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Was bleibt vom Menschen dann noch übrig?

Guido schlug vor, dass dieser Kommentar vom Fingerphilosoph zu seinem Artikel Immer mehr Licht – und trotzdem tappen wir im Dunkeln  es wert sei, als eigener Artikel gebracht zu werden. Dem stimme ich zu:

Der aufrechte Mensch (Foto: Wikipedia)

Der aufrechte Mensch (Foto: Wikipedia)

Da muss ich wieder mal an das Schlussbild denken, das uns in der Bibel als „Erlösung“ und „Zielpunkt göttlicher Herrschaft“ genannt wird: die restlos von goldenen Kristallmauern umgebene Stadt, die weder der Sonne noch des Monds als Lichtquellen bedarf, denn es ist Gott selbst (das EGO?), der sie erleuchtet:

Und es wird keine Nacht mehr sein, und sie bedürfen keiner Leuchte und nicht des Lichts der Sonne; denn Gott der Herr wird sie erleuchten, und sie werden regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit (Offenbarung 22,5).

Es ist dies das große „innere“ Bild der Menschheit, das in seiner Umwendung in die Außenwelt nun konkret und damit sichtbar wird. Die Vision, die sich in der Innenwelt des menschlichen Kollektivs, des Gesamtbewusstseins (!)🙂 erhoben hat, konkretisiert sich in der Wirklichkeit als künstliche Elektrizität, als Stromnetz, als LEDs und OLEDs, als technisch-industrieller Moloch. Diese Stadt am Ende der Offenbarung ist das, was den Menschen vorantreibt, auch den östlichen, denn es stimmt ja, wenn Du die östlichen Megametropolen als Lichtorgien beschreibst. Der Mensch imaginiert sich nicht in die Natur, ins Paradies, in den Garten, zurück, sondern er imaginiert sich in diese goldene Stadt hinein, in die man „die Pracht und den Reichtum der Völker“ bringen wird. Das lässt nichts Gutes erahnen, wenn man denn bloß popeliges Mitglied eines der „Völker“ ist.

Ich frage mich, woher diese Vision kommt. Es ist nicht die Vision eines biologisch-körperhaften Wesens, denn für das Naturhaft-Ungeordnete ist in dieser Stadt kein Platz. Das angeblich lebendige Wasser ist klar wie Kristall. Physikalisch-tote Kristallstruktur, nicht die Winzlebewesen, die naturhaft billiardenfach im Wasser wuseln. Nicht vier Ströme wie im Paradies, sondern nur noch ein einziger. Vielleicht handelt es sich ja gar nicht um Wasser, wie wir es kennen, sondern um einen elektromagnetischen Strom. Rechts und links des Stroms, sauber angeordnet, Bäume des Lebens, die sich nicht mehr an den Naturzyklus halten und mehr an Reproduktionsfabriken erinnern als an „echte“ Bäume, da solche ohne Sonnenlicht ja rasch zugrunde gehen. Was passiert hier also?

Andreas Weber schlägt vor, die Außenwelt – das, was wir wahrnehmen -, symbolisch-poetisch zu betrachten. In dieser symbolisch-poetischen Wahrnehmung entspricht die Natur unserer Seele, unserem Gefühlsleben, und Artenvielfalt entspricht dem Reichtum unserer Seele. Und immer gibt es Ort, so tief verborgen, dass sie nicht erforscht werden können. Und immer gibt es das Geheimnis, die Überraschung, das Staunen.

Diese Entsprechung von Innen und Außen, das ist es, was ich zutiefst empfinde.

In derselben symbolisch-poetischen Wahrnehmung ist die goldene Stadt reiner Geist, reines Bewusstsein. Das Biologisch-Körperlich-Lebendige, das Dunkle und Schmutzige, aus dem wir als Menschen herkommen, ist überwunden. Der Schlamm, das Fleisch und das Blut sind reinen, glänzenden, kristallinen Strukturen gewichen. Es ist derselbe Mythos wie der in der Geschichte von König Midas, der alles, was er anfasst, in Gold verwandelt und dabei verhungert. Die Nacht und der Tod sind abgeschafft und, wie es aussieht, auch die Frau. Es ist der Traum des Transhumanismus. Der Traum des Menschen, der sich über seine Herkunft aus der Natur erhebt und sie hinter sich lässt.

Du sprichst von DEGENERATION des Menschen und Du hast Recht, wenn Du den Menschen als bios, als körperlich-lebendiges Wesen siehst, das in Stoffwechselkreisläufe eingebettet ist. Der Mensch lebt allem zuwider, was die Weisheit der Natur ihn lehren könnte und wird, als bios betrachtet, wird er von Generation zu Generation schwächer, kränker, unfähiger. Neulich habe ich gelesen, dass heutige Jungs über 20% weniger Körperkraft verfügen als ihre Väter im selben Alter.

Ich sehe es allerdings nicht als gegeben an, dass der Mensch seinem Wesen nach „bios“ ist. Vielleicht ist Degeneration das falsche Wort. Vielleicht geht es um Umwandlung. Vielleicht waren die Lebewesen, die das Wasser verließen, um an Land zu leben, in den Augen der Fische ebenfalls degeneriert. Die Augen der Fische sind eine Sichtweise, die der Vögel eine andere. Was geschieht wirklich? Ich weiß es nicht.

Vielleicht besteht das Schicksal des Menschen darin, sich in der Verschmelzung mit dem Feuer in eine intelligente, seelenlose Maschine zu verwandeln. In der symbolisch-poetischen Wahrnehmung ist eben diese Umwandlung zu beobachten, und zwar von allem Anfang an. Deshalb verwandelt sich überall, wo Menschen auftauchen und sich vermehren, die Umwelt. Sie verliert ihren Naturcharakter, das Paradieshafte, und wird zu einer Stadtlandschaft mit weit verzweigten Straßennetzen und quadratischen Ackerflächen der Monotonie. Im Gegenzug, als letztes Aufbegehren unserer einstmaligen Naturhaftigkeit, entstehen Naturparks, die jetzt ausgerechnet durch die Grünen und Ökobewussten gefährdet sind, da diese nun überall in Naturparks ihre doofen Windräder aufstellen müssen und so auch die letzten Rückzugsorte vernichten.

Ja, die Seele stirbt, um dem Bewusstsein Platz zu machen. Deshalb stirbt die Natur. Vielleicht ist es zu kurz gegriffen, dieses Bewusstsein allein mit dem menschlichen EGO zu identifizieren. Vielleicht gibt es so was wie den „Geist des Feuers“, der in den Menschen Gestalt annimmt, und das und nichts anderes ist die Megamaschine. Dann ist die ganze Entwicklung von einer erschreckenden Folgerichtigkeit. Noch ist der Mensch nicht soweit, der goldenen Stadt seine Seele voll und ganz zum Fraß vorzuwerfen. Noch versuchen viele, wenigstens einen Teil ihrer Seele zu retten.

Der jetzige Datensammelwahn ist nichts anderes als der Versuch, den Widerständigen auch noch den letzten Teil ihrer Seele zu entreißen. Die Megamaschine lässt sich nicht stoppen. Die Welt verwandelt sich in Stadt und Wüste, in tote Gerippe und Asche, in Einsen und Nullen. Da Feuer immer an sich selbst zugrunde geht, geht vielleicht auch die Megamaschine eines Tages an sich selbst zugrunde. Vielleicht erhält sie sich auch ewig, wie die Vision der goldenen Stadt das vorsieht. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich die goldene Stadt und den Gott, der sie erleuchtet, für den Tod der Seele und damit für den wahren Tod halte. Aber ich sehe keinen Weg, was ich von mir aus tun könnte, um den Fängen des goldenen Molochs zu entkommen. Möglicherweise ist die Sache mit dem Zenit nur ein Trost, an den Du Dich klammerst, weil Du die Möglichkeit, dass der transhumanistische Moloch die Welt übernehmen könnte, nicht ertragen und deshalb nicht zulassen kannst. Ich würde gern an den Zenit glauben, aber mir ist das nicht möglich. Es wäre eine freudige Überraschung, wenn Du Recht haben solltest.

Wenn Du Recht haben solltest, dann müssten jedoch zuallererst die Religionen mit ihren diesbezüglichen Visionen aus der menschlichen Innenwelt verschwinden. Und das geht nur über die Desidentifikation mit dem Feuer. Der Mensch müsste wieder ein areligiöses Wesen werden. Womit natürlich gleichzeitig die Naturwissenschaften als Kind der Religionen verschwinden würden. Nicht-religiös und nicht-wissenschaftlich: was bleibt vom Menschen dann noch übrig?

 

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  1. September 23, 2016 um 12:53 pm

    die ausfuhrungen regen zum denken an, jedoch kann man alles viel einfachen sehen, die welt besteht aus atome,und molekule,und bakterien, viren und eine menge frequezen, energien, und alles leben und nicht leben, ist gelenkt von dem cosmischen geist, nach einer evolutionspirale und involution system, wir das sandkornchen, ein life stream,,ist wie ein stein in ein grosses mosaik gebilde, auf unserem schulungsplaneten erde, teil des universums,, wie kann das kleine das grosse beschreiben,,,, nur das grosse kann das kleine erkennen, siicher ist man ist hier zum lernen, wie ein schuler, bis her vollkommenheit erreicht hat, um dann aufzu steigen in hohere entwickleten planeten, deren viele es gibt,,dort woo man weiter lernt, mit gnade, liebe und hohere technik wie, ufo ebenen
    galaktische aufgaben hat,… anschaulich beschrieben,ist die stategie unseres kommenden zieles… gunther…..

  2. Gerd Zimmermann
    September 7, 2016 um 7:21 pm

    durch das Wort Geamtbewusstsein

  3. Gerd Zimmermann
    September 7, 2016 um 7:18 pm

    Erstze mal das Wort Weltseele……

  4. Gerd Zimmermann
    September 7, 2016 um 7:15 pm
  5. muktananda13
    September 6, 2016 um 7:17 pm

    „Ja, die Seele stirbt, um dem Bewusstsein Platz zu machen. Deshalb stirbt die Natur….“

    das ist genial – narrenhaft !

    Ein Ego muss viel denken mit seinem kleinlichen Verstand , um auf solche Nichtigkeit zu kommen zu können.

  6. Gerd Zimmermann
    September 6, 2016 um 9:48 am

    „Nein, ums Recht geht es wahrlich nicht, denn die Realität kann immer EINE ANDERE werden, als jene, die sie gerade ist.“

    Das ist wohl wahr, die Realität muss sich sogar ständig ändern, wobei die
    Wirklichkeit sich noch nie geändert hat noch ändern wird. Bewusstsein ist
    schon ein Phänomen. Betrachte ich mir „mein“ Bewusstsein ist ES schon
    erstaunlich, dass ich von einem Ende des Universums bis zum anderen Ende
    keine Zeit benötige.

    Wenn das herauskommt, ich meine warum das so ist, ist ES um die
    Quantenverschränkung geschehen. Dann kommt endlich Licht ins Dunkel.

    Gruss Gerd

  7. September 6, 2016 um 2:15 am

    Hartmut Rosa merkt in RESONANZ den Begriff “Gott“ als Chiffre für die Antwortfähigkeit der Welt an. Verwundert menschliche Gottsuche, seit wir EINEN uns von der Gemeinschaft mit den ANDEREN abgewendet haben, verblendet von den Möglichkeiten des Feuers? Wir wandten uns von der resonanten Antwortfähigkeit ab und suchen seitdem nach Antworten … in unseren, vom Feuer erhellten, entfremdeten und weiter entfremdenden Fähigkeiten.

    Das klingt fürwahr nach auswegslosem Labyrinth. Wie mag sie aussehen, jene EINE Geschichte, die so ANDERS ist, dass aus Wissenschaft Wissenskunst und aus Religionen REINVENTING THE SACRED werden kann?

    In der Quizshow “!, 2, oder 3“ heisst es doch immer: “Ob Du Recht hast, oder nicht, sagt Dir gleich das Licht.“

    Nun, das Sonnenlicht gibt die Antwort aus dessen Licht. Unsere künstlich beleuchteten Städte geben die Antwort aus deren Licht. Der ewige Kampf zwischen Gut und Böse? Nein, ums Recht geht es wahrlich nicht, denn die Realität kann immer EINE ANDERE werden, als jene, die sie gerade ist.

  8. September 6, 2016 um 1:46 am

    https://aeon.co/essays/why-are-dreams-such-potent-vehicles-for-the-supernatural

    Fragt sich nur, welche Blockade in der Menschheitsgeschichte bedient sich des spirituellen, göttlichen Träumens, um aus seinem Gefängnis zu entweichen?

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