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Bewusstseinsspaltung in Bezug zum Sündenfall des alten Testaments …

Marian – alias Fingerphilosoph – hat zum Artikel Die Hölle ist des Menschen Zeitbegriff den folgenden Kommentar geschrieben, der sich wieder einmal lohnt, als eigenständigen Artikel das Thema Bewusstseinsspaltung weiter zu diskutieren, zumal der Bezug auf die Bibel nimmt:

Der Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies, gemalt von Michelangelo im Deckenfresko der Sixtinischen Kapelle (Foto: Wikipedia)

Wenn mir ein leckerer Duft in die Nase steigt und mir das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt, ich ergo ein positives Gefühl empfinde und wenn ich andererseits beim Anblick des Steaks, welches mir eben dieses positive Lustgefühl verursacht hat, denke, dass Fleischesser stumpfsinnige Aasfresser und überdies für die Massentierhaltung und sonst für alles mögliche Leid auf diesem Planeten verantwortlich sind und dieser Gedanke ein negatives Gefühl in mir auslöst, dann ist das der Ausdruck einer Bewusstseinsspaltung.

Bewusstseinsspaltung zeigt sich darin, dass ein einziges Ereignis (Steak) mit zwei sich widersprechenden Emotionen belegt wird: der positiven Emotion (Lust), das sich auf Handlungsebene als Steak-Vertilgen ausdrücken will, und der Verurteilung eben dieser Emotion, die sich als Steak-Verzicht ausdrücken will.

Wenn ich im Zustand einer solchen Bewusstseinsspaltung das Steak esse, tue ich es mit einem schlechten Gewissen. Wenn ich auf das Steak verzichte, verspüre ich dabei ein Bedauern. Egal, wie ich mich entscheide, ich fühle mich auf jeden Fall schlecht dabei. Das sich Schlecht-Dabei-Fühlen ist der Ausdruck der Bewusstseinsspaltung. Um dem sich Schlecht-Dabei-Fühlen zu entkommen, kann ich wahlweise entweder das schlechte Gewissen oder das Bedauern verdrängen, je nachdem, welcher Anteil meines gespaltenen Bewusstseins die Schlacht gewinnt.

Damit ist es allerdings nicht getan. Die verdrängte Emotion brodelt im Untergrund weiter, schließt sich mit anderen verdrängten Emotionen zu einem Komplex zusammen. Je mehr solche verdrängte Emotionen zusammenkommen, desto mehr steigt der Druck, bis dieser Druck als Aggression (gegen andere) oder Depression (gegen sich selber) sichtbar wird. Im Falle von Aggression brechen die verdrängten Emotionen heraus und wirken zerstörerisch in die Außenwelt, im Falle von Depression verhindert der Verurteiler (die Über-Ich-Struktur) den Ausbruch,woraufhin die verdrängten Emotionen ihr Zerstörungswerk in der Innenwelt des Betroffenen anrichten.

Dieses gespaltene Bewusstsein ist wie ein Virus, der andere infiziert. Ein Mensch mit einem gespalteten Bewusstsein trägt dieses automatisch weiter, zum einen in seine Umgebung hinein, zum anderen in der Zeitleiste über die Generationen hinweg. Das gespaltene Bewusstsein leidet unter und verzweifelt an seiner Unvollständigkeit. Da beide Teile einander jedoch unversöhnlich gegenüberstehen, versucht das gespaltene Bewusstsein, den Mangel irgendwie anders auszugleichen, und dazu braucht es die ANDEREN. Zur Herstellung der eigenen, verlorengegangenen Vollständigkeit werden nun die ANDEREN benutzt, und das sind leider sehr häufig die Kinder, weil die sich am wenigsten wehren können.

In den Religionen, die im Nahen Osten oder besser gesagt in der BIBEL ihren Ursprung haben, drückt sich diese Bewusstseinsspaltung am deutlichsten aus. Das Thema der Bibel IST die Bewusstseinsspaltung. Ich (Mensch) und Über-Ich (Gott) wandeln zuerst gemeinsam im Paradies. Das heißt, zwischen Ich und Über-Ich gibt es noch keinen Unterschied. Es ist eine Einheit.

Diese Einheit zerbricht in dem Augenblick, in dem im Menschen ein Widerspruch zu seinem Instinkt (der sich als Lust- und Unlustgefühle äußert) auftaucht. Der Instinkt (Gefühl = Gott) rät vom Verzehr der Frucht ab, die Schlange (begriffliches Denken = Gedanke) rät zum Verzehr. Eva gehorcht in diesem Fall dem begrifflichen Denken. Dem Instinkt steht nun die Ratio gegenüber. Bewusstseinsspaltung. Und nun erzählt das AT, welche Folgen diese Spaltung hat.

Bemerkenswert ist, dass die Symbole vertauscht rezipiert werden. Die christliche Religion lehrt uns nicht, dass Gott das in uns wohnende Gefühl (Instinkt/Intuition/intuitives Wissen), das sich über Lust und Unlust ausdrückt ist, sondern setzt ihn mit dem Wort, mit steinernen Gesetzestafeln, mit Kontrolle gleich. Hingegen wird die Schlange das Symbol für den Trieb, die instinktive Lust und Unlust und fortan mit allen Mitteln bekämpft. Durch diese Vertauschung bzw. Verdrehung der Symbole bekämpfen wir aber Gott bzw. das Göttliche in uns.

Diese Verdrehung kennzeichnet die Bewusstseinsspaltung. Ein gespaltenes Bewusstsein liebt das, was ihm schadet, und bekämpft das, was ihm gut tut. Deshalb bringen wir auch unseren Kindern bei, was ihnen schadet, und bekämpfen alles, was ursprünglich gut und vollständig an ihnen ist. Das nennt man dann Erziehung.

—-

Was wir unseren Kindern in der Regel mit der schulischen Erziehung antun, dazu lesenswert der Artikel:
Kritik an unserem Schulsystem: darüber, wie wir unsere Kinder verdummen ….

Und zur Idee der Schule, wie wir sie kennen:
Der heimliche Lehrplan die Schulpflicht betreffend

Und was unsere Kinder wirklich sind, das brachte der iranische Dichter Khalil Gibran gut auf den Punkt:
Eure Kinder sind nicht Euer Besitz, sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst…

 

 

 

  1. Manfred Voss
    Juni 22, 2014 um 9:12 pm

    … ah, Gregory Bateson ick hör Dir trappsen … ein universeller Geist, die jüngere Generation hat vermutlich noch nie von ihm gehört.

    Er nannte dieses Phänomen nicht Bewusstseinsspaltung, sondern etwas allgemeiner „Double Bind“.

    LG Manfred

    P.S.: Komme gerade so gut wie nicht zum Schreiben … ich vertrete mal wieder meinen Freund in der Wasserwerkstatt (Herstellung und Vertrieb von levitiertem Trinkwasser).

  2. Juni 23, 2014 um 10:25 am

    Ich möchte euch an dieser Stelle gern einen Einblick in meine Gedankenwelt geben. Ich versuche, mich kurz zu fassen:

    Meiner Ansicht nach ist die BIBEL nicht das, wofür sie ausgegeben wird. Sie beschreibt in bildhafter Sprache ein aufgeklafftes Trauma, und jeder, der diesen Text unvorbereitet liest, wird in das Trauma mit hineingezogen und davon infiziert, umso mehr, wenn einem die Geschichte als Heilsgeschichte verkauft wird. Die Bibel als Text verbreitet das Trauma, ähnlich einem Virus, nur auf der Ebene des Bewusstseins.

    Die Bibel ist wichtig, um uns selbst und das Wesen des Traumas zu verstehen, insofern ist es gut, dass es diese Texte gibt und die Kirche sie bewahrt hat. Aber wie damit immer noch umgegangen wird, ist es ein krankmachendes und Krankheit verbreitendes Buch.

    Das AT beschreibt meiner Ansicht nach das Trauma, welches das Bewusstsein aufreisst und Gott (vormals Intuition/Instinkt/inneres Wissen) unter umgekehrten Vorzeichen auf die Lebensenergie drauf projiziert. Dadurch entsteht im Bewusstsein ein Oben und ein Unten. Das aufgerissene Bewusstsein erlebt sich einerseits als Mensch (klein, unten, minderwertig) und andererseits als Gott (allmächtig, oben). Dieser Gott ist eine Projektion. Voilà: die Verbindung von Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn wie wir sie auch heute in Traumatisierungen finden. Allerdings handelt sich bei dem Bibel-Trauma um ein kollektives, nicht nur um ein individuelles, ist also ungleich mächtiger als eine individuelle Traumatisierung.

    Die Projektion dient dazu, das Bewusstsein aufzudehnen und den Raum für abstraktes
    Denken zu schaffen. Ob das nun gut oder schlecht ist, weiß ich nicht 🙂
    Darüber könnte man vielleicht mal diskutieren?
    Auf jeden Fall kann man verfolgen, wie unser Denken schrittweise immer abstrakter wurde und immer noch wird. Dieser Aufdehnungsprozess im Bewusstsein wird in der Physik als Ausdehnung des Universums gespiegelt.

    Das AT beschreibt weiterhin, wie das Trauma sich weiter und weiter ausbreitet (um das zu demonstrieren, dienen die Geschlechtsregister) und sich dabei abschwächt, ähnlich einem Tropfen Farbe, der auf einen Teig gegeben wird und den Teig allmählich färbt, wobei die Farbe blasser wird. Gott und Mensch versuchen sich im AT wieder anzunähern. Das ist ein sehr schmerzhafter Prozess, genauso wird er auch beschrieben.

    Jesus steht meines Erachtens für die Überwindung des Traumas. Deshalb sagt er auch, dass er gekommen ist, die Geschichte (des Traumas) zu vollenden. Er verlegt Gott wieder in den Menschen zurück „Das Reich Gottes ist in euch“. Deshalb glaubt er auch, dass das Reich Gottes sich zu seinen Lebzeiten verwirklichen wird.
    Aber die Geschichte ist in meinen Augen schief gelaufen. Auf das daher noch nicht wirklich ganz aufgelöste Trauma des AT wurde im NT ein neues Trauma draufgesetzt, das in der Apokalypse endet. Wo Gott und Mensch sich im AT wieder annähern, driften sie im NT wieder auseinander und aus dem Menschen Jesus wurde ein das All umspannender Gottessohn.

    Das ursprüngliche Trauma, von dem der Sündenfall erzählt, dürfte sich zwischen 40.000 und 10.000 Jahren ereignet haben und zwar in einem längeren Prozess, der in der Sündenfall-Geschichte symbolhaft zusammengefasst wurde. Ich denke, Traumata gehören zu jeder Entwicklung zwangsläufig dazu. So ähnlich, wie Theorien verifiziert und falsifiziert werden müssen, bevor sie als gültig anerkannt werden, so ähnlich durchläuft das Bewusstsein Tag- und Nachtwege, einen positiven und einen negativen (gegenläufigen) Weg. Der negative Weg findet unter verdrehten Perspektiven statt, und die Überwindung des Traumas besteht darin, die verdrehten Perspektiven noch einmal umzudrehen, damit der Geist und die Gefühle wieder klar werden. Das ist die doppelte Spiegelung, die ich an anderer Stelle schon mal erwähnt habe.

    Alle, die von dem Bibel-Trauma betroffen sind, arbeiten der Apokalypse entgegen, genau wie das der Text beschreibt. Die Offenbarung des Johannes ist ein wahnhaftes Gebilde, das am Ende eine Welt zeigt, in der das Leben fast (?) vernichtet wurde. In der Stadt, die am Ende übrig bleibt, spielen Menschen, Pflanzen, Tiere (das Lebendige) so gut wie keine Rolle mehr, es ist ein mehr oder weniger totes, kristallines Gebilde: vermutlich die Keimzelle für den Glauben mancher Transhumanisten, ihr Bewusstsein ließe sich auf Computer oder Roboter übertragen.

    Ich denke, eine Weltsicht, die das Trauma überwunden hat, geht in die Richtung, die Guido eingeschlagen hat. Diese Weltsicht geht davon aus, dass Bewusstsein/Leben das Primäre und Ewige ist, das sich immer wieder in neue Lebensformen ergiesst. Und dass der Kosmos, wie ihn die Physik uns heute verkauft und wir ihn als Realität akzeptiert haben, eben nicht der Beginn, sondern Realität gewordene Bildersprache ist.

    Was uns die Physik heute als Kosmos präsentiert, ist meiner Ansicht nach eine moderne und abstraktere Version der biblischen Schöpfungsgeschichte. Was darauf hindeutet, dass auch die Physiker vom Trauma infiziert sind, selbst wenn sie Atheisten oder Buddhisten sind.
    Ich denke auch, dass unser Wirtschaftssystem mit diesem Trauma zusammenhängt und wir in Form unserer Wirtschaft dasselbe tote Gebilde anstreben wie die Physiker als Kosmos abbilden und die Bibel als „Stadt“. Unsere Wirtschaftssystem ist ein Mechanismus, der Lebendiges in Totes umwandelt.

    Die Frage, die ich mir gestellt habe, war, ob die östlichen Religionen also den „positiven“ Weg gehen und ein Gegenmodell bieten. Vor einiger Zeit war ich jedoch in eine Diskussion verwickelt, bei der ich erfahren habe, dass die indische Philosophie im 2. und 3. Jh. vom Neuplatonismus (Vermischung griechisches und christliches Gedankengut) infiltriert wurde. Das war für mich das Aha-Erlebnis, dass es niemals strikt voneinander isolierte Kulturen gegeben hat. Egal zu welcher Zeit, Menschen haben sich immer untereinander ausgetauscht.

    Auf meiner Website versuche ich, diese Grundthese auszuarbeiten. Ich mache das in mehr oder weniger ungeordneter Form. Erstmal geht es nur darum, einzelne Puzzlesteine zu beschreiben und zu sortieren.

    Mich interessiert natürlich, ob diese meine These irgendwie zu euren Gedankenwelten passt? Und wenn ja, in welcher Weise?

  1. Juni 22, 2014 um 6:19 pm

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