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Darüber, wie uns die OECD mit PISA marktkonform klopft – Propaganda pur

Vorgestern hat uns Florian einen Link zu einer Schrift von Prof. Krautz hier hinterlassen, die es richtig in sich hat. Seine Schrift hilft, die heutige Propaganda zu durchschauen und zu erkennen, wie subtil Nicht-Regierungsorganisationen dafür sorgen können, unser Leben in ein neoliberales, marktkonformes zu transformieren. Und eine der Organisationen ist die OECD, unterstützt von reichlich Arbeitgeberverbänden sowie der Bertelsmann Stiftung. Herr Krautz wollte wissen, warum wir in den letzten Jahrzehnten mitanschauen mussten, wie das gesamte Bildungswesen wie unsere Demokratie auf marktkonform gebürstet wurde und schreibt dazu:

… Dies gelang auch durch jeweils national angepasste rhetorische Strategien. Während in Deutschland vor allem Wilhelm von Humboldt als personifizierte Bildungsidee immer …wieder ins Grab geredet wurde, hat man etwa in der Schweiz den rückständigen »Kantönli-Geist« verspottet, der den Anschluss an die fortschrittliche EU verhindere. So wollten die Vertreter der »veto players« nicht als rückständige Blockierer notwendiger Reformen dastehen und gaben vorläufig nach. Die »sanften« Propaganda-Instrumente der OECD haben einen psychologischen Druck mittels eines Gut-Böse-Schemas aufgebaut, hier in der Variante von »rückständig und nationalhinterwäldlerisch « versus »fortschrittlich und international anschlussfähig«. Nationale Überzeugungen, die in den Verfassungen zum Ausdruck kommen, wurden so über induzierten diskursiven Druck ausgehebelt und durch die bildungsökonomischen Prämissen der OECD ersetzt.

Raus kommt dabei folgender Status Quo:

Im Bildungswesen herrscht insofern in doppelter Hinsicht »Postdemokratie«: Sowohl das Bildungsverständnis selbst wie die Gestaltung des Bildungswesens haben sich immer weiter von einer demokratischen Grundlage entfernt.
Dies geschah trot…z und entgegen zahlreicher, grundlegender und massiver Kritik aus Wissenschaft und Pädagogik, von Lehrern und Hochschullehrern, von Verbänden, Studierenden und Schülern und zunehmend auch aus der Wirtschaft. Zahllose Analysen und Publikationen haben längst deutlich gemacht, dass das Grundmotiv des größten Teils jüngerer Bildungsreformen ein bildungsfremdes ist, nämlich die Übertragung eines ökonomistischen Denkens auf Schule und Hochschule, das deren Auftrag im Kern verfehlt. Obwohl also bildungsökonomische Analysen die Wirklichkeit von Bildung, Erziehung und Wissenschaft einseitig verzerren und damit in ihrer Komplexität verfehlen und obwohl sie nach Aussage prominenter Autoren selbst nichts darüber aussagen können, wie festgestellte Bildungsdefizite zu beseitigen sind, wurden und werden dennoch allerorten Reformen unter den Prämissen neoliberal inspirierter Bildungsökonomie umgesetzt.

Also müssen wir uns nicht wundern, dass die meisten Schüler mehr recht als schlecht für den Markt funktionierend die Schulen und Universitäten verlassen und Kritikfähigkeit für diese eher ein Fremdwort ist. Erfüllungsgehilfen halt, die scheinbar selbstmotiviert in ihre eigene Selbstausbeutung steuern. Herr Krautz stellt allerdings fest, dass diese standardisierten, manche mögen meinen Zombies wenig geeignet sind, richtig kreativ zu werden. Denn nur wer in der Lage ist, Gegebenes hinterfragen zu können, kann über andere Perspektiven zu Neuem kommen. Also schießt sich dieses Vorgehen selbst ins Knie. Oder ist es so gewollt?

Interessant zudem sind auch die angewendeten Strategien, entwickelt von der Bertelsmann Stiftung. Hier stellt Herr Krautz fest:

Reformprozesse im Bildungswesen werden offenbar mit den gleichen Konzepten durchgesetzt wie andere gesellschaftliche Reformen. Dies legt ein Strategie-Papier der Bertelsmann Stiftung zur »Kunst des Reformierens« unmissverständlich dar. Es erscheint als Blaupause etwa für den Bologna-Prozess ebenso wie als Nachweis, dass einer der einflussreichsten deutschen Think Tanks mit exakt dem Gesellschaftsmodell arbeitet, das Bernays (zur Erinnerung) und Lippmann ihrer Propaganda-Theorie zugrunde legten: Demokratie ist nicht die Verwirklichung des Volkswillens, sondern eine Frage der geschickten Lenkung durch politische Eliten. Wer »Handlungsspielräume für Politik« durch »kluge Regierungsstrategien« eröffnen und sich nicht durch »Vetospieler« beirren lassen will, setzt einen autoritären, paternalistischen Politikbegriff voraus.

Die Ausführungen sprechen vor dem hier entwickelten Hintergrund weitgehend für sich, weshalb sie ausführlicher zitiert seien. Die Durchsetzung von Reformen beginnt eine Regierung gemäß den Ratschlägen der Autoren mit der »Erarbeitung eines Reformkerns in der ›Agenda-Setting‹-Phase unter Reduktion der Beteiligung von Interessengruppen«. Ein exklusiver Zirkel trifft demnach strategische Entscheidungen, die durchzusetzen sind. Weiter empfiehlt die Stiftung die »Partizipation der Interessengruppen (und eventuell der politischen Opposition) in der Entscheidungsphase, weil dadurch das Wissen über das Politikfeld und die Legitimität der Reform gesteigert und umgekehrt Widerstände gemindert werden können.« Beabsichtigt ist demnach nicht der sachliche Dialog mit den Beteiligten, sondern einzig, den Eindruck von Beteiligung zu wecken, um das eigene Vorhaben äußerlich zu legitimieren und Widerstände auszuschalten.

Bemerkenswert ist, wie klar der autoritäre Lenkungsanspruch gegenüber den Bürgern formuliert wird: »Um ihrer politischen Verantwortung gerecht zu werden, muss eine Regierung sich im Zweifelsfall auch gegen den empirischen und kontingenten Volkswillen durchsetzen. Politische Entscheidungen, die der gegebenen Mehrheitsmeinung entgegenstehen, sind nur auf den ersten Blick demokratietheoretisch bedenklich.« Mit dieser Auffassung vom »zufälligen« Volkswillen, den die »gute Regierung« aufgrund ihres überlegenen Wissens zu steuern habe, steht die Bertelsmann Stiftung — bewusst oder unbewusst — in unmittelbarer Nähe zum Modell einer gelenkten Schein-Demokratie im Sinne von Bernays.

Mann, Mann, Mann …

Prof. Jochen Krautz ist Vorstand der Gesellschaft für Bildung und Wissen e.V., der sich über 350 renommierte Bildungswissenschaftler angeschlossen haben, um u.a. viele Hintergründe zur PISA-Lobby aufzudecken.

Kategorien:Gesellschaft
  1. Kevin
    April 12, 2013 um 2:14 pm

    Dr. Martin Bartonitz :
    Wenn dem so wäre, würde ich an Ihrer Stelle meine wertvolle Zeit hier schon lange nicht mehr verschwendet haben.
    Da Sie aber noch immer hier mitlesen und diskutieren, muss doch an den Inhalten etwas dran sein, so dass Sie als Vertreter und Verfechter des aktuellen Systems auch beunruhigt. Aber ich kann Sie vergewissern. Die Reichweite dieses Blogs ist nicht so groß, als dass das erzeitige System von hier aus zu gefährden wäre. Sonst hätte man den Blog vermutlich auch schon längst geschlossen? Aber das wissen sie als Politologe vermutlich viel besser als ich.

    Als Wissenschaftler interessiert mich eben auch gesellschaftliche Paranoia 😉
    Aber Sie haben Recht, langsam ist die Zeit Nutzen-Relation tatsächlich überschritten.

    Dr. Martin Bartonitz :
    Es gibt da den Wunsch, dass irgendwann die Psychopathen dieser Welt von allen erkannt würden und wir sie nicht mehr an die Schaltstellen der Macht ließen.

    … genau diese Art der Paranoia…

    Dr. Martin Bartonitz :
    Kevin,
    wie würden Sie denn erklären, wie eine solche Firma so stark werden kann und nicht mehr zu stoppen zu sein scheint? Kann das gesund sein?

    Oh nein, dass kann überhaupt nicht gesund sein. Die Gründe warum Monsanto so unfassbar viel Einfluss hat, sind aber ganz rationaler Natur. Diejenigen, die diese Firma nicht als ein von Psychopathen gelenkten Verein betrachten, haben auch durchaus Erfolg dabei, dass widerliche (Verzeihung) Geschäftsmodell zu demontieren. Beispiele aus Indien oder der EU zeigen deutlich die Erfolge. Es ist nur so: in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft geht man den Weg des Diskurses und nutzt die Instrumente der Gesetzgebung und des Rechts. Dämonisierung nützt da gar nix… Demokratie ist aber nun mal kein Effizenzprinzip und wenn die demokratische Kontrolle versagt, dann gehört das eben zur Demokratie dazu.

    Adios!

    • federleichtes
      April 12, 2013 um 3:11 pm

      Pranaoia – umgangssprachlich Verfolgungswahn / Verfolgungsangst.

      Da möchte ich mal zu differenzieren versuchen.

      Das auf das existenzielle Wesen von Leben gerichtete Verbrechertum auf diesem Planeten nahm SEHR REALE Züge an. Insofern sehe ich die entstehenden und entstandenen Ängste als eine/deren natürliche Folge.

      Warum fühlen Menschen sich verfolgt?
      Ich glaube, das ist eine falsche Wahrnehmung – weil sie nicht verfolgt, sondern UMZINGELT werden – und zwar auch SEHR REAL

      Dmokratische Kontrolle ist gut. Sollten wir nicht mal ins Auge fassen, liebr Kevin, das System als kontrollierende Diktatur zu beschreiben – die in sich wahnhaft ist und eher als paranoid gelten könnte, als die unter ihr leidenden Menschen?

      Na ja, Ihr „Adios“ nehme ich mal nicht wörtlich, verständlich schon.

      Allen einen guten Tag.

      Wolfgang

      • April 12, 2013 um 9:30 pm

        Mit einem hat Kevin vollkommen recht: „Dämonisierung nützt da gar nix.“ Sie stützt das System, versorgt es mit Energie, welche Information auch immer diese Energie transportiert, Hauptsache Energie, wie Du und ich und noch ein paar Andere auch wissen….Langsam glaub ich zu ahnen worauf er hinaus will, werde versuchen das zu formulieren, brauch allerdings etwas Zeit, Eigentlich kann er das selbst tun. Ich bin da auf meine Intuition und Interpretationsmöglichkeiten, die sich aus Er-Fahrung speisen angewiesen…Vielleicht tut er uns den Gefallen und wir „hören“ einfach mal hin, ohne zu werten, was inzwischen nicht unbedingt leicht fällt, aber dagegen spricht Nichts von Belang.
        Ist nur eine Idee.
        Grüße
        Martina

        • federleichtes
          April 13, 2013 um 1:34 am

          Sehr gut, dass Du das Thema Dämonisierung ansprichst, Martina.
          Vielleicht gestalten wir beide mal ein Thema gemeinsam !?
          Fakt scheint mir, dass nicht Dämonen dämonisiert werden, sondern das Wesen derer verändert, die dämonisieren – sie schaffen sich ja damit eine Verbindung zu „Dämonen“. Was ich immer strikt vermieden habe.

          Ja, ja, so geht das. Da kann ich Tausende Bilder schicken, um die Kehrseite des Dämoniserens zu demonstrieren, und das Prinzip wird trotz vieler begleitender Texte nicht verstanden.

          Susanne und ich sind derzeit beide etwas hilflos. Egal, ich schicke gleich eine Galerie.

          Herzliche Grüße an Euch.

          Wolfgang

        • April 13, 2013 um 1:34 pm

          Da fällt mir ein, ich hab Briefschulden.
          „Dämonisierung“ stammte allerdings von Kevin, das ist ein Thema das Aufmerksamkeit geradezu erfordert….davon sind wir glaub ich alle nicht frei. – Dein Vorschlag ist gut, ich steh nur auch neben mir, Konzentrationsvermögen geht gegen Null. – Vielleicht hilft der angekündigte Sonnenschein wieder in die Mitte.
          Schönen Sonnabend Euch beiden
          Martina

  2. federleichtes
    April 13, 2013 um 2:16 pm

    @ Martina
    „… ich steh nur auch neben mir, …“

    Ja, ein guter Platz zum Stehen – ich stehe auch neben Dir. Und wenn ich neben mir stehe, bin ich auch nicht alleine. Was wichtig ist, wenn man aus sich heraustreten MUSS, weil’s im Kern zu sehr rumort.

    Kevin demonstriert (dämons-striert?) mir – auch, wie weit wir hier im echten Miteinander sind.
    Also: Weiter daran wirken, die „Dämonen“ ins Bewusstsein zu bringen, mit dem Ziel, ihre Absichten zu beherrschen – und ihre Energie zu nutzen?
    Mein aktuelles Thema: Begeisterung. BeGEISTerung? Wenn’s da man nicht Zusammenhänge gibt.

    Auch Euch einen spannenden Tag.

    Wolfgang
    beargwöhnt die Wetterlage.

    • April 13, 2013 um 2:31 pm

      Zum Thema Dämon kam mir auch nochmals diese kleine Geschichte zurück ins Gedächtnis:

      Wie der Schritt vom Sklaventum zur Freiheit den Arbeitseifer befeuerte und dabei eigentlich doch nicht wirklich frei machte

      Auch hier ist das Spiel zwischen gut und böse am Ende schwer zu durchschauen …

      VG Martin

      • April 14, 2013 um 12:22 pm

        Das Thema Geist und Dämonen, es kreist mir seit gestern im Kopf und ändert auch mal die Richtung ;-). Braucht noch ein Weilchen….Jedenfalls durchaus wert näher betrachtet zu werden, von verschiedenen Seiten her.
        „Die ich rief, die Geister // die werd ich nun nicht los.“
        (Goethe ; Zauberlehrling)
        Wünsch Euch allen einen schönen Sonntag
        Martina

    • April 14, 2013 um 9:39 am

      Nochmals seine Erkenntnisse u.a. zum Thema BeGEISTerung, und Verbundenheit und unsere andauernde Suche …

      • federleichtes
        April 14, 2013 um 1:45 pm

        Den Menschen erklären wollen, setzt voraus, sich selbst erklären zu können. Was möglich wird auf dem Weg des Reflektierns des Ich über die Anderen und einer vorbehaltlosen Selbst-Analyse.

        Herr Hüther versteht bereits eine ganze Menge des Systems Mensch. Wie er wohl sprechen würde wenn er davon ausgeht, dass
        – es Energie gibt, die Informationen bewegt; und
        – energetische Informationen gibt, die Bewegung erzeugen;
        – also das Gehirn auf Reize re-agiert und seinerseits per Information (ursächliche) Reize für Erregung (Energetisierung) aussendet.

        Und was könnte er uns erzählen, wenn er die Erregungen unterscheidet als
        – Gefühl des Wesen,
        – der Emotion des Lebens und
        – der Empfindung des Körpers?

        Und könnte er unter Berücksichtigung eines archaisch und biografisch angelegten reaktiven Informationspotenzials erklären, warum Begeisterung sowohl für konstruktive als auch destruktive Ziele entsteht?

        Begeisterung sagt noch nichts über die Qualität des daraus Folgenden aus.

        Also:
        Was löst Begeisterung aus, und
        was wird durch Begeisterung ausgelöst.

        Ein symphatischer Mann, mehr natürlicher Mensch als neurotischer Wissenschaftler.

        Gruß
        Wolfgang

        • April 14, 2013 um 7:11 pm

          Was löst Begeisterung aus?

          Herr Hüther sieht uns Menschen als Suchende. Ist Begeisterung dann da, wenn ich das Gefühl habe, auf dem Weg, den ich gerade verfolge, das finden zu können, was ich suche?

          Herzlich Martin

  3. April 14, 2013 um 5:02 pm

    Hallo ihr lieben ,war 2 Wochen unterwegs im Universum und nun wieder in der Heimat!

    • April 14, 2013 um 6:35 pm

      Willkommen zurück 😉 Hab mich gestern gefragt wo du steckst 😉
      Grüße und einen schönen Abend
      Martina

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