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Was ist schon Heimat?

Heimat. Ich denke dabei an Flüchtlinge. Ich denke dabei an Fremdenfeindlichkeit. Ich denke dabei an das Heimatgefühl als einen energetischen Besitz, genauer, an eine energetisch Quelle. Für mich, ich betone das, ist diese Energiequelle eine künstliche angelegte, die sich aus der (fiktiven) Vorstellung speist, es gäbe Heimat. Klar ist, das Menschen diese Energiequelle für sich erschließen. Warum auch nicht, wenn sie künstliche Energie benötigen. Klar ist aber auch, dass es Menschen gibt, die (energetisch) sehr gut ohne die Vorstellung von Heimat leben können. Und ich halte es für sehr klug, nicht auf Energiequellen angewiesen zu sein, die mit einer relativen Beliebigkeit verschlossen werden können. Darum: Ich setze auf eine autarke Energieversorgung.

Heimat. Ein Begriff, der relativ räumlich begrenzt werden kann. Reduziert auf “My home is my Castle”, erweitert auf “my Dorf is my Himmel”, erweitert auf “Germany is overcomming me”. Mir persönlich ist es völlig egal, wie Menschen Heimat definieren. Mir kann man keine stehlen oder streitig machen, weil ich heimatlos bin, ganz im Sinne meiner Gewissenlosigkeit. Aber eine ethische Frage stellt sich doch: Hat die “Idee Heimat” oder der Heimatgeist die Entwicklung an den Rand eines Abgrunds befördert oder diese Entwicklung verlangsamt? Nach meinem Verständnis behindern Grenzziehungen und Abgrenzungen ein natürliches Fließen, und alles Künstliche erscheint mir deswegen eher destruktiv als konstruktiv. Insofern aus ethischer Sicht: Heimat – NO! Wie gesagt, das gilt für mich.

Ein zweiter Aspekt. Heimat impliziert die Vorstellung von Besitz. Und mir ist die Vorstellung, etwas besitzen, mir etwas im Sinne von Eigentum aneigenen zu können, was offensichtlich nicht mir gehört, fremd. Ja, ich gehe einen Schritt weiter, und sage (für mich): Die Beanspruchung von Eigentum ist Betrug an dem eigentlichen Schöpfer einer Sache, hier einer Welt, die Menschen nutzbar zur Verfügung gestellt wurde. Und bin bei einer meiner fundamentalen Lebensfragen: Warum soll ich etwas in mein Eigentum nehmen, wenn ich den Nutzen des Etwas auch ohne (künstliche) Eigentumsrechte genießen kann. Kein Fragezeichen.

Nun frage ich nach dem Wesen einer Weltgemeinschaft. Nach einer dort waltenden Vernunft und einer dort waltenden Gerechtigkeit. Klar, der Weg dorthin ist zu gehen, aber mit welchem “Gepäck”, mit welchen gestalterischen Vorstellungen? Hilft uns das Postulat einer Heimat dabei?

Diese Frage soll mal jeder für sich beantworten – möglichst so, dass er dabei glücklich IST.

Euer Wolfgang

Kleine Anmerkung Falls es einem Leser nicht klar sein sollte – mir ist klar, das Heimat als Vorstellung auf der irrationalen Ebene beheimatet ist, und das Problem, wenn ich das mal so nennen darf, rational-argumentativ nicht lösbar ist.

Anmerkung von Martin: dieser Artikel ist eine Auskopplung der Kommentare zum Artikel Eine weltweite Epidemie verbreitet sich mit rasender Schnelligkeit!

  1. Gerhard A. Fuerst
    Mai 8, 2013 um 2:40 pm

    Was ist schon Heimat?

    Wo man herkommt…
    Wo man wieder hin will…
    Woran man denkt…
    Wohin man sich sehnt…
    Was man vermißt…
    Was man verloren meint…
    Aber stets in und mit sich trägt…
    Wovon man träumt…
    Worüber man Gedichte schreibt…
    und schöne Lieder singt…
    Platz der Kindheit…der Herkunft…
    der Erinnerung…der Geborgenheit…
    Wo man sich wohl fühlt…
    Wo man gelebt und gelernt hat…
    Wo man vielleicht auch gelitten hat…
    Vergangenheit…die nicht wieder kommt…
    Sehr oft idealisiert…romantisiert…verschönert…
    Angeblich “goldene Tage” in “goldenen Zeiten”…
    Die aber nur noch in Gedanken glänzen…
    Erlebnisse in längst vergangenen Zeiten…,
    Entschwunden, entflohen…
    Nicht mehr realisierbar.
    Die Heimat existiert und lebt
    Nur noch als eine Welt
    in unserm Innern!

    Gerhard A. Fürst
    8.5.2013

    • Mai 8, 2013 um 3:24 pm

      das gefällt sehr!!

      • federleichtes
        Mai 8, 2013 um 10:03 pm

        Natürlich gefällt mir das Gedicht auch. Aber an erster Stelle liegt immer noch Gerhards Grüner Daumen.

        Ich schreibe hier gleich mal was an Herrn Kopfrotierer:

        Heimat ist wie ein Baum.
        Ich lebe seit sechs Jahren im Ruhrgebiet, kam hier an und fand Bäume, fand Käferchen, Schmetterling, Libellen und Vögel ihre Lieder für mich singen: Heimat?
        In den Jahren lernte ich die Pflanzen, Bäume und Tiere genauer kennen, wo sie wohnen, wie sie sich verhalten, und natürlich ihre Namen: Beziehung zu der Welt, in der ich lebe.

        Natürlich begegnete ich auch Menschen, lustigen Menschen, die, wenn ich sagte, da sitzt ein C-Falter, mich fragten: Sind sie Biologe?
        Und ich fand Freunde. Einer heißt auch Wolfgang, einer, der auch die Natur liebt und auch fotografiert. Er wohnt hier über 50 Jahre, und fragte mich kürzlich, ob ich wüsste, wo es Goldammern gibt. Ich konnte ihm fünf Orte nennen, wo wir diesen Vogel beobachten konnten. Und ich hätte ihm einige Vögel zeigen können, die er noch nie gesehen hat.

        Was ich damit sagen möchte.
        Heimat entsteht, wenn ich mich heimisch fühle. Heimisch fühle ich mich in meinem Heim, wenn ich die Räume kenne und die Verbindungswege und die Funktionen der Räume benutze: Ich fühle mich wohl hier, hier bin ich Zuhause.

        Der Mensch ist nicht gemacht, um Wohnungen zu bewohnen. Er ist gemacht als ein Stück Natur und gehört dorthin, soll dort wohnen – nach meiner Auffassung. Und seine Wohnung benutzen, wenn nötig, zum Schlafen und um Schutz zu finden. Oder auf Martins Blog zu schreiben.

        Heimat ist wie ein Baum. Der steht da, und steht da, und wuzelt und wurzelt und wächst und wächst.
        Ich könnte Dir ein paar Stellen zeigen, wo es Bäumen so gar nicht gut ging. Schlechtes Wasser, schlechte Luft, blindes Wüten der Kettensägenbetreiber – Ortswechsel unmöglich. Da sind die Tiere, die in einem gestorbenen Baum wohnten schon besser dran; sie suchen sich einen neuen Baum, ein neues Heim in ihrem kleinen Universum, dem Wald, den Teichrändern, den Wegen.

        Kennst Du den Begriff „Pflegeschnitt“. Möchtest Du mal einen Baum sehen, der nach menschlichen Vorstellungen gepflegt wurde? So furchtbar, ähnlich asozial hingerichtet wie es der Sozialstaat unsozial mit seinen Bürgern treibt?
        Klar, mit Fragezeichen, damit ein kleiner Fluchtweg bleibt aus einer Staatsheimat, in der es keine Geborgenheit gibt, sondern Konsumenten- und Steuernummern verteilt werden. Und als Kulturgut Nummer Eins das Auto gilt. Fahre mal eine Stunde mit dem Fahrrad durch die Stadt und zähle die Karren, die überall fahren und stehen. Und versuche in dem Lärm mal einen Vogel singen zu hören und in dem Gestank mal den Duft einer Blume zu riechen.

        Ja, Heimat ist ein Baum. Darauf können wir uns verständigen.

        Danke für Deinen Beitrag.

        Gruß
        Wolfgang

  2. Kopfrotierer
    Mai 8, 2013 um 6:06 pm

    Die Heimat ist für mich wie ein Baum, dessen Wurzeln meine Vorfahren, meine Kultur und Traditionen sind. Aus diesen schöpft der Baum seine Kraft. Dieser Baum beschützt mich, gibt mir ein Gefühl der Geborgenheit. Daher ist es für mich wichtig, mich dessen Wurzeln zu besinnen und das Vermächtnis weiterzugeben; Heimatverbundenheit zu (er)leben.

  3. Gerd Zimmermann
    Mai 9, 2013 um 8:50 am

    „Kleine Anmerkung Falls es einem Leser nicht klar sein sollte – mir ist klar, das Heimat als Vorstellung auf der irrationalen Ebene beheimatet ist, und das Problem, wenn ich das mal so nennen darf, rational-argumentativ nicht lösbar ist.“

    Unser Wolfgang gibt mal wieder Gas. Gut so.

    Kleine Anmerkung zum Verständnis.

    Die Wiege der Menschheit ist nicht irdischer Natur. Der Mensch unternimmt eine grosse kosmische Reise. Heute ist Christi Himmelfahrt. Heute und nicht vor wie viel hundert Jahren.
    Zeit ist eine Illusion oder Hilfsmittel um Bewegung festzustellen.

    Rational und mit Logik lässt sich unsere Welt nicht erklären.

    Bewusstsein ist weder rational noch logisch. „Die Unlogik kennt jeden, nur die Logik kennst nur sich selbst.“

    Ehrlichkeitshalber muss ich aber sagen, ich habe mehrere Jahre gebraucht um aus der Materie auszusteigen, loslassen sozusagen.

    Das LOLA-Prinzip lässt grüssen und

    Gerd

  4. Gerd Zimmermann
    Mai 9, 2013 um 9:22 am

    Wer in unserem elektromagnetischen Universum aus Licht Gold machen will, sollte folgende Seite studieren

    http://www.alexpetty.com

  5. Mai 9, 2013 um 6:40 pm

    Wo kommt eigentlich der Begriff Heimat her? Und da findet sich in Wikipedia mal wieder Befremdliches:

    Der Begriff Heimat war ursprünglich ein Neutrum: „hämatli“ – „das Heimat“, und stammt von germanisch haima, haimi, indogermanisch kei „liegen“ (englisch home). Das Wort war bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts ein nüchternes Wort, welches im juristischen und geographischen Sinne gebraucht wurde. Der Begriff wurde vornehmlich in Amtsstuben wie Polizei und Bürgermeisteramt von Hoheitsdienern und Notaren verwendet, wenn es um den Geburtsort, den Wohnort oder das Herkunftsland ging, hier besonders im Erbrecht. Im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm wurde Heimat 1877 erstens definiert als „das land oder auch nur der landstrich, in dem man geboren ist oder bleibenden aufenthalt hat“, zweitens als „der geburtsort oder ständige wohnort“; an dritter Stelle wurde hinzugefügt: „Selbst das elterliche haus und besitzthum heiszt so, in Baiern.“

    Daraus wird ersichtlich, dass der Begriff zur Bezeichnung eines Aufenthalts- oder Bleiberechts benutzt wurde. Geburt an sich verlieh noch kein Aufenthaltsrecht; wer kein Heimatrecht besaß, war nicht nur heimatlos, sondern auch weniger privilegiert. „Heimat“ zu haben, bedeutete vor allen Dingen auch, einen Anspruch auf eine zumindest notdürftige Versorgung durch öffentliche Kassen zu besitzen. Daher bekamen auch Leute ohne Besitz keinen „Heimatschein“, da man befürchtete, sie würden im Alter oder im Krankheitsfall nur den öffentlichen Kassen zur Last fallen. Heimatrecht gewinnt der Fremde, Arme oder Kranke in einer Einrichtung der Fürsorge, dem Hospital (Alters- oder Armenheim) oder Asyl (Fremdenheim).

    Unterm Strich also wieder Ausgrenzung: Schutz vor den Nichtsbesitzenden.

    Und wieder sind wir beim Eigentum? Wem gehört die Welt?
    Wem von Geburt an nichts gehört, darf in dieser Welt in Sack und Asche gehen?

    • federleichtes
      Mai 10, 2013 um 12:29 am

      „Wem von Geburt an nichts gehört, darf in dieser Welt in Sack und Asche gehen?“

      Wärst Du eventuell bereit, das Fragezeichen zu entfernen?

      Carl Zuckmayer sagte:
      „Heimat ist nicht dort, wo man herkommt, sondern wo man sterben möchte.“

      Hört sich nett an, gell. Stell Dir vor, Albert Einstein hätte gesagt:
      „Heimat ist mir, wo ich leben kann – und kann bedeutet Können im Sinne von Lebenskunst“.

      Wer frei sein, wer also unbeschwert handeln und kreativ denken und grenzenlos lieben möchte, wird früher oder später nicht umhin kommen, sein Vorstellungsvermögen von (s)einer möglichen Welt zu mehren.

      Gruß
      Wolfgang

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