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Bräuchten wir nicht einmal die „Goldene Regel“, wenn wir EIGENWILLIG wären?

Hannelore Vonier hat schon so manche Denkblockade bei mir eingerissen, und mit dem folgenden Artikel schaffte sie es wieder. Dieser Artikel setzt sich kritisch mit der Goldenen Regel „schade nicht“, von der ich meinte, dass sie doch reichen sollte, auseinander. Nach der Lektüre kommt die Frage, die ich im Titel stelle, hoch:

Bräuchten wir nicht einmal die „Goldene Regel“, wenn wir EIGENWILLIG wären?

Hannelore stellt die Hypothese auf, dass, wer EIGENWILLIG ist, sich nicht beherrschen lässt.

Wenn wir noch einen Schritt weiterdenken, müsste dann nicht gelten:

Wer sich nicht beherrschen lassen will, der will auch keinen Anderen beherrschen.

Könnte die Welt besser werden, indem wir unseren Kindern den EIGENWILLEN beließen?

Hier ist der Artikel von Hannelore, die wie ich, ihre Artikel unter eine CC-Lizenz gestellt hat, mit der ausdrücklichen Bitte um Verbreitung:

Schade nicht – Die Goldene Regel hinterfragt – von Hannelore Vonier

“Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg’ auch keinem andern zu!”

Die sogenannte “Goldene Regel” ist eine der wichtigsten Richtlinien des Patriarchats. Sie garantiert, dass Menschen als ‘gleich’ gelten und nicht als einzigartig.

Wenn man die Leute glauben macht, dass alles was sie wollen, das Gleiche ist, das auch ihre Mitmenschen verlangen, und dies als ihr Recht[1] betrachtet, dann sind “die Andern” der Maßstab, und nicht sie selbst.

Derartig konditionierte Männer und Frauen sind dankbare Konsumenten.

Festgelegte Schablonen – von Kleidergrößen, Gesundheitstabellen, Wohneinheiten, Ausbildungsplänen bis zu gesetzlichen Regelwerken – gewähren billige Massenabfertigung in Sachen Bedürfnisbefriedigung.

Indigene Völker sind anspruchsvoller. Sie bemühen sich, die persönlichen Bedürfnisse und individuellen Wünsche der Einzelnen zu erfüllen. Eine Gemeinschaft, die daran gewöhnt ist, dass jede Frau, jeder Mann und jedes Kind eigenwillig im besten Sinne ist, kann nicht beherrscht werden. Herrschaft verlangt Unterwürfigkeit und extreme Anpassung an vorgegebene Normen.[2]

Die “Goldene Regel” oder die “Moral der Gegenseitigkeit” ist in den Schriften aller patriarchaler Religionen (den sogenannten “Weltreligionen”) zu finden. Sie wird als das ausgeprägteste Prinzip von moralischer Unerbittlichkeit angesehen. Eine Verdichtung aller längeren Listen von Verordnungen (wie die Zehn Gebote der Bibel) in einem einzigen Prinzip.

Die Herkunft der Goldenen Regel

Anglikanische Christen bezeichneten Matthäus 7,12[3] seit 1615 als eine “golden rule”.[4] Der Begriff ‘golden’ – von höchstem Wert in Nationen mit einem Gold- und Geldsystem – zeigt seine patriarchale Herkunft. Für Indigene oder Indios hat Gold nicht die Bedeutung wie in kapitalistischen Staaten. In einen “Goldrausch” geraten ausschließlich patriarchale Menschen (Z.B. die spanischen Konquistadoren in Südamerika, und überall, wo Eroberer Gold fanden).

Geht die Goldenen Regel davon aus, dass ich weiß, was andere wollen?

Die Regel scheint nahezulegen, dass ich von meinem Bedürfnis ausgehe und es 1:1 auf mein Gegenüber übertrage. Aber wir sind nicht geklont. Das, was ich will, muss nicht vom Anderen gewollt sein – kann ihm/ihr schaden oder zumindest unangenehm sein. Die Regel wird zum Instrument der Selbstkontrolle, die uns in der “Zone des Normalen” hält.[5]

Die Goldene Regel stammt aus frühgeschichtlicher Zeit, in denen Religionen mit einer allmächtigen Vaterfigur (später im Deutschen “Gott” genannt) etabliert wurden. Der Wille dieser Überväter gilt als allgemein bekannt – er steht ja in den heiligen Büchern. Es ist nicht nötig, sich in Andere einzufühlen, man muss nur “Gottes Wille” befolgen, und damit ist die Moral der Goldenen Regel erfüllt.

In das Mahabharata des Hinduismus wurde vor ca. 3700 Jahren geschrieben:

Dies ist die Summe aller Pflichten: Tue keinem anderen das Leid an, was bei Dir selbst Leid verursacht hätte.

Unter der Überschrift “Vom Tun des göttlichen Willens” in Matthäus 7,12 steht in der Lutherbibel von 1984:

Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.

Die Lehre vom Mittleren Weg 13, 3 (Konfuzius, um 500 v.u.Z., China):

Ein Wort, das als Verhaltensregel für das Leben gelten kann, ist Gegenseitigkeit [Reziprozität]. Bürde anderen nicht auf, was Du selbst nicht erstrebst.

In der Version des Hinduismus ist von Pflichten die Rede. In der Bibel von Gesetz. Konfuzius empfiehlt das “Geben-und-Nehmen”-Prinzip (ebenfalls eine zwingende Verpflichtung, vgl.  Geben und Nehmen-Prinzip, eine Tugend?).

Wenn ein Leitsatz auf den ersten Blick vernünftig aussieht, bei genauerem Hinsehen aber an moralische Pflichten und Gesetze geknüpft ist, Anordnungen “von ganz oben” – von der Herrscherklasse, die “Gottes Wille” vorschiebt und diese Anordnungen im Zweifelsfall mit Gewalt durchsetzen kann – kommt mir das verdächtig vor.

Der deutsche Philosoph Immanuel Kant bringt die Bedeutung und den wahren Grund der Goldenen Regel in seinem Kategorischen Imperativ auf den Punkt:

Handle stets so, dass die Maxime deines Handelns jederzeit Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung sein könnte.

Heute werden Leute, die “allgemein Handeln” dem Mainstream zugeordnet, den Normalen, Angepassten. Sie heißen auf Englisch sheeple, auf deutsch Schlachtvieh. Für Individualismus ist bei Kant kein Platz.

Selbstjustiz

Was ist im Patriarchat das Allerwichtigste? Besitz.

Wer nicht in der Lage ist, sich materiellem Besitz zu beschaffen, kann nicht überleben. Wäre es anders, würden sich die Menschen nicht für Geld verdingen. Wer besitzt, will sein Eigentum schützen. Die Leute haben Angst um ihren Besitz; sie versehen ihre Häuser und Autos mit Alarmanlagen. Sie legen Lebensversicherungen für lebendes Eigentum an, für den Fall, dass der Tod einen Menschen mit sich nimmt.

In noch ursprünglich lebenden Gesellschaften ohne Eigentum sind diese Vorkehrungen nicht nötig.

Als das Patriarchat entstand, war der Umgang mit Besitz neu. Je mehr Jemand hatte, desto größer war seine Angst, es nicht schützen zu können. Seine Güter waren begehrtes Ziel für Plünderer und Diebe.

Da es keine Versicherungen gab, griff man als Besitzender zur Selbsthilfe: Man nahm Rache.

Das Wort rächen geht auf mhd. rëchen, ahd.  rëhhan, älter *wrëhhan, got. wrikan zurück und heißt ‘verfolgen’. Die germ. Wurzel wrek (vgl. Rache, Recke, Wrack) mit der Grundbedeutung ‘verfolgen’ bzw. ‘vertreiben, besonders um Strafe zu üben’ ist verwandt mit aslow. vragu ‘Feind’, lit. vàrgas ‘Not’ (Not leiden), die eine ig. Wurzel werg wreg voraussetzen.[6]

(Tieferen Einblick hierzu gibt die Serie “Die Entstehung des Patriarchats“, speziell die Artikel Hirtentum und Besitz kommen in die Welt und Freund-Feind-Polarität)

Die Rache ist eine Form der Selbstjustiz und ein Prinzip zur Sühnung[7] von Verbrechen. Es gilt hierbei das “Talionsprinzip”[8]: Das Opfer oder seine Vertreter vergelten dem Täter “Gleiches mit Gleichem”, d.h. er sühnt sein Vergehen.

Eine Sonderform des Talion ist die “Spiegelstrafe”. Sie spiegelt das vorausgegangene Vergehen: Dem Täter wird ein gleichartiger Schaden zugefügt, wie der, den er zugefügt hat.

Gewaltmonopol des Staates

Die Spiegelstrafe, bzw. das Talionsprinzip gehen auf die ältesten Gesetzesbücher zurück, wie den babylonischen Codex Hammurapi (ca. 1700 v.u.Z.) oder den 200 Jahre älteren Codex Eschunna. Beide Strafrechtstraditionen haben sich in der hebräischen Tora, dem seit 1000 v.u.Z. entstandenen ältesten Teil der Bibel, niedergeschlagen. Dort findet man die sogenannte Talionsformel: „ein Leben für ein Leben, ein Auge für ein Auge, ein Zahn für einen Zahn, … Wunde für Wunde, Strieme für Strieme“ oder abstrakter: „Maß für Maß“.

Ein auf Schädigung oder Vernichtung des Verbrechers ausgerichtetes Vergeltungsdenken blieb in der Rechtsgeschichte und in der Moral der Religionen bis heute erhalten. Tradiert und popularisiert im Volksmund durch die Goldene Regel und die Märchen-Überlieferungen.

Eine Regel wird aufgestellt, weil man das Übertreten dieser Regel erwartet. Ansonsten bräuchte man die Regel nicht.

Geschichtlich sicherte sich der Staat (= Kombination von Regierung und Religion) mehr und mehr das Gewaltmonopol, indem er das Vergeltungsrecht in Besitz nahm. Wobei das Definitionsmonopol für “richtig” und “falsch” ebenfalls beim Staat liegt.

Die römische Justitia

Die römische Justitia ist blind. Sie muss alle Menschen gleich behandeln und kann Individuen nicht voneinander unterscheiden.

Wird die Goldene Regel übertreten, geschieht das, was ihrem Inhalt nach zu vermeiden ist: Dem Täter wird Schaden zugefügt. Entsprechend dem Rechtsgrundsatz “Gleiches mit Gleichem” vergelten. Das erklärt die Waagschale in der Hand der römischen Justitia.

Und um uns Glauben zu machen, dass dieser Umgang mit Konflikten “objektiv” sei, hat die “Göttin der Gerechtigkeit” die Augen verbunden. Ohne Ansehen der Person, Jeder wird gleich behandelt.

Doch wie ich schon sagte: Wir sind nicht geklont.

—–

Quelle: Schade nicht – Die Goldene Regel hinterfragt

  1. März 25, 2015 um 4:55 pm

    Der Artikel hakt an allen Ecken und Enden, bei der „Goldenen Regel“ geht es schließlich ums „Nicht-Wollen“ und nicht, wie ständig suggeriert, ums „Wollen“, das kann man nicht einfach gleichsetzen; auch die Interpretation nach der „die Anderen“ der Maßstab sind und alle gleich gemacht werden, passt für mich nicht, und der Bezug zum Patriarchat bzw. zum „Willen Gottes“ lässt sich für mich ebenfalls nicht herstellen.
    Bei dem Abschnitt mit der Selbstjustiz bin ich dann komplett ausgestiegen.

    Die „Goldene Regel“ kann man m.E. trotzdem in die Tonne kloppen und zwar aus folgendem Grund:

        Es gibt Menschen, die fügen anderen gerne Schaden zu, denen ist diese Regel vollkommen egal.
        Dann gibt es Menschen, für die ist das keine Regel, sondern eine Selbstverständlichkeit (die im Übrigen mit Moral oder Pflicht nichts zu tun hat), die brauchen diese Regel nicht.
        Und dann gibt es noch Menschen (vermutlich die größte Gruppe), die zwar möglicherweise guten Willens sind, niemandem zu schaden; es aber trotzdem tun, entweder im Affekt oder ganz einfach aus Dummheit oder Unbewusstheit, denen nützt diese Regel auch nichts.
    • März 25, 2015 um 5:41 pm

      Ich las mal irgendwo:

      Regeln werden von Jenen aufgeschrieben, die sie auch brechen wollen.

      und:

      Erst die aufgeschriebene Regel (Verbot) gibt einem die Idee, sie brechen zu wollen.

      Da unser Hirn das NICHT verdrängt, würde aus dem „Du sollst NICHT töten“ leichter ein „Du sollst töten.“ … Hmmm

  2. März 25, 2015 um 5:39 pm

    Zusammenfassend
    Wir leben in einer Welt der schadensregulierer. Alle.
    Wenn du dich nicht durch Momente der Liebe, in denen du völlig schutz- und machtlos ausgeliefert bist, die dich verwirren da neu justieren, entwickeln kannst, bist du voll dabei.

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