Startseite > Ökonomie, Gesellschaft, Politik > Das System versagt

Das System versagt

Roman H. Lustig erlaubte mir seinen analysierenden Kommentar zu einem der besten Artikel, den ich in diesen Zeiten zum Zustand unserer Gesellschaft las, hier zu veröffentlichen:

Der gesamte FAZ-Artikel Das System versagt bietet einen interessanten Ansatz zur Neukonzeption unseres ökonomischen und gesellschaftlichen Systems mittels der Hebelwirkung eines radikal gewandelten Kapitalismus, der sich – in Abhebung vom Zeitalter einer uniformen Massenproduktion – radikal neu aus den den völlig unterschiedlichen Interessen und Lebensbedürfnissen der Individuen erschafft. Dies bedeutet selbstverständlich auf Unternehmerseite eine radikale Diversifikation der Produkte und – damit einhergehend – eine ebenso radikal vorangetriebene Marktsegmentierung im Hinblick auf unterschiedlichste, nun erst wirklich ernstgenommene Zielgruppen. Die Macht der geänderten, jetzt individualisierten Verbraucherbedürfnisse sowie das Informationszeitalter und dessen Technologien machen diese „Schöne Neue Welt“ möglich und bringen den mittlerweile abgewirtschafteten Kapitalismus der großen Unternehmen wieder in Einklang mit einer gesellschaftlichen Mehrheit!

Der Ansatz ist, wie gesagt, interessant, doch in meinen Augen zu blauäugig, sprich er beinhaltet eine viel zu optimistische, eben US-amerikanische Sichtweise der Marktkräfte als allein seligmachendem Regulativ einer Veränderung der Gesamtgesellschaft zum Positiven hin. – Meine Herangehensweise an die Problemstellung ist da hingegen schon weit pessimistischer, und, wenn man so will, auch stark europäisch geprägt! Damit nämlich eine breite Mehrheit der Bevölkerung – aus ihr gehen ja letztlich die unzähligen Individuen hervor, auf die sich Zuboff bezieht – diese Veränderung in Gang setzen kann, muss diese Mehrheit in ihrer ökonomischen und politischen Bedeutung entsprechend aufgewertet sein und an den einschlägigen Sphären tatsächlich partizipieren. Was wir in den letzten dreißig Jahren erlebt haben, war aber offensichtlich das langsame Abdanken der Mittelschicht als politisch und ökonomisch relevanter Klasse der westeuropäischen Demokratien sowie ganz allgemein eine – durch verschiedene sublime Mechanismen bewirkte – relative und absolute Vermögensumschichtung hin zu den größeren und großen Vermögen.

Gewiss, soweit Individuen noch über eine gewisse ökonomische Potenz verfügen, und das gilt selbst für wenig begüterte Kreise, werden sie im Sinne Zuboffs von den neuen, auf Individualsierung abzielenden Unternehmen in ihrer losen Agglomeration als Zielgruppen auch ernst genommen werden. Besagte Individuen werden jedoch keineswegs die Spielregeln im ökonomischen System und noch weniger im sozialen und politischen Bereich diktieren können, sondern vielmehr selbst manipuliert werden. Das gilt selbstverständlich auch im Bezug auf deren tatsächliche Bedürfnisstruktur! Umso mehr, als all diese Individuen und die aus ihnen hervorgehenden unzähligen Mikro-Zielgruppen ja isoliert voneinander agieren.

Der Weg zur Veränderung der Gesellschaft und der ökonomischen Machtverhältnisse führt also keineswegs an der – von Zuboff völlig außer Acht gelassenen – politischen Sphäre und ein Mindestmaß an politischer Organisation vorbei! Dann ist freilich auch die Masse mächtig, aber gerade weil – im Gegensatz zu Zuboff – die unzähligen Individuen ihre vielfältigen individuellen Interessenlagen zugunsten einiger prinzipieller gesellschaftlicher Zielsetzungen zurückstellen und sich auf letztere einigen. Sprich: Die Ideale der Französischen Revolution sind keineswegs so obsolet, wie man ganz offensichtlich im angloamerikanischen Raum denkt!

Völlig stimme ich hingegen mit ZUBOFFS drei oben genannten Gesetzen überein. Das gilt insbesondere für das DRITTE GESETZ: „Jede Technologie, die zum Zwecke der Überwachung und Kontrolle kolonisiert werden kann, wird, was immer auch ihr ursprünglicher Zweck war, zum Zwecke der Überwachung und Kontrolle kolonisiert.“

Warum ist das so??? – Ich zitiere aus ANTON AMANN, SOZIOLOGIE: Ein Leitfaden zu Theorien, Geschichte und Denkweisen, 4. Aufl., Wien – Köln – Weimar 1996:

[…] Weil Gesellschaften noch nie, soweit wir historisches Wissen besitzen, anders denn als Ungleichheitssysteme aufgetreten sind.

Die Entstehungsgeschichte und die Struktur empirisch vorfindbarer soziokultureller Ordnungen zeigt immer eine ungleiche Verteilung von Reichtum, Macht, Wissen und Ansehen zwischen einzelnen Gruppen und Individuen. Dies gilt für historische Hochkulturen wie für moderne Gesellschaften und für kleine Stammesgesellschaften wie für die heutige ‚Weltgesellschaft‘. (S. 59)

Die in einer Gesellschaft herrschenden kulturellen Muster (Denk- und Verhaltensweisen, tatsächliche Verteilung von Rechten und Pflichten, Macht, Reichtum, Ansehen und Wissen) stehen zu den zentralen Interessen jener nicht in Widerspruch, die jeweils über die meisten, größten, höchsten und besten Anteile verfügen. (S. 60 f.)

ERGO: Da also in der Regel EINE GUT ORGANISIERTE MINDERHEIT über die nicht oder jedenfalls nicht in dem Ausmaße organisierte MEHRHEIT herrscht, wird besagte Minderheit auch alle ihnen zu Gebote stehenden technischen Kontrollmechanismen zum vorbeugenden Machterhalt einsetzen. Hierbei ist es zunächst einmal völlig gleichgültig, aus welchen Schichten oder Parteizugehörigkeiten sich die gerade regierende Minderheit speist. Vice versa gilt das selbstverständlich auch für den ökonomischen Bereich, denn Großbetriebe geben oft Musterbeispiele dafür ab, dass die Moderne fähig war, äußerst sublime Kontrollmechanismen zu entwickeln.

Gerade die GESCHICHTE DER NEUZEIT ist dadurch gekennzeichnet, dass in ihr OFFENE GEWALTAUSÜBUNG zunehmend in Misskredit geriet bzw. zurückgenommen wurde, um HERRSCHAFT zu begründen bzw. zu erhalten (Vgl. etwa die große Philosophin und Soziologin HANNAH ARENDT in ihrem Werk „Vita activa“). Vollends anachronistisch wäre eine derartige Herrschaftsausübung in unseren Tagen mit ihren vielfältigen Anforderungen im Hinblick auf die „Political Correctness“. Geändert hat sich freilich nur die Form, jedoch nicht der Inhalt der HERRSCHAFT! Letztere muss eben nun auf eine subtil-zivilisierte Art und Weise abgesichert werden – eine Art und Weise, die allerdings zumindest ebenso effizient ist wie die vormaligen, nun atavistisch gewordenen Verhaltensweisen.

Glücklicherweise gibt das IKT-ZEITALTER den heute tonangebenden Eliten mittlerweile die großartigsten technischen Instrumente an die Hand, um alle erforderlichen Maßnahmen auf die unblutigste und „humanste“ Weise zu zu setzen, noch dazu bei einem bis dato in der Menschheitsgeschichte nicht erreichten Grad an Effizienz. ICH BEGLÜCKWÜNSCHE UNSERE HEUTIGEN ELITEN ZU DIESEN NEUEN TECHNISCHEN INSTRUMENTARIEN und gehe davon aus, DASS SIE SELBSTVERSTÄNDLICH NICHT DARAUF VERZICHTEN WERDEN, ebensowenig wie der Bernhardiner, den man mit unwiderstehlichen fleischlichen Genüssen labt!!!

  1. Februar 17, 2013 um 10:11 am

    Meine Antwort darauf war und ist:

    Das ist einer der besten Artikel zur aktuellen Situation unseres Gesellschaftssystems, die ich in der letzten Zeit gesehen habe. Und auch der Analyse von Roman H. Lustig kann ich voll zustimmen, bis auf die pessimistische Sicht nach vorne. Ja, die neuen Informationstechnologien können auf ihre subtile Art und Weise den Herrschenden erneut dienen. Aber genauso den ihnen Dienensollenden.

    War es zuerst die Kirche, die dafür sorgte, dass die Schäfchen alle zur gleichen Zeit die gleiche mentale Stimmung durch die Verkündigung von herrschender Botschaft diente, folgten die Nachrichtschauen im Kino, dann kam das Radio und heute ist es das Fernsehen, vor dem kollektiv zur gleiche Zeit in Angst vor der Zukunft eingeschwungen wird. Und wer Angst hat, folgt gerne dem Mörchen, das der Herrschende hin hält. Nur dass mit dem Internet immer mehr Menschen nicht mehr dem Mainstream vor der kollektiven Glotze folgen, sondern Zeit-versetzt sich alternative, freie Meinungen einholt, um der Wirklichkeit ein immer größeres Stück abzuringen.

    ABER: Die sich verschärfenden Krise können wir auch verstehen als Geburtskanal, um uns pubertierenden Neuzeitmenschen in ein neues Bewusstsein zu befördern. Einem Bewusstsein eben des Manipuliert- und Ausgenutztseins durch ein paar Wenige. Einem Bewusstsein darüber, dass man zwar materieller Nutznießer sein kann, aber die Seele dabei verkauft wird. Goethe hatte seinen Faust in diesem Sinne wohl geschrieben. Einem Bewusstsein darüber, dass wer Nutznießer ist, dies auch immer auf Kosten Anderer ist. Einem Bewusstsein darüber, dass im Sinne einer nachhaltigen Gesellschaft das Kooperieren effektiver ist als das offensichtlich Alle (Mensch, Tier und Umwelt) krankmachende Konkurrenzverhalten.

    Sie auch die Sammlung auf Kooperation statt Konkurrenz

  2. Februar 17, 2013 um 10:52 am

    “ Geändert hat sich freilich nur die Form,“ (der Unterdrückung) in der sog. ersten Welt und nicht mal da. Was ist los im nahen und mittleren Osten, im Baskenland, die Jugoslawienkriege, Nordirland noch immer, wenn auch z.Zt. ruhig? Was ist mit dem „Vertrag von Lissabon“ der durch die Hintertür die Todesstrafe wieder einführt und niemand begreift es? Und was ist mit denen in den Entwicklungsländern auf deren Schultern unser Wohlstand aufbaut? „Political Correctness“ dort, in den Freihandelszonen?
    Mich stossen auch immer wieder solche Worte wie „Verbraucher“ ab, eingeführt von den „Grünen“, wenn mich nicht alles täuscht.. Wir sind Menschen und haben es mit Menschen zu tun. Ich denke nicht daran mich für mein Hiersein und Leben schuldig zu fühlen. „Zielgruppe“ warum nicht gleich „Zielfernrohr“?
    Worte manipulieren, und zwar so, dass selbst diejenigen die guten Willens und scharfsichtig sind, diese Worte wie implementiert gebrauchen.

    Schönen Sonntag
    Martina

    • Februar 17, 2013 um 11:05 am

      Mir kommt es auch immer mehr so vor, als wäre unsere Sprache zur Waffe verkommen.
      Oder ist sie deshalb erfunden worden?

      Ja, einen schönen Sonntag, noch nebelt es etwas …
      Martin

      • Februar 17, 2013 um 7:10 pm

        Mir kommen immer wieder Vergleiche zur Sprache und ihrem Gebrauch in einer Diktatur in den Sinn. Abwegig ist das nicht, glaub ich.
        Victor Klemperer „LTI“ – “ Notizbuch eines Philologen ist ein 1947 erschienenes Werk von Victor Klemperer, das sich mit der Lingua Tertii Imperii, der Sprache des Dritten Reiches, befasst.

        Bereits sein Titel ist eine Parodie auf die ungezählten Kürzel aus der Sprache der Zeit des Nationalsozialismus wie BDM, HJ, DAF, NSKK, KdF etc. Klemperer erklärt dazu im ersten Kapitel: „Ein schönes gelehrtes Signum, wie ja das Dritte Reich von Zeit zu Zeit den volltönenden Fremdausdruck liebte: Garant klingt bedeutsamer als Bürge und diffamieren imposanter als schlechtmachen. (Vielleicht versteht es auch nicht jeder, und auf den wirkt es dann erst recht.)“ Er kommt zum Ergebnis, dass die Sprache in der Zeit des Nationalsozialismus die Menschen weniger durch einzelne Reden, Flugblätter oder ähnliches beeinflusst habe als durch die stereotype Wiederholung der immer wieder gleichen mit nationalsozialistischen Vorstellungen besetzten Begriffe.“

        Grüße
        Martina

        • Februar 17, 2013 um 7:19 pm

          Ich hätte dazu George Orwells Neusprech in Ozeanien anzubieten:

          Die Sprache sollte nach den ideologischen Bedürfnissen, der machthabenden Partei (der »Engsoz«) angepasst werden. Nach der völlig abgeschlossenen Reform des »Neusprechs« sollte es niemanden in »Ozeanien« mehr möglich sein, anders zu denken, als die Partei es wünschte. Da die Sprache und somit die Gedanken keine Worte mehr gefunden hätten, die es hätten ausdrücken können.

          LG Martin

        • Februar 17, 2013 um 7:26 pm

          Und auch Florian Hauschildt hat sich dem Thema Vokabular der Neoliberalen angenommen:

          Die Erosion des keynesianischen Grundkonsens in der Bundesrepublik bedeutete gleichzeitig die Abkehr vom interventionistischen Wohlfahrtsstaat. Die Anschauungen verschoben sich schließlich vom Sicherheits- und Vorsorgestaat in Richtung zunehmender „Freiheit“ und „Selbstverantwortung“ der Bürger. Damit werden nicht nur soziale Verwerfungen den Betroffenen selbst zur Last gelegt, sondern mit der Eigenverantwortung ist die Skandalisierung der Armut zur Skandalisierung der Armen selbst mutiert.

          Mit dieser rhetorisch konstituierten Rechtfertigung ist weiterer Spielraum für die Abwertung des Sozialstaates gegeben. Mit Wortparodien wie der „sozialen Hängematte“, oder mit dem Vorwurf, er stünde Reformen und damit einer dringenden Modernisierung im Weg, wird ihm die gesellschaftliche Legitimation bzw. Sinnhaftigkeit entzogen.

          Auch diese neoliberale Erzählung hat ihr eigenes Schlagwort. Der Ausdruck “Reformstau” kam Anfang der 1990er-Jahre in deutschen Massenmedien auf und war bezeichnender Weise das Wort des Jahres 1997. Da der Begriff Reform genuin positiv interpretiert und mit Modernisierung und Fortschritt in Zusammenhang gebracht wird, war die Metapher „Reformstau“ so wirkungsvoll und populär.

          gefunden in: Zeiten des Neusprechs – Wie der Neoliberalismus die Welt erklärt

  3. Februar 17, 2013 um 9:23 pm

    Im wesentlichen Muss sich die Einstellung der Menschen ändern: von Existenzangst, Neid und Konkurrenz zu Nächstenliebe, Miteinander und weg vom Konsumzwang. Geschehen kann dies nach und nach durch die Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens, der Möglichkeit gleichberechtigt nebeneinander verschiedene Gesellschaftsformen und Lebensformen nicht nur zuzulassen, sondern auch zu fördern, durch einen Gläsernen Staat statt einem Gläsernen Bürger …. und einigem anderen mehr

  4. Heinrich Schmitt
    Februar 17, 2013 um 9:30 pm

    Portrait der Reichen und Superreichen in Deutsche Welle-TV am 15.2.2013 ,
    O-Ton Miss Rothschild: „“ Wenn ich kein Geld mehr haette, koennte ich kein Philanthrop mehr sein .““
    Da tun mir die Armen aber wirklich Leid, wenn sie Frau Rothschild nicht mehr lieb hat !

    • Februar 17, 2013 um 9:35 pm

      So sind sie, die Armen. Dabei könnten sie die Welt aus ihrer Portokasse mehrfach heilen …

  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: