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Zu-Ende-Denken im Kontext von Weltbildern

Das Wort Paradigma (griechisch παράδειγμα parádeigma, aus παρὰ parà „neben“ und δείκνυμι deiknymi „zeigen“, „begreiflich machen“; Plural Paradigmen oder Paradigmata) bedeutet „Beispiel“, „Vorbild“, „Muster“ oder „Abgrenzung“, „Vorurteil“; in allgemeinerer Form auch „Weltsicht“ oder „Weltanschauung“.

Seit dem späten 18. Jahrhundert bezeichnet Paradigma eine bestimmte wissenschaftliche Lehrmeinung, Denkweise oder Art der Weltanschauung. Wenn sich eine solche grundlegend ändert, nennt man das Paradigmenwechsel.

Das, was wir hier auf dem Blog machen, ist an unseren tradierten Weltanschauungen zu rütteln und zu fragen, ob das, was uns da weis gemacht wurde/wird, auch so wirklich wirklich ist. Conny Dethloff, der ja hier auch schon Artikel gespostet, spricht vom dringenden Zu-Ende-Denken in seinem neuesten Artikel auf seinem Logbuch Reise des Verstehens: Wie wäre es denn mal mit Zu-Ende-Denken? In diesem Artikel fasst er am Ende zusammen:

In dem Moment, wo das Thema Gleichberechtigung auf die Agenda gehoben wird, zweifelsfrei und was ich auch gar nicht abstreiten möchte, einem guten Grund folgend, wird genau das Gegenteil erreicht, nämlich Gleichberechtigung bekämpft. Was könnte eine Lösung sein? Da möchte ich mich auf den kategorischen Imperativ von Immanuel Kant beziehen, der uns zu der Maxime führt: „Behandle Deine Mitmenschen so, wie Du willst das sie auch Dich behandeln.” Wird diese Regel von jedem Menschen befolgt, können wir das Wort Gleichberechtigung zu Grabe tragen.

Hannelore Vonier hatte an dieser Stelle noch einen Schritt weiter gedacht, denn auch sie sieht in der Goldenen Regel, die auch in Kants Regel impliziet steckt, selbst die Gefahr der Gleichmacherei:

… Jetzt meine persönliche Situation: Ich will keine Geschenke. Ich empfinde sie als Ballast und gebe sie den Leuten wieder mit, falls sie meinen Wunsch nicht respektieren; bei einer Einladung beispielsweise. Dies entspricht der Formulierung im Kommentar “einem anderen Menschen zuzufügen, was ich auch nicht zugefügt haben möchte“.

Der Goldenen Regel und ihrer Gleichmacherei folgend wäre die Konsequenz, dass ich andern nichts schenke, weil ich selber nichts will. (Quelle: Die Goldene Regel – reine Theorie)

Hannelore führt weiterhin auf, dass zudem die Möglichkeit des Gleichhandelns innerhalb unserer patriarchalen Gesellschaft sehr schwierig ist:

Kinder können ihren Eltern nicht Gleiches antun, wenn sie zum Gehorsam gezwungen werden.
Angestellte können sich nicht beim Chef revanchieren, wenn sie einen Bonus bekommen.
Almosenempfänger können nicht zurückgeben.
Bürger und Steuerzahler können Regierenden bei Missbrauch des Amtes nicht Gleiches mit Gleichem vergelten.

Ja, unsere Paradigmen/Weltbilder zu hinterfragen und auf Herz und Nieren zu prüfen, scheint mir in unseren Zeiten zunehmender Krisen ein wichtiges Instrument, um das Zu-Ende-denken zu befeuern. Daher möchte ich an dieser Stelle erneut Vera F. Birkenbihl dazu zu Wort kommen lassen, macht sie das doch in einem herrlich erfrischenden Stil: Die Viren des Geistes

  1. März 9, 2013 um 11:04 am

    Zum Thema Ungleichberechtigung habe ich gerade noch eine interessante Argumentation von Andreas Zeuch auf seinem Blog gefunden:

    Ungleichheit zerstört unsere Gesellschaft

    Mit ihrem fundamentale Werk Gleichheit ist Glück: Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind belegen Richard Wilkinson und Kate Pickett unmissverständlich, dass folgende Aspekte von Wohlstand und Lebenszufriedenheit von der Einkommens(un)gleichheit abhängen:

    Gemeinschaft, Vertrauen und soziale Beziehungen
    Seelische Gesundheit und Drogenkonsum
    Gesundheit und Lebenserwartung
    Fettleibigkeit
    Schulische Leistung
    Teenagerschwangerschaften
    Gewalt
    Gefängnis und Bestrafung
    Soziale Mobilität

    Wohlstand und Lebenszufriedenheit steigen NICHT allein durch die Höhe des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Es ist vielmehr eine möglichst geringe Spanne zwischen den Einkommensverhältnissen der Gesellschaftsmitglieder, die sich positiv auswirkt (dazu habe ich einen eigenen Artikel hier im Blog geschrieben). Mittlerweile wissen wir ausreichend sicher, dass die Spanne, die durch die abartig hohen Managergehälter im Vergleich zu mittleren und geringen Einkommen entsteht, der Sprengstoff ist, der unsere Gesellschaften zerstören wird. Und nun ist die Zeit das zu ändern. Denn die weiter aufblühende Auseinandersetzung um den Einkommenswahnsinn ist keine Neiddebatte. Es geht um unsere Gemeinschaft. Viele von uns können ihre Wohnungen trotz harter Arbeit nicht mehr bezahlen. Dann von Neid zu sprechen, ist Hohn.

  2. März 9, 2013 um 12:24 pm

    Kann man einen fließenden Fluss zu Ende denken ? Zeigt sich hier nicht auch die Problematik des Copyrights? Gäbe es in der Natur ein Copyright, gäbe es keine Anpassung und keine fortwährende Aufrechterhaltung energetischer Harmonie.
    Sicher macht das Copyright eines materiellen Produkts Sinn, aber materielle Güter erfüllen auch andere Aufgaben als geistige “Güter“. Wenn es um eine Entwicklung geht, die im großen Rahmen des Ganzen abläuft, ist jedes Copyright jedoch fehl am Platz:

    http://www.gold-dna.de/copygift.html

    Warum empfindet man Geschenke als Ballast ? Vielleicht weil man verlernt hat, was es bedeutet, gemeinsam an einem Werk zu “arbeiten“ … zum Wohle aller.
    Warum gaben alte Kulturen der Natur Geschenke für die Gaben, die sie von ihr geschenkt bekamen ?

    Gruß Guido

  3. März 9, 2013 um 1:34 pm

    Anbei ein Text, der zeigt, wohin man kommt, wenn versucht wird ein Problem zu Ende zu denken … auf die Idee, dass das eigentliche “Problem“ anderswo liegt, kommt man dabei natürlich nicht.

    http://www.ruhrnachrichten.de/leben/lifestyle_mode/berichte/Meditation-in-London-Stressabbau-im-Einkaufsdschungel;art405,1910694

    Kann die “Lösung“ im Erschaffen von etwas Neuem liegen, um etwas zu vermeiden, was eigentlich ein Symptom unserer modernen Zeit ist ? Heilung durch Ruheinseln … um sich dann wieder ins Chaos zu stürzen ?

    Gruß Guido

  4. März 9, 2013 um 8:56 pm

    Wer nichts [wirklich] weiß, muss alles glauben …

  5. Gerhard A. Fuerst
    März 10, 2013 um 12:19 am

    “Paradigma”
    A concept, a term, with a given definition,
    a notion, a sign, a symbol, a model of value?
    However, only when well understood
    and when properly applied!
    For those who do not know or understand,
    it could merely be the perpetuation
    of a riddle, a myth, a mystery,
    a puzzle, an enigma…
    to cleverly mislead…
    rather than to follow
    correctly, and to heed!?
    Thus, it becomes a problem,
    a conundrum, bewilderment,
    confounding, confusing…
    even an affliction, a disease,
    and a stigma…
    That is why of late
    there is so much talk
    of and about
    “paradigm shift.”
    Will that mean
    we are finally on the way,
    to seeking the dawn of a new day,
    looking for new solutions
    in a refreshing new way?
    Or, are we merely
    relabeling, renaming old issues,
    rather than giving really new gifts…
    Are we merely wrapping old problems
    in allegedly new and fine, fancy tissues?
    Are we really beginning anew,
    or are we merely using
    a „nicer and newer” spoon,
    in order to stir and serve up,
    as a supposedly fancy new meal,
    with a bit of „PR“ fluff,
    the same old food,
    the same old dish,
    the same old stuff,
    and overcooked stew!?
    Are we now in paradigm heaven?
    Are we really baking new bread?
    Or are we merely trying to get
    a supposedly new rise
    out of the same old dough,
    with the same old yeast,
    by merely calling it leaven?

    Gerhard A. Fürst
    9.3.2013

  6. federleichtes
    März 10, 2013 um 1:45 am

    Conny Dethloff bricht in seinen Beispielen das Zu-Ende-denken herunter auf die Unternehmensebene. Klar, er macht seinen Job. Aber ist es nicht so – ich schreibe das aus eigener Erfahrung -, dass einige Menschen abends denken „Scheißtag“, und morgens, wenn der Wecker klingelt, denken, „Ich muss zur Arbeit“.

    Wollen wir irgend einen typisch bürgerlichen Lebenslauf, der ja in der Regel ohne jede Kenntnis von Welt-Paradigmen verläuft, mal kurz zu ende denken. Wenn man am Ende vielleicht eine Stimme fragen hört: „Wen hast du in deinem Leben missbraucht – und von wem oder was hast du dich missbrauchen lassen?“ Kann ein Mensch hin zu diesem Punkt denken? Kann er sich heute auch nur annähernd vorstellen, wie er am Ende seines Lebens über seinen LebensVERlauf denkt? Und wird er einige der Regeln kennen, aus denen sein Glaube, was richtig und falsch ist, entstand?

    Ich glaube nicht. Weil wir dann in einer anderen Welt lebten. Einer, in der sich niemand der Untröstlichen trösten muss mit der abstrusen Idee, die Realität sei nur Illusion.

    Was haltet ihr von der idee, es gäbe nur ein einziges Paradigma? Dieses:
    Wir leben in einer Welt des Missbrauchs.

    Das Sätzchen könnte meine Art sein, Leben zu ende zu denken. Aber Missbrauch lässt sich analytisch nicht denken, weil Missbrauch eine Folge des Denkens ist. Missbrauch kann man nur fühlen. Aber Missbrauch kann man nicht fühlen, wenn Angst das Denken betreibt – man schaut dann kurz, und wieder weg, damit man das Produkt aus Indien oder China oder Malaysia kaufen kann. Schnäppchen, denkt man, und damit ist das Denken dann zu ende.

    Missbrauch fühlen. Zufällig lief mir vorgestern ein Filmchen über den Missbrauch von indischen Kindern (60 Milionen plus Dunkelziffer) über den Weg. Schaut’s euch nicht an. Es ist fies, und viel einfacher weiter zu denken, wenn der Wecker klingelt, muss ein verantwortungsvoller Mensch aufstehen und zur Arbeit gehen. Oder etwa: Nicht zu ende denken, sondern einfach nur aus dem Fühlen heraus ein Stückchen umfassender und damit weiter-denken?

    Gruß
    Wolfgang
    (thematisch etwas irritiert)

  7. März 10, 2013 um 11:45 am

    Conny Dethloff bricht sein Zu-Ende-denken herunter auf die Unternehmensebene. Klar, er macht seinen Job. aber vielleicht gehört er auch zu den Menschen, die abends denken “Scheißtag”, und morgens, wenn der Wecker klingelt, denken, “Ich muss zur Arbeit”.

    Ich grenze die Thematik nicht auf die Wirtschaft ein. Wie kommen sie darauf? Kennen wir uns so gut, dass sie wissen mit welchem Gefühl ich morgens aufstehe und abends ins Bett gehe?

    • federleichtes
      März 10, 2013 um 1:09 pm

      Hallo Herr Dethloff.

      Nein, in Ihrem Artikel ist die Thematik nicht auf die Wirtschaft eingegrenzt. Allerdings reflketieren sie das Thema beispielhaft über Managment-/Unternehmensprobleme.

      Wir kennen uns fast nicht. Und meine Absicht war nicht Ihnen persönlich etwas zu unterstellen. Deswegen schrieb ich „vielleicht“, und ich fragte das „Vielleicht“ auch in Ihre Richtung, weil sie mir den Eindruck eines begeisterten Familienvaters vermittelten.

      Aus heutiger Sicht könnte ich meine bürgerliche Zeit, morgens um 6 Uhr zum Bahnhof und gegen Mitternacht wieder zurück, verfluchen. Ich fand erst genügend Zeit mich intensiver für Kinderseelen zu interessieren, als ich persönlich für Missbrauch nicht mehr geeignet war.

      Ich formuliere den „ansstössigen“ Satz um.

      Mit freundlichen Grüßen

      Wolfgang Jensen

      • März 10, 2013 um 1:21 pm

        Ich komme gerade von einem Frühstück mit meiner Ältesten:

        „Papa, inzwischen habe ich das Gefühl, dass Du selbst als Mensch vor mir sitzt. Als Kind hatte ich immer den Eindruck, dass da eine funktionierende Person, eine Maschine am Essenstisch sitzt.“

        Es geht also voran …

        Noch eine schönen Restsonntag, auch wenn das Wetter wenig mitspielt …
        Martin

        • März 10, 2013 um 2:17 pm

          Dazu meinen herzlichen Glückwunsch, Martin. Das sind die Worte auf die es ankommt, ein Geschenk das gerne angenommen wird, oder? Ohne sich verpflichtet fühlen zu müssen.
          Wünsch dir auch einen schönen Sonntag.

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