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Diversity Management schafft Einfalt statt Vielfalt

Heute Morgen wurde in der Google+ Community Initiative WirtschaftsDemokratie, wo ich Mitbegründer und aktiver Unterstützer bin (Danke noch einmal für die Einladung Martin), ein sehr interessantes Thema zur Diskussion gestellt. Es geht um eine Studie des Frauenhofer Instituts zum Diversity Management in Unternehmen. Zu diesem Thema habe ich vor geraumer Zeit meine Gedanken und Ideen strukturiert. Das Ergebnis möchte ich gerne mit Ihnen teilen.

Ich habe viele Diskussionen, Vorträge und Schulungsveranstaltungen zum Thema Diversity erlebt. Diversity bedeutet auf Deutsch Vielfalt. Unternehmenslenker möchten in ihren Unternehmen die soziale Vielfalt der Menschen konstruktiv nutzen. Aus diesem Grund heraus wurde auch eine Managementdisziplin namens Diversity Management aufgesetzt, die wohl inzwischen in jedem Unternehmen, was etwas auf sich hält, etabliert ist. Zur Definition von Diversity Management verweise ich gerne auf Wikipedia.

Diversity Management (auch Managing Diversity) bzw. Vielfaltsmanagement wird meist im Sinne von “soziale Vielfalt konstruktiv nutzen” verwendet. Diversity Management toleriert nicht nur die individuelle Verschiedenheit (engl.: diversity) der Mitarbeiter, sondern hebt diese im Sinne einer positiven Wertschätzung besonders hervor und versucht sie für den Unternehmenserfolg nutzbar zu machen. Die Ziele von Diversity Management sind es, eine produktive Gesamtatmosphäre im Unternehmen zu erreichen, soziale Diskriminierungen von Minderheiten zu verhindern und die Chancengleichheit zu verbessern. Dabei steht aber nicht die Minderheit selbst im Fokus, sondern die Gesamtheit der Mitarbeiter in ihren Unterschieden und Gemeinsamkeiten. Bei den Unterschieden handelt es sich zum einen um die äußerlich wahrnehmbaren Unterschiede, von denen die wichtigsten Geschlecht, Ethnie, Alter und Behinderung sind, zum anderen um subjektive Unterschiede wie die sexuelle Orientierung, Religion und Lebensstil.

Ich möchte Ihnen heute mit diesem Post eine differenzierte Sicht zum Diversity Management anreichen. Diversity Management, wie es derzeit in Unternehmen aufgesetzt ist, schafft nämlich Einfalt statt Vielfalt. Die Ziele, die in obiger Definition dargelegt sind, sind aus meiner Sicht total sinnvoll und erstrebenswert. Die Aktionen, die allerdings aufgesetzt werden, sind diesen Zielen nicht zuträglich, ganz im Gegenteil. Das möchte ich Ihnen am Beispiel der Unterscheidung Mann und Frau darlegen. In allgemeinerer Form habe ich diese Thematik in meinem Post Gleichberechtigung ist die Erfindung eines Machthabers gespiegelt.

Es gibt Forschungsrichtungen, die sich mit dem unterschiedlichen Kommunikationsverhalten von Männern und Frauen beschäftigen. Die amerikanische Soziolinguistin Deborah Tannen hat beispielsweise ein Modell aufgestellt, welches das unterschiedliche Kommunikationsverhalten von Männern und Frauen reflektieren soll und eine Unterscheidung in hierarchisch, was den Männern, und kooperativ, was den Frauen zugeschrieben wird, eingeführt. Einige tiefergehende Informationen kann man hier finden.

Kommunikation ist natürlich in unserer Gesellschaft unumgänglich. Sprache ist ein Vergesellschaftungsfaktor. Wir erkennen aber auch immer wieder dass Missverständnisse in der Kommunikation zu Problemen im Umgang miteinander führen. Der Mensch ist aber aus meiner Sicht zu komplex, als dass man einfach eine Unterscheidung in männlich und weiblich durchführen sollte, dann den Männern eine hierarchische Kommunikationsform, den Frauen eine kooperative Kommunikationsform, wie Tannen es macht, zuschreibt und dann damit Kommunikationsprobleme zu lösen versucht. Tut man dies kann man sich auch den Zusatz, dass diese Zuordnung nicht auf alle Männer und Frauen zutrifft, sparen.

Denn genau dieses Verharren auf dieses einfache Modell der Kommunikationsunterschiede erzeugt eine Hürde für die Frauen auf ihrem Karriereweg, welche man im Rahmen des Diversity Managements ja eigentlich einreißen möchte. Fatal ist aber, dass diese Hürde sogar noch erhöht wird. Denn der Glaube an dieses Modell zieht eine selbsterfüllende Prophezeiung nach sich. Es bildet sich eine Norm heraus, die die Kommunikations- und damit die Führungsform von Männern und Frauen klar aufzeigt. Verhalten sich Frauen oder Männer in Führungspositionen nicht nach dieser Norm, laufen sie Gefahr ausgegrenzt zu werden. Frauen, die sehr hierarchisch kommunizieren und damit führen, werden häufig als Mannsweiber dargestellt, Männer, die sich dem Modell “widersetzen” als Weicheier. Also verhalten sich die Menschen in der Regel entsprechend. Und genau dieses Verhalten wird dann logischerweise in Untersuchungen auch “gemessen”. Wir befinden uns hier also in einem selbstverstärkenden Kreislauf. Das Normative verstärkt das Deskriptive und das Deskriptive verstärkt wieder das Normative. Oft wird mir entgegnet, wenn ich diese einfachen Klassifizierungen kritisiere, dass man wenigstens für diese Unterschiede sensibel sein muss, damit diese auch erkannt werden können. Genau das ist nicht mein Verständnis. Denn diese Sensibilität erhöht auch die Wahrnehmungsfähigkeit in Richtung dieses Modells, was den selbstverstärkenden Effekt eben erhöht.

Menschen, die in diesem Forschungsrichtungen tätig sind, bestätigen die Bedeutung ihrer Forschungsrichtung immer wieder aufs Neue. Schön für Sie. Schlecht für die Frauen, die Karriere machen möchten. Denn Unternehmen sind nun einmal in der Regel hierarchisch aufgebaut. Da ist es also auch nicht verwunderlich, dass in Unternehmen den Menschen mit einem hierarchischen Kommunikations- und Führungsstil eher die Rolle einer Führungskraft zugeschrieben wird. Das sind aber nun mal die Männer. Das Modell sagt es ja aus und wir glauben ja alle an das Modell, weil die Forschung dieses ja immer wieder aufs Neue bestätigt. Auch in den Assessment Centern, wo die Fähigkeit der Menschen auf Führungsqualität untersucht werden soll, wird auf diese Form der Führung Wert gelegt. Es wird also nach Gleichförmigkeit gesucht, da viele Assessoren, die hierarchisch kommunizieren und führen, sich selber aussuchen. Würden sie nicht nach Qualitäten suchen und auswählen, die sie sich selber zuschreiben, würden sie sich ja als Führungskraft negieren. Ein Hoch auf die Vielfalt.

Ich denke es ist sinnvoller nicht nach diesen einfachen Modellen zu denken und zu handeln. Grundsätzlich gibt es sicherlich verschiedene Kommunikationsformen (oder besser Kommunikationseigenschaften oder -merkmale), wahrscheinlich sogar noch viel mehr als nur die beiden, hierarchisch und kooperativ. Es gibt viele Menschen und viele Eigenschaften, die man Kommunikation zuschreiben kann. Je nach Situation und auch Gefühlslage kommunizieren die Menschen. Ich lasse mich beispielsweise nicht in eine der beiden beschriebenen Kommunikationsformen einordnen. Aber genau das lässt das Aufstellen eines Rezeptes für Kommunikation unmöglich werden. Ja genau und das ist auch richtig so. Es gibt nämlich kein Rezept.

Möchte man seine Fähigkeiten und Fertigkeiten bzgl. Umgang und Kommunikation mit Menschen verbessern, was ohne Zweifel für eine gute Führungskraft unumgänglich ist, sollte man aus meiner Sicht erst einmal beginnen jeden Menschen als einzigartig wahrzunehmen. Dann sollte man sich in zweiter Instanz tiefgehend mit Kommunikation auseinander setzen. Ich empfehle dafür die beiden Bücher Form und Formen der Kommunikation von Dirk Baecker und Menschliche Kommunikation: Formen, Störungen, Paradoxien von Paul Watzlawick. Der dargereichte Inhalt in diesen Büchern ist natürlich kognitiv viel schwieriger zu verarbeiten als das Modell von Tannen beispielsweise. Aber das passt ja. Der Mensch an sich ist ja auch nicht einfach.

Möchte man also Vielfalt in Unternehmen, sollte man dieses Thema nicht zum Thema machen.

Über Conny Dethloff
Conny privat 2Diplom-Mathematiker und in der Wirtschaft tätig seit 1999. Berater und Manager mit Fokussierung auf die Themenbereiche Information Management und Change Management. Autor der beiden Bücher The Race – Change Management mit dem ChangeModeler und Von einem der auszog die Wirtschaft zu verstehen: Auszüge aus dem Logbuch der Reise sowie seines Logbuchs der Reise des Verstehens.

  1. federleichtes
    Dezember 18, 2012 um 4:07 pm

    Scheint so, als sei es keine Frage des Menschenalters, um ein „Wohl“ befördern zu können. Gerade dachte ich an unsere Wege durch die Natur, stets auf der Suche nach Erscheinungen, die in der Liebe wurzeln und Verbindung schaffen in ein unsichtbares Universum, in das alles Werden eingebettet zu sein scheint. Innerhalb dieser Führung finden sich auch sozial – im weiteren Sinne – biegsame, gleichwohl gegen sich selbst unbeugsame Menschen. Diese innere Persönlichkeitsstruktur erlebe ich allerdings, und nicht selten, gerade umgekehrt: Im Innen Gummiparagraphen, im Außen die Peitsche schwingend

    Hallo Herr Dethloff,

    Martin zeigte hier offen seine Begeisterung für indigene, „natürlich“ lebende Völker. Guido „Goldkind“ spricht von einer künstlichen bzw. einer sich verkünstlichenden Welt. Solveigh wird nicht müde, auf das Menschenfeindliche des kapitalistischen Systems hinzuweisen, und Bernhard ist das Geld ein giftiger Stachel im Menschsein und der Gesellschaft. Einige Menschen stellen sich VOR die Menschen und wollen sie leiten, während Maretina gerade die Bedeutung des Lernens der Eltern von (ihren) Kindern zum Ausdruck brachte.
    Wir sehen in den Ansätzen einerseits etwas Spezifiziertes, andererseits eine Vielfalt von Wegen. Ich meine, das Angebot an Wegen trifft sich IM Menschen, dahinter wirkend die Aufforderung, sich selber, Welt und Entwicklung WAHR-zu-nehmen und sehr speziell und im Besonderen SICH zu entwickeln.
    All das, was ich Wege nannte, sind Unternehmungen, und zwar echte, dem Menschen direkt (und indirekt der Gesellschaft) dienende Unternehmungen.

    Schauen wir auf betriebswirtschaftlich (ein sehr höfliches Adjektiv) organisierte Unternehmungen, die im Rahmen eines menschen- und gesellschaftsFERNEN – hier könnte man statt „fern“ auch feindlich schreiben! – Selbstzwecks (Struktur) organisiert sind, braucht es ganz natürlich eine Gewalt in Form von Hierarchie und Führung, um das Natürliche in das Unnatürliche zu zwingen. Ähnliches erleben wir ja auch innerhalb der künstlichen staatlichen Strukturen.

    Mein Fazit:
    Wirtschaftliche Unternehmungen bedürfen des intelligenten Argwohns. Hier wird – stetig offensichtlicher werdend – auf Teufel komm raus organisiert, gemanagt und produziert, rücksichtslos gegen die Welt und das Wohl der arbeitenden Menschen. Bei denen, die sich daran, gleich ob begeistert oder widerwillig, beteiligen, besteht kein, zumindest nur ein eingeschränktes Bewusstsein über das Menschenfeindliche ihres Wirkens. Wer das Wesen des waltenden Systems kennt, wird sich weder am Produzieren noch am Konsumieren beteiligen, geschweige denn Menschen zu einer Beteiligung motivieren.

    Der eigentliche „Knackpunkt“ für die System- und Menschenbetrachtung ist aber ein anderer.

    Sie schreiben:
    „Ich stelle mir in Gedanken ein Band vor. Auf der einen Seite des Bandes lokalisiere ich die komplette Strukturlosigkeit bzgl. eines gemeinschaftlichen Zusammenlebens der Menschen; auf der anderen Seite das genaue Gegenteil, nämlich starre Strukturen.
    Mit der Strukturlosigkeit beschreibe ich das Chaos. Es ist informativ in jedem Menschen vorhanden und äußert sich in ihm und durch ihn. Und es bildet sich, klar, auch in der Gesellschaft ab. Sie können das Phänomen empfinden für die Gesellschaft, aber das Chaos betrifft sie auch persönlich, weil sie nicht auf einem fixierten, sondern sich auf einem laufenden Band befinden UND selber in Bewegung gehalten werden – von den affinitven Kräften der Ordnung und den re-aktiven Kräften des Chaos.

    Das ist die übergeordnete Struktur, innerhalb der sich Entwicklung vollzieht. Aus meiner Beobachtung heraus will Entwicklung EIN Bewusstsein schaffen für ZWEI Szenarien: Das Individuelle in der Gesellschaft und das Soziale im Individuum. Bewusstsein als Struktur eines Miteinanders von Liebe und Geist – als Kurzform beschrieben.

    Um dieses Bewusstsein ringen wir – ALLE. Das Ist die Unternehmung, die den Freiheitswillen des Menschen reifen und ihn Befreiungswege gehen lässt, um klar entscheiden zu können, was ihm dient und der Gemeinschaft nicht schadet – und was der Gemeinschaft dient und ihm nicht schadet. Bewusstsein als INNERE FÜHRUNG auf Wegen der unbedingten Zuträglichkeit, JA! Hierarchien, die Wertigkeit als Mehrwert oder Minderwert erzeugen, NEIN!

    Ich möchte betonen, dass ich hier und überhaupt mit dem Anspruch angetreten bin, Entwicklung zu befördern – und mich befördern zu lassen. Dazu gehört, zu hören: WAS (und nicht WER!) bedarf der Beförderung, und wer oder was will mich WOHIN befördern.

    Ich danke Ihnen herzlich für Ihr Wohl-Wollen.

    Ihr

    Wolfgang Jensen

  2. federleichtes
    Dezember 17, 2012 um 6:27 pm

    So, Text gelesen, Herr Dethloff.

    Es freut mich, dass Sie Institutionen und Standardisierungen misstrauen und das Konzept, Konzepte zu erarbeiten, hinterfragen. Klar, es gibt ja ein „Konzept“, wenn man es denn findet und danach handeln, ruhen, sprechen oder schweigen kann.

    Mir fielen in Ihrem Text zwei Begriffe auf.
    Einer ist „Hierarchie“.
    Wenn ich in einer wohl-organiserten Unternehmung nach personifizierter lebensfremder Dämlichkeit suche, muss ich Treppen steigen. Erübrigen Sie ein Lächeln – für mich?
    Vielleicht endete die Phase natürlicher organisierter Gemeinschaft mit Ende der matriarchalen Entwicklungsphase der Menschheit – was meinen Sie?
    Der Schritt in den kompetenzlosen Führungs-, Macht- und Herrschaftsanspruch könnte man – mit nur wenig Phantasie – mit dem Sündenfall assoziieren, mit dem das „Widernatürliche“ in Erscheinung trat. Hinterfragt werden könnte, inwieweit Menschen seitdem posttraumatisch unterwegs sind. Ich komme vom Thema ab.

    Hierarchien entstehen qualitativ und quantitativ mit der Absicht, Herrschaft zu begründen, und zwar „künstliche Herrschaft in künstlichen Systemen“. In natürlichen Ordnungen entfällt die Notwendigkeit einer Hierarchie, weil es natürliche Regelungen gibt, die einem nicht vom Gemeinwohl getrennten Anspruch genüge leisten. Wölfe kämpfen also nicht um einen abstrakten Herrschaftsanspruch, sondern um dem Anspruch der Gemeinschaft, das Beste zu wollen, Folge zu leisten.
    Geist postulierte erfolgreich den Minderwert der Frau und damit des Weiblichen (?). Die Frau zu unterwerfen, na ja, es war sicherlich keine Glanzleistung eines Geistes, der von sich selber Erhabenheit behauptet und genau dahin führte, wo wir als Menschheit heute stehen: Die Vernichtung der Welt noch besser organisieren zu wollen. Sollte das gelingen? Erst dann möchte ich von der wahren Kunst künstlicher Hierarchie-BILDung sprechen.

    Der zweite Begriff ist „Führung“.
    Mir verbinden sich mit diesem Wort keine guten Gedanken, und zwar nicht erst seit dem Studium der „Geschichte des Tausendjährigen Reiches“. Beginnt auch hier das Verhängnis bereits mit der ersten Ver-Führung? Woher nimmt Geist den Anspruch auf Führung? Doch nicht aus dem Bewusstsein, aus Erfahrung gut, oder?
    Kinder werden entbunden aus der mütterlichen Sicherheit hinein in eine Welt der Geistführerschaft. Man führt sie in den Hort, führt sie in die Schule und führt sie solange am Nasenring durch die Arena des Widernatürlichen, bis sie in der Lage sind, sich selber am Ring zu packen und „ihr“ Bestes im Sinne des Widersinns zu leisten bereit sind: Bravo, voll-Intrinsich pertuummobilisert. Zweifelnde Fälle führt es in Arztpraxen, in Akte der direkten oder indirekten Selbstbefreiung oder in aktive oder passive anders geartete Verweigerungen.

    Ich fasse mich hier und auch mal kurz zusammen:
    Konzepte, in denen „Hierarchie“ und „Führung“ vorkommen, entsprechen nicht dem Vokabular meiner Beschreibung einer „Idealen Szene“, in der selbstbestimmte Menschen aus ihrer eigenen Ordnung heraus das sein können, was in ihnen angelegt ist: Ein voller Liebe- und Vernunft-Sein.
    Ob das ein erstrebenswerter Reichtum ist?

    Ich geh dann mal.

    Ihnen einen guten Abend.

    Wolfgang Jensen

    • Dezember 18, 2012 um 7:37 am

      Hallo Herr Jensen,

      vielen Dank für Ihre erklärenden Sätze, die zum Nachdenken und „in-ein-Dialog-treten“ anregen.

      Als erstes möchte ich betonen, dass auch meine Intention hinter meinem Schreiben nicht darin liegt, mich zu rechtfertigen. Ich habe zu bestimmten Themen meine Meinung, für die ich auch gute Argumente anbringen kann. Da es aber die absolute Wahrheit nicht gibt, bin ich auch immer wieder auf der Suche nach anderen Meinungen und Sichtweisen zu entsprechenden Themen, um meine zu validieren. Das ist für mich die Basis meines Erkenntnisgewinns auf meiner Reise des Verstehens. Diese Reise wird niemals enden (mein Tod mal ausgenommen).

      Wenn wir jetzt also über dieses Thema in einen Dialog treten, nehme ich Ihre Worte nicht als Rechtfertigung wahr, genau so wenig wie ich meine als dieses tue. Ich möchte nur die Argumente ihrer Sichtweise näher verstehen, um meine gegen ihre validieren zu können.

      Nun möchte ich zum Thema kommen.

      Ich stelle mir in Gedanken ein Band vor. Auf der einen Seite des Bandes lokalisiere ich die komplette Strukturlosigkeit bzgl. eines gemeinschaftlichen Zusammenlebens der Menschen; auf der anderen Seite das genaue Gegenteil, nämlich starre Strukturen. Unsere Zweiwertigkeit im Denken lehrt uns, dass eine Medaille stets zwei Seiten hat, eine „gute“ und eine „schlechte“. Je nachdem auf welcher Seite des Bandes man steht, nimmt man eine Wertung in „gut“ und „schlecht“ vor. Damit brandmarkt man die Vertreter der anderen Sichtweise. Resultat ist, dass man wohl nicht zusammen kommen und auch keine Lösung finden wird. Das erleben wir ja zuhauf in der Praxis.

      Gotthard Günther, ein leider vergessener Mathematiker und Kybernetiker, der die Polykontexturalität, von der ich in meinem Post auch schreibe erfunden hat, hat mal folgendes Zitat geprägt: „Wenn ein Problem wieder und wieder auftaucht und keine Lösung gefunden werden kann, dann sollte man nicht danach fragen, was die Vertreter gegensätzlicher Standpunkte voneinander unterscheidet, sondern was sie gemeinsam haben. Das ist der Punkt, wo die Quelle des Missverständnisses und der Lösung liegen muss.“

      Und genau an diesem Zitat halte ich mich. Wenn ich wieder das Bild des Bandes bemühe, bewege ich mich also zwischen den beiden Enden. Je nach Kontext mal mehr links und mal mehr rechts. Ich lehne also weder eine komplette Strukturlosigkeit bzw. -starre ab, noch befürworte ich diese bedingungslos.

      Man darf nie vergessen und das wollte ich auch in meinem Post zum Ausdruck bringen: Auch wenn ich die Strukturlosigkeit komplett befürworte, schleppe ich die Strukturstarre stets mit mir herum. Ich bekomme sie niemals weg. Also thematisiere ich sie doch dann lieber, um für bestimmte Kontexte die Vorteile daraus zu ziehen.

      Und das möchte ich nun einmal an den beiden Begriffen Hierarchie und Führung tun.

      Grundsätzlich benötigen wir Menschen Regeln und Strukturen, um überhaupt miteinander leben zu können. Wir benötigen eine gemeinsame Sprache um uns zu verstehen. Hätten wir diese nicht, würden wir jeden Tag suchend sein und auf nichts aufbauen können, was bereits geschaffen wurde. Wir sind ja nicht Robinson Crusoe auf einer einsamen Insel. Die Frage bleibt nur bestehen, wie oft diese Regeln und Strukturen angepasst werden müssen und wer diese Anpassung vornimmt. Und hier bin ich beim Thema Führung und Hierarchie.

      Aus meiner Sicht ist es nicht mehr up-to-date (war es vielleicht noch nie), dass in einem Unternehmen kontextlos, per Gesetz und auf lange Frist Vorgesetzte und Untergebene ernannt werden. Je nach Situation sollten stets die Menschen entscheiden können, die die wichtigen Informationen und das Wissen entsprechend der Situation besitzen. Information in Unternehmen darf nicht entlang einer Hierarchie top-down fließen, sondern sie muss es heterarchisch und in „Echtzeit“ tun. Das Internet ist an dieser Stelle ein guter Hinweis, wie ein Informationsfluss funktionieren kann. Unternehmen, die sich diesem Fluss nicht anpassen, werden irgendwann vom System ausgestoßen werden.

      In Quintessenz lässt sich für mich zusammenfassen, dass wir Führung als auch Hierarchien brauchen, diese müssen sich aber je nach Kontext ausbilden. Man muss in Diskussionen auch immer wieder aufs Neue Begriffe, wie hier Führung und Hierarchie, von alten, manchmal auch verstaubten, Deutungen befreien, um nicht in Ihnen gefangen zu bleiben. Diese Befreiung trägt auch zum Erkenntnisgewinn und vor allem zum Annähern gegensätzlicher Sichtweisen bei.

      Beste Grüße,
      Conny Dethloff

  3. Dezember 17, 2012 um 7:41 am

    Hallo Herr Jensen,

    ich würde gerne über Ihren folgenden Satz diskutieren.

    federleichtes :

    In Ihrem Beitrag entdecke ich das “Übliche”: Methoden zu erfinden, um den Menschen besser benutzen zu können – für Erfolge, die offensichtlich, so scheint es mir jedenfalls, über dem (eigentlichen) Ziel des Mensch-Seins stehen.

    Können Sie diesen ein bisschen näher erläutern und in Bezug zu meinem Post setzen?

    Vielen Dank.

    Beste Grüße,
    Conny Dethloff

    • federleichtes
      Dezember 17, 2012 um 4:32 pm

      Als ich meinen Beitrag schrieb, wusste ich, dass Sie sich darauf melden würden.

      Erstens möchte ich betonen, dass ich Ihr Thema nur bis zum ersten Link gelesen habe und einen Textabschnitt aus einem umfangreicheren Text von Ihnen zitierte.

      Zweitens möchte ich erwähnen, dass mein Leben so organisiert IST, dass es nicht mehr organisiert werden muss – ich BIN in mir selber organisiert, weil ich weiß, was ich tun kann und – gerade in diesem Rahmen – nicht tun will.

      Daraus folgt Drittens, dass ich, was überheblich klingen mag, in KEINERLEI Erklärungs- bzw. Rechtfertigungsmuster verstrickt bin Ich schreibe Ihnen, weil ich Sie mag.

      Viertens schließlich schreibe ich (nur) aus dem Bauch, aus einem sicheren* Gefühl heraus. Das mag sinnvoll für mich sein, provoziert allerdings ganz natürlich – und soll es auch.
      * Es bewährte sich in den Jahren.

      Wir leben auf einem wunderbaren Planeten, der Raum und Zeit und verschiedenste Möglichkeiten der Entfaltung bietet. Von sehr großer Bedeutung scheint die Möglichkeit zu sein, etwas und etwas mehr zu organisieren: Land wird aufgeteilt, Wasser kanalisiert, ja sogar das Wetter muss besser organisiert werden. Oh, wir haben ein Verteilungsproblem – klar, das organisieren wir. Kinder können nicht artig sein – klar, das krieg-en wir in den Griff. Menschen wollen nicht das leisten, was notwendig ist? Das wollen wir doch mal sehen.
      Was sich hier primär entfaltet ist ein Geist der Unterdrückung von freier Entfaltung. Wir erleben ihn in einer organisierten Schule, in organisierten Gesellschaften und auch in Rationalisierungen mittels einer real-reflektiert – unvernünftigen Vernunft.

      Wenn Sie die künstliche Organisierei als das Natürliche ansehen, Herr Dethloff, dann fragen Sie sich bitte mal, welche zentraleren Ideen das Organisieren überhaupt als notwendig erscheinen lassen – und unter der Annahme bestimmter Vor-Stellungen auch notwendig machen. Aus der Vorstellung des Nicht-Organisierten entstand die Idee, Manager auszubilden, um sie das immer komplexer Werdende (Problem) lösen zu lassen. Dazu gehört besonders, jedenfalls zu meiner Betrachtung, eine Ent-Individualisierung des Menschen. Er wird organisiert, zentralisiert, nummeriert, kategorisiert – gewisserweise objektiviert als berechenbarer Faktor, als Funktion in einer Ordnung deklariert. Mir erscheint dieses Repressieren als eine Degradierung, als das Gegenteil von dem, was ich als „Weg zur Menschwerdung“ empfinde. Aber bitte, das Entmenschlichen mit all seinen Gewalt-Facetten scheint ja – bisher – notwendig gewesen zu sein.

      Von der kirchlich organisierten Re-ligion sagte man, sie sei das Problem, dass sie zu lösen vorgibt. Könnte man das von der „künstlich-manischen Organisierei“ auch sagen?

      Wir „Müssen“. Martin eckte hier schon mal ordentlich an mit seinem Ruf ins Unbestimmte. Und ich frage Sie, Herr Dethloff: Lässt sich Liebe bestimmen? Lässt sich das, was Leben erst lebenswert macht, organisieren? Wie reagieren Sie wohl, wenn man Ihre Liebe zu (Ihren) Kindern korsettieren, korrumpieren, kanalisieren, normieren will?

      Vermutlich bleiben wir im Gespräch.
      Und jetzt lese ich erst mal Ihren Post ganz und vollständig.

      Herzliche Grüße an Sie.

      Wolfgang Jensen

  4. Dezember 16, 2012 um 7:54 pm

    Vielen Dank, Conny, für Deinen Erkenntnis-gewinnenden Beitrag. Und wieder sehen wir, wie einfach es für Jene ist, die ein wenig mehr Durchblick haben, als die meisten von uns, „uns hinter dei Tanne zu führen“. Da werden Konzepte auf den Weg gebracht, die genau das, was ist, weiter zementiert als es vordergründig den Anschein zu sein gibt.
    Denkreiche Grüße, Martin

  5. federleichtes
    Dezember 16, 2012 um 2:12 pm

    Hallo Herr Dethloff, ich blieb an Ihrem ersten Link hängen und zitiere:

    „Die Worte gleichberechtigt und ungleichberechtigt sind komplementär zueinander. Das eine kann es ohne dem anderen nicht geben. Nach George Spencer Brown – einem englischen Mathematiker – geht dem Erkenntnisprozess immer eine Unterscheidung voraus. Ich habe also immer zwei Seiten, die komplementär zueinander sind, in unserem Fall Gleichberechtigung und Ungleichberechtigung. Das bedeutet, könnten wir nicht unterscheiden, könnten wir auch nicht erkennen.“

    Mir genügt hier eine Unterscheidung von Ungerechtigkeit, insofern, als ich in der Praxis UNTERprivilegierte und ÜBERpriviligierte Positionen beobachte. Energetisch entstehen daraus doch irgendwie ganz natürlich Druck und Unterdruck, und auf der ideologischen Ebene ein natürlicher Kampf: Pfründe zu erhalten, zu sichern und zu erweitern, andererseits, daran zu partizipieren, sich auch Pfürnde zu erkämpfen oder das Wesen des Privilegiums auf verschiedene Weise zu bekämpfen.

    In Ihrem Beitrag entdecke ich das „Übliche“: Methoden zu erfinden, um den Menschen besser benutzen zu können – für Erfolge, die offensichtlich, so scheint es mir jedenfalls, über dem (eigentlichen) Ziel des Mensch-Seins stehen. Warum geht es nicht mal anders herum, Unternehmungen aus dem Bedürnis des Mensch-Seins-an-sich entstehen zu LASSEN? Wie wäre es, Existenz-Gestaltung als primäre Unternehmung zu definieren und daraus sich entwickeln zu lassen, was dem Menschen als Lebens-Unternehmer Sinn macht? Würde dazu nicht auch gehören, ihn bestimmen zu lassen, was für IHN Erfolg ist?

    Ihnen einen guten Tag.

    Wolfgang Jensen

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