinen arbeitenden Proletariers, der heute in Amerika – dank diesen Maschinen – bereits 8 Dollar (Anmerkung: entspricht etwa 100 Dollar nach heutiger Kaufkraft) täglich etwa erreicht hat, wieder auf das Niveau des kubanischen Landarbeitslohnes gesunken ist.

Auf also, lasst uns die Kubaner nachahmen! Zerschlagen wir allgemein alle Maschinen, alle Eisenbahnen, Druckereien, Telegraphen, alles, restlos alles, was die Arbeit erleichtern könnte, bis hinab zur Steinaxt, die die Produktivität der menschlichen Arbeit doch auch ganz ungebührlich steigerte. Fort mit all diesem Unsinn, und wenn es nicht reicht, so hauen wir allen Männern eine der beiden Hände ab! Wie viel mehr Zigarrenarbeiter werden in Havanna nötig sein, wenn sie nur mehr eine Hand haben!

Kratzen wir die Ackerkrume mit unseren Fingernägeln auf, zünden wir das Feuer durch stundenlanges Reiben von Holz an. Dann werden wir wieder richtig wie früher in Höhlen leben dürfen.

Die kubanischen Tabakarbeiter sind keine Kapitalisten, die warten können, bis dass sich die Rückwirkungen der Zigarrenverbilligung fühlbar bei anderen Industrien machen werden. Sie haben auch nicht das Geld, um etwa im Ausland Arbeit zu suchen. Sie leben von der Hand in den Mund und müssen darum auch eine Hand-zum-Mund-Politik betreiben und vor der Welt als Maschinenstürmer sich lächerlich machen. Die Zerschlagung der Maschinen ist vom Standpunkt der Proletarier vollständig vernünftig. Wie unvernünftig aber muss eine Wirtschaftsordnung sein, in der offener Blödsinn zum Mittel der Selbsterhaltung wird, wo der Kampf ums Dasein die Masse des Volkes zu widersprechenden, blödsinnigen, barbarischen Maßnahmen drängt, wo sie vom Rückschritt fortschrittliche Folgen für sich erwartet! Ja, wahrhaftig, wie blödsinnig muss die Wirtschaftsordnung der Leute sein, die über die Politik der Tabakarbeiter lachen!

Wie verlaufen aber nun die Dinge in der von uns erstrebten freiwirtschaftlichen Ordnung? Müssen dann auch noch zum Schutz gegen Arbeitslosigkeit und gegen Lohndruck die Maschinen zerstört werden, mit denen man die Arbeit zu erleichtern sich bestrebt? Können wir dem Mann, der als Zigarrenarbeiter alt und grau geworden ist, versprechen, dass ihm die Erfindung von Zigarrenmaschinen keinen Schaden zufügen wird, dass er bis an sein Lebensende Zigarren wird drehen können, auch etwa dann, wenn es keine Nachfrage nach seinen Zigarren mehr gibt, entweder weil die Maschine billiger und besser arbeitet, oder weil man den Tabak nicht mehr raucht (kaut oder schnupft) sondern ihn kocht und ihn wie Kaffee genießt?

In der freiwirtschaftlichen Ordnung werden Nachfrage und Angebot nach wie vor die Preise der Arbeitsprodukte bestimmen. Hier muss jeder für sich sorgen. Kein Gott, kein Bonze und kein Tribun helfen da dem Arbeitslosen.

Wer hier durch eine neue Technik überflüssig gemacht ist, der muss sich nach einem neuen Erwerb umsehen, genau, wie das heute der Fall ist. Doch werden die Umstände wesentlich anders sein. Proletarier, das heißt, eigentumslose Menschen, die von der Hand in den Mund leben, die nicht die Mittel haben, einen neuen Beruf zu erlernen, in ein anderes Land zu ziehen, für die eine Arbeitspause von einem Monat oder Jahr zur Katastrophe wird, die wird es überhaupt nicht mehr geben.

Das Vermögen, das heute in den Händen weniger liegt, wird in mächtig erweitertem Umfang verteilt sein unter die Masse des Volkes und so wird jeder einen durch Betriebsumstellungen oder sonstwie erlittenen Schlag wohl ertragen können. Auch an die Mutterrente soll hier erinnert werden und an Freiland, wo jeder, der in den Städten Schiffbruch erleidet, einen letzten Zufluchtsort finden wird. Aber das wesentlich Neue der freiwirtschaftlichen Ordnung ist folgendes: Werden durch die Einführung neuer, Arbeit sparender Maschinen die Zigarren verbilligt, so muss sich sofort auf anderen Gebieten eine neue Nachfrage nach Waren zeigen, denn das Geld (Freigeld), das die Raucher an den verbilligten Zigarren sparen, muss irgendwo und zwar sofort zum Vorschein kommen, entweder in den Sparkassen, von wo aus es dann mit verstärktem Druck den Unternehmern angeboten wird, oder direkt in den Läden.

Zur Befriedigung dieser neuen zusätzlichen Nachfrage, die sich auf alle Gebiete der Industrie verteilen wird, müssen überall neue Arbeiter angestellt werden. Würden z. B. in Deutschland die Zigarren durch die Maschinen um etwa 100 Millionen Mark verbilligt, so werden sofort in der freiwirtschaftlichen Ordnung auch für 100 Millionen Mark andere Produkte nachgefragt werden – Theaterbillette, Pillen, Schnäpse, Literatur usw. Die Unternehmer würden sich die hierzu nötigen Arbeiter gegenseitig abluchsen, sodass die überschüssig gewordenen Zigarrenarbeiter leicht irgendwo einen Unterschlupf finden dürften, und zwar umso leichter, als es keine Reserve-Arbeiterbataillone (Massenarbeitslosigkeit) mehr geben wird.

Zu beachten ist auch hier, dass in der freiwirtschaftlichen Ordnung die Arbeiter zumeist selber die Aktie der Fabriken besitzen werden und daher auch selber darüber zu bestimmen haben werden, wann und in welchem Tempo die maschinelle Umstellung stattzufinden hat. In der freiwirtschaftlichen Ordnung wird der Typus des einfachen Arbeiters, der vom kaufmännischen und technischen Betrieb kaum eine blasse Ahnung hat, nach und nach, aber auf Nimmerwiedersehen verschwinden und durch einen Menschen ersetzt werden, der mit Umsicht und Selbstverantwortung seine Interessen zu wahren versteht, besser vielleicht, als es heute der Durchschnittsaktionär versteht.

Unter solchen neuen Verhältnissen würde das Vorgehen der kubanischen Zigarrenarbeiter kein Verständnis und noch viel weniger Unterstützung in der Öffentlichkeit finden. Niemand dürfte es dann noch wagen, einen Unternehmer daran zu hindern, Arbeit sparende Maschinen aufzustellen, oder ihn gar zu zwingen, bereits aufgestellte Maschinen wieder abzureißen. Bei uns, so wird es da heißen, herrscht der Wettbewerb uneingeschränkt. Sehe ein jeder, wo er bleibe. Bei uns wird gelebt von früh bis spät, von der Wiege bis zum Grabe. Wir lassen uns nicht von der Langeweile besiegen! Wir sind keine Versicherungsgesellschaft gegen den Fortschritt und weil wir das nicht sind, weil jeder als Konsument seine Interessen dadurch wahrt, dass er auf allen Gebieten dem Fortschritt freie Bahn schafft, stehen wir da, wo wir sind – individuell stark, wohlhabend und stolz.

Silvio Gesell, 1926

Anmerkung: Als Proletarier gilt Jener, der nichts besitzt außer seinem Körper, und daher maximal abhängig von der Gnade der Besitzenden ist.

  1. September 10, 2017 um 2:22 pm

    Hat dies auf haluise rebloggt.

  2. Fluß
    September 10, 2017 um 1:29 pm

    Dazu paßt Maras Umfrage. Da geht es drum wie jemand mit der heutigen Situation umgeht:
    http://maras-welt.weebly.com/blog/weisse-rose-20-ergebnis-der-umfrage

    “ Auch dieses Ergebnis überrascht mich nicht im Geringsten, zeichnet sich doch ein klarer Trend ab in der Gesellschaft. Überall kann man den Widerstand inzwischen spüren und sehen. Ich erinnere nur an den Wahlkampf der CDU, mit ihrem Zugpferd Angela Merkel an der Spitze. Fast überall mag sie keiner haben. Die letzte Meldung war, dass man jetzt schon mit (faulen?) Tomaten auf sie geworfen hat. Natürlich wird in dem Fall eifrig ermittelt. Wie lautet hier wohl die Anklage? Attentat auf ein „Staatsoberhaupt“? Tatwaffe ein Fruchtgemüse? Dabei war es vielleicht einfach nur ein Wutbürger, der seine Tomaten vorzugsweise (bevor sie auf dem Kompost landen) einem guten Zweck zuführen wollte? Dabei muss es sich auch noch um ein organisiertes Verbrechen gehandelt haben, denn es wurde gleich von zwei Tomaten berichtet, aus verschiedenen Richtungen.

    Auch auf Facebook, Twitter, YouTube, in Blogs und in den Kommentaren, nimmt der Wutbürger kein Blatt mehr vor den Mund. Da helfen auch die Einschüchterungsversuche des maaslosen Justizministers nichts mehr, mit seinem Stasi-Netzwerkdurchsetzungsgesetz. Sie kommen schlicht und einfach nicht mehr hinterher. Eine Mütze Mitleid bitte… “

    … maas-loses Justieren…

    • Fluß
      September 10, 2017 um 1:31 pm

      “ Teilnehmer insgesamt: 170
      davon Aufklärer: 44 –> davon andere: Menschen im Nebel umherlaufen / Kritikern, Rechercheuren, Widerständler …auch über fb / aufklären geht nur mit recherchieren / inzwischen nur noch im privaten Umfeld
      davon Beobachter: 27 –> davon andere: Aufgewacht und umfassend durchblickend
      davon Kritiker: 22 –> davon andere: kein Eintrag
      davon Rechercheure: 18 –> davon andere: kein Eintrag
      davon Systemtreue: 1 –> davon andere: kein Eintrag
      davon Widerständler: 52 –> davon andere: Patriot / friedliche nichtkoperation
      davon Andere: 5 –> davon andere: Geistig sittliches Wesen / Widerständler-nur punktuell aktiv. / Geistig sittliches Wesen “

      … geht da noch weiter mit der Unterteilung.

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