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Die Geschichte vom faulen Jack, die man sich auf dem Planet des Ungehorsams erzählt

Zeichen der Anarchisten

Zeichen der Anarchisten

In meinem letzten Post schrieb ich über den Planeten des Ungehorsams. Ich möchte Euch gerne noch den Kern des Romans vorstellen. Die Szene spielt sich in einem Restaurant ab, das Harrison als niederer Mannschaftsgrad während des ersten Erkundungsgangs der Erddelegation schon kennengelernt hatte, inklusive Seth, dem Besitzer, und Elissa, der er einen Nachtisch im Tausch für eine Auskunft spendierte. Harrison wird auf seinem zweiten Erkundungsgang von einem etwas höheren Dienstgrad, dem Herrn Gleed begleitet. Beide sind allerdings in Zivil unterwegs. Beide bekommen nur etwas zu essen, weil sie im Ausgleich der auf den Wirt abgeladenen Obs ein Gespräch mit ihm führen mussten. Das Gespräch drehte sich um das Lebensziel der Beiden, sprich Seth machte Werbung zum Verbleib auf dem Planeten. Dazu war es wichtig, das Wirtschaften mit den Obs = Obligationen, die man sich gegenseitig auf- und ablud, zu verstehen. Gleed war anfangs deutlich skeptisch. Und so wurde den beiden Erdlingen vom faulen Jack berichtet und wie es mit ihm endete, also lest selbst:

Vom faulen Jack

Als sie gegessen hatten, setzte sich Seth zu ihnen an den Tisch und betrachtete die beiden Männer von der Erde.

„Wie viel wisst ihr beiden bereits?“

„Genug, um sich zu streiten“, sagte Elissa. „Sie stolpern über die Pflichten – wer sie vorschreibt und wer sie ausführt.“

„Darüber muss man sich auch Gedanken machen“, meinte Harrison. „Keiner kann sich seiner Aufgabe entziehen.“

„Und -?“, meinte Seth.

„Sie auch nicht. Diese Welt hier lebt ja von einem eigenartigen System, sich gegenseitig Pflichten aufzuladen. Wie soll dieses System funktionieren, wenn sich nicht Jeder an die Verpflichtung hällt, seine Schulden an Obs zurückzuzahlen?“

„Das ist aber keine Pflicht, junger Mann“, erwiderte Seth. „Es wäre eine unverschämte Beleidigung, wenn ein Gand einen anderen an diese `Pflicht` erinnern würde. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, dass Einer dem Enderen befiehlt, sein Ob abzutragen.“

„Ich kann mir vorstellen, dass ein paar von euch in Saus und Braus leben“, warf Gleed ein dieser Stelle ein. „Nichts hindert sie daran, von gepumpten Obs zu leben.“ Er sah Seth nachdenklich an und fuhr dann fort: „Wie werden Sie denn mit einem Bürger fertig, der kein Gewissen hat?“

„Das ist ganz einfach.“

„Erzähle Ihnen die Geschichte vom faulen Jack.“, schlug Elissa vor.

„Das ist eine Kindergeschichte“, erklärte Seth. „Jeder kennt sie auswendig. Es ist eine klassische Fabel, eine … wie sagen sie…“ Er suchte nach einem Vergleich. „Ich kann mich leider nicht mehr an die Sagen und Märchen der Erde erinnern, die unsere Ahnen von dort mitgebracht haben.“

“ Eine Geschichte wie Dornröschen?“ murmelte Harrison.

“ Ja“, griff Seth diesen Vorschlag dankbar auf. „So eine Geschichte wie Dornröschen.“ Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und erzählte: „Der faule Jack wurde noch auf der Erde geboren, wuchs dann auf unserem Planeten auf und studierte als junger Mann unser Wirtschaftssystem. Er hielt sich für sehr schlau, als er beschloss, ein Nepper und Schlepper zu werden.“

„Was ist das – ein Nepper und Schlepper?“

„Na – so etwas wie ein Nassauer. Lebt von den Obs anderer Leute und trägt sie nicht ab oder weigert sich, anderen Leuten Obs aufzuladen. Ein Nassauer rafft alles an sich, gibt aber nichts dafür.“

„Jetzt begreife ich, was Sie meinen. Ich kenne auch so ein paar Typen.“

„Bis zu seinem 16. Lebensjahr lebte Jack auch in Saus und Braus. Man ließ ihn gewähren. Er war ja noch ein Kind. Alle Kinder versuchen bis zu einem gewissen Alter, ein bisschen zu mogeln und zu neppen. Wir haben das in unserem System berücksichtigt. Doch nach seinem 16. Lebensjahr kam der faule Jack bald in die Bredouille.“

„So?“ Harrison war viel neugieriger, als er es sich anmerken ließ.

„Er ging in der Stadt herum und lud sich überall Körbe-weise Obs auf – Mahlzeiten, Kleider, Gebrauchsgegenstände, alles. Unsere Stadt ist nicht groß. Auf unserem Planeten gibt es überhaupt keine großen Städte. Sie sind nur so groß, dass Jeder Jeden kennt – und Jeder spricht natürlich auch über den Anderen. Binnen vier Monaten wusste die ganze Stadt, dass Jack ein überzeugter Nassauer war.“

„Nur weiter?“ drängte Harry Sonnen ungeduldig.

„Auf einmal versiegten alle Quellen. Wo Jack auch hinkam – Jeder lehnte mit einem ´ich will nicht´ ab. Das ist Freiheit, verstehen Sie? Er bekam keine Mahlzeiten mehr, keine Kleider, kein Vergnügen, keine Gesellschaft, nichts. Bald litt er schrecklich Hunger, brach eines Nachts in die Speisekammer eines Gands ein, damit er wenigstens etwas zu essen hatte.“

„Was machte der Gand dagegen?“

„Nichts – absolut nichts.“

„Das ermunterte ihn doch nur zum Stehlen, oder etwa nicht?“

„Wieso denn das?“ Fragte Seth mit einem dünnen Lächeln. „Das bekam ihm gar nicht. Am nächsten Tag war sein Wagen wieder leer. Er musste also wieder einbrechen. Am nächsten Tag das Gleiche. Die Leute wurden vorsichtiger, bewachten ihre Häuser und Läden. Die Nahrungsbeschaffung wurde von Tag zu Tag schwieriger – so schwierig, dass es für den faulen Jack besser war, die Stadt zu verlassen.“

„Um weiterzustehlen“, meinte Harrison.

„Und mit den gleichen Ergebnissen“, erwiderte Seth. „So musste er weiter wandern, von zu Stadt. Er war so stur und begriff sein Unglück einfach nicht.“

„Aber er kann doch zurecht,“ meinte Harrison. „Er musste zwar dauernd umziehen, aber dafür holte er sich einfach, was er brauchte.“

„Nein, mein Freund. Wie ich schon sagte, unsere Städte sind klein. Die Gands reisen viel, sie besuchen ihre Freunde in den anderen Städten. In der Stadt Nummer zwei hatte Jack immer einen Besucher aus Stadt Nummer eins zu befürchten, der von seinen Missetaten erzählte. Als er von einer Stadt zur anderen wanderte, wurde die Sache immer komplizierter. In der 20. Stadt musste sich Jack bereits vor Besuchern aus 19 Städten in acht nehmen, die er vorher heimgesucht hatte.“ Seth beugte sich vor. „Nach der 27. Stadt war es aus.“

„Aus?“

„Die Aufenthalte wurden immer kürzer. Er blieb zwei Wochen in der Stadt Nummer 25, eine Woche in der Stadt 26 und nur einen Tag in der Stadt Nummer 27.“

„Und was tat er dann?“

„Er zog sich in die Wildnis zurück. Er lebte von Wurzeln, Beeren und kleinen Tieren. Dann verschwand er plötzlich, bis eines Tages Ausflügler auf seine Leiche stießen. Sie baumelte an einem Strick. Die Leiche war bis zum Skelett abgemagert. Er starb an Einsamkeit und an Entbehrung. Das ist die Geschichte vom faulen Jack, dem Nassauer. Er wurde keine 20 Jahre alt.“

„Auf der Erde hängen wir niemand, der sich auf die faule Haut legt“, meinte Gleed.

„Das tun wir hier auch nicht“, sagte Seth. „Wir überlassen es Jedem selbst, ob er sich aufhängen will oder nicht.“ Er legte die Beiden verschmitzt an und fuhr dann fort: „Aber lassen Sie sich von dieser Geschichte nicht abschrecken. Solange ich lebe, ist noch niemand auf dieser Welt zu so einem drastischen Schritt getrieben worden. Wenigstens habe ich nichts davon gehört. Die Leute halten sich hier an ihre Verpflichtung, die Obs abzutragen, weil das eine wirtschaftliche Notwendigkeit ist. Nicht deshalb, weil sie damit eine moralische Pflicht verbinden. Niemand erteilt auf diesem Planeten Anweisungen, niemand wird hier reglementiert. Doch die Lebensweise übt natürlich einen gewissen Zwang auf die Leute aus. Man muss ehrlich leben – oder man leidet. Niemand leidet gern – selbst der Dümmste nicht.“

  1. Juli 12, 2014 um 4:26 am

    FÜR IMMER MEHR MENSCHEN ist Geld in der Hand ein Symbol für Beziehungen, er hat aber keine guten Beziehungen, doch wer gute Beziehungen hat, braucht kein Geld, doch dieser ist ein SCHENKENDER, wie die wahre NATUR auch, sie verschenkt sich.

    • Juli 12, 2014 um 11:26 am

      Ja, schenken ist eine gute Sache. Braucht es aber nicht auch eine Ausgeglichenheit, oder reicht es, mich von der Erde beschenken zu lassen und selbst anderen Menschen zu beschenken ohne von diesen wie auch immer etwas zurückzuerhalten, wenn ich Bedarf habe?

      • Juli 12, 2014 um 1:05 pm

        Wer verstanden hat was schenken wirklich ist, der weiß, alleine das Schenken ist ein Geschenk für den Schenkenden und eine Erwartung ist ein Mangel. Davon lebt unser System, deshalb gibt es tauschen und Kredite. Und das setzt die Natur wie die Menschen unter Druck und erzeugt den „Krieg“ Krieg ich es zurück oder nicht? So heißt es: „Gebet dem, von dem ihr es nicht zurück erhaltet.“ Es gibt das Feld der Fülle, was mich bereichert, das funktioniert wenn ich das wirklich verinnerlicht habe. Alles Gute

  2. Juli 12, 2014 um 11:49 am

    Erik Frank Russell lässt in seiner Fabel konstatieren:

    Ich WILL nicht. Das zu dürfen, ist echte Freiheit.

    Wie sieht es unter diesem Aspekt mit der Freiheit in unserem Land aus?

    Ich beginne mal:

    * Ich kann nicht sagen: “Nein, ich will nicht, dass meine Kinder in der Schule lernen, sondern sie sich mit dem beschäftigen, was gerade im Interesse steht, und das dort, wo es gerade passt.”
    * Ich kann nicht sagen: “Nein, ich will den Teil der Steuern, der für Kriege genutzt wird, nicht zahlen sondern für andere Dinge einsetzen.”
    * Ich kann nicht sagen: “Nein, ich will den Teil der Steuern, der als Subvention zur Förderung von Billigfleischproduktion genutzt wird, nicht zahlen, damit die Tiere nicht geqäult werden und deren billiges Fleisch nicht die Märkte in der dritten Welt kaputt gemacht werden.”
    * Ich kann nicht sagen: “Nein, ich will keine GEZ-Gebühr entrichten, weil ich entweder den Service nicht nutze, oder meine, dass zu viel Propaganda zum Nutzen der Herrschenden ausgestrahlt wird.”

    Wer mag, kann diese Liste gerne fortsetzen. Ich vermute mal, dass es Tage brauchen wird, um sie zu vervollständigen.

    Mich dünkt, dass es um unsere Freiheit in Wirklichkeit eher schlecht gestellt ist. Nun kann man sagen, dass es den Sklaven früher noch viel schlechter ging. Wollen wir uns aber wirklich an ihnen messen?

  1. Juli 12, 2014 um 12:55 am

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