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Wo ist mein Ich? – vom Verstand, dem Herzen und dem Sein …

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Aber all meine Gedanken schwirren um mein Ich,
in Träumen seh’ ich mich selbst,
doch wach ich auf ist der Traum vorbei.
Ich schau in den Spiegel und sehe mich.
Nein!
Ich sehe mein Gesicht meine Haare, meinen Körper
aber
wo ist mein Ich?
Die Angst in mir steigt und zwingt mich beinah zu schreien,
meine Seele will lieben, meine Augen vertrauen
aber
ich suche im Nichts.
Ich schaue nach vorne, schaue nach hinten,
doch ich sehe nichts, weil ich so verblendet bin,
dass ich mein Ich hinter einer Fassade verloren habe.

Paola Kobler

In den letzten Wochen sprachen wir zunehmend darüber, was die Wirklichkeit ist, was wir selbst sind. Paola schrieb dieses Gedicht als sie 15 Jahre alt war. Damals konnte sie mit dem, was aus ihr heraus floss, noch nicht viel anfangen. Heute sieht sie deutlicher hinter diese Fassade und nutzt dieses Wissen in der Anwendung, Menschen in ihrer Kommunikation wieder gemeinsam wirken zu lassen (siehe den Artikel zur Situationsanalyse).

Ich hatte das Gedicht auch auf Facebook veröffentlicht und erhielt dort den Hinweis auf den folgenden Text, der noch ein weiteres, und wie meine richtig helles Licht auf das Zusammenspiel von Verstand, Herz und Sein wirft. Er beginnt mit der folgenden Frage:

Du redest immer gegen den Verstand. Du sagst, dass wir ihn loslassen sollen, dass wir ihn zum Schweigen bringen sollen, dass er bei der Suche nach der Wahrheit im Weg sei. Wozu ist denn der Verstand überhaupt gut? Ist er wirklich so tückisch und überflüssig?

Die Antwort war wie folgt:

Der Verstand ist eines der wichtigsten Dinge im Leben. Aber nur als Diener, nicht als Herr. Sobald der Verstand der Herr ist, beginnen die Probleme: Dann verdrängt er dein Herz und verdrängt dein Sein. Dann ergreift er völlig Besitz von dir. Statt deinen Befehlen zu gehorchen, fängt er an, dich herum zu kommandieren. Ich sage nicht, dass du den Verstand aus dem Weg räumen sollst. Er ist das höchstentwickelte Phänomen dieser Schöpfung.

Ich sage nur: »Gib Acht, dass nicht der Diener zum Herrn wird!«

Du musst dir eines merken: Dein Sein kommt an erster Stelle, dein Herz an zweiter, dein Verstand an dritter. So sollte die ausgeglichene Persönlichkeit eines authentischen Menschen aussehen.

Verstand bedeutet Logik – ungeheuer nützlich, und auf dem Marktplatz kannst du nicht ohne ihn existieren. Ich habe nie gesagt, du sollst  einen Verstand nicht auf dem Marktplatz benutzen. Du musst ihn benutzen. Aber du musst ihn benutzen, und nicht er dich. Das ist ein großer Unterschied.

Der Verstand ist es, der uns die ganze Technik, die ganze Wissenschaft gebracht hat. Aber weil der Verstand dir so viel gebracht hat, nimmt er jetzt in Anspruch, Herr über dein Dasein zu sein. Darin liegt die Tücke: Er versperrt dir die Tür zu deinem Herzen. Das Herz hat keinen Gebrauchswert, es erfüllt keinen Zweck. Es ist wie eine Rose. Der Verstand liefert dir Brot, aber er liefert dir keine Freude. Er   kann nicht erreichen, dass du Freude am Leben hast. Er ist schrecklich ernst; er kann nicht mal ein Lachen tolerieren.

Doch ein Leben ohne Lachen ist menschenunwürdig. Es ist unmenschlich, denn in der ganzen Schöpfung ist nur der Mensch zum Lachen fähig. Lachen ist ein Hinweis auf Bewusstsein, auf das höchste Entwicklungsstadium. Tiere können nicht lachen, Bäume können nicht lachen und alljene Leute, die im Verstand gefangen sind – die Heiligen, die Wissenschaftler, all die so genannten großen Führer -,  auch sie können nicht lachen. Sie sind zu ernst, und Ernst ist eine Krankheit. Ernst ist der Krebs der Seele; er ist zerstörerisch,  destruktiv.

Und weil der Verstand die Kontrolle übernommen hat, ist seine ganze Kreativität in den Dienst der Destruktivität getreten. Die Menschen sterben vor Hunger und der Verstand häuft immer mehr Atomwaffen an. Menschen hungern und der Verstand will auf den Mond. Der  Verstand kennt kein Mitgefühl. Für Mitgefühl, Liebe, Freude, Lachen – dafür braucht man ein Herz, das von der Sklaverei des  Verstandes befreit ist. Das Herz hat den höheren Wert. Es bringt auf dem Marktplatz keinen Nutzen, denn der Marktplatz ist kein  Tempel, der Marktplatz ist nicht der Sinn deines Lebens.

Der Marktplatz ist die niedrigste Stufe aller menschlichen Aktivitäten. Jesus hat Recht, wenn er sagt: »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.« Aber der Verstand kann nur Brot liefern. Mit ihm kannst du überleben, aber überleben ist nicht leben. Zum Leben braucht es mehr – Tanzen, Singen, Jubeln. Darum ist es mir wichtig, dass alles an seinem richtigen Platz steht. Wenn es einen Konflikt zwischen Herz und Verstand gibt, solltest du zuerst auf das Herz hören. Wenn es einen Konflikt zwischen Liebe und Logik gibt, sollte nicht die Logik entscheiden, sondern die Liebe.

Die Logik kann dir keine Lebendigkeit geben; sie ist trocken. Sie ist für Berechnungen geeignet, für Mathematik, für Wissenschaft und Technik. Doch für menschliche Beziehungen ist sie nicht geeignet, für das Wachstum deines inneren Potenzials ist sie nicht geeignet.

Über dem Herzen steht das Sein. So wie zum Verstand die Logik gehört und zum Herzen die Liebe, so gehört zum Sein

die Meditation. Sein bedeutet Selbsterkenntnis. Und wer sich selbst erkennt, erkennt den Sinn der ganzen Existenz.

Dein Sein zu erkennen bedeutet, Licht ins Dunkel deiner inneren Welt zu bringen. Und solange du nicht von innen her leuchtest, ist alles  äußere Licht zwecklos.

Wenn im Inneren nur Dunkelheit ist, ein dunkler Abgrund der Unbewusstheit, dann entspringen alle deine Handlungen dieser Dunkelheit, dieser Blindheit. Wenn ich also gegen den Verstand rede, darfst du mich nicht missverstehen. Ich bin nicht gegen den  Verstand und ich möchte nicht, dass du ihn aus dem Weg räumst.

Ich möchte, dass du zu einem Orchester wirst: Dieselben Instrumente machen einen Höllenlärm statt Musik, wenn man nicht weiß, wie man eine Symphonie hervorbringen kann, wie man eine Synthese hervorbringen kann und wie man allesan den richtigen Platz stellt.

Das Sein sollte das höchste Kriterium sein. Nichts geht über das Sein. Es ist dein Anteil am Göttlichen. Und es gibt dir etwas, das weder der Verstand noch das Herz dir geben können: Es gibt dir Stille, es gibt dir Frieden, es gibt dir Gelassenheit. Es gibt dir Seligkeit und letztlich die Erfahrung der Unsterblichkeit. Durch die Erkenntnis des Seins wird der Tod zu einer Fiktion und das Leben zu einem Flug in die Zeitlosigkeit. Einen Menschen, der sein innerstes Sein nicht kennt, kann man nicht wirklich lebendig nennen. Er gleicht eher

einer nützlichen Maschine, einem Roboter. In der Ruhe suche nach deinem Sein, nach deiner Istheit, deiner Existenz.

Mit Hilfe von Liebe, mit Hilfe des Herzens teile deine Seligkeit mit anderen. Das ist der eigentliche Sinn der Liebe: deine Seligkeit zu teilen, deine Freude zuteilen, deinen Tanz zu teilen, deine Ekstase zu teilen. Der Verstand hat seine Funktion auf dem Marktplatz, aber wenn du heimkommst, sollte er zu rattern aufhören. Genauso wie du deine Jacke ablegst, deinen Hut, deine Schuhe, solltest du auch deinen Verstand ablegen und zu ihm sagen: »Jetzt sei still! Das hier ist nicht deine Welt.«

Das bedeutet aber nicht, gegen den Verstand zu sein.

Es bedeutet vielmehr, dem Verstand eine Ruhepause zu gönnen. Daheim mit deiner Frau, mit deinem Ehemann, mit deinen Kindern,  mit deinen Eltern, mit deinen Freunden wird der Verstand nicht gebraucht. Dort brauchst du ein überfließendes Herz. Und wenn ein Haus nicht in Liebe überfließt, wird es nie zu einem Heim; dann bleibt es nur ein Haus. Und wenn du in deinem Heim ein paar Augenblicke für Meditation finden kannst, für die Erfahrung deines Seins, dann erlebt dein Heim seine Krönung – es wird zu einem Tempel. Das gleiche Haus. . . für den Verstand ist es nur ein Haus.

Für das Herz wird es zu einem Heim. Für das Sein wird es zu einem Tempel. Das Haus bleibt das gleiche, aber du veränderst dich, deine Vision verändert sich, deine Dimension verändert sich, dein Verständnis und deine Art und Weise, die Dinge zu betrachten, verändern sich. Ein Haus, das nicht alle drei in sich vereinigt, ist armselig.

Und ein Mensch, der nicht alle drei in sich vereinigt, in tiefer Harmonie – der Verstand als Diener des Herzens, das Herz als Diener des Seins und das Sein als Teil der Intelligenz, die die ganze Existenz durchdringt. . .

Man hat es Gott genannt. Ich nenne es lieber Göttlichkeit.

Es gibt nichts Höheres als das.

Zitiert nach: Osho, Das Buch vom Ego – Von der Illusion zur Freiheit

Kategorien:Gesellschaft
  1. März 2, 2013 um 9:46 pm

    Dieses Gedicht erlaube ich mir hier wiederzugeben von einem Herrn, den ich noch nicht um Erlaubnis gefragt habe.http://dastorlosetor.wordpress.com/2013/01/25/gotterdammerung/#comments
    vielen Dank im Voraus

    Erhabene Stille des Nichts
    Wo keine Sehnsucht
    und keine Hoffnung
    und kein Wünschen
    sich berauscht
    am Sein.

    Und kein Suchen.

    Traumloser Traum
    nach Aufgabe des Letzten
    Nur noch Nichts
    Nichts im Norden, Nichts im Süden,
    Nichts im Westen, Nichts im Osten
    Nichts oben, Nichts unten

    Zwischen “Jenes” und “Ich” nur Nichts
    Durchdrungenheit
    Ein letztes Schweigen
    in der Gestorbenheit
    Erhabene Belanglosigkeit
    des Nennbaren
    Fühlbaren
    Spürbaren

    Verschmolzen in umfassender Sinnlosigkeit
    friedvoller Sinnlosigkeit
    belebender Sinnlosigkeit
    die keines Sinns entbehrt
    Willkommenheißen
    den Tod und Schmerz und das Verderben
    die Liebe und Zärtlichkeit und die Geburt
    und allem gleichzeitig ins Auge blicken
    Entworden
    dem Schein des scheinbar Unscheinbaren

    Angekommen im
    „Nie gewesen und nie nicht gewesen“
    Jenseits –
    in den Abgrund gestürzt
    – dem Erhabendsten alles Erhabenen –
    und ganz tot.
    endlich unendlich
    nur für den Moment
    oder für die Ewigkeit

    Hurrah!

  2. Gerhard A. Fuerst
    März 1, 2013 um 4:07 pm

    Das Wirklich Wahre Ich?
    Wer in den Spiegel schaut,
    erkennt er sich,
    sieht er wen er sucht?
    Bereits durch Zeiten gezeichnet,
    etwas betagt, zwar noch wohlbedacht
    aber nicht mehr so wohlbetucht?
    Sieht man wen man hier
    vermeintlich ganz genau
    und sogar selbstkritisch betrachtet?
    Sieht man sich wie man wirklich ist,
    oder läßt man so manches
    doch ein bißchen großzügig…
    und “versehentlich” unbeachtet?
    Die Wahrheit läßt sich hier
    sehr wohl erkennen,
    aber man will sie nicht immer unbedingt
    ganz genau beim Namen nennen.
    So maches nur ein Schein?
    Läßt man hier deshalb
    etwas bequem
    die wahre Wirklichkeit
    als unwirksam sein?
    Ist was oder wen man sieht
    nur Oberflächlichkeit,
    das rein äußere Ebenbild?
    Sieht man mit eigenen Augen
    nur was man so gerne
    in der Vorstellung sehen will?
    Wie aber sieht es aus,
    schaut man tief in sich hinein.
    Wie sieht es in Geist,
    Herz und Seele aus?
    Wer ist den hier wirklich zuhaus?
    Wo ist das wahre Ich?
    Wo versteckt oder verhüllt es sich?
    Wo hält es sich verborgen?
    Wer bin ich denn in Wirklichkeit?
    Wird es sich nach intensivem Suchen
    endlich einmal zeigen?
    Bin ich im wahrsten Sinn der Worte
    wer ich meine zu sein?
    Ist mein wahres Ich
    wirklich mein eigen?
    Ist alles nur ein Rätselraten,
    ein Mysterium, ein sinnloses Forschen,
    vielleicht sogar eine Täuschung,
    Vermeintlichkeit, eine Illusion
    oder auch ein Trug?
    Wird man nach solch
    intensiver Inquisition
    auch wirklich klug?
    Die Frage bleibt offen.
    Vielleicht findet man in sich
    irgend wann einmal
    doch ein noch besseres Ich.
    Man kann auf jeden Fall
    zuversichtlich suchen
    und weiterhin hoffen!

    Gerhard A. Fürst
    1.3.2013

    • März 1, 2013 um 4:26 pm

      Ich sprach diese Woche mit einer Frau, die mir sagte, dass sie in den letzten Monaten der intensiven Suche feststellen durfte, dass es da eine ganze Reihe von Ichs gibt, die „wir“ mit uns rumschleppen und die immer wieder durcheinander brabbeln. Und mit ein wenig Übung ließe sich dann der Flohzirkus, inklusive des logischen Denkers zunehmend dirigieren. Hmmm

      • federleichtes
        März 1, 2013 um 7:02 pm

        Den „Flohzirkus“ dirigieren geschieht im Kern. Und je klarer der Kern sich definiert (Bewusstsein), je klarer erkennt er, dass er nicht aus verschiedenen Ich’s besteht, sondern er (vielen Dank) über verschiedene Rollen verfügen kann.

        Je unbedingter ein Ich IST, je klarer werden die Rollen, die es spielen WILL.
        Je beliebiger ein Ich ist, je stärker werden die Rollen nach ihm greifen können.
        Je bewusster ein Ich agiert, je weniger wird es vordefinierte Rollen spielen müssen.
        Je unbewusster ein Ich agiert, je mehr werden (alte) Standards nach ihm greifen.

        Mit Denken hat das meiner Auffassung nichts zu tun. Flöhe verhalten sich nicht logisch.
        Was ist mit der uns allen bekannten Aussage: Den Fehler mache ich nicht wieder. Darüber „denkt“ eine Dominanz-Rolle ganz anders, weil sie die Macht hat, ursächlich zu sein und von ihr gewünschte Re-Aktionen zu provozieren.

        Damit wären wir – wieder mal – bei einem starken Ich. Das FÜHLEN kann, was ES will.
        Dass sich zunehmend diese starken Ich’s heraus-bilden-können, sollte uns einen Hinweis darauf geben, wer hier das Ruder führt.

        Gruß
        Wolfgang

  3. Februar 28, 2013 um 4:29 pm

    Reblogged this on Schlafwandler.

  4. Februar 28, 2013 um 4:29 pm

    wow, danke, Martin!

  5. Februar 28, 2013 um 2:28 pm

    Hanno Peacet:

    Die Lehre des Lebens passt sich immer dem Schüler an, der Schüler sollte nicht versuchen sich einer bestimmten Lehre an zu passen.

    Die Lehre des Lebens ist bedingungslos, daher stellt sie keinerlei bedingungen an den Schüler.

    Die Lehre des Lebens findet im Schüler selbst statt, das äussere erscheinungsbild und die wahrnehmung dessen sind ein Spiegel der Lehre.

    Der Schüler ist immer gleichzeitig auch Lehrer.

    Die Lehre des Lebens führt den Schüler immer zur Wahrheit.

    Die Lehre des Lebens führt den Schüler immer zu sich selbst.

    Die Lehren des Lebens sind Tatsachen die dem Schüler die Wirklichkeit lehren.

    Erfahrungen sind Teil der Lehre des Lebens. Wenn du immer wieder gleiche Erfahrungen machst, dann hast du etwas noch nicht verstanden. Das Leben zeigt dir immer ähnliche Muster, aus denen du etwas lernen sollst. Das Leben ist subtil bei der Lehre des Lebens. Daher kommt es nicht darauf an, wie viele Erfahrungen du machst sondern was du aus den Erfahrungen lernst, was die Erfahrungen für dich spiegeln, was die Erfahrung dir von deinem eigenen Wesen bereits offenbart haben.

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