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Resilienz – Probleme meistern

Mein Vater hat mich eingeladen, den einen oder anderen meiner Artikel rund um ergotherapeutische Aspekte, die zum Thema „Mensch – das faszinierende Wesen“ passen, hier nochmals zu veröffentlichen. Dem komme ich sehr gerne nach und möchte mit dem wichtigen Thema Widerstandsfähigkeit von uns Menschen beginnen.

Resilienz (lat. resilire “zurückspringen” oder “abprallen”) kann im Deutschen mit dem Wort Widerstandsfähigkeit übersetzt werden und beschreibt die Toleranz eines Systems gegenüber Störungen. Als System ist in diesem Fall der Mensch als Ganzes gemeint, mit hauptsächlichem Blick auf seinen seelischen Zustand.

Störungen, die ein Mensch in seinem Leben überwinden muss, können unter anderem Konflikte, Misserfolge, Lebenskrisen und Niederlagen sein. Auch schwere Erkrankungen, Entlassungen, Trennungen, Tod von nahen Verwandten/Bekannten oder Traumen zählen zu diesen Störungen. Resilienz ist demnach die Fähigkeit, solche Störungen kreativ und flexibel zu bewältigen.

Zu beobachten ist, dass Kinder, die unter ähnlichen Umständen aufwachsen, sich ganz unterschiedlich entwickeln und die auftretenden Krisen unterschiedlich überwinden. Zwillingsstudien ergaben, dass Zwillinge (die somit identisches Genmaterial besitzen), die unter denselben Umständen aufwachsen und meist das gleiche erleben, im Erwachsenenalter nicht unbedingt beide eine psychische Erkrankung entwickeln. Kinder, die unter denkbar ungünstigen und schwierigen Bedingungen aufwachsen, wie zum Beispiel Armut, Arbeitslosigkeit oder Obdachlosigkeit, entwickeln sich manchmal entgegen aller Erwartungen erstaunlich positiv.

Was macht diese Kinder so stark? Was gibt ihnen die Fähigkeit schwierige Situationen nicht nur zu überstehen, sondern aus ihnen zu lernen und gestärkt aus ihnen hervor zu gehen?

“Die Widerstandsfähigkeit der Seele“ ist ein relativ neues Forschungsgebiet. Begonnen hat die Resilienzforschung auf der hawaiianischen Insel Kauai. Die amerikanische Entwicklungspsychologin Emmy E. Werner und ihre Kollegin Ruth Smith wollten untersuchen, wie sich schwierige Startbedingungen in der Kindheit auf das spätere Leben auswirken. Im Rahmen dieser „Kauai-Studie“ wurden 698 Kinder aus schwierigen Verhältnissen, die 1955 geboren wurden, von ihrer Geburt an über 40 Jahre hinweg wissenschaftlich begleitet und getestet. Die Untersuchung zeigte, dass ein Drittel der Kinder trotz erschwerter Bedingungen zu lebenstüchtigen Erwachsenen heranwuchs. Aus den Ergebnissen schloss man, dass seelische Schutzfaktoren existieren müssen. (Leitfaden Resilienz, Stand 04.12.12)

Inzwischen hat man herausgefunden, dass Resilienz nicht angeboren ist, sondern erlernt wird. Resilienz variiert im Laufe des Lebens. Der Mensch ist nicht zu jeder Zeit gleich widerstandsfähig. Die Entwicklung der Resilienz wird von zwei Kriterien bedingt:

  • die Persönlichkeit des Menschen
  • die Umweltbedingungen

Bei resilienten Kindern wurden folgende Fähigkeiten/Eigenschaften festgestellt:

  • Glaube an den Erfolg eigener Handlungen,
  • Problemsituationen werden aktiv angegangen
  • eigene Ressourcen werden effektiv genutzt
  • Wissen über eigene Kontrollmöglichkeiten, aber auch realistisches Erkennen, wenn etwas  unbeeinflussbar, d. h. außerhalb der Kontrolle, ist.

Dies ermöglicht es den Kindern, ihre Bewältigungsstrategien aktiv-problemorientiert zu entwickeln und sich weniger passiv-vermeidend und hilflos gegenüber Problemsituationen zu fühlen.

Bedingungen in der Lebensumwelt, die zur stärkenden Entwicklung der Resilienz führen sind:

  • eine stabile, emotional-positive Beziehung zu mindestens einer Bezugsperson, aufgrund derer das Kind ein sicheres Bindungsmuster entwickeln kann;
  • ein Erziehungsstil, der durch Wertschätzung und Akzeptanz dem Kind gegenüber sowie durch ein unterstützendes und strukturierendes Erziehungsverhalten gekennzeichnet ist;
  • kompetente und fürsorgliche Erwachsene außerhalb der Familie, die als positive Rollenmodelle dienen, Mut zusprechen und vorleben, wie man Krisensituationen im Alltag bewältigt (z. B. Großeltern, FreundInnen, LehrerInnen);
  • positive Kontakte zu Gleichaltrigen und Freundschaftsbeziehungen;
  • wertschätzendes Klima in den Bildungseinrichtungen. (Leitfaden Resilienz, Stand 04.12.12).

Niederlagen, Probleme, Krisen und Schicksalsschläge gehören zu unserem Leben dazu. Durch das Wissen über Resilienz ist es uns möglich zu trainieren, wie gut wir mit diesen Dingen umgehen. Wir haben Einfluss darauf, ob wir die Probleme meistern oder uns passiv-vermeidend verhalten. Die Fähigkeiten dazu können wir uns aneignen und trainieren.

Und darüber werde ich demnächst schreiben.

Eure Wiebke

Erstveröffentlichung auf dem Ergotherapie-Protal am 07.12.2012: Resilienz – Probleme meistern

Kategorien:Gesellschaft
  1. Februar 7, 2013 um 4:30 pm

    Gerade gefunden: Geheimnis psychischer Stärke: Die Unverwundbaren

    Psychologen sind der Auffassung, dass seelisch robuste Menschen eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung haben. Das heißt, sie glauben an die Wirksamkeit ihrer Handlungen und schreiben Erfolge ihrem Können – Misserfolge eher dem Zufall zu. Zudem sind sie besser vor Krisen geschützt, weil ihr Selbstwert nicht unbedingt an Erfolge gekoppelt ist. Sie setzen sich realistischere Ziele und packen bei Chancen eher zu. Schwierigkeiten sehen sie als Herausforderungen, verlassen bei Krisen schneller die Opferrolle und bleiben auch in harten Zeiten optimistisch. Sie fragen aber auch früher nach Hilfe. Denn Resilienz bedeutet keinesfalls, unverletzlich oder niemals verzweifelt zu sein.

    Gruß Guido

  2. Ronny
    April 26, 2013 um 12:18 pm

    An dieser Stell möchte ich auf ein Thema verweisen, mit dem ich mich gerade beschäftige. Es geht dabei um die Konstruktion der menschlichen »Welt« und gerade das betrachten von der »Wirksamkeit ihrer Handlungen und schreiben Erfolge ihrem Können – Misserfolge eher dem Zufall zu«
    Erfolg und Misserfolg selbst ist ja individuell abhängig. Wir sehen uns als Erfolgreich, wenn wir gewisse »Dinge, Ziele, Objekte« erreichen oder halt nicht erreichen. Diese Dinge selbst »schauen« wir uns ja aber selbst nur von anderen ab, in dem wir uns mit ihnen vergleichen.

    Es lohnt sich meiner Erfahrung nach durchaus sich mit »Sozialphänomenologie von Alfred Schütz« und darauf aufbauend mit der »Ethnomethodologie von Harold Garfinkel« zu beschäftigen.

    Um dahinter zu steigen, wie man selbst eigentlich denkt und handelt. Und wie unser Handeln durch Situtationen, Wissen, Erfahrungen und Typisierungen »bestimmt« wird.

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