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Arbeit macht frei!?

Eingangstor des KZ Auschwitz, Arbeit macht frei (2007, Foto: Wikipedia)

Den Spruch „Arbeit macht frei“ kennen wir in Deutschland recht gut, werden uns doch jedes Jahr die Schilder an den berüchtigten, gut konservierten Vernichtungslagern der Nazis, vor Augen gehalten. Zumindest vor die Augen Jener, die die Mainstream-Medien noch verfolgen. Wissend, was hinter den Zäunen der Lager passierte, kann der Spruch hier nur zynisch gemeint sein. Aber war das immer so? Und wer meine Artikel kennt: nein, auch hier wurde mal wieder etwas auf den Kopf gestellt.

Es gibt eine schöne Buchrezension von Friedrich-Christian Schröder, in der Folgendes zu lesen ist:

Aber mit diesen wörtlichen Vorläufern gibt sich der Autor nicht zufrieden. Er durchmustert alle vorausgegangenen Devisen ähnlichen Inhalts. Dabei stößt er auf die Sentenz „Arbeit ist des Bürgers Zierde“ aus Schillers „Lied von der Glocke“. Auf einem Foto vom Kontor einer Leipziger Firma von 1908 hat er die Parole „Arbeit besiegt alles“ gefunden; sie kehrte zwei Jahrzehnte später in lateinischer Fassung als „Omnia Vincit Labor“ auf der Fassadenuhr einer jüdischen Firma wieder. Einen weiteren Vorläufer sieht er in Thomas Carlyles Uminterpretation von Goethes Gedicht „Symbolon“, in der er die Schlußzeile „Wir heißen Euch Hoffen“ durch die Worte „Work and despair not“ ersetzte.

Diese doch noch als Stärke der Reichen, also als Positives hervorgehobene Eigenschaft verkehrte sich dann im 19. Jahrhundert langsam in das die Armen Manipulierende unserer Zeit:

Brückner untersucht die Geistesgeschichte des Arbeitsbegriffs und macht darauf aufmerksam, daß der Begriff „Arbeitskraft“ eine deutsche Besonderheit ist. Er stößt auf die „Arbeitshäuser“ als polizeiliche Maßnahme gegen Arbeitsscheu und Landstreicherei im früheren Recht und die Zeile „Arbeit macht das Leben süß“ in Gottlob Wilhelm Burmanns „Kleinen Liedern für kleine Mädchen und Jünglinge“ von 1777. Das Abzeichen des Reichsarbeitsdienstes trug die Inschrift „Arbeit adelt“; dieser Spruch fand sich auch auf einigen Lagertoren des Arbeitsdienstes.

Szene aus Charly Chaplins Modern Times

Heute werden wir „Untertanen=Wahlvolk“ umworben mit „Wissen ist Macht“ (Achtung: das ist zweideutig), „Bildung macht frei“.  Aber was macht Arbeit wirklich mit uns? Und da möchte ich auf einen weiteren erhellenden Artikel verweisen. Er wurde von Franzobel als Manifest zum letzten 1. Mai geschrieben und hat den Titel und beginnt mit:

Warum wir die Arbeit abschaffen sollen

Sie ist wider die Natur, wider das Vergnügen. Arbeit ist unverschämt.

Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem es nur noch eine Lösung gibt: Nieder mit der Arbeit. Arbeit ist wider die Natur, wider das Vergnügen. Arbeit ist unverschämt, frivol. Daher: Jawohl, schaffen wir sie ab. Gründen wir die Partei der Nichtarbeit, die PANDA. Rücken wir die Arbeit aus dem Zentrum unserer Existenz. Machen wir etwas anderes. Machen wir uns von der Arbeit los, arbeitslos.

Es geht doch darum, frei zu sein. Frei von Sklaverei. Frei von Zwängen. Sind wir das? Nein. Wir sind die Sklaven der gemachten Bedürfnisse, die Sklaven unserer Telefone, E-Mail-Accounts, Kreditkarten, Sozialversicherungen, Elternvereine, Aktien-Portfolios, Lebenskonzepte und Weiß-der-Teufel. Wir sind nicht minder versklavt als die Leibeigenen vergangener Jahrhunderte.

Er plädiert wieder auch dem Müßigang nachzugehen und schreibt später:

Faulsein ist wunderschön

Bereits Karl Marxens Schwiegersohn Paul Lafargue hat die Konsequenz aus dieser alles umfassenden „Verarbeitung“ gezogen und ein Lob der Faulheit geschrieben. Es gibt Eichendorffs Taugenichts, den Oblomow und viele andere Helden der Trägheit. Selbst Pipi Langstrumpf singt, Faulsein ist wunderschön. Aber heute gilt der Fleißige – sonst keiner. Fleißig, Tunnelblick und am besten für alles andere blind. In den 1980er-Jahren war es noch ein Lebensziel, so viel zu arbeiten, dass man eines Tages nicht mehr arbeiten muss. Dieser Tag ist längst eingetreten, aber mit der Arbeit aufgehört hat niemand. Man ist süchtig nach ihr geworden. Man hat Angst, dass man mit ihr den Lebenssinn verliert.

Diese angesprochene Angst mag auch für viele Hartz IV Betroffene der Grund sein, schneller zu erkranken oder gleich den Löffel abzugeben, soweit haben wir das Weltbild „Arbeit macht frei“ verinnerlicht.

Eigentlich sollten wir uns ja auf die nahe Zukunft freuen, denn aufgrund der immer stärker anziehenden Automatisierung fallen weitere Arbeitsplätze weg. Dann sollte es uns doch leicht fallen, das bisschen übrig bleibende Arbeit auf Alle zu verteilen. Faulheit lass kommen?

  1. Dezember 15, 2013 um 7:05 pm

    Die Faulheit brauchen wir nicht kommen LASSEN, die kommt ganz von allein – eben durch die Automatisation, die menschliche Arbeitskraft völlig überflüssig und die hergestellten Produkte kostenlos macht. Denn mit der Automatisierung werden auch Technologien zum kostenlosen Zugang der zur Produktion notwendigen Energie ihren Durchbruch erleben.

    Die Frage ist, wie wir mit diesen Entwicklungen umgehen… Werden die heute Herrschenden dann wirklich einen Teil der Menschheit als „unnötig“ ausrotten, dem Tod durch verhungern, Krankheit, Obdachlosigkeit, Hoffnungslosigkeit überlassend (oder vielleicht gar aktiv tötend?) oder werden wir in der Lage sein, endlich alle am durch alle geschaffenen Reichtum teilhaben zu lassen?

    • Rob
      Dezember 16, 2013 um 12:45 am

      Würde man die technischen Möglichkeiten jetzt schon nur für sinnvolles einsetzen, anstatt Unmengen Schrott zu herzustellen, den kein Mensch wirklich braucht, und zudem unnötige Jobs, z.B. Verwaltung, abschaffen würde, müssten alle weniger arbeiten und hätten mehr Zeit sich um ihre Entwicklung zu kümmern.

      Die Herrschenden sind nur ein Spiegel ihrer Bevölkerung. Ändert sich das Gesamtbewusstsein zum positiven (vorallem Handeln durch liebevolle Intention), würden wohl auch die Herrschenden andere Eigenschaften aufweisen, falls wir dann überhaupt noch welche brauchen. Hier ein kurzes, übersetztes Video, in dem Thomas Campbell erläutert, wie man die Welt verändern kann, indem man sich selbst verändert:

      Mein Name ist übrigens Rob und ich verfolge diesen Blog schon seit langer Zeit und hab mich nun dazu entschlossen hier auch ab und an mal zu kommentieren.

      • Dezember 16, 2013 um 8:20 am

        Vielen Dank für Deinen Beitrag, Rob, und herzlich Willkommen untern den Aktiven hier, Martin

      • Dezember 17, 2013 um 4:43 pm

        😉
        „… müssten alle weniger arbeiten und hätten mehr Zeit sich um ihre Entwicklung zu kümmern.“

        Wäre das nicht vielleicht doch sehr gefährlich ?!? Vielleicht würde dann ein Massen-Nach-Denken einsetzen, daß die Erde beben ließe …. 😀

        Wem würde das nutzen ? Wer würde verlieren ? und vor allem, WAS ?

        Ist das nicht vielleicht doch so wie in Kinder-Erziehungs-Zielen :
        Beschäftige Dein Kind, damit es nicht auf „DUMME“ Gedanken kommt.
        Einfach „DUMM“ (?) bleiben und bitte aufwachen ! 😀
        – Nein, Schluß jetze mit der Mehr-Deutlichkeit. –
        😉

        • Rob
          Dezember 17, 2013 um 6:41 pm

          „Vielleicht würde dann ein Massen-Nach-Denken einsetzen, daß die Erde beben ließe …. “

          Das wäre für einige auf dieser Welt sicherlich, das worst-case-Szenario, vor dem sie sich am meisten fürchten. Deshalb gilt es natürlich die Aufmerksamkeit auf allerlei Nebensächlichkeiten zu lenken und die Mehrheit beschäftigt zu halten.

          Wie es in Fight Club so schön heißt:
          „Du bist nicht Dein Job! Du bist nicht das Geld auf Deinem Konto! Nicht das Auto, das Du fährst! Nicht der Inhalt Deiner Brieftasche! Und nicht Deine blöde Cargo-Hose!…“
          Die meisten haben das aber offensichtlich noch nicht verstanden. Kommt bestimmt noch. Hoffen wir es mal 🙂

        • Rob
          Dezember 18, 2013 um 4:51 pm

          Guido’s Artikel werde ich mir heute zu Gemüte führen.

      • Dezember 18, 2013 um 6:39 pm

        Meinen Dank Dir auch noch einmal,Rob, für das Vid. ! 🙂

        Frage mich gerade, ob Veränderung nicht auch von dem Ziel abhängig ist, das ich mir stecke, das ich mir (und anderen) wünsche…NEIN !… das ich schmerzlichst herbei-SEHNE.
        Und ob Be-Wußt-Werdung durch das Erleben/Wahr-Nehmen von Mangel-Zuständen begünstigt wird.
        Für welche Ziele trete ich denn eigentlich ein ? Mache ich sichtbar, was mE LEBENS-Wert ist ?
        Kein noch so ausgeklügeltes Ver-Haltungs-Muster/Training kann das *Innere* Wesen eines Menschen ver-ändern.
        => Die „Bild-Worte vom Licht“ NT Lukas11,33-35
        … => Lukas 11,37-53 ist dabei ja auch ganz interessant…
        Gibt es eigentlich irgend etwas „Neues“ unter dem Himmel ?!?
        „Getünchte Gräber“ war wohl auch ein sehr deutlicher Ausdruck – nicht nur damals.

        Mir gefallen diese „Licht-Worte“ dort sehr gut !

        Wer loslassen kann von seiner Angst und seinen Erwartungen, wird frei und kann sehr viel öfter lächeln.
        😉 … und das „steckt an“ !

        *Der Mensch be-weg-t sich meist sehr träge zwischen Erde und Himmel, aber wie hoch und lang er „fliegen“ kann, kommt auf seinen Mut und seine Ge(H)-Danken-Luft-Sprünge an.*
        😀

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