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Werden wir immer mehr von unserer Arbeit entgrenzt?

Matthias Jung

Matthias Jung

Auf der gestrigen Veranstaltung neue Arbeit – neue Kultur war auch Matthias Jung anwesend, der wie ich über darüber berichtete. Dadurch bin ich auf seine interessante Dissertation aufmerksam geworden, deren prüfungsvorbereitende Kurzschrift ich hier gerne seiner Erlaubnis wieder geben möchte. Er streift darin uns bekannte Aspekte der Schuld, der Leibe, des Auswirkungen von Arbeitslosigkeit genauso wie das Bedingungslose Grundeinkommen. Weitere gute Denkanstöße, was unser Arbeitskonzept betrifft von Matthias Jung:

Entgrenzung und Begrenzung von Arbeit – Kurze Einführung in den Gedankengang meiner Dissertation

Wer heute von Arbeit spricht, hat mit vielen Herausforderungen zu kämpfen. Schon ein flüchtiger Blick in die Sprachwissenschaft macht deutlich, dass mit »arbeiten« eine Vielzahl unterschiedlicher Begrifflichkeiten gemeint sein können, vom »schaffen« über das »tätig-sein« bis hin zum »werken« und »wirken«. Die gleiche Begriffsvielfalt finden wir auch, wenn wir in die biblischen Schriften schauen. Was also jeweils gemeint ist, wenn jemand von »Arbeit« spricht, muss hinterfragt werden. Arbeit ist nicht gleich Arbeit.

In der Gegenwart beobachten wir, dass vertraute und gewohnte Arbeitsverständnisse ins Wanken geraten. Dies gilt vor allem für das männliche  Normalerwerbsarbeitsverhältnis, das in den letzten Jahrzehnten meistens gemeint war, wenn von »Arbeit« die Rede war. Darunter verstand man ein Erwerbsarbeitsverhältnis, dass es dem Arbeitenden ermöglichte, mit einer Vollzeitarbeitsstelle für sich und ggf. für seine Familie das Auskommen zu erarbeiten. Flankiert wurde dieses Normalerwerbsarbeitsverhältnis zumindest in Deutschland von einer umfangreichen Sozialgesetzgebung, die den Arbeitnehmer und seine Familie im Krankheitsfall, bei Erwerbsunfähigkeit oder im Alter nach ca. 40 Erwerbsjahren absicherte.

Auch wenn es nach wie vor als normatives Motiv in den Köpfen vieler Menschen, gerade auch in der jungen Generation, vorherrscht: In vielfältiger Hinsicht ist dieses Normalerwerbsarbeitsverhältnis in die Krise geraten. In meiner Arbeit vertrete ich die These, dass diese Krise mit dem Begriff der Entgrenzung beschrieben werden kann. Lange vertrauten Grenzen des Arbeitsverständnisses lösen sich auf. Immer mehr Frauen drängen
aus unterschiedlichen Gründen auf den Erwerbsarbeitsmarkt. Die Schnelllebigkeit der technischen Entwicklung entwertet die ursprüngliche Berufsausbildung mehr und mehr. Berufsbiografien werden lückenhafter, Zeiten der Erwerbslosigkeit werden häufiger und verringern perspektivisch die Rente. Wir alle werden als »arbeitende Kundinnen und Kunden« Jahr für Jahr mehr hineingezogen in Produktion, Handel und Dienstleistung.

Ob es das Bahnticket ist, das ich wie selbstverständlich online erwerbe oder die Mitwirkung am Beta-Test einer kommerziellen Software – überall arbeiten Menschen in Bereichen, in denen sie früher lediglich als Kunden aufgetreten sind. Durch das Internet steigern sich diese Möglichkeiten noch einmal, immer mehr Nischen werden durch Nebenerwerbstätigkeiten besetzt, in denen in kleiner Stückzahl kunstvoll gestaltete Wasserhähne oder was auch immer angeboten – und abgesetzt werden. Die sozialen Netzwerke ermöglichen völlig neue Beteiligungsformen und schaffen Öffentlichkeit
in nie gekannter Weise, Entwicklungen mit Chancen und Risiken: Möglichkeiten für Mitwirkung und Mitgestaltung, Gefahren in neuen subtilen Formen der Ausbeutung.

Wohin uns dieser Weg führen wird, ist offen.

Diese Entwicklungen stellt die Theologie vor eine doppelte Herausforderung, denn

Um den christlichen Glauben überhaupt verstehen zu können, muß er dargestellt werden mit Worten, Bildern, Handlungen, Gesten etc., deren Bedeutung aus der gegenwärtigen Lebenswelt vertraut sein oder sich von Vertrautem her erschließen (lassen) muß. Zu einem Verstehen des Glaubens kommt es aber erst dann, wenn die Bedeutung des Glaubens
für das Leben des Menschen sichtbar und nachvollziehbar wird.[1]

Ich bin der Frage nachgegangen, wie die Bedeutung des Glaubens für das Arbeiten des Menschen sichtbar und nachvollziehbar gemacht werden kann. Ich gehe im Anschluss an Wilfried Härle davon aus, dass der Glaube mit dem sich so erschließenden Gottesverständnis zugleich ein neues Welt- und Selbstverständnis eröffnet. Glaubenserkenntnis ist immer zugleich Sündenerkenntnis, wir Menschen erkennen, dass wir nicht so sind wie wir sein sollten. Dieses Gottes-, Welt- und Selbstverständnis lässt sich nun auch im Blick auf die Arbeit des Menschen anthropologisch ausführen.

Wie kann dies allerdings in der Gegenwart geschehen, wenn Arbeit nicht (mehr?) definiert werden kann und sich zugleich in einem tiefgreifendem Wandel befindet? Hier sind sich Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Disziplinen einig: Arbeit muss heute kontextbezogen beschrieben werden. Ich habe mich dafür entschieden, von Arbeit in drei Dimensionen zu sprechen, die als Wahrnehmungskategorien gelten können. Diese Dimensionen lauten: Lebensunterhalt, Lebensfülle und Lebensausdruck.

Lebensunterhalt

Der Glaube bekennt sich zu Gott als Schöpfer, da er aus dem rechtfertigenden Glauben heraus sich selbst und damit die Welt als unverdientes Geschenk erkennt. In allererster Linie ist der Mensch ein empfangender, erst danach ein gebender, Leistung erbringender Mensch. Daraus folgt zum einen die Erkenntnis der Bedürftigkeit eines jeden Menschen und zum anderen die Anerkennung seiner Menschenwürde, die sich hier darin äußert, dass jedem Menschen entweder ermöglicht werden muss, seinen Lebensunterhalt zu sichern oder dass er von der Gemeinschaft entsprechend mitversorgt wird, wenn er dazu nicht mehr oder noch nicht in der Lage ist. Es gibt eine untere Grenze, unter der Menschen nicht mehr menschenwürdig leben können, wenn ihr Lebensunterhalt nicht gesichert ist.

Lebensfülle

Der Glaube erkennt sich selbst und die Welt als unverdientes Geschenk, dies impliziert einen bestimmten Umgang mit der Welt:
Die Grundverfasstheit der Welt ist in der Perspektive des Glaubens nicht ›Knappheit‹ sondern Fülle: Es ist genug für alle da. Andererseits impliziert diese Fülle nicht unendliche Ressourcen, sondern die Vorstellung des Maßes. [2]

Der Glaube führt zu der Einsicht, dass genug für alle da ist, heute und morgen. Von daher gibt es theologisch begründet nicht nur eine den Lebensunterhalt sichernde Grenze nach unten, sondern auch eine Grenze nach oben, die Begrenzung des Eigentums, der Güter, des Wachstums im Blick auf das »Genug« für alle, heute und morgen.

Genug ist das Beste, was es gibt, so lautet ein treffendes Wort von Andre Gorz. Lebensausdruck. Die im Glauben empfangene Zuwendung Gottes impliziert die Einzigartigkeit jedes Menschen. In meiner Arbeit, keineswegs nur der Erwerbsarbeit, möchte ich mich, kann ich mich, will ich mich und damit mein Leben ausdrücken, zum Ausdruck bringen. Arbeit hat eine Nähe zur Persönlichkeitsbildung und zur Identität. Diese meine Arbeit kann, ja soll zum eigenen Besten und dem des Nächsten zum Ausdruck gebracht werden. Lebensausdruck weist dabei darauf hin, dass ich als Individuum
immer an einem bestimmten Ort stehe und damit beim Ausdruck dessen, was mir entspricht, auf Umgebung, Zeit, Ort, Ressourcen angewiesen bin.

Lebensausdruck

Dieser ist auf die Vorgegebenheit und Gestaltungsaufgabe von Natur und Kultur zu beziehen. Eingebettet ist daher der Lebensausdruck in die Glaubenserkenntnis, dass genug für alle da ist (also auch für mich), und dass es daher auch für mich Möglichkeiten gibt, mich im Rahmen dieser Relationalitäten selbst auszudrücken.

Mit Hilfe dieser drei Dimensionen lassen sich sowohl die gegenwärtigen Entgrenzungsphänomene von Arbeit wahrnehmen als auch die Chancen und Grenzen dieser Entwicklungen ausloten. So kann die Bedeutung von Arbeit für Menschen in der gegenwärtigen Lebenswelt beschrieben und Folgerungen und Forderungen abgeleitet werden.

Ich habe das in meiner Arbeit im Blick auf das »summum bonum« getan und dies mit anderen als »das gute Leben aller« bezeichnet. Für die nähere Beschreibung des summum bonum habe ich nach einem Leitbild gesucht und es bei Ina Praetorius gefunden, die vorschlägt, die »Welt als Haushalt« zu verstehen.

Als Gestaltungsprinzip einer Welt, die sich als Haushalt versteht habe ich den Begriff des Dienstes im Anschluss an Torsten Meireis beschrieben.  Meireis versteht Dienst als Wahrnehmungskategorie der Liebe:

Der Liebesbegriff wird hier also weder als Bezeichnung einer bestimmten sozialen Struktur noch eines Handlungstypus oder einer erlernbaren Tugend, sondern als gottgewirkte Wahrnehmungs- und Zu- bzw. Anerkennungskategorie verstanden. [2]

Zum Dienst im theologischen Sinne kann nach Meireis niemand verpflichtet werden. Dienst wird als Akt und nicht als überindividuelle soziale Struktur begriffen. Ich folge Meireis allerdings nicht in seiner Auffassung, dass aus dem Liebesgebot eine Vorordnung der Adressaten abgeleitet werden muss. Vielmehr gilt es, eine Balance zwischen Nächsten- und Selbstliebe zu finden, die sich auch im Dienstverständnis widerspiegelt
– so gesehen gibt es auch einen »Dienst an sich«.

Von hier aus habe ich u.a. die Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens daraufhin befragt, inwieweit es zur Absicherung des Lebensunterhaltes, zur Ausgestaltung von Lebensfülle und zur Verbesserung von Lebensausdruck beitragen könnte.

Arbeit von Selbständigen

Ich habe nach der Arbeit von Selbständigen gefragt, die vielfach in der protestantischen Diskussion eher stiefmütterlich behandelt worden sind.
Die Arbeitsdimensionen ermöglichen es, das komplexe und komplizierte Geflecht von Arbeit, Last und Sünde aufzurollen. Ich habe dazu Erkenntnisse der Arbeitspsychologie herangezogen und bei den Arbeitslasten zwischen Beanspruchung und Beeinträchtigung unterschieden.

Auswirkungen von Arbeitslosigkeit

Die Arbeitsdimensionen helfen auch, nicht nur die Auswirkungen von Erwerbslosigkeit zu reflektieren, sondern auch die des negativen Lebensausdrucks. Viele Menschen müssen die Grenzen ihrer eigenen Arbeit mehr oder weniger selbst festlegen und stehen damit stets in der Gefahr, über diese Grenzen hinausgehen. Die normale Beanspruchung kann dann in Beeinträchtigungen umschlagen, in der Gegenwart sind solche Beeinträchtigungen seltener als früher körperlicher Natur, psychische Erkrankungen haben dagegen dramatisch zugenommen.

Bei der Reflexion von Arbeit geht es immer auch um die sabbattheologische Dimension, also um das Verhältnis von Arbeit und Ruhe. Dieses Verhältnis lässt sich aber nicht nur auf den Wochen- oder Jahresrhythmus hin reflektieren, sondern auch im Blick auf den Lebenszyklus. So kann auch nach der Arbeit sowohl der ganz jungen als auch der sich im sogenannten Ruhestand befindenden Menschen gefragt werden.

Euer Matthis Jung

Literatur

[1] Härle, Wilfried 1995: Dogmatik. Berlin/New York: Walter de Gruyter
[2] Meireis, Torsten 2008: Tätigkeit und Erfüllung. Protestantische Ethik im Umbruch der Arbeitsgesellschaft.
Tübingen: Mohr Siebeck

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