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Andrea Tosi – Initiator von REPEACE: Was steckt hinter diesem Begriff?

Andrea Tosi

Frieden ist die Abwesenheit von Angst.
Andrea Tosi – Aktivist und Initiator von REPEACE

Ich erhielt vor einiger Zeit auf Facebook eine Kontaktanfrage, die mich anschließend gut beschäftigte. Der geneigte Blog-Leser konnte dies im Dezember gut mitverfolgen, denn ich stellte hier drei Artikel über die Friedensbewegung Repeace ein:

  1. Ich bin ein Repeacer …
  2. „Frieden ist die Abwesenheit von Angst!“ – Von der Überzeugung der Repeacer …
  3. „Frieden ist die Abwesenheit von Angst!“ – Über die Mission und Vision der Repeacer

Mir gefällt das Konzept gut, Frieden nicht nur über die Perspektive auf Krieg zu definieren sondern viel umfassender zu betrachten. Andrea Tosi, der Begründer von http://repeace.com und seine frühen Mitinitiatoren sehen, dass sich viel mehr Menschen als nur die Antikriegsaktivisten für eine friedliche Welt einsetzen. Denn diese Menschen haben ein Problem erkannt, spüren eine Angst, und wollen dieses lösen. Und hinter jedem Problem steht ein Konflikt, den es mit friedlichen Mitteln zu beseitigen gilt.

Während des Übersetzens der drei Artikel aus dem Englischen ins Deutsche hatte ich schon gemerkt, wie vielschichtig die Gedanken zu den Konzepten sind, und dass dann noch viele Fragen für mich offen waren. Daher hatte ich Andrea nochmals um ein Gespräch gebeten, das ich Euch im Folgenden wiedergeben möchte.

Martin: Lieber Andrea, vielen Dank, dass Du Dir noch einmal Zeit nimmst, um über Dein Projekt zu sprechen. Was hat Dich motiviert, diese neue Bewegung zum Leben zu erwecken?

Andrea: Lass mich zuerst auch Dir Danken, dass Du schon die Ideen von Repeace in Deutschland begonnen hast, bekannter zu machen. Nun aber zu Deiner Frage, und da muss ich 17 Jahr zurückgehen. In 2000 musste ich schmerzlich erkennen, dass die US-Demokratie keine mehr war und dass die Medien den Eliten gehörte. Die manipulierte Präsidentschaftswahl zwischen George Bush und Al Gore hat mich wachgerüttelt. Ich war empört zu sehen, wie Wahlen durch Elektronische Voting Machines (Diebold: hier, hier und hier) in den USA tatsächlich manipuliert werden können. Der US Trend der sozialen Beteiligung zog mich bald in verschiedene Formen von “Aktivismus.” Als ich zwischen 2008-2009 mit viel Energie an zwei Protesten in San Francisco teilnahm, merkte ich, wie wenig zu erreichen war. Der eine Protest fand während der Durchreise der olympischen Fackel nach Peking statt. Hier ging es um die Befreiung von Tibet. Das andere Mal setzte ich mich für die Gleichheit in der Liebe während der kalifornischen Proposition 8 Kampagne ein. Mehr als enttäuscht musste ich feststellen, dass die Medien des Mainstreams über die aufwendig organisierten Proteste gar nicht bis nur minimal berichteten, und wenn, dann in einem negativen Licht.

Hinzu kam, dass ich viel Geld an Organisationen spendete, die die gleichen Themen abdeckten, und dadurch mein Email-Eingang schnell mit hunderten weiteren Aktionen überlief. Am Ende kam ich zu der Erkenntnis, dass etwas im kollektiven Bewusstsein nicht stimmen konnte. Trotz aller Proteste und Eingaben werden die Gelder für soziale Aspekte weiter gekürzt während die Kriegsausgaben oder die Ausgaben für mehr Sicherheit weiter wuchsen.

Martin: Stimmt, das Hochfahren des “Kriegshaushalts” sehen wir auch gerade wieder in Deutschland: es soll verdoppelt werden. Ich höre raus, dass Du Dich nicht mehr an diesen ineffektiven Protesten und Petition beteiligen wolltest. Welche Strategie hast Du denn dann verfolgt, Deine aufgewendete Energie für Verbesserungen im Sozialen nicht so verpuffen zu sehen? Wie kam es zu “Deiner” Friedensbewegung?

Andrea: Lass mich dazu noch ein wenig ausholen. Ich sah so viele soziale Konflikte und Ungerechtigkeiten, sowohl in den USA und Weltweit. Ich setzte mich ein, weil ich wütend war und merkte, dass unsere Institutionen kein Interesse haben, eine Transparente Demokratie zu bauen, die Umwelt zu schützen oder ganz einfach eine Gesellschaft, in der keine soziale Konflikte und Ungerechtigkeiten entstehen. Die Zukunft machte mir Angst, und ich empfand beides, die Empathie den Opfern gegenüber, und die Verantwortung etwas Konkretes zu tun. Ich war zwar ein Schweizer in den USA, aber es ist egal, wer man ist und welcher Nation man gehört. Ich finde, es ist eine Pflicht, für unsere Umgebung zu sorgen.

Neben der langen Liste von sozialen Beschwerden, Objekte von Demonstrationen und der Bemühungen bei Tausenden von Organisationen, merkte ich zwar eine wachsende Popularität des alten Friedenszeichen. Aber doch waren nach 8 Jahren Afghanistan und Irak die Anti-Kriegsproteste in den USA winzig, übersehbar. Als Schweizer fragte ich mich, wieso ist dieses Peace-Ideal so amerikanisch, warum hat es nach dem Vietnam-Krieg nichts mehr gebracht, und warum gibt es nicht nur mehr und viel stärkere Atomsprengstoffe (hier) sondern auch ein Versagen der Millionen von Bemühungen, aus der Atomenergie zu steigen? Nach Tschernobyl gab’s Fukushima. … Was leisten denn die Hunderten von NGOs, die uns immer wieder Emails schicken, uns um Spenden und Unterschriften bitten?

Die traditionelle Friedensbewegung mit ihrer Beschwerde ist eigentlich im US Aktivismus behafftet. Ich konnte mich nie mit der weißen Taube und dem Regenbogen identifizieren. Die bunten Blumen der Marke “Peace” waren mir zu nostalgisch. Aus einer einfachen Perspektive schien mir das Image ineffizient und überholenswert. Wir können uns an Beispielen orientieren, wo altes Design inzwischen einem radikalen neuen Design unterzogen wurde, wie dem VW Käfer oder dem Fiat 500. Und dennoch bleibt Frieden das höchste und flüchtigste aller Ideale. Und so wurde die Friedensforschung mein Focus. Ich wollte verstehen, warum sich so wenig tat. Den Aktivismus einflussreicher zu machen wurde mein Ziel, meine freiwillige Beschäftigung.

Durch meine soziale Beteiligung entdeckte ich etwas sehr Simples, das ich seit dem durch Repeace verbreitet habe. Aktivismus ist schon immer die Friedensbewegung gewesen. Wenn man allein Kriege und die atomare Abrüstung in die Friedensschublade steckt, dann verlieren alle andere soziale Kämpfe (Causes) an Relevanz.

Repeace ist die Strategie, alle Aktivisten, egal ob sie gegen Kriege, GMOs oder Korruption kämpfen und ihnen eine effizientere Identifikation zu ermöglichen. Wir kennen aus der Sozialpsychologie und von mehreren Beispiele in der Geschichte, wie Menschen sich im Rahmen eines Namens, einer Idee, die für bestimmte Werte steht, vereinigen. Repeace soll der neue Frame werden.

Martin: Damit war also die Definition von “Frieden ist die Abwesenheit von Angst” statt der alten “Frieden ist die Abwesenheit von Krieg”geboren. Wie kam es dann zu der Wortschöpfung ‘Repeace’. Peace war ja doch bekannt?!

Andrea: Genau: Es fängt an mit der Definition von Frieden an. “Frieden ist die Abwesenheit von Angst” ist eine passendere Definition, die allen Menschen einen Bezug erlaubt, egal ob ihr Land jemals Krieg erlebt hat. Wir definieren zum Beispiel auch “Gesundheit” nicht als Gegensatz von Krebs, weil sie die schlimmste Krankheit ist. Das würde uns in Ohnmacht halten. Wir verstehen und gelangen zum Unsichtbaren, indem wir es richtig verstehen, und Verhalten finden, die uns erlauben es zu meistern. Es geht um Kontrolle. Jeder kann mit Diät und ausreichend Bewegung gesund bleiben. Gesundheit bleibt auch flüchtig, aber wir SIND sie, wir WERDEN sie, weil wir Teil vom Prozess sind.

Peace, Frieden, müssen wir auch besser verstehen, und dabei reicht es, wenn man nicht unbedingt auf mich hört, sondern sich die Wörter der großen Friedensfiguren in der Geschichte in Erinnerung ruft.

Ich habe nach einem Begriff gesucht, der impliziert, dass wir Frieden neu denken, und damit richtig angehen. Und es muss in allen Sprachen und für allen Mitbeteiligten zugänglich sein. Und so kam ich in Anlehnung an RETHINK auf REPEACE. Holen wir uns also unseren Frieden allumfassend wieder zurück.

Martin: Lieber Andrea, ich denke, dass ist ein schönes Schlusswort.  Vielen Dank bis hierher. Gerne möchte ich mit Dir noch darüber sprechen, was seit der Idee des Neu-Framens des Narrativs Frieden schon alles passiert ist. Wir werden uns also wiedersprechen.

Andrea: Danke auch Dir und unbedingt 🙂 Bitte weise auch noch darauf hin, dass es inzwischen auch eine REPEACE-Webseite in Deutsch gibt! Hier sammeln wir u.a. Stimmen, die die Themen Verantwortung, Rechenschaft/Transparent und Meinungsfreiheit unterstützen und laden gerne ein, sich zu beteiligen.


Wer Andrea gerne etwas sinnlicher wahrnehmen möchte, hier ist er zu hören, wenn auch bisher nur in Englisch:

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