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Jammern wir nur auf höchstem Niveau?

Schloss Schwerin (Foto: Martin Bartonitz)

Schloss Schwerin (Foto: Martin Bartonitz)

Ich war in den letzten Tagen unterwegs und hatte dabei Gelegenheit wahrzunehmen, wie das Leben von Leibeigenen vor über 200 Jahren in der Regel ausgesehen hat, und aber auch, wie grausam das Leben heute im Kongo ist, nahe den Minen, in denen die Mineralien für unsere Smartphones aus der Erde im Busch geholt werden.

Sei froh, dass Du heute und hier in Deutschland lebst.

wird mir immer wieder mal in Erinnerung gerufen, wenn ich auf die Missstände in unserem Land hinweise. Gleich hinterher wird dann noch geschickt:

Sei doch zufrieden mit Deinem Leben, Du kannst die Welt da draußen doch nicht ändern.

Sollten wir also besser annehmen, was ist, und in Zufriedenheit schwelgen, wegschauen von dem, was verbesserungswürdig wäre, und alles so weiterlaufen lassen?

Beispiel eines Lebens als Leibeigener

Das folgende kurze Video gibt einen Eindruck von der Arbeitsstädte einer früheren Schleifmühle, in der die polierten Steinplatten für das Schweriner Schloss sowie die Herrschaftswohnungen in Schwerin gefertigt wurden.


.
Diese mit Wasserkraft betriebene Schleifmühle ist aufgegeben worden, als die Dampfmaschinen Mitte  des 19. Jahrhunderts aufkamen. Was heute zu sehen ist, ist in liebevoller Hobbyarbeit von Vereinsmitgliedern nachgebaut worden, die in Erinnerung halten wollen, wie mühsam sich die Arbeit der Leibeigenen darstellte. Geschildert wurde mir wie folgt:

An diesem Tag wurde nur die halbe Stärke der Mühle genutzt, also 6 PS. Die Lautstärke liegt bei diesem kleineren Nachbaud bei ca. 95 Dezibel. Es war schon bei kurzem Zuhören unangenehm. Dabei ware nur 2 statt 11 Sägeblätter eingelegt, mit denen typsicherweise die großen Findlinge zu schmalen Platten zerlegt wurden.

Bei diesen Sägeblättern darf man sich keine gezackten Blätter wie für das Holzsägen vorstellen. Diese Blättern sind glatt. Das Sägen erfolgt durch dauerndes Einbringen von Quarzsand auf die Blätter. Daher auch der Name Schleifmühle, denn die Schnitte durch den Stein erfolgt durch langsames, tagelanges Hindurchschleifen. Neben den Sägen gab es noch Poliervorrichtungen, die die Platten so lange bearbeiteten, bis diese glänzten. In der Regel war die Mühle so vollgestellt mit Apparaturen, dass ein Hindurchbewegen nur in Enge vorzustellen ist.

In dieser Mühle arbeitete früher ein Vater mit seinem Sohn. Der Sohn trug das Kühlwasser vom nahegelegenen See sowie den Sand herbei, während der Vater die Maschinen betrieb und dabei laufend Sand und Wasser auf die Sägen schüttete.

Der Arbeitstag ging von Sonnenauf- bis -untergang. In dem Gebäude gab es damals keine Fenster, d.h. es war zugig und kalt, und auch nass aufgrund des Kühlwassers. Bezahlung gab es nicht zur Zeit der Leibeigenschaft, die mit „Befreiung Europas“ durch Napoleon aufgelöst wurde. Für Kost, Logie und Kleidung kam der Herr auf. Die Lebenserwartung hätte so bei 35 Jahren gelegen.

Das gefährliche Leben als Frau im Osten des Kongo

Ich hatte vor einiger Zeit schon einmal geschrieben, dass, wer „normal“ konsumiert, etwa 16 Sklaven unwissentlich beschäftigt (siehe auch). Diese Sklaven arbeiten irgendwo im Produktionsprozess unserer Luxusgüter aber auch Kleidungsstücken. Aufgrund der Globalisierung sehen wir immer schlechter, wer was wie an unseren Produkten bewirkt. Und so kennen wir die einzelnen Schicksale der Beteiligten immer weniger.

Schauen wir also einmal auf ein solches Schicksal, dass inzwischen kein seltenes im Kongo ist. Ich las in einer Zeitschaft von einer Frau, die von Rebellensoldaten aus ihrem Dorf entführt wurde (Interview mit der Autorin). Die Soldaten kamen ins Dorf, als ihr Mann nicht zuhause war. Bevor sie mitgeschleppt wurde, vergewaltigten die Soldaten sie vor den Augen ihrer Schwiegereltern und ihren vier Kindern. Anschließend teilten sie eins ihrer Schweine in zwei Hälften, die sie auf dem Rücken mitzuschleppen hatte.

Im Sklavenlager angekommen, lagen dort einige männliche Leichen umher. Von einem der an den Füßen angeketteten Männern wurde ein Stück Fleisch aus dem Bein geschnitten, kurz gegrillt und ihr zum Essen gereicht. Sie war sich sicher, hätte sie sich übergeben, wäre sie getötet worden.

Nun stand sie jeden Tag neben anderen Frauen und Männern bewacht von Bewaffneten im Wasser und grub die Erze aus der Erde, die ihren Weg nach Asien gehen, um dort in unseren Elektrogeräten wie z.B. unsere Smartphones verbaut zu werden. Jeden Abend wurde sie vor dem Schlafen vergewaltigt.

Das hier geschilderte Schicksal trägt sich immer häufiger rund um die „Minen“ im Kongo zu, wie es auch dieser Amnesty-Artikel mit weiteren Einzelheiten beschreibt: Der gefährlichste Ort der Welt.

Inzwischen gibt es die Möglichkeit, den befreiten Menschen, besonders den Frauen in der Aufarbeitung ihrer Traumata zu helfen:

Spendenkonto medica mondiale
Sparkasse Köln Bonn, Konto 45 000 163, BLZ 370 501 98,
Spendenzweck: Kongo

Fazit

Sicher kann man sich in diese Menschen nicht ganz hineinversetzen, aber gewisse Gefühle sind doch spürbar. „Feindseligkeit als Normalität des Lebens“ war hier schon als Begriff gefallen. Ist es das?

Ich kann mir vorstellen, dass ein damaliger Leibeigener seine Situation als Gott-gegeben normal erachtete und das beste draus machte. Anders ist es sicher mit dem Leben der Frauen im Kongo, die ja zuvor ganz anderes erfahren haben.

Es ist sicherlich hilfreich, sich selbst in Erinnerung zu rufen, dass das eigene Leben auch viel schlimmer sein könnte, um in diesem Vorstellungskontrast eine gewisse Zufriedenheit zu erlangen. Aber sollte es uns reichen, hier halt zu machen? Zumal wir mit unserem Konsum in einer globalisierten Welt genau dafür sorgen, dass andere Menschen auf unsere Kosten weniger schöne Leben leben müssen …

Ein erster Schritt kann dabei sein, viel bewusster zu konsumieren, wie wir das immer wieder schon mal besprochen haben. Wenn wir Technik kaufen, könnten wir auch hier auf zertifizierte Produkte achten. Ein passendes Zertifikat könnten das TCO Development sein.

Hier ist ein Artikel, der aufzeigt, was dennoch in unserer auf Profit geeichten Welt möglich ist:

Besser für Umwelt und Arbeiter: Das erste ethisch korrekt hergestellte Smartphone geht in Produktion. Was kann es, was andere Handys nicht können? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Fundstelle: Das kann das Fairphone

Kategorien:Gesellschaft
  1. Mai 28, 2014 um 11:27 am

    Lieber Martin,

    interessante Gedankengänge Deinerseits, sicherlich.
    Nur, rechtfertigt das Eine das Andere?
    Damit meine ich, ist unser Leben erst dann als schlimm zu bezeichnen, wenn es bei uns genauso zugeht, und ist es gut, das was bei uns läuft, zu akzeptieren, wie es eben ist?
    Kommt dann noch dazu, dass in unserer vernetzten Welt alles mit allem zusammenhängt, sprich die Profitgier der Länder, die gut dastehen, und da beziehe ich jetzt Deutschland mal mit ein, bedingt zum Beispiel den Hunger in der Welt, der so nicht existieren müsste.
    Es ist genug für alle da, aber es gibt einige wenige, die eben nichts abgeben wollen, von dem, was sie „gehortet“ haben.
    Geld ist ein Mittel, das fließen muss, damit möglichst alle etwas davon haben, aber hierzulande herrscht die Mentalität vor, dass man sparen muss, um in Zeiten der Not versorgt zu sein.
    Aber, was macht man, wenn in diesen angesprochenen Zeiten niemand mehr da ist, der Dienstleistungen und Waren anbieten kann, weil ihm bzw. ihnen vorher schon die Lebensgrundlage, aufgrund diesen Handelns, entzogen wurde?

    Ich wünsche mir Humanität und Menschlichkeit im Umgang miteinander, Solidarität und Mitgefühl für diejenigen, denen es nicht so gut ergeht im Leben, und natürlich tätig Hilfe für die Letztgenannten.
    Leider versteht heutzutage unter dieser tätigen Hilfe eine „Almosenmentalität“ und es gibt genug Menschen, die sich dafür schämen bedürftig zu sein.
    Kein Mensch möchte als Verlierer gesehen werden, also geht es weiter mit Ellenbogengesellschaft und Neid in dieser Welt.

    Wir, alle Menschen, sind die Schöpfer des Systems, wir schaffen die Bedingungen und es liegt an uns diese so zu gestalten, dass diese zum Wohl für alle Menschen gesetzt werden.
    Funktioniert aber irgendwie nicht, das beweisen Politiker, die erst einmal in der Regierungsverantwortung angekommen, alles dafür tun, das eigene Wohl zu erhalten, auch wenn es auf Kosten der Bürger geht.

    Noch zwei Links zum Thema

    8% können sich vollwertige Mahlzeiten nicht leisten

    Liebe Grüße an alle
    Silke

    • Mai 28, 2014 um 11:47 am

      Ja, Geld muss fließen. Damit es das tut, sagt man uns, wird Zins genutzt, quasi als Anreiz. Man kann das auch anders machen, in Anlehnung an unsere Natur: das Geld einer Verrottung unterziehen:
      Über das fließende Geld …

  2. Mai 28, 2014 um 11:42 am

    Michael Molli auf Faceboom ergänzend:

    Ich hatte vor ein paar Tagen einer Facebook-Freundin etwas gefragt, mit welcher ich bislang sonst nie näheren Kontakt hatte. Sie antwortete umgehend, dabei war ich überrascht zu erfahren, daß sie Entwicklungshelferin in Peru sei. Bei dem Gespräch erzählte sie, auf mein neugieriges Nachfragen hin, wie die Zustände dort sind. Einheimische leben in Armut dort, das Land wird systematisch ausgebeutet, riesige Flächen an Mutterboden errodieren und verwandeln sich unaufhaltsam in Wüste. Sogar Trinkwasser ist ein Problem, die Leute müssen ihr Wasser von weit her besorgen, es fehlt an vielem, medizinische Versorgung gibt es nur in größeren Städten.

    Das Gespräch hat mich bewegt. Ich achte nun mehr darauf, daß das Wasser nicht unnötigigerweise läuft, z.Bsp. beim Abwaschen. Ich wertschätze es mehr, wenn ich „einfaches“ Mineralwasser trinke, sehe kaum mehr etwas für selbstverständlich an. Es gibt Menschen, die leben permanent mit dem Mangel von Grundbedürfnissen – permanent und nicht nur vorübergehend – es sind Grundbedürfnisse, nichts anderes.

    Warum bewegt es mich diesmal so? Ich habe doch wie alle anderen auch schon Filmaufnahmen aus den ärmsten Ländern gesehen, wir wissen es aus Statistiken und zahlreichen Artikeln, jeder weiß das. Und trotzdem hat mich der kleine Live Chat mit einer Facebookfreundin aus halb um die Welt mehr bewegt, als alle Berichte aus dem Fernseher zusammen.

    Ist es ein tiefsitzendes Misstrauen den Medien gegenüber, so daß mir jemand aus erster Hand berichten musste? Ist es Verdrängung, weil ich das Wegschauen sozialen Problemen gegenüber im eigenen Land schon gewohnt bin? Oder ist es gar ein Anzeichen dafür, daß meine Menschlichkeit degradiert?

    Ich denke seit dem Gespräch jedes mal daran, wenn ich etwas esse oder trinke, wie unglaublich schwierig es andere Menschen haben zu überleben. Das wirft ein ganz anderes Licht auf die perverse Vermögensverteilung. Es bedarf so viel Gewalt, um das System aufrecht zu erhalten. Systematische Gewalt.

  3. Mai 28, 2014 um 12:33 pm

    Weil das Volk nur dasteht und zuschaut, ist es automatisch der Verierer unseres auf Konkurrenz-basierten Gesellschaftssystems. So von Weizsäcker schon vor JAhren in seinem Voraussblick:

  4. Heinrich Schmitt
    Mai 28, 2014 um 6:39 pm

    „Arm im Beutel, krank am Herzen, schleppt‘ ich meine mueden Tage….“
    Muloy, der drittaelteste Sohn einer Familie mit 11 Kindern aus unserem Squatter-Aerea arbeitet in einer Goldmine in Davao del Norte. Er ist jetzt 18, war nie in einer Schule, hat sich stets mit Gelegenheitsjobs, meist als Helfer beim Bau und mit Betteln durchgeschlagen.Jetzt hat er fast alle Zaehne verloren – der Tribut des Quecksilbers. Denn wie viele andere schuftet er illegal in dieser Mine, die ein spanisches Konsortiom betreibt. Wenn es viel regnet, kommen manchmal Abraumhalden ins Rutschen und begraben die Wuehlmaeuse unter sich. Auch selbstgegrabene Stollen brechen manchmal ein. Es kommt immer wieder zu todlichen Unfaellen.
    Der „Daily Inquirer“, eine einigermassen kritische Tageszeitung auf den Philippinen berichtete von Quecksilbervergiftungen bei 12 jaehrigen Kindern, die als Kinderarbeiter bei einer Goldmine der Degussa eingesetzt werden.
    Auch der leichtfertige Umgang mit Pestiziden auf den grossen Farmen von Chiquita , Del Monte und der United Fruit Company fordert seine Opfer. Krebserkrankungen bei Kindern sind ausserordentlich haeufig.
    Aber vor Allem deutsche Firmen sind hier praesent – und sie verdienen zweimal: erst machen sie die Leute z.B. mit Baygon-Produkten krank, dann verkaufen sie ihre ueberteuerten Medikamente.

    • Mai 28, 2014 um 8:44 pm

      Danke für Deine weiteren Beispiele.

      Mir ist dabei klar geworden, dass es mindestens eine Position in den Produktionsprozessen geben muss, in denen Menschen bewusst (im Gegensatz zu vielen unbewussten Konsumenten) andere Menschen zu ihren Gunsten bis hin zur Lebensverkürzung ausbeuten.
      Was muss mit diesen Menschen passiert sein, das Spiel hier mitzumachen?
      Aber genauso lässt sich fragen, warum Menschen unter Umständen arbeiten, die wenig gesund erscheinen.
      Ok, manche rauchen, saufen oder fressen, und machen sich über die ungesunden Auswirkung auch wenig Gedanken, oder verdrängen zu zumindest …

    • Mathias
      Mai 29, 2014 um 1:25 pm

      Lieber Heinrich,

      Ich lese Deine Kommentare gerne, schildern sie doch auch eine Wirklichkeit der wir – so meine Meinung – nicht entfliehen können. Das Schöne hat seinen Platz, und darf betrachtet werden, und das Ungeheuerliche hat in dieser Welt auch noch seinen Platz, und sollte ebenso wahrgenommen werden. Während ein Geist viele zu verführen vermag, um den Schein des Schönen zu frönen, entstehen im Schatten dieses Geistes die Bilder des Elends, des Leids und des Ungeheuerlichen.

      Was ich damit sagen will, ist, dass wenn die Welt einen Charakter hätte, dieser Charakter sich nur in der Vollständigkeit aller Bilder und aller Rollen offenbart.

      Danke für Deinen Bericht aus der Welt wie Du sie erlebst.

      Herzliche Grüße an Dich,
      Mathias

  1. Mai 28, 2014 um 10:17 am

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