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Liegen unsere Fesseln heute nicht mehr um unsere Füße sondern in unserem Kopf?

Wer Sicherheit der Freiheit vorzieht, ist zu Recht ein Sklave.
Aristoteles

Ich sah mir heute den Film 12 Jahre als Sklave an. Es ging um eine Geschichte eines freien Schwarzen, der von Menschenhändlern in die Südstaaten verbracht wurde. Dort dauerte es 12 Jahre, bis er in der Lage war, einen Brief an seine Freunde im Norden zu schreiben. Der Film behandelt das Weltbild der weißen Christen, die aus der Bibel ableiteten, dass sie ihre Sklaven züchtigen dürfen, sogar müssen, wenn sie ihnen nicht gehorchen (siehe hier den Trailer). In dieser Zeit hatten die Sklaven häufig noch Fesseln an den Füßen und wurden mit der Peitsche zu einem höheren Arbeitspensum motiviert.

Inzwischen hat sich das Weltbild gewandelt. Auch den Eliten ist klar geworden, dass Arbeiter viel produktiver sind, wenn sie sich aus freiem Willen reinhängen. Es motiviert nun nicht mehr die Peitsche sondern die Möhre Geld, um sich mit diesem ein gutes Leben zu gestalten. Dabei quälen sich dennoch Viele durch die Arbeitswoche, um am 5. Tag sagen zu können, Thanks Good it´s Friday. Und wofür?

Zu viele Leute geben Geld aus,
das sie nicht verdient haben,
um Dinge zu kaufen,
die sie nicht wollen,
um Leute zu beeindrucken,
die sie nicht mögen.
Will Rogers

Haben wir nun die Fesseln in unserem Kopf? Dem geht der folgende Filmspot nach, der klar stellt, dass so weiter zu machen keine Option ist. Im Film wird auch der Titel dieses Artikels als Feststellung gebracht:

Stellt sich die Frage, was wirklich frei machen könnte. Der Blogger Christof Herrmann stellt die These auf, dass wir desto unfreier würden, je mehr wir besitzen. Und er listet auf, was alles besser geht, wenn wir weniger besitzen:

Warum weniger besitzen mehr leben bedeutet (Quelle)

Wer weniger besitzt, hat mehr Zeit. Konsumartikel müssen ausgesucht, gekauft, heimgebracht, aufgestellt, verwendet, sortiert, gepflegt, repariert und ersetzt werden. Verzichtet man auf Sachen, hat man mehr Zeit, Sachen zu machen, etwa sich um seine Lieben zu kümmern.

Wer weniger besitzt, hat keine Geldsorgen. Auch Schulden können meist schnell abgebaut werden, indem man weniger konsumiert.

Wer weniger besitzt, kann sein Arbeitspensum reduzieren. Die eine oder andere Auszeit vom Job rückt in greifbare Nähe.

Wer weniger besitzt, lebt nachhaltiger, weil bei der Herstellung von Produkten weniger Ressourcen verbraucht werden und am anderen Ende weniger Müll anfällt.

Wer weniger besitzt, hat mehr Platz oder kann in eine kleinere Wohnung ziehen. Nach unten sind der Größe der Wohnung fast keine Grenzen gesetzt.

Wer weniger besitzt, muss weniger putzen.

Wer weniger besitzt, erfreut sich mehr an den kleinen Dingen des Lebens. Die einzige Teetasse wird zur Lieblingsteetasse. Blumen auf der Wiese erfreuen das Auge wie selten zuvor. Die Umarmung eines Freundes ist eine kleine Geste mit großer Bedeutung.

Wer weniger besitzt, pflegt echte Freundschaften, in denen es um mehr als um schicke Klamotten und schnelle Autos geht.

Wer weniger besitzt, hat weniger Angst. Besitz und Statussymbole verlieren zu können und Rechnungen zahlen zu müssen, verursachen Stress, der wiederum krank machen kann.

Wer weniger besitzt, ist glücklicher, denn er kann sich den wichtigen Dinge im Leben widmen: Freunde treffen, die Partnerin lieben, mit den Kindern spielen, sich in der Natur bewegen, kreativ sein, sich gesund ernähren, seinen Passionen nachgehen …

Wer weniger besitzt, verreist einfacher. Auf meiner Fernwanderung nach Venedig kam ich mit einem 50-Liter-Rucksack aus.

Wer weniger besitzt, ist sozial. Minimalisten verschenken gerne, spenden oft, nehmen sich Zeit für andere und integrieren sich in die Gemeinschaft, indem sie zum Beispiel mit dem Nachbarn Schlagbohrer gegen Rasenmäher auf Zeit tauschen oder Fahrgemeinschaften bilden.

***

Ich habe mal formuliert, dass die damalige Befreiungskampf zur Abschaffung der Leibeigenschaft (=Sklaverei) nur ein Plot jener neuen Herren war, die via Geldsystem das vorher kleine Gefängnis (=Leibherr) in ein großes (=Staat) gewandelt haben. Das Geldsystem, in dem das Geld von privaten Banken bei der Vergabe eines Kredits geschöpft wird, und für das ein so großer Zins genommen wird, dass der Kreditnehmer am Ende die gleiche Menge Geldes im Schweiße seiner Arbeit für diese Luftnummer hingeben muss, sorgt dafür, dass die vielen ehemalige Leibeigenen nun gleichzeitig an viele neue Energiesauger (=neue Herren) zahlen. Denn auch bei jedem Konsum geht ein Zinsteil an diese Herren. Am Ende sind das deutlich mehr als 50% des erhaltenen Lohns. Dieses neue Herrschaftssystem ist doch recht genial gestaltet worden, wie ich finde. Mensch fühlt sich selbstbestimmt und sieht die eigentliche Fessel Zinsgeld nicht als solche an.

Und selbst wenn es erkannt wird, kommt nicht selten: „Uns geht es aber doch viel besser als es den Sklaven in Ketten erging.“

Das folgende Bild hätte ich eher mit dem Begriff Paradoxon betitelt:

Wir jubeln den Befreiern zu und stellen uns selbst unter die Herrschaft des Staats

 

  1. November 23, 2015 um 7:59 am

    Worüber ist zu sprechen, wenn man über Herrschaft spricht? Zuerst einmal sicher über den Begriff der Herrschaft selbst. Was also ist, was beschreibt und meint sie, die Herrschaft? Nach Max Weber vor allem die „Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden.“ Gemeint ist mit diesem Begriff also nicht nur die mittels direkter Gewaltandrohung erzwungene Unterwerfung von Menschen unter fremde Interessen und Mächte. Gemeint ist vielmehr jede, ein Gefälle von oben und unten, von Macht und Ohnmacht, von Ausbeutung und Ausnutzung organisierende und legitimierende gesellschaftliche wie individuelle Operation.

    Aktuell mag sich die Herrschaftsform, nach der unsere Gesellschaft organisiert ist, zwar zu Recht als parlamentarische Demokratie bezeichnen, es ist damit jedoch nicht gesagt, dass Herrschaft und Machtstrukturen deswegen als solche nicht mehr existent und wirksam wären. Herrschaft hat sich vielmehr modernisiert und geht heutzutage mit größerer Legitimation bei den Beherrschten einher. Sie organisiert sich dabei subtil bis in die Individuen und ihr Handeln hinein, das diese sodann als ihre „freie Entscheidung“ erleben.

    Sehr empfehlenswerter Artikel, der den aktuellen Herrschaftsstrukturen tiefer auf den Grund geht: Die ideologische Mobilmachung der Republik

  2. S
    November 23, 2015 um 7:43 am

    Vertrauen ist die einzige Währung, die es gibt.
    Wer dies nicht hat, kann es nicht mehren.

  3. Ernst Duberr
    November 22, 2015 um 6:16 pm

    Stimmt , weniger ist mehr ! Aber etwas Besitz erfreut den Seßhaften auch . Immer leihen müssen ist auch kein Zustand von Freiheit . Der Besitzlose kennt nicht das Gefühl von Freiheit durch Besitz . Aber auch nicht die Angst des ständig gehetzten Besitzers , denn der Wölfe sind viele .Wichtig ist , sich rechtzeig von Besitz zu trennen . Besitz erzieht auch zur Verantwortung . Man sehe sich doch nur das Umfeld von Mietwohnungen an . Oft herrschen dort Verschlampung und Vandalismus ( Entschuldigung, AMERIKANISMUS). Wer nach Besitz strebt , strebt auch nach Freiheit . Wer in Armut leben will , soll es tun . Neid und Mißgunst gedeihen hauptsächlich in Armenvierteln .Vor einigen Jahren sah man oft Aufkleber auf teuren Luxusautos mit dem Text : Deine Armut kotzt mich an !. Nicht ganz unberechtigt . Freiheit hat auch einen Preis , Harte , ehrliche Arbeit und Umsicht können zu Wohlstand führen .Aber wer will denn noch hart arbeiten , um zu besitzen und teilen zu können .Gerade das Teilen ist nur nach vorausgegangenem Erwerben möglich . Nur dasUmverteilen ohne Opfer gebracht zu haben . ist die größte Lüge unserer Zeit .

    • November 22, 2015 um 6:35 pm

      Stellt sich die Frage, was unfreier Macht:
      a) das Besitzen einer Scholle Landes mit einem Haus, das zusätzlich zur Ernährung auch noch mit Wärme und Trockenheit leichter überleben lässt
      b) oder das nomadische Herumziehen auf der Suche nach Nahrung?
      Im Falle b) ist Mensch maximal beweglich. Wenn es gerade nicht gut auf der Scholle geht (siehe Grund für 1. Völkerwanderung), dann ist es schwierige, das Hab und Gut zum nächsten Ort zu bewegen (da kommt dann auch der Begriff Möbel her, die beweglichere Truhe).
      Im Falle b) hat sich Mensch zwar beweglicher eingerichtet, ist aber gezwungener Maßen auch in Bewegung, da die Nahrung zu Ende geht, im Gegensatz zur Bewirtschaftung der Scholle mit Haltbarmachung des Geernteten.
      In beiden Fällen ist harte Arbeit angesagt. Denn ohne etwas zu tun, kommt sowohl bei a) als auch b) nichts in den Magen.
      Nun gibt es noch den Fall c) der von vielen Völkern stark betrieben wurde, u.a. von den Wikingern. Man geht auf Raubzug und erntet die anderen Völker ab. Aber auch das ist harte Arbeit.
      Interessant ist da der Begriff „Herzog“, jener, der mit seinem Heer daher zog, und sich ins gemachte Nest setzte, und gegen Gebühr mit seinem Heer Schutz für das Volk anbot. Sicher auch harte Arbeit?

  4. November 22, 2015 um 5:39 pm

    Die Welt, wie sie heute ist, entsteht nicht aus dem Nichts – wir alle haben sie so gestaltet. Mit unseren Kämpfen um Macht, Geld und Ressourcen, unserer Gier und Gleichgültigkeit, mit unserem Bewusstsein der Trennung, das weder unsere Verbundenheit mit der Natur, noch die mit unseren Mitmenschen zu begreifen in der Lage ist.

    Und weil wir aus diesem Bewusstsein handeln, blicken wir nun in genau die Welt, die daraus entsteht: Eine Welt in der die Natur zerstört ist, Elend und Ungerechtigkeit sich ausbreiten und die Menschheit im Krieg liegt. Schon bald wird es keinen Platz mehr auf dieser Welt geben, an dem wir uns diesen Konsequenzen nicht werden stellen müssen. Wir werden es diesmal nicht aussitzen können.

    Fundstelle: Eine spirituelle Antwort auf den Terror finden

    … aber meinen Hass, den bekommt Ihr nicht.

    Darin der Brief eines Mannes, dessen Frau Opfer in Paris wurde:

    „Am Freitagabend habt Ihr mir das Leben eines außergewöhnlichen Menschen geraubt, die Liebe meines Lebens, die Mutter meines Sohnes, aber meinen Hass, den bekommt Ihr nicht. Ich weiß nicht, wer Ihr seid, und ich will es auch gar nicht wissen, denn Ihr seid tote Seelen. Wenn dieser Gott, für den Ihr so blind mordet, Euch nach seinem Ebenbild erschaffen hat, dann hat jede Kugel im Leib meiner Frau auch sein Herz verletzt.

    Deshalb nein, ich werde Euch jetzt nicht das Geschenk machen, Euch zu hassen. Sicher, Ihr habt es genau darauf angelegt – doch auf diesen Hass mit Wut zu antworten, das hieße, sich derselben Ignoranz zu ergeben, die aus Euch das gemacht hat, was Ihr seid. Ihr wollt, dass ich Angst habe, dass ich meine Mitbürger mit Argwohn betrachte und meine Freiheit für meine Sicherheit opfere. Vergesst es. Ich bin und bleibe der, der ich war.

    Ich habe sie heute Morgen gesehen. Endlich, nach Tagen und Nächten des Wartens. Sie war noch genauso schön wie Freitagabend, als sie losging, genauso schön wie damals, vor über 12 Jahren, als ich mich unsterblich in sie verliebte. Natürlich bin ich vor Kummer fast am Ende, diesen kleinen Sieg gestehe ich Euch zu, aber das wird nicht lange dauern. Ich weiß, sie wird mich jeden Tag begleiten und dass wir uns im Paradies der freien Seelen wiedersehen werden – in eben dem Paradies, zu dem Ihr niemals Zutritt haben werdet.

    Wir sind zu zweit, mein Sohn und ich, aber wir sind stärker als alle Armeen dieser Welt. Ich habe auch nicht mehr viel Zeit für Euch, denn ich muss zu Melvil gehen, der gerade aus seinem Nachmittagsschlaf erwacht. Er ist noch nicht einmal 17 Monate alt, er wird jetzt eine Kleinigkeit essen wie jeden Nachmittag, und dann werden wir miteinander spielen, auch wie jeden Tag, und dieser kleine Junge wird für Euch sein Leben lang ein Affront sein, weil er glücklich sein wird und frei. Denn, nein, auch seinen Hass werdet Ihr nie bekommen.“

  5. November 22, 2015 um 5:34 pm

    Hat dies auf Treue und Ehre rebloggt.

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