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Demokratie – in der Masse abgewählt

Aktuelle Wahlen betreffend … einige Gedanken des Literaten Immo Sennewald

… Wenn der öffentliche Diskurs obendrein vom Nachdenken über individuelle Verpflichtungen aufs Gemeinwohl entbindet, der Staat zwar Vieles verspricht, aber in unvermeidlichen Krisen und Konflikten immer weniger halten kann, dann kommt die Stunde der Rebellen, der Revolutionäre und charismatischen Führer. Der Anspruchsberechtigte macht sein Kreuz dort, wo seine Ansprüche vermeintlich wahrgenommen werden. Der Staat, den er will, soll gefälligst zu ihm passen.

In der Art hat das Houellebecq in seiner „Unterwerfung“ zugespitzt erzählt. Was Demokratie gefährdet, lässt sich ziemlich genau beschreiben. Was massenhaft erwünscht ist, auch. Mit Blick auf IOC, FIFA, EU, UNO, die meisten NGO, ihre medialen Hilfstruppen frage ich mich: Wer will eigentlich noch Demokratie und Rechtsstaat? Wer will mehr als die Freiheit der eigenen „Bedürfnisbefriedigung“ und „Anspruchsberechtigung?

 

Südwestfunk - hören und sehen, was wird

Wahlrecht_-_Das_Illustrierte_Blatt_-_Januar_1919Dass ehemalige Anhänger der Linkspartei im Berliner Osten ebenso wie in Meckpomm massenhaft zur AfD überlaufen, ist vollkommen verständlich. Ebenso wie – schon fast vergessen – Wählerwanderungen von bürgerlichen Parteien (dazu gehörte die SPD) in Richtung „Protest“ bei den absterbenden „Piraten“. Glaubte ich daran, dass der Staat gefälligst für mein Wohlergehen zu sorgen habe, wählte ich vermutlich auch eine Partei (oder schlüge mich einer stellvertretenden NGO zu), die mir verspricht, den Staat und die Gesellschaft dahingehend zu ändern, dass er seine Fürsorge vor allem meinen Interessen angedeihen ließe. An dieser subjektiven Wahrnehmung, zum Herdenimpuls verdichtet, starb nicht nur die Weimarer Republik.

Demokratie und Rechtsstaat sind ein verdammt schwieriges Geschäft. Leute, die gern Probleme im Interesse des Gemeinwesens – relativ unabhängig vom eigenen Vorteil – lösen, lassen sich darauf ein, aber auch Karrieristen. Für sie kommt dann selten ein schneller Profit des Typs „Mir nützt, was anderen schadet“ in Sicht. Mit…

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  1. November 23, 2016 um 6:19 am

    Herr Bartonitz, Sie fragen : Wer will eigentlich noch Demokratie und Rechtsstaat? Wer will mehr als die Freiheit der eigenen „Bedürfnisbefriedigung“ und „Anspruchsberechtigung?

    Meine Antwort : ich will Demokratie, und ich weiss mich damit in guter Gesellschaft vieler Gleichgesinnter.

    Ich will gar nicht bestreiten, dass auch die (direkte oder indirekte) Demokratie wiewohl die beste, so doch eine unvollkommene Staatsform ist (Zitat Churchill: „.., aber ich kenne trotzdem keine bessere“). Ich verstehe auch durchaus, dass die Demokratie aufgrund ihrer Unvollkommenheit Defizite bezüglich Wahrnehmung der Bürgerrechte hat, deshalb manchmal ein gewünschter Erfolg (eine Entscheidung im Interesse der Bürger) ausbleibt und daher die Bürger das Interesse an der Demokratie verlieren.

    Um diesem Interessen-Verlust zu stoppen, habe ich mir Gedanken gemacht darüber, wie in einer Demokratie die Entscheidungsrechte der Bürger verbessert werden können.
    Her mein Vorschlag :

    Stärkung der Demokratie : Bessere Entscheidungsrechte der Bürger

    Grundsatz:

    Jeder Bürger hat das Recht auf bestmögliche Vertretung seiner Interessen durch ein Mitentscheidungsrecht mit genau 1 Stimme (seiner eigenen) bei allen „staatlichen Entscheiden“ (welche durch staatliche Instanzen im Namen des Volkes getroffen werden), von denen er betroffen ist. Dieses Mitentscheidungsrecht nimmt der Bürger wahr bei staatlichen Entscheiden, welche getroffen worden sind durch

    – die Legislative (Parlamente) bei der Gesetzgebung mittels eines fakultativen oder fallweise obligatorischen Referendums-Rechts sowie durch Sach-Abstimmungen

    – die Exekutive (Regierung und Behörden) mittels Einsprache

    – und die Judikative mittels eines Rekurs-Rechts.

    Dabei soll er neu ausdrücklich das Recht haben, zwecks besserer Interessen-Wahrnehmung sich von einem Fachmann vertreten und dadurch unterstützen zu lassen.Das Konzept der getrennten 3 Staatsgewalten zwecks breiter Verteilung der Staatsgewalt ist durch die gegenseitige Kontrolle dieser staatsmonopolistischen Gewalten unter Ausschluss einer demokratischen Kontrolle durch die Bürger unbefriedigend. Daher ist eine Ergänzung durch eine übergeordnete Staatsgewalt (die ich als Resolutive bezeichne) notwendig, welche im Auftrag aller Bürger die letztendlich gültige Entscheidung trifft. Mitglieder dieser Resolutiven (als Polit-Anwälte oder als Rechts-Anwälte bezeichnet) werden persönlich vom Bürger mandatiert, wobei dieses Mandat rechtlich als Auftrag zu betrachten und daher jederzeit widerrufbar ist. Die Anwälte informieren ihre Mandanten über anstehende politische bzw. rechtliche Entscheidungen, teilen ihm die nach ihrer Meinung für den Mandanten (!) bestmögliche Entscheidung mit und stimmen dann ab in seinem Auftrag und Namen.
    Selbstverständlich steht es dem Bürger frei, vom Anwalt entgegen der anwältlichen Empfehlung eine andere Stimme in seinem Namen zu verlangen. Er kann auch entscheiden, auf eine Anwaltsmandatierung zu verzichten und sein Stimmrecht selber wahrzunehmen. Der Bürger, der sein Entscheidungsrecht selber ausübt (also selber „stimmen geht“), ist dann ebenfalls Teil der Resolutiven – er hat dann das Mandat zur Vertretung der politischen bzw.rechtlichen Interessen sich selber übertragen und ist sein eigener Polit- bzw. Rechts-Anwalt.

    Umsetzung:

    – Bei allen staatlichen Entscheiden ist die Resolutive die höchste und letzte Entscheidungsinstanz.
    – Den bereits bestehenden Staatsgewalten wird die Resolutive übergeordnet.
    – Das Stellvertretungsverbot bei Abstimmungen und Wahlen ist zu ersetzen durch eine geeignetere Bestimmung, welche Stellvertretung im Interesse des Bürgers zulässt und trotzdem Missbräuche verhindert (durch Bedingungen zur Zulassung als Entscheidungs/Stell-Vertreter mittels Kompetenz-Nachweis und Anwaltskammer).

    Erläuterung:

    In der repräsentativen Demokratie werden bei Entscheidungen die Interessen eines einzelnen Bürgers vertreten (oder eben nicht vertreten) durch eine von einer Mehrheit, aber möglicherweise nicht vom betroffenen Bürger selber gewählten Person. Demgegenüber ist die direkte Demokratie geeignet, diese vom Bürger als gerecht empfundene Mitentscheidungs-Kompetenz grundsätzlich zu ermöglichen. Eine echte und nachhaltige Interessen-Wahrnehmung setzt jedoch voraus, dass der Bürger zur Wahrnehmung seiner legitimen Interessen die für ihn bestmögliche Entscheidung trifft, was aufgrund der (zum Teil in eigennütziger Absicht von Politikern geheim gehaltenen oder „angepassten“) Informationen sowie möglicherweise mangelndem Sachwissen erschwert wird. Hier verhilft der persönlich mandatierte Anwalt dem Bürger zu einer für ihn besseren Interessenvertretung, so wie ein Rechtsanwalt in Rechtsfragen meistens eine bessere Interessenvertretung für den vertretenen Bürger erzielt.
    Ein weiterer Unterschied liegt in der Dauer von Funktion und Mandat : Parlamentarier, Exekutiv-Mitglieder sowie Richter üben ihre Funktion über eine längere Frist (meistens zumindest 3-4 Jahre) aus, was im Sinne der Kontinuität dieser Funktion durchaus sinnvoll ist, auch dann, wenn der Bürger punktuell mit deren Funktions-Ausübung nicht zufrieden ist. Polit- oder Rechts-Anwälten hingegen kann der Bürger bei Unzufriedenheit mit den Konsequenzen aus deren Empfehlung oder Entscheidungs-Vertretung das Mandat jederzeit entziehen.

    Das vorgeschlagene Konzept verspricht eine erhebliche Verbesserung der Stimm- und Wahlbeteiligung sowie des Vertrauens in die Politik und den Staat, weil ein Mandat immer auch ein Vertrauens-Verhältnis begründet, und es hat das Potential, eine neue Berufsgattung (den Polit-Anwalt) zu schaffen.

  2. Fluß
    September 23, 2016 um 9:15 pm

    @ Mu

    das mit der Mumie ist von upvs.
    Ich hab die Frage gestellt wieviel eine Mumie wiegt, weil Silver noch der alte Meinung anhängig ist, daß mind. 70 % Wasser in einem selber oder der Erde ist.
    Laubfrosch hatte dementsprechend geantwortet.

  3. Fluß
    September 23, 2016 um 8:21 am

    Was ist Politik …

    http://www.initiative.cc/Artikel/2016_08_16_Geschichten.htm

    Der Sohn fragt: „Papi, was ist eigentlich Politik?“

    Erklärt der Vater: „Das ist ganz einfach… sieh mal… Ich bringe das Geld nach Hause, also bin ich der KAPITALISMUS. Deine Mutter verwaltet das Geld, also ist sie die REGIERUNG. Der Opa passt auf, dass hier alles seine Ordnung hat, also ist er die GEWERKSCHAFT. Unser Dienstmädchen ist die ARBEITERKLASSE.

    Wir alle haben nur eines im Sinn, nämlich dein Wohlergehen. Folglich bist Du das VOLK. Und Dein kleiner Bruder, der noch in den Windeln liegt, ist die ZUKUNFT. Hast du das verstanden, mein Sohn?“ Der Kleine überlegt, und bittet seinen Vater, dass er noch eine Nacht darüber schlafen möchte…

    Nachts wird der Junge wach, weil sein kleiner Bruder in die Windel gemacht hat, und furchtbar brüllt. Da er nicht weiss, was er machen soll, geht er ins Schlafzimmer der Eltern. Da liegt aber nur seine Mutter, und die schläft so fest, dass er sie nicht wecken kann. So geht er in das Zimmer des Dienstmädchens, wo der Vater sich gerade mit derselben vergnügt, während der Opa durch das Fenster unauffällig zuschaut.

    Alle sind so beschäftigt, dass sie nicht mitbekommen, dass der Junge vor ihrem Bett steht. Also beschliesst der Junge wieder schlafen zu gehen. Am nächsten Morgen fragt der Vater seinen Sohn, ob er nun mit eigenen Worten erklären kann, was Politik ist:

    „Ja“, antwortet der Sohn: „Der KAPITALISMUS missbraucht die ARBEITERKLASSE und die GEWERKSCHAFT schaut zu, während die REGIERUNG schläft. Das VOLK wird vollkommen ignoriert und die ZUKUNFT liegt in der Scheiße. DAS IST POLITIK!“

  4. muktananda13
    September 22, 2016 um 7:27 pm

    Wie viele Menschen, so viele Meinungen.
    Und wie viele Glücklichen, so viele Wahrhheiten.
    Jedoch dort, wo Vielzahl steht, ist Illusion vorhanden.

    Das Ego kämpft gegen alle anderen Egos.
    Kampf ist die Sicht des Sichtlosen.

    • Fricke
      September 22, 2016 um 7:53 pm

      „wen interessiert schon, wieviel eine Mumie wiegt…“ Laubfrosch

      • muktananda13
        September 22, 2016 um 8:00 pm

        Die Mumie eines Frosches selber.

    • Fricke
      September 22, 2016 um 11:23 pm

      Der italienische Faschismus verlangte die Unterordnung des Einzelnen unter die „Nation“, die angeblich „größer“ war als der Einzelne.

      Und „Kampf ist die Sicht der Sichtlosen“ = Kampf der Gladiatoren mit sichtlosen Helmen, Spartacus.

      Klingt Schizophren.

      Nehmen Sie ein paar Ballettstunden bevor Sie den Spagat üben.

      • Fricke
      • muktananda13
        September 23, 2016 um 3:52 pm

        Du verstehst nur Dampf , lieber dampfdenkender Mitsteiter .
        Wie man bereits sieht, stehst du nur auf Kampf, obwohl blind.

        • Fluß
          September 23, 2016 um 5:05 pm

          ,Nee, er will Neutralität reinbringen.
          Mal hinter die Mauer schaun.
          Sehr sehr leise.

          😉

        • Fricke
          September 23, 2016 um 7:33 pm

          Blind, taub und stumm, wenn schon, Knallfrosch. Ihren Dampf dürfen Sie gerne ablassen, nur sprechen Sie nicht von mir als Ihren Mitstreiter. Mir persönlich gehen Sie am Allerwertesten vorbei.

          • muktananda13
            September 23, 2016 um 8:00 pm

            Wenn dein Allerwerteste ein Organ ist , bist du nur ein armes Tier. Dennoch ärmer geistig als jeder reicher Affe.
            Die Welt ist voller armen Affen, die als reichgeistige Menschen auftreten. Anscheinend willst du ein knallfröschiger davon sein.

          • Fluß
            September 23, 2016 um 9:11 pm

            Was stört sie daran, daß ich die Luftballons mag?
            Ich hab mal mit meinen Kindern welche fliegen lassen, das war auf ner Veranstaltung.
            Das muß man nämlich anmelden, wegen dem Flugverkehr.

  5. Fricke
    September 22, 2016 um 7:16 pm

    Demokratie hat keine Feindbilder und auch keinen Herrschaftsanspruch.

    Das was nicht erst seit heute sichtbar ist, sind

    Eier, bunt, Luftballons, Himmel.

    war da noch was………….?

    Ein Testballon nach dem Anderen. Regt(e) sich Widerstand? Oder könn/t/en unter dem Deckmantel „progressiver“ Bewegungen reaktionäre Rücknahmen von demokratischen Errungenschaften erfolgen (bzw. diese partiell auszuhebeln oder einzelnen Gruppen zu entziehen oder in Gänze zurückzunehmen)?

    Stresstest?

    Erschöpft?

    oder garnicht´s mitbekommen?

    Der alte Dunst.

    • Fricke
      September 23, 2016 um 12:00 am

      zurück zum Thema.

      Gegenwärtige Demokratie („Polyarchie“) ist eine Herrschaftsform, und deshalb muss man sie zunächst von oben nach unten betrachten, um sie zu verstehen.

      Demokratie hat für Herrscher nämlich die angenehme Eigenschaft, dass Konkurrenten gut sichtbar sind. Sie schleichen sich nicht durch den Wald an den Palast heran, um ihn zu erobern, sondern sie stehen weithin sichtbar auf freiem Feld. Dort treffen sie nicht auf die aggressiven Truppen des Königs, sondern auf einen freundlich werbenden Kämpfermarkt: „Mach doch bei uns mit, wir wollen auch da rein in den Palast“ werben sie scheinbar offenherzig um jeden Machtwilligen, den sie im Erfolgsfalle umsorgen und beschäftigen, damit er zwar den Eindruck hat, sich permanent auf den Palast zuzubewegen, den er aber tatsächlich nie erreichen soll, denn die neuen Freunde sind natürlich Vasallen des Königs oder schlicht Konkurrenten. Der demokratische Wettstreit ist eine Ergotherapie für alle Konkurrenten der Herrscher. Sie dürfen sich um die Macht bewerben und frühzeitig das Gefühl bekommen, ihr schon nahe zu sein, sie werden beschäftigt mit unzähligen Foren für Selbstdarstellung, mit der Proklamation von Forderungen und Programmen, mit der Mitwirkung in Gremien. Um ihr menschlich-genuines Aggressionspotential zu bändigen, werden die Konkurrenten der Macht von den Mächtigen sogar gefüttert – schon im kleinsten Ortsbeirat gibt es Aufwandsentschädigungen für die schwere Tätigkeit des Sitzens, und man macht nicht einmal einen Unterschied zwischen den eigenen Unterstützertruppen und den angeblich doch bedrohlichen Konkurrenten.

      Aus Sicht des Ethologen ist Demokratie ein sehr gutes Sozialmodell: es reduziert ressourcenverschwendenden Mord und Totschlag und schont die Kräfte der Anführer, weil sie Konkurrenten für ihre eigenen Zwecke einspannen, anstatt mit ihnen zu streiten. Regierungsfraktion und Opposition mögen sich zwar in der Bundestagsarena fürs Publikum unversöhnlich und kämpferisch zeigen, sie wissen aber doch um ihren einzigen (potentiellen) gemeinsamen Gegner: das Volk.

      Denn wie man es auch dreht und wendet: Politiker wollen etwas von der übrigen Bevölkerung. Sie drängen nicht nach oben, um Diener des Volkes zu sein, sondern um das Volk für ihre Interessen zu nutzen. Das ist normale Biologie.

      Wie immer bei sozialen Lebewesen wird die eigene Ausnutzung durch Mächtigere dann akzeptiert, wenn es entweder keine Alternative gibt (weil die Arbeiterin im Bienenstaat nun mal nicht Königin werden kann) oder eine Kosten-Nutzen-Rechnung die Rebellion unattraktiv macht (was sie noch lange nicht ausschließt, siehe Terrorismus). Deswegen ist es das Kerngeschäft der Herrscher auch in einer Demokratie, ihren Nimbus zu erzeugen; nur sie können angeblich all das Lebensfeindliche vom Volk fern halten, das es unsichtbar umgibt: Verbrechen, Terror, Krankheit, feindliche Mächte, Naturkatastrophen. Für diesen Schutz zahlt man, wenn auch nicht gerne, so doch reichlich.

      Wer – sozialwissenschaftlich verkorkst – dem nicht folgen mag, betrachte einfach die machterhaltende Funktion des Systems rein empirisch: von 1949 bis 2009 bildeten nur 3550 verschiedene Menschen die „politische Elite“ auf Bundesebene als Bundestagsabgeordnete – also etwa 0,003% der Bevölkerung; bis Juli 2013 gab es 208 verschiedene Mitglieder von Bundesregierungen, viele davon Abgeordnete. Nur 250 Politiker haben als „Seiteneinsteiger“ keine klassische Parteikarriere durchlaufen (Weyh 2013, Küpper 2013). Vier Seiteneinsteiger pro Jahr, gut 50 Karrieristen aus eigener Parteizüchtung pro Jahr, darunter sehr dauerpräsente Personen wie Wolfgang Schäuble (über 40 Jahre nonstop im Bundestag, vor knapp 30 Jahren das erste Mal Bundesminister). Demokratie bietet den Herrschenden also offenbar ein stabiles System zur Ausübung der Macht, und Emma Goldman‘s Satz erscheint aller Politologenhäme zum Trotz nicht unzutreffend: „If voting changed anything, they‘d make it illegal.“ (zit. nach Nassehi 2013b) Wählen soll nichts ändern, sondern stabilisieren.

      Sie ist weder gut noch schlecht, sondern einfach unter bestimmten Bedingungen relativ stabil. Und nur darum geht es aus Sicht des Systems.

      „Die Herrschenden haben die Demokratie nie freiwillig gewährt.“ Das ist inzwischen State of the art, wenn es schon die Bundeszentrale für politische Bildung sagt (2004). Allerdings schwingt in dem Satz schnell eine verkehrte Vorstellung mit: dass nämlich Demokratie zur Glücklich- und Seligmachung des Volkes da wäre. Das ist sie nicht.

      Demokratie wird gerne mit Begriffen wie Freiheit, Selbstverwirklichung, Rechtsstaatlichkeit, Fairness, Gleichberechtigung, Minderheitenschutz und dergleichen mehr assoziiert (so etwa Schubert/ Klein 2011). Darauf kann sich eine Demokratie einigen, sie muss es aber nicht (und tut es bei genauerem Hinsehen auch nicht). Auch eine Demokratie lebt von Abgrenzung, sie kultiviert Nationalismus weit mehr als etwa eine Monarchie, weil sie auf die fixe Idee angewiesen ist, dass eine bestimmte Gruppe von Menschen dazugehört (Wahlbürger) und andere eben nicht (Ausländer, alle Bewohner anderer Staaten).

      Und auch eine demokratische Gesellschaft, die ja heute stets eine kapitalistische ist, funktioniert nur mit deutlichen Klassenunterschieden, mit Reichen und Armen, mit Mächtigen und Ohnmächtigen.

      Selbst wenn man Demokratie idealisiert, ist es nicht ihre Aufgabe, alle Menschen an irgendetwas mitbestimmen zu lassen – auch das wird ja hartnäckig behauptet. Es ist dann vielmehr ihre Aufgabe, die besten Ideen hervorzubringen, was bedeuten könnte: Ideen, die nicht schlecht sind und von möglichst vielen, jedenfalls so vielen wie nötig unterstützt oder akzeptiert werden. Da es Herrschern gemeinhin völlig wurscht ist, was für eine Politik sie machen, solange sie von ihnen gemacht wird, ist eine solche Beteiligung des Volkes gänzlich unschädlich: soll es doch streiten um den richtigen Weg in der „Energiepolitik“, um Atomkraftwerke oder Kohleabbau, Nachhaltigkeit oder Wachstum, Fortschritt oder Steinzeit, soll es doch demons­trieren und Symposien veranstalten, Petitionen schreiben oder Vereine gründen – solange das Volk in seinem Spielzimmer bleibt ist alles in Ordnung und am Ende kann man als Herrscher großherzig den Willen des Volkes in einem Gesetz zum Ausdruck zu bringen wenigstens behaupten.

      Heidrun Abromeit (2008) benennt sechs denkbare Gründe für Demokratie:
      1. Selbstbestimmung jedes einzelnen,
      2. Herrschaft der Vernunft,
      3. Wettbewerb von Ideen und Meinungen,
      4. öffentliche Rechtfertigung der Regierung,
      5. allgemeine Wohlfahrt und
      6. Verhinderung von Tyrannei.

      Das meiste davon ist allerdings auch ohne Demokratie erreichbar, wie Abromeit einräumt. Nur wenn man an den kollektiven Entscheidungen, die den eigenen Handlungsfreiraum einschränken, beteiligt ist, lebe man selbst- und nicht fremdbestimmt, was letztlich nur über das Instrument des (Veto-)Volksentscheids sicherzustellen sei – als „Korrektiv gegenüber der Arroganz von Elitekartellen und der Selbstvergessenheit komplexer und undurchsichtiger Verhandlungssysteme.“

      Spaßig wird es aber, betrachtet man das Organisationssystem Demokratie von unten, aus Sicht der Beherrschten: dann erfüllt es plötzlich die Funktion, machtbesessenen Individuen potemkinsche Dörfer mit Einwohnern zu zimmern, die sie regieren dürfen, während ihr Handeln für das Volk möglichst folgenlos bleiben soll. Ersetzen wir „Volk“ durch „Wirtschaft“, ist mit breiter Zustimmung zu rechnen: Konzerne unterwerfen sich ja nur protokollarisch der Macht von Politikern, um möglichst ungehindert ihr wirklich Ding zu machen. Sie führen Scheingefechte und leisten Widerstand an völlig unbedeutenden Stellen, nur um die Politiker im Glauben der Macht und damit bei Laune zu halten.

      Dieses Modell lässt sich fürs Volk adaptieren und optimieren. Vielleicht wollen in Wahrheit ja gar nicht alle Menschen, die nicht selbst Berufspolitiker sind, beherrscht werden? Vielleicht wollen sie nur die Alphatiere aus dem Weg räumen? Das ist ihnen auch schon mit Königen und anderen Despoten gelungen, die zwar furchtbar sein konnten, aber im Idealfalle die eigene Scholle Land nie von ihren Soldaten haben plündern lassen.

      So gesehen wäre Demokratie dann eine gute Methode, allen nach Macht strebenden Politikern ein geeignetes Pöstchen zu schaffen, das uns im besten Fall nutzt, ansonsten möglichst wenig schadet. Wenn dies gelingt, haben wir natürlich nicht der Evolution ein Schnippchen geschlagen, sondern uns ihr nur weiterhin ergeben. Das ewige Fehlverständnis der evolutionären Spielregel: Survival of the fittest bedeutet nicht, dass sich der Mächtigste durchsetzt, sondern dass diejenigen die besten Fortpflanzungschancen haben, die sich am besten der jeweiligen Situation anpassen können. Das geht auf vielfältige Weise, vor allem auch ohne körperliche Stärke.

      Das meiste, was man zu Reformen der Demokratie lesen kann, will nichts grundsätzlich ändern. Bei den einen sollen sich einzelne stärker einbringen können, bei anderen Vorschlägen soll die Macht des Regierens gestärkt werden, es gibt zig Ideen zu formalen Veränderungen – nur um konkrete Politik geht es selten. Das ist, mit Wilfried Schmickler gesprochen, für mich persönlich uninteressant.

      Evolutionär erfolgreich ist Demokratie, wenn sie Zukunft sichert. Einen höheren Sinn muss man darin nicht sehen, ohne Religion dürfte es auch schwer fallen, aber rückblickend ist alles Leben immer nur dann als erfolgreich anzusehen, wenn es sich neuen Umweltbedingungen angepasst und seinen eigenen Lebensraum nicht so zerstört hat, dass es endgültig vorbei ist. Angenehmer Nebeneffekt für den Einzelnen: das Leben in einer stabilen Population dürfte gemeinhin angenehmer sein als in einer gerade aussterbenden. Angesichts der ungeheuren anthropogenen Veränderungen auf dem Globus in jüngster Zeit wird sich da niemand eine Prognose auch nur für einige hundert Jahre zutrauen – was ja selbst menschheitsgeschichtlich nicht einmal ein Wimpernschlag ist, vom Leben an sich ganz zu schweigen.

      Demokratie als Organisationsform, menschliches Leben auch in der Zukunft zu sichern, klingt so befremdlich nicht, ein Wust von Gesetzen soll angeblich Mittel zu diesem Zweck sein. Konterkariert wird dies freilich durch die reale Machtpolitik, der es eben nie um Zukunft geht, sondern um fettes Leben jetzt (nicht für alle natürlich, sondern für die Herrscher). Der möglicherweise evolutionsstabile Ansatz wäre daher, Politik als Dienstleistung statt als Herrschaft zu begreifen, Leiten als Dienen. Und dafür scheint Demokratie keine schlechte Idee zu sein. Probiert wurde Demokratie bislang allerdings nur in Ansätzen. Da geht noch mehr – und da wird es dann auch spannend.

      (Dieser Beitrag wurde – gekürzt – entnommen aus dem Buch von Timo Rieg: Demokratie für Deutschland -Von unwählbaren Parteien und einer echten Alternative“ (Berliner Konsortium 2013)

      • Fluß
        September 23, 2016 um 8:37 am

        … das ist so ein intellektueller Text, wo jemand schreibt, um sich selber als wichtig zu er-achten.

        Evolutionär erfolgreich ist Demokratie, wenn sie Zukunft sichert.

        Ein Menschengehirn ist nicht dazu gemacht zuzuhören um gleichzeitig zu erraten, was gemeint ist. Also wird abgeschaltet, der Mensch läßt sich berieseln und sagt ergeben ja.

        Nächster Satz: Einen höheren Sinn muss man darin nicht sehen…

        Ahä… Dieser man redet also für alle.

        Das ist ein Autor, der Satz-Phrasen zusammengetan hat. Das ist auch typische Rhetorik. Ich hatte mal ein Buch, da gabs 3 Spalten und egal wie man die Sätze verband, sie paßten ohne was auszusagen.

        Konterkariert wird dies freilich durch die reale Machtpolitik.. .

        Mannoman, was hat der geraucht: konterkariert.

        Obama und Clinton erscheinen als Hologramme, das ist real.
        Warnke verlacht als Ex-im-Raum-Fahrer die Leute, das ist real.
        Robotoide sind real.

        Manches ist Kunst und manches ist künstlich.

        • Fricke
          September 23, 2016 um 2:20 pm

          Frau Flüßchen oder auch Bach,

          entzückend Fachmännisch wie Sie sind, was sagt Ihnen Ihre Interpretation?

          Nächster Satz: Einen höheren Sinn muss man darin nicht sehen…

          Ahä… Dieser man redet also für alle.

          Konterkariert wird dies freilich durch die reale Machtpolitik.. .

          Mannoman, was hat der geraucht: konterkariert.

          ahso konterkariert
          etwas zu verhindern, untergraben suchen

          Viel Lärm Ihrerseits, nur ein paar Tasten Richtung Duden oder so.

          Was Sie unterschwellig treibt (und Sie schrieben an andere Stelle von Motiven), im Hinblick auf Ihre Interpretationen ist schlicht Ihr Problem mit Mann, nicht das vom Mann.

          man, man ,man Mannoman.

          • Fricke
            September 23, 2016 um 3:38 pm
          • Fluß
            September 23, 2016 um 5:00 pm

            Es ist doch ganz einfach. Wenn jemand erst nachdenken muß, was er/sie/ es sagen will – dann ist das nicht ausm Bauch heraus.
            Der Bach hat auch ein Gehirn.
            Ganz ehrlich: ich fühl da lieber rein und schau mir den Mennekicken an. Haben se ja auch schon geschrieben: minnimal 90 % der Kommunikation ist
            non-verbal.

            Wenns brennt und jemand solls löschen und jemand sagt dann „konterkariere es“, dem würde ich nachm löschen nen Einlauf geben (so bildlich gesehn). Weil so jemand hat ne Menge Verstopfung, andere sagen auch nen Stock im Arsch und noch andere nen Emotional-Panzer.

            Klar ist alles Kontakt, miteinander verbunden, penetriert sich – wie sie ja immer so gerne betonen.

            Ich strahl nur lieber aus mir heraus, weil so strahlts zurück. Und da ich aus der „Pflege“ kommen muß ich schnelle Entscheidungen treffen und nicht überlegen müssen, was so ein geschwulstiger Typ ausdrücken will.

            Im praktischem Leben ist so eine Ausdrucksweise nicht von Nöten.
            Aber es freut mich natürlich für sie, wenn sie den Duden fürs zusammenleben benötigen.

            In diesem Sinne.

          • Fricke
            September 23, 2016 um 7:27 pm

            Klären Sie das mit Ihren Mann und missbrauchen Sie doch nicht den öffentlichen Raum für Ihre internen Streitereien.

          • Fluß
            September 23, 2016 um 9:05 pm

            Wie kommen sie darauf, daß ich nen Mann hab?

  6. E. Duberr
    September 22, 2016 um 10:00 am

    Die Demokratie ist immer oder wird immer zur perfektesten Form der Diktatur. Dafür wurde sie erfunden. Diejenigen , die wirklich herrschen, kapern immer jedes System .Unsere Freiheit wird immer durch unsere Dummheit verspielt . Wir wissen wenig oder nichts von denen ,die die Puppen tanzen lassen. Wir lassen uns ständig ohne Unterlass belügen und betrügen .Von unseren Eltern und von unseren Lehrern werden wir mit Dummheiten berieselt .Die Lehrer , scheinbar hochgebildet , trifft besondere Schuld , denn sie treiben die Lügen im Staatsbürgerkundeunterricht auf die Spitze .Als Lakaien des Staates treiben sie uns auch noch den letzten Funken Vernunft aus .Manipulierte ,dressierte Staatsbürger werden dann später zur Wahlurne gerufen , um den Betrug zu unterschreiben .Uns kann man nicht helfen , solange wir zur Wahl gehen und uns als Stimmvieh benutzen lassen .

    Lehrer tragen und stützen grundsätzlich jedes System , egal welcher Farbe . Ihr Interesse gilt der Pension .Ihr Sicherheitsdenken wird von den jeweils herrschenden Verbrechern sehr gut belohnt .Desshalb sollte man sie zu Angestellten machen ohne Unterschrift auf der FDGO.

  7. Fricke
    September 21, 2016 um 6:06 pm

    Sturmvögel umrauschet die Krise

    Für alle Anderen gilt:

    Was demo-ralisiert hat, war die seit 1945 fraglose intellektuelle Diktatur in der Negativform der Nichtexistenz von wahrer Intelligenz.

    Dadurch gab es nicht nur eine „Wende in Europa“, es gab auch eine „Intelligenz“ samt Renaissance rechter und linker Klassiker und weiß der Teufel, was sonst noch alles.

    Panik haben Jene denen nix einfällt außer der „Übergang der Welt durch Magie“.

    Dabei handelt es sich nur um ihren eigenen Untergang durch ihre eigene Unfähigkeit.

    Es gibt „keine Magie“ vor der mir graut und das hilflose Motzen beruhigt mich, es vermehrt nur deren Grauen.

    Das Volk/die Nation einteilen in Gescheite und Blöde führt immer zum selben Resultat: Die untereinander meinungskonformen Intellektuellen sind die Obergescheiten, und das dissidente Volk sind die Unterdummen.

    Neurose ist die Qualitätsmarke des Intellektuellen. Also jetzt haßt euch mal richtig kreativ, ihr Schrumpfintellektuellen, die ihr nur noch aus Einer Riechnase besteht.

    Die Sinnlosigkeit, die Eiseskälte, die einprogrammierte Lieblosigkeit, das vereinigte progressive Höllengelächter über Kritik, das ist Eure Schuld.

    Ihr, die Demokraten, die ihr keine seit, bringt in unsere Demokratie, die keine ist, keinen Sinn, keine Wärme, keine Liebe.

    Bekommen Menschen keine richtigen Gefühle, nehmen sie falsche.
    Falsche Gefühle sind wichtiger als gar keine.

    Ihr seit die wahren Täter, ihr seit die „Hintermänner/Frauen“.

    Ihr solltet Euch freiwillig stellen bei der zuständigen gerichtlichen Instanz, beim moralischen Salzamt und solltet ein umfassendes Geständnis ablegen und endlich konkret angeben, wie ihr eure tätige Reue zu vollbringen gedenkt.

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