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Vom Nutzen des Fußballspiels … mit Blick auf #WM2014

Fussballplatz (Foto: Peter Smola - pixelio.de)

Fussballplatz (Foto: Peter Smola – pixelio.de)

Marian hat einen lesenswerten Kommentar zu meinem Artikel Warum ich mich dafür entscheide, dem maximal Profit-orientierten WM-Rummel nicht durch mein Zuschauen weiter zu unterstützen geschrieben, den ich hier gerne als eigenständigen Artikel zur weiteren Diskussion stellen möchte, zeigt er doch auf, dass Fußballspiele einen wertvollen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten im Stande sind. Ich habe den Text minimal angepasst, so dass er hier für sich alleine stehen kann.

———–

… In einem Fussballspiel hat man beides auf kleiner Fläche vereint: Aggression einerseits und Zusammenhalt andererseits. Manchmal kochen die Aggressionen hoch und manchmal kocht das Wir-Gefühl hoch. Aggressionen führen in der Verstärkung manchmal zu Schlägereien und das Wir-Gefühl zur Verbrüderung mit seinem Ausbeuter.

Ich bin grad deshalb ein Befürworter von Fussball: Fussball zeigt, wie der Mensch wirklich ist. Da fallen die Masken. Ansonsten spielen wir nämlich meistens bloß Rollen und uns gegenseitig was vor. Mir ist es lieber, ich weiß, mit wem ich es zu tun habe. Ich bin lieber mit den Menschen, wie sie sind, in Kontakt, als mit Menschen, die sich gegenseitig nur geschönte Selbstbilder voneinander präsentieren.

Meiner Erfahrung nach ist es ein geschöntes Selbstbild, wenn wir von uns als Menschen glauben, dass wir alle friedlich und immer nett zueinander wären, wenn bloß die Umstände oder die Erziehung anders gewesen wäre oder wir alle bloß Gemüse essen würden. Wer das glaubt, der versteht nicht viel vom Menschen. Aggression gehört zu unserem Wesen ebenso dazu wie das Mitgefühl.

Wenn wir der Aggression ihren Raum verweigern, weil unser Selbstbild das nicht zulässt, und wir uns selbst als bewusstseinsmäßg hoch entwickelte Geistgemeinschaftswesen – früher hat man mal Engel dazu gesagt – imaginieren, dann sinkt unser aggressiver Anteil in den Schatten ab, wo wir keinen Zugang mehr dazu haben. Damit sind die Aggressionen aber nicht weg, sondern kommen hinter freundlichen Masken versteckt, umso stärker zum Vorschein. Und dann erst fangen Aggressionen an, richtig bösartig zu werden.

Es ist nicht alles nur negativ oder nur positiv. Frieden ist kein absoluter Wert an sich. Es gibt Grenzen sowohl in individuellen wie in gemeinschaftlichen Räumen, und diese Grenzen wollen erfahren und verteidigt werden. Dazu ist ein gewisses Maß an Aggression nötig. Krebs ist ein Parade-Beispiel dafür, was passiert, wenn Grenzen nicht verteidigt werden. Tibet ist ein anderes. Was in Tibet bis jetzt passiert ist, ist schon schlimm genug. Aber dass China damit über die Quellen verfügt, die die großen indischen Flüsse mit Wasser versorgen, das öffnet langfristig nochmal einen anderen Blick auf diese Geschichte. Und da sieht man den Dalai Lama und sein Friedensgeschwafel plötzlich ein bisschen anders. Bhutan hat übrigens draus gelernt: die haben eine kleine Armee.

Im Fussball werden die von uns ständig verleugneten Aggressionen teilweise rehabilitiert.
Und die Verbrüderung wird endlich mal für ein paar Minuten gelebt. Ansonsten ist es ja bloß eine hohle Phrase, dass wir als Menschheit alle Brüder sind. Ich wüsste nicht, wo wir das sonst leben. In einer Kirche habe ich Brüderlichkeit jedenfalls noch nie erlebt. Dort ist alles bloß geheuchelt.

Ebenso ist es doch ein Fakt, dass wir ebenso Individuen wie Gemeinschaftswesen sind. Aus Individuen können fensterlose Monaden wie Autisten werden und aus Gemeinschaftswesen Massen und Lemminge. Wir haben nicht nur unsere individuelle, wir haben auch eine gemeinsame Energie, nicht nur ein individuelles, sondern auch ein kollektives Bewusstsein. Ich find’s gut, mit beidem umzugehen. Ich weiß, wie es sich als Einsiedler lebt, ich weiß aber auch, wie es ist, in einer großen Menge zu stehen.

Wenn wir meinten, Massenveranstaltungen lenkten vom eigentlichen bzw. wahren Leben ab, kann ich das so nicht teilen. Im Gegenteil: Massenveranstaltungen grundsätzlich aus seinem Erfahrungsbereich auszuschließen, schränkt meiner Ansicht nach das wahre Leben ebenso ein wie die Flucht vor der Einsamkeit und der Erfahrung, wie es ist, mal völlig auf sich selbst zurückgeworfen zu sein.

  1. Juni 8, 2014 um 3:51 pm

    Cooler Artikel, könnte fast von mir sein 🙂

    Das wichtigste Argument fehlt jedoch: trotz aller Kommerzialisierung schlägt Fussball den Kommerz im Endspiel mit 1 : 0.

    Erinnert ihr euch noch an das Christian-Wulff-Bashing? Wieviel Hass und Häme da auf einmal freigesetzt wurde, dabei ging’s im Endeffekt bloß um ein Bobbycar und ein Abendessen oder sowas. Aber zeitweise hatte das ja schon was von einem Lynchmob.

    Und dagegen Uli Hoeneß? Der ist nun ein Erzgauner, betrügt den Steuerzahler (also uns alle) um 30 Millionen (wenn’s reicht) und mal abgesehen von den üblichen moralischen Miesepetern drückt der Rest der Bevölkerung großzügig ein Auge zu und bewahrt sich die positiven Gefühle Uli gegenüber. Ich habe zahllose Kommentare gelesen, die das bestätigen. Es gab eine Menge Durchhalteparolen und Danksagungen an Uli. Auf einmal ist es dem Volk wurscht, wenn es betrogen wird. Nicht mal der Papst kann sich das erlauben.

    Die Leute haben Uli Hoeneß verziehen, nicht weil irgendeine Religion das von ihnen verlangt, auch nicht, weil sie zwanghaft dem Gutmenschentum frönen müssen (um die Welt zu retten oder in den Himmel zu kommen), sondern allein wegen Uli selber. Weil die Sympathie in diesem Fall stärker ist als der Hass. Wo gibt’s denn sonst sowas?

    Das ist der Beweis: Wenn’s um Fussball geht, ist Geld im Endeffekt gar nicht mehr so wichtig. Mann, wenn ich es mir recht überlege, ist das eine echte Sensation.

    2000 Jahre Christentum und 267 Päpste haben nicht geschafft, was ein einziger Fussballer in einem Handstreich fertig bringt.

  2. Juni 9, 2014 um 5:16 pm

    @Martin Bartonitz

    Man könnte auch das Ballspiel der Azteken, bei der die Verlierermannschaft rituell getötet wurde, genau so positiv beurteilen, indem man korrekt feststellt:

    Das war ne prima Erfindung, dieses Ballspiel als Kriegsfeldzugersatz, da starben statt Hunderten bis Tausenden eben nur ein Dutzend, stellvertretend für die anderen.
    Psychohygiene at its best.
    Olympische Spiele hatten ja mal ne ähnliche Ursprungsfunktion.

    Auf der Basis könnte man auch gut argumentieren:
    „Die Missionierung Süd- u.. Mittelamerikas mit vielen Millionen Toten war auch ein Akt der Barmherzigkeit, denn nur so konnte den Heiden das christliche Himmelsreich zugänglich gemacht werden!“

    Ööh..ach so, das hat ja bereits der Dings..der Papst Paul der Zotenzwote öffentlich verlautbart?!

    [Laut Papst Johannes Paul II. ist der Völkermord in Südamerika eine »glückliche Schuld, da auf diese Weise auch der katholische Glaube dort Fuß faßte!« (Spiegel special Nr. 3/2005, S. 91)]

    Na dann ist ja alles in Ordnung^^

  3. Uwe
    Mai 20, 2015 um 8:54 am

    Offenbar stammt das was wir heute als Fussball kennen aus einem alten keltischen Spiel,Brauch… der „Ball“ steht hier scheinbar für das „Ei des Lebens“ es wurde nicht mit den Füssen getreten,gestossen…(was ja eigentlich eine Verachtung… gegenüber dem „Ei des Lebens zeigt) sondern der „Ball“(das Ei des Lebens) wurde in den Händen getragen.

    Bei der Ballart die im Rugby… zu finden ist kann man noch am ehesten die Form von dem „Ei des Lebens“ erkennen.

    Liebe Grüsse
    Uwe

  1. Juni 8, 2014 um 11:12 am

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