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Sind Genossenschaften die Lösung zur Begegnung der aufkommenden sozialen Kälte?

Der folgende Artikel war einer der ersten auf meinem Blog, und ich möchte ihn aus gegebenem Anlass doch nochmals nach vorne holen, geht es doch darum, was wir selbst ändern können und wo wir unsere Energie soinnvoll zu einem Leben auf Augenhöhe einbringen könne:

Ich hatte in einem letzten Post von Tony Judt berichtet, der feststellte, dass wir mit der Profitorientierung nicht mehr weiterleben können. Er fordert uns auf, den Staat neuzudefinieren, wieder zu ethisch fundierter, politischer Debatte zurückzufinden, über Alternativen nachzudenken. Und das will ich mit diesem Post versuchen.

Auf der Suche nach alternativen Gesellschaftsmodellen bin ich auf den Begriff der Genossenschaften gestoßen und wollte wissen, welche Vorteile diese haben. In Wikipedia findet man: „Das zentrale Anliegen von Genossenschaften ist es, gemeinsame wirtschaftliche, soziale und kulturelle Bedürfnisse zu befriedigen. Weltweit sind mindestens 700 Millionen Mitglieder an Genossenschaften beteiligt …“.

Das sind schon mal zwei wichtige Botschaften. Die eine behandelt die Bedürfnisbefriedigung, das meint vermutlich auch weniger eine Bedürfnisweckung zu etwas, was ich eigentlich gar nicht brauche. Und das andere ist die beeindruckend hohe Zahl der Mitglieder. Fast ein 1/10 der Weltbevölkerung arbeitet schon in Genossenschaften. In Europa sollen es 140 Millionen Mitglieder in 300.000 Genossenschaften und 2,3 Millionen Arbeitsplätzen geben. Aufgrund dieser großen Zahlen hatte ich mich entschieden, nicht „Werden Genossenschaften wieder modern“ zu titeln. Mich wundert allerdings, dass mir bisher so wenige Genossenschaften begegnet sind.

Erstaunt war ich über eine Mitteilung der Kommission der Europäischen Gemeinschaft aus dem Jahr 2004 wo diese interessante Passage zu lesen ist: „Viele und erfolgreiche Genossenschaften sind heutzutage in wettbewerbsintensiven Branchen tätig, und obwohl sie nicht die höchstmögliche Verzinsung ihres Kapitals anstreben, haben sie doch erhebliche Marktanteile in Wirtschaftszweigen erzielt, in denen Kapitalgesellschaften sehr stark vertreten sind, etwa im Bank- und Versicherungswesen, im Lebensmitteleinzelhandel, im Apothekenwesen und in der Landwirtschaft. Im Gesundheitswesen, im Bereich unternehmensbezogene Dienstleistungen, im Bildungssektor und im Wohnungswesen verzeichnen sie ein starkes Wachstum.“ Und weil dies so ist, sollen Genossenschaften gefördert werden. Weiter geht es:

Ferner hat die Kommission festgestellt, dass die Genossenschaften einen positiven und zunehmend wichtiger werdenden Beitrag zur Erreichung zahlreicher gemeinschaftspolitischer Ziele leisten, etwa auf dem Gebiet der Beschäftigungspolitik, der sozialen Eingliederung, der Regionalentwicklung und der Entwicklung des ländlichen Raums sowie der Landwirtschaft. Die Kommission ist der Auffassung, dass dieser Trend unterstützt und dass die Teilnahme der Genossenschaften an verschiedenen Programmen und Maßnahmen der Gemeinschaft stärker genutzt und gefördert werden sollte.

Und hier klingeln mir die Ohren, geht es doch um so knifflige Dinge wie mehr Beteiligung der Arbeitnehmer am Management: „Genossenschaften leisten einen Beitrag zum Aufbau einer wissensbasierten Gesellschaft. Viele Genossenschaften (etwa Arbeitnehmer-Genossenschaften)sind Unternehmen, in denen die Mitglieder als die Nutzer tatsächlich auf Management-Entscheidungen Einfluss nehmen können. Die partizipatorischen Leitungsstrukturen von Genossenschaften ermöglichen das Entstehen der immateriellen Werte Know-how und Qualifikationen. In diesem Sinne bieten Genossenschaften denjenigen, die sonst möglicherweise keinen Zugang zu verantwortungsvollen Positionen hätten, die Möglichkeit, etwas über Unternehmertum und Management zu lernen.“ Da fallen mir gleich Begriffe wie Schwarmintelligenz und intrinsische Motivation ein.

Schaut man sich in Deutschland um, so findet man z.B. die genossenschaftlich geführte GSL Bank, die sozial-ökonomisch Projekte fördert und komplett auf  Transparenz setzt. Besonders im Energiebereich scheint in den letzten 3 Jahren ein Boom eingesetzt zu haben, nachlesbar in dem Artikel Energische Bürger – Immer mehr Menschen nehmen ihre Energieversorgung in die eigene Hand undgründen Genossenschaften. Ihr Ziel: Strom und Wärme ohne Atom und Kohle. Aber Deutschland scheint noch Aufbauland zu sein. Immerhin gibt es schon eine Fortbildung „ProjektentwicklerInnen für Energiegenossenschaften: Lokale und regionale Energiegenossenschaften mitinitiieren und bei ihrer Gründung unterstützen“. Die ersten 25 Personen haben sich bis Ende 2010 ausbilden lassen, unter anderem von der der Deutschen Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung (DEAE) sowie der innova eG (nachzulesen).

Die Kommission stellt aber auch fest, dass Genossenschaften keinen oder nur begrenzten Zugang zu den Märkten für Eigenkapital hätten und daher von ihrem eigenen Kapital oder von Kreditfinanzierungen abhängig seien. Dies ist hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass die Kreditinstitute und der Gesetzgeber keine oder unzureichende Kenntnis über die Eigenschaften der kooperativen Form von Unternehmen besitzt. Um das zu verbessern sollen Aktionen gestartet werden.

Aufgrund des genannten Kommissionspapiers musste das deutsche Genossenschaftsgesetz 2006 angepasst werden. Es gab einige Erleichterungen, wie das in Wikipedia gut nachzulesen ist. Und hier gibt es eine sehr interessante Information über die Stabilität von Genossenschaften im Vergleich Kleingewerbetreibende:

Genossenschaften gehören zu den eher Insolvenz-sicheren Rechtsformen für wirtschaftliche Unternehmungen. Im vergangenen Jahr betrug die Insolvenzrate eingetragener Genossenschaften nur 0,1 Prozent, während sie bspw. bei Kleingewerbetreibenden 49% betrug.

Und wenn man dann in Wikipedia auf den Artikel Wohnungsbaugenossenschaft schaut, das dürfte hier der größte Anteil der Genossenschaften in Deutschland zu finden sein: „In Deutschland gibt es heute über 2.000 Baugenossenschaften. Diese verwalten über zwei Millionen Wohnungen und haben mehr als drei Millionen Mitglieder. Allein in Berlin werden von über 80 Wohnungsbaugenossenschaften mehr als 180.000 Wohnungen verwaltet, d.h. über zehn Prozent des gesamten Wohnungsbestandes dieser Stadt. “

Fassen wir zusammen: Genossenschaften sind nicht Profit-orientiert sondern dienen sozialen Zielen (-> gegen soziale Kälte). Die Genossen sind gleichberechtigt und entscheiden gemeinsam (->anarchisch), was besonders in Produktionsgemeinschaften interessant ist. Genossenschaften leben von hoher Transparenz, was wir gerade in unserer Politik schmerzlich vermissen.

Sollten Genossenschaften uns helfen, uns aus der aktuellen Krise zu holen?

  1. Patroni
    Juni 30, 2014 um 12:15 pm

    Interessant wäre bei dieser Gelegenheit zu erfahren, welche Verbindung die Genossenschaft zu den nahestehenden Begriffen wie „Eidgenossenschaft“ (Rechtsbegriff) und „Bürgergenossen“ hat?

  1. Juni 29, 2014 um 8:59 pm

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