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1. Mai – Tag der Arbeit – oder sind wir unterwegs in die Freizeitgesellschaft?

Ulrich Kampffmeyer bemerkte auf seiner Facebook-Seite zum Artikel Maschinen verdrängen Menschen auf Spiegel Online:
Was wir schon immer wussten – die Automatisierung der Arbeit durch Maschinen und Software verdrängt den Menschen. So gesehen sind Büros ohne Workflow, ohne Collaboration-Software, ohne elektronische Archivierung, ohne ECM … die letzten Paradiese der menschlichen Arbeit, Oasen des Wohlfühlens, wo der Mensch noch Mensch sein darf, wo menschliche Arbeit noch einen Sinn hat, … Es wird Zeit für eine Aufarbeitung der Auswirkungen der Informationsgesellschaft und der industriellen Automatisierung. Das menschliche Selbstverständnis ist in Gefahr. Der Sinn des Lebens reduziert sich auf Konsumieren und auf der Coach abhängen.

In einer der dann folgenden Bemerkungen hat Roman H. Lustig, der hier schon einmal zu Wort kam (siehe: das System versagt), folgende kleine aber bedenkenswerte Replik gegeben:

Die Befreiung breiter Massen von der Last des alltäglichen Broterwerbes wäre tatsächlich eine große Errungenschaft für die Menschheit und technisch in jedem Fall machbar, somit eine realisierbare Utopie. Allein infolge dreier maßgeblicher Problemkreise wird die an sich köstliche Suppe (bis dato) dann gründlich versalzen sein:

1. AUF GESELLSCHAFTLICHER EBENE ergibt sich insbesondere das von Herrn Caspers schon angesprochene „VERTEILUNGSPROBLEM“. Bis dato brachte noch jede historisch realisierte Gesellschaftsordnung (die gegenwärtige in den westlichen Demokratien inbegriffen) „Ungleichheit“ hervor, war somit ein Ungleichheitssystem, und zwar im größeren oder kleineren Ausmaß. Wir können nun annehmen, dass unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnissen die ungleiche Verteilung der Güter drastisch zunehmen wird, wenn nur noch wenige am Produktionsprozess beteiligt sind (zum einen als Eigner von Produktionsfaktoren wie Grund und Boden, Realkapital und monetäres Kapital, was insbesondere die Shareholder inkludiert; zum anderen als Anbieter von qualifizierter und nachgefragter Arbeit), während die große Mehrheit sich – endlich ihres mühseligen Arbeitslebens enthoben – in ihrer Freizeit verwirklichen darf. Ihren Lebensunterhalt müsste diese große Mehrheit in der Regel dann ja aus SOZIALEN TRANSFERLEISTUNGEN bestreiten, die zuvor in Form einer BESTEUERUNG von den NOCH am Produktionsprozess Beteiligten eingehoben würden. Letztere würden sich jedoch – menschlich, allzu menschlich! – weigern, diese Steuerlast im vollen Umfang zu tragen, selbst wenn ihnen das infolge gewaltiger Produktivitätssteigerungen mit Leichtigkeit möglich wäre. Und da SIE ALLEIN an den Schalthebeln der ökonomischen (und damit letztlich auch politischen) Macht säßen, wären sie diesbezüglich auch sehr erfolgreich! Was dann für die solcherart der Arbeit Enthobenen übrigbleibt, ist allenfalls ein mageres Grundeinkommen, einem Subsistenzlohn adäquat, der die davon Betroffenen (inklusive ihrer Familien) am allerwenigsten befriedigen würde!

ERGO müssten vor dem technisch schon (bald) möglichen Umbau der Arbeitswelt erst die Gesellschaft bzw. entsprechende Eigentums- und Verteilungsverhältnisse grundlegend umgestaltet werden (etwa wieder hin zu mehr Gemeineigentum/staatlichem Eigentum an den Produktionsfaktoren etc.). Das ist unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnissen und dem – trotz allem noch immer – herrschenden Zeitgeist jedoch MEHR ALS UTOPISCH!!! – Also ich bin durchaus für jeden guten, realisierbaren Vorschlag offen im Hinblick auf eine für die angedachte reine Freizeitgesellschaft verträgliche gesellschaftliche Ordnung, meine jedoch, dass eben bei besagter Gesellschaftsordnung ZUERST der Hebel angesetzt werden müsste, BEVOR man begänne die reine Freizeitgesellschaft vom produktionstechnischen Standpunkt her zu realisieren. Andernfalls mündet das Ganze in eine unabsehbare soziale und in weiterer Folge auch politische Katastrophe!

2. Aus dem unter Punkt 1 dargelegten „Verteilungsproblem“ ergibt sich in weiterer Folge auch ein volkswirtschaftliches/weltwirtschaftliches KONJUNKTURPROBLEM. Entscheidend wäre in einer Freizeitgesellschaft mit besagtem mageren Grundeinkommen für die freigesetzten Massen, wie der ABSATZ an den mit technischer Brillianz im Überfluss produzierten Gütern noch sicherzustellen ist, nachdem die Mehrzahl der Konsumenten hinsichtlich einer kaufkräftigen Nachfrage ja im dramatischen Umfang wegbricht. Eine kurzfristige Lösung wäre das Erschließen von Exportmärkten für Massengüter. Gesetzt allerdings den Fall, die gesamte Welt übernähme die oben charakterisierte Freizeitgesellschaft, bliebe wohl nur noch übrig, teure „Luxusgüter“ für die von diesem System ökonomisch Begünstigten zu erzeugen und ansonsten der „befreiten“ Bevölkerungsmehrheit nur noch einige wenige, unbedingt erforderliche Massengüter zuzuteilen, um welche sich diese Mehrheit dann wie um einen vorgeworfenen Bissen Brot balgen dürfte. Eine fürwahr Orwellsche Perspektive, wobei auch noch nicht sicher ist, ob derart zumindest das BIP in den heutigen Höhen gehalten oder sogar noch gesteigert werden kann.

3. Auch wenn wir die sozialen „Errungenschaften“ einer reinen Freizeitgesellschaft wesentlich optimistischer beurteilen und annehmen, dass sich das angesprochene „Verteilungsproblem“ lösen lässt – somit auch die „befreite“ Bevölkerungsmehrheit mit einem zufriedenstellenden Grundeinkommen ausgestattet ist -, bleibt immer noch das Problem des erforderlichen gesellschaftlichen WERTEWANDELS. Während nämlich in der ANTIKE und im MITTELALTER noch die Vorstellung vorherrschte, dass nur die ihrer alltäglichen Arbeitslast ENTHOBENEN (weil andere für sie arbeiteten: in der Antike die Sklaven für die Stadtbürger, im Mittelalter die Hörigen und freien Pächter für den adeligen Grundbesitzer etc.) Menschen im höchsten Sinne des Wortes wären, da sie sich dann allein der Politik, der Kunst, den Wissenschaften, der Philosophie und allen anderen höheren Tätigkeiten widmen konnten, die AUSSCHLIESSLICH AUS MUßE ENTSPRINGEN – ich darf hier auf Hannah ARENDTS ausgezeichnetes Werk „Vita activa“ verweisen -, hat sich das Bild vom idealen Menschen in der Neuzeit drastisch gewandelt. Mit dem Siegeszug des Bürgertums und der mit letzterem untrennbar verwobenen kapitalistischen Wirtschaftsform galt plötzlich der in den vorangehenden Epochen noch zutiefst verachtete „arbeitende Mensch“, das ANIMAL LABORANS als höchste Existenzform und Daseinserfüllung.

Es tut in unserer Gesellschaft also ebenso ein ERNEUTER WERTEWANDEL Not, wieder hin zum ANTIKEN IDEAL VOM MENSCHEN, bevor die reine Freizeitgesellschaft für die Gegenwart mental und emotional verkraftbar wird! Andernfalls triebe der nunmehrige Verlust ihrer liebgewonnen sozialen Rollen aus der Arbeitswelt viele sogar in den Freitod!

Angesichts all dieser mit der reinen Freizeitgesellschaft einhergehenden gravierenden Probleme darf ich daher mit einem Zitat aus Bertold BRECHTS „Der gute Mensch von Sezuan“ enden, nämlich nachdem der Vorhang bereits gefallen ist und der Spielleiter mit diesen Worten nochmals auftritt:

Verehrtes Publikum, jetzt kein Verdruss:
Wir wissen wohl, das ist kein rechter Schluss.
[…]
Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen
Den Vorhang zu und alle Fragen offen.
[…]
Der einzige Ausweg wär aus diesem Ungemach:
Sie selber dächten auf der Stelle nach
Auf welche Weis dem guten Menschen man
Zu einem guten Ende helfen kann.
Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss!
Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!

Herzliche Grüße, Roman H. Lustig

  1. Mai 1, 2013 um 11:05 am

    Es wird also Zeit, den Begriff der Arbeit neu zu definieren. Denn dass auf der einen Seite die bisher verstandene Lohnarbeit immer weniger (siehe die Ausfürungen von Federico Pistono), aber die soziale Arbeit aufgrund der Profitmaximierungen immer weiter zurück gedrängt wird, wird immer offensichtlicher.

  2. Mai 10, 2013 um 12:37 pm

    Hallo Herr Dr. Bartonitz, toller Beitrag wird Highlight unseres nächsten Reports zum Thema Sinn.

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