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Was ist eigentlich gute Bildung?

Horst Költze

Horst Költze

Ausbildung ohne Bildung führt zu Wissen ohne Gewissen
Daniel Goeudevert

Dieses Mal habe ich eine Buchempfehlung. Es geht mal wieder darum, was wir mit unseren Kindern in der Schule verANSTALTen. Horst Klötze, ehemaliger Rektor einer Grund- und Hauptschule fühlt PISA auf den Zahn und plädiert, unser Schulsystem auf den Kopf zu stellen. Nicht nur unsere Kinder und Eltern hätten etwas davon, aber lest selbst, was er zu sagen hat:

***

Seitdem PISA im Jahr 2000 wie ein Schicksal über die Bildungsrepublik Deutschland hereingebrochen ist, wird in allen Lebensbereichen über Bildung geredet. 94 Prozent der Eltern wollen für ihre Kinder eine „gute Bildung“. Und ich gehe davon aus, dass Sie, liebe Leser zu diesen 94 Prozent gehören.

WAS ABER IST GUTE BILDUNG???

Über diese Frage sind viele Bücher mit vielen unterschiedlichen Antworten geschrieben worden. Alle Antworten können zwei Grundpositionen zugeordnet werden: Entweder geht es um den jungen Menschen selbst, um seine individuelle Persönlichkeit, oder es geht um Sachinhalte, mit denen die junge Generation für Macht-Interessen funktionalisiert wird.

Zwei Beispiele verdeutlichen diese beiden Positionen:

Das erste Beispiel liefert die Antike:

Denn schon vor zweieinhalb Tausend Jahren waren die Menschen über die Antwort auf die Bildungsfrage unterschiedlicher Meinung.
Die Persönlichkeits-Position vertrat Sokrates. Er kann als erster Menschenbildner des Abendlandes gelten, der in Athen eine individuelle, menschenwürdige Bildung praktizierte. Sokrates wollte die jungen Menschen durch seine Gesprächsmethode (Mäeutik) zu sich selbst führen, zu ihrem SELBST.
Die Macht-Position vertraten die Richter des Stadtstaates Athen. Sie beschuldigten Sokrates, mit seiner Bildung die jungen Männer zu verführen und  verurteilten ihn zum Tode. Die jungen Männer sollten nicht lernen, ihr SELBST zu finden, sondern ihr SELBST zu verleugnen, damit sie als Krieger für die Machtinteressen des Stadtstaates Athen bedingungslos funktionieren konnten.

Das zweite Beispiel stammt aus unserer Gegenwart:

Es zeigt, wie zeitbeständig, wie aktuell die beiden Grundpositionen noch immer sind.
Eine Erzieherin eines französischen Kindergartens steht für die Macht-Position. Sie sagt: „Im Kindergarten geht es nicht um die Entfaltung der Persönlichkeit eines Kindes, sondern darum, ihm beizubringen, ein Schüler zu werden.“ (DIE ZEIT 5. September 2013, Nr. 37, S. 66). Das bedeutet im Klartext: Das Kind soll lernen, zu funktionieren.
Die Persönlichkeits-Position vertritt der Investmentbanker und Publizist Gerald Hörhan in seinem Lebensplan B: Ihm geht es darum „zu lehren, wie man selbstständig durchs Leben kommt“ und dass „selbstbewusste Persönlichkeiten“ gebildet werden. (DIE ZEIT 5. September 2013, Nr. 37, S. 65).

Nach diesen beiden Beispielen drängt sich die Frage auf, die für alle Mütter und Väter, für alle Kinder und Jugendlichen von Leben entscheidender Bedeutung ist:

Welcher Grundposition entspricht die gegenwärtige Schulbildung in der Bildungsrepublik Deutschland???

Die Konzeption der BildungsministerInnen wird als „Output-Bildung“ bezeichnet. „Output“ ist der „Arbeits“-Ertrag eines Unternehmens. Das bedeutet: Die BildungsministerInnen steuern die Staatsschulen seit dem PISA-Schock mit betriebswirtschaftlichen Parametern wie ein Unternehmen. Schul-„Arbeit“ ist am betriebswirtschaftlichen Effizienz-Konzept orientiert. Schülerinnen und Schüler müssen effiziente Lern-Erträge produzieren. Lehrerinnen und Lehrer sind verpflichtet, so zu unterrichten, dass die Qualität der Lern-Erträge bundesweit geltenden Standards entspricht.

Die Standards sind als Bildungsstandards etikettiert, werden aber bei genauem Hinsehen als Fächer-Standards entlarvt. Schülerinnen und Schüler,  Lehrerinnen und Lehrer werden mit kurz getakteten Lernkontrollen getrieben, das verordnete Plan-Soll der Fächer-Standards zu erfüllen. Dazu gehört auch der bundesweite  VERA-Test im dritten Schuljahr. Ziel ist ein Spitzenplatz im Schul-Ranking, besonders im internationalen PISA-Ranking, so die ehemalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn am 13. 06.

Diese kurze Beschreibung zeigt, wie Kinder und Jugendliche mit Output-Bildung zu Lern-Arbeiterinnen und Lern-Arbeitern „getrimmt“ werden. Dabei geht es um das Ranking-Interesse der BildungsministerInnen. Persönlichkeitsbildung ist in der marktkonformen, produktorientierten Schulpraxis ein Fremdwort, obwohl sogar der Personalleiter einer führenden Weltfirma überzeugt ist: „Am Ende werden wir nicht mit Wissen gewinnen, sondern mit Persönlichkeiten.“ (Dr. Ulrich Leitner, Mercedes-Benz, DER SPIEGEL 26/2002). Die Kultusministerkonferenz ist überzeugt, sie verordne mit der Output-Bildung „gute Bildung“.

Dagegen sprechen die folgenden Zahlen. Jede Ziffer steht für Kinderschicksale voller Not und Tränen.

– 80% Eltern mit schulgestreßten Kindern …
– 40%  Eltern mit Kindern, die diese Schule krank macht …
– Jedes dritte Grundschulkind mit psychosomatischen Beschwerden …
– Jedes zehnte schulgestreßte Kind beim Schulpsychologen oder Kinderarzt …
– Anstieg der Psychopharmaka für Kinder und Jugendliche um 32% innerhalb von
vier Jahren…
– 20% Schulversager als Kollateralschaden …
– 300 000 Schulverweigerer …
– 1 Million Schulabbrecher …

Was-ist-gute-Bildung_Junge-grübeltFazit:
Die allgewaltige Kultusministerkonferenz hat mit der wettbewerbsorientierten, wirtschaftskonformen Output-Bildung den Staatsschulen bundesweit die Macht-Position verordnet. Dennoch versuchen Lehrerinnen und Lehrer die humane, die Persönlichkeits-Position unter hohem Einsatz ihrer Person für ihre Schülerinnen und Schüler in ihrer Unterrichtspraxis tagtäglich zu realisieren.

Kommen wir zur Ausgangsfrage zurück: Was ist eigentlich „gute Bildung“?

Meine Grundposition:
In der Menschenbildung geht es um Persönlichkeitswachstum. Dafür braucht der junge Mensch ein Bewusstsein vom eigenen SELBST, damit er fähig wird, sein Leben in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft SELBST-verantwortlich zu gestalten und zu steuern. An dieser Stelle ergibt sich eine neue Frage: Was ist das SELBST des jungen Menschen? Auf diese Frage antworte ich in einem weiteren Beitrag.

 „DER BILDUNGS-KOMPASS FÜR ELTERN“,  Eine Streitschrift zur Überwindung der Bildungsdiktatur, broschiert, Verlag: Frieling & Huffmann, ISBN-13: 978-3828031548.

***

Der in Kiel lebende Horst Költze war Rektor einer Grund- und Hauptschule und leitete ein Studienseminar für Aus- und Fortbildung. In seinem knappen, gehaltvollen Büchlein streitet er für einen „Quantensprung in der Schulbildung“ und ermutigt Eltern, für die Rechte ihrer Kinder einzutreten. Der Autor veröffentlichte mehrere Werke zur Bildung von Lehrerinnen und Lehrern und übernahm Lehraufträge an der Pädagogischen Hochschule und der Universität Kiel. Horst Költze ist Vater von vier Kindern und hat sechs Enkelkinder.

Ich möchte zum Abschluss nochmals das geniale Video von RSAnimate bringen, das gut aufzeigt, auf welchem Denksystem unser Schulsystem aufgebaut ist und dass dieses 200 Jahre alte Denken zunehmend nicht mehr zeitgemäß ist, haben unsere Gehirnforscher doch auch genügend neue Erkenntnisse aufgezeigt, das wir eine Lernkultur der BeGEISTerung schaffen müssen. Und das geht nur, wenn gelernt wird, was gerade im Interesse des Schülers und nicht des Lehr-Apparats steht.

Kategorien:Bildung Schlagwörter: , , , ,
  1. Sandra
    Januar 27, 2015 um 12:28 pm

    Sich konzeptionell anders zu positionieren, heißt nicht, das das Tun anders ist bzw. das sich langfristig erfolgreicheres Tun durchsetzen würde.

    Warum? Kostenrechnung. Solange ein wirtschaftlicher Nutzwert nachgewiesen werden kann, ist es nicht von Nachteil.

    Folgekosten werden nicht mitgerechnet.
    Solange das Image gemessen mit bekannten Größen als wirtschaftliche Hauptbewertung fungiert, ist Lernunwilligkeit wirtschaftlich. ‚Lernunwillige Schüler werden erzeugt und herausgefiltert, damit man sie selbst nicht durchschleppen und um den Abschlußschnitt fürchten muß (Beweisführung). Kein Lehrer, der im Interesse der Schule und des Ministeriums handelt, hat daher etwas zu befürchten. Das Lernunwilligkeit durch fehlende Anteilnahme und eigene innere Beteiligung auf Schüler UND Lehrerseite erzeugt wird, will keiner sehen.
    Kinder haben keine Interessenvertretung. Sie sind allgemeines Sachgut. Beliebig verheizbar. – Wer in der Nahrungskette etwas später dran (Wirtschaft) interessiert dabei nicht.
    Hat ein Lehrer eine gute Klasse mit echten Potential entwickelt, kann und darf ein anderer es ebenso zunichte machen. Ein netter Frustrationsansatz für alle guten Lehrer. Ein Bewertungsansatz eines Kollektives – einer Kollektiventwicklung liegt zu keiner Zeit vor. D.h. Selbst wenn Grundschule und Weitergehende unter einem Dach liegen, gibt es oft keine Kooperation – Mitnahme des aufgebauten Potentials.)
    Es liegt eine totale Abhängigkeit von der Willkürlichkeit und Befinden von Lehrern vor, die u.a. früher gängige Kopfnoten und fachliche Kompetenz mischen, wie sie lustig sind. Z.B. hat dann Mathematik etwas mit Sauberkeit zu tun und Kunst ist nur, was beliebt nach eigener Vorliebe – schön und nett, Deutsch ist dann alles, was zu Betragen paßt.
    Die Methoden und Inhalte wechseln, die Einstellung jedoch nicht.
    Durch Gesetze zwangsverpflichtend ist für Schüler, das sie sich selbständig um das Lernen in der Schule bemühen. Damit kann jede Klage im Ansatz erschlagen werden.
    Im Grund kann ich nur an die Schüler selbst appellieren. Versucht das Beste draus zu machen, euch eure eigenen Lernaufgaben zu stellen. Was für sich lernen kann man immer, wenn man will. Es ist nicht immer das, was der Lehrer will. Das war es im Grunde noch nie. Und wenn Euch jemand Stress macht von wegen Zukunft etc. lernt für euch, für euer Leben UND lasst es Euch nicht ohne Kampf nehmen und sinnlos verheizen.

  2. Sandra
    Januar 27, 2015 um 12:41 pm

    Lerngrundsatz: Nimm alles, was du zu fassen kriegen kannst und saug es auf. Mach dafür mit, solange es dich nicht umbringt.

  3. Sandra
    Januar 27, 2015 um 1:29 pm

    Entschuldigung. Heute ist nicht einer meiner besten Tage. Auch war ich noch nie gut darin, einen Kompromiß zu finden. Ich halte dies auch weiterhin nicht für erstrebenswert.
    Den einzigen Kompromiß, den ich suche, ist, einen Weg zu finden, mit diesen Dingen zu leben und damit umzugehen. Deppen oder geistig Verirrte werden wohl nie verstehen, daß dies eine Entscheidung im Ringen um sie und daher für sie und nicht gegen sie.

    Ob ich dies wohl bereuen muß, da ich es einfach nicht aufgeben und sein lassen kann? Wir werden sehen … Wenn ich es besser weiß, mache ich es anders.

  4. Januar 27, 2015 um 2:52 pm

    kürzlich fand ich in einem russisch-deutschen Video den Hinweis, in Bezug auf
    „Arbeit und Sklave“ das Wort “работа” / “Rabota”- ausgesprochen wie unser „Roboter“.

    Für mich ist auch vollkommen klar, daß die Seele der Kinder leidet, wenn sie in ein Rolle gepresst werden (System und Eltern, die das System nicht durchschauen), die nicht dem menschlichen Wesen angemessen ist. Selbstentfaltungen des Menschen als soziales Wesen, als fühlendes Wesen, als in der Schöpfung verwurzeltes Wesen kommen zu kurz oder fehlen in der Schule ganz.

  5. Sandra
    Januar 27, 2015 um 3:35 pm

    Einige scheinen nicht zu wissen, womit wir es zu tun haben.

    Eine destruktive Zivilisation kennt nur ein Ziel: Dich zu brechen, damit du ein Teil bist und dies somit am Leben erhältst.

  6. der kleine hunger
    Januar 27, 2015 um 5:24 pm

    Was ist eigentlich gute Bildung?

    Vorab sollte doch die Frage stehen, was überhaupt Bildung ist und damit meine ich Grundsätzlich und keine spezifische, dem Standard(en) angepaßte Standardisierung von sog. Bildungsinhalten. Die oben gestellte Frage richtet sich doch im speziellen an Bildungsinhalte, an was könnte man sie sonst gedanklich erfassen und beantworten.

    Pauschale Aussagen und eben auch eine Frage ist an sich eine Aussage, zum „im Kreise drehen“.

    Vielleicht mal hier anfangen, und dann erübrigen sich derartige Fragestellungen.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Bildung#Der_Einzug_des_Begriffs_.E2.80.9EBildung.E2.80.9C_in_die_P.C3.A4dagogik

    „Das damals verwendete lateinische Wort eruditus („gebildet“, „aufgeklärt“) bedeutet etymologisch . Solchen Ausgang des Menschen aus seiner ursprünglichen Rohheit erwartet Comenius (288 Jahre vor Ludwig Wittgenstein) von Sorgfalt beim Denken und Sprechen:“

    Schon allein daran können sie erkennen das es mit Bildung als solche, nicht weit her ist, trotz oder eben gerade dem Grunde nach, Bildung als das zu bezeichnen, was mit Bildung nichts zu tun hat.

    Schauen und hören sie sich um, was als Bildung sich ausdrückt, da wird ihnen hören und sehen vergehen, ihrer Bildung willen.

    • der kleine hunger
      Januar 27, 2015 um 5:26 pm

      Das damals verwendete lateinische Wort eruditus („gebildet“, „aufgeklärt“) bedeutet etymologisch “ent-roht”.

      • der kleine hunger
        Januar 27, 2015 um 5:30 pm

        P.S. Begriff“geschichte“ und Wandlung(en) hier ganz gut erklärt. Nur nehmen sie das „Kindergarten“ nicht als Anlass den Beginn dahin zu verlegen oder wegzudirigieren.

        http://www.kindergartenpaedagogik.de/127.html

  7. sören
    Januar 27, 2015 um 10:23 pm

    Dem KLEINEN HUNGER empfehle ich, den letzten Absatz auch zu lesen, in dem es um das SELBST geht.

    • der kleine hunger
      Januar 28, 2015 um 12:01 am

      Auf welchem Absatz sie sich auch drehen, Hauptsache in die andere Richtung.

  8. sören
    Januar 28, 2015 um 5:37 pm

    IRRTUM!
    in der Menschenbildung gibt es nur eine Richtung:
    MENSCH WERDEN als MITMENSCH nicht als GEGENMENSCH!

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