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Angst vor dem Tod

Das Thema “Angst vor dem Tod”, wie es Martin in seinem Artikel Wer ist stärker: der Mönch oder der General? antriggerte, ist dermaßen fundamental, dass ich nicht daran vorbeikomme, einige Bemerkungen hierzu anzuschließen:

Frage: Who am I?
Antwort: A temporary face in a cloud

… das ist AUCH und vor allem ganz grundsätzlich wahr. Ich bin eine zeitweilige Erscheinungsform. Anders herum: Der Tod ist die einzige und wirklich unerschütterliche Gewissheit, die wir haben – die notwendige Kehrseite der einzig möglichen Gewissheit “Ich bin”. Tod definiert Leben.

Jeder Mensch kann sich entweder der Wahrheit seines Todes zuwenden und ihm den Stellenwert im Leben geben, der ihm zukommt (und das ist KEINE morbide Angelegenheit), oder sich in Furcht davor abwenden (DIESE Furcht ist morbid!), mit unterschiedlichen Strategien, z.B.

  • Aufschieben: dauert ja noch 30, 40, 50 Jahre … hat noch Zeit.
  • Beschwichtigung: der Tod ist ja nicht endgültig, sondern Übergang zu Paradies, wahlweise Reinkarnation.
  • Ablenkung: da gibt´s unendlich viele Möglichkeiten – Heim, Arbeit, Familie, Sport, Einkaufen, Bücher, Fernsehen, Süchte, Hobbies, oberflächliche Gespräche, tägliche Routinen …

Das MUSS natürlich nicht so sein, ist es aber in vielen Fällen – mehrheitlich, soweit ich sehe. Und das ist für mich der wesentliche Unterschied zwischen erwachsen und nicht erwachsen, und die Grundlage für den desolaten Kindergarten in unserer jetzigen Welt … nicht erwachsen werden wollende Kinder, die sich aus Angst vor dem Schwarzen Mann die Decke über den Kopf ziehen und sich nicht näher damit beschäftigen wollen – und gleichzeitig schafft dies eine Lücke (= mal wieder Yin), die dann zum Machtinstrument wird – sehr nützlich für Priester und sonstige Mittelsmänner, die dir dann einreden können/wollen (= das zugehörige Yang), was die Existenz von dir will, und was du dementsprechend zu wollen hast :-(

Gelegenheiten, dem Tod zu begegnen, hat wohl jeder häufiger in seinem Leben, mal mehr, mal weniger … ich versuche z.B. dann immer, mit offenen Augen und wachem Herzen präsent zu sein. Auch habe ich z.B. in Indien häufig den Verbrennungsplatz in der Nähe eines Ashram aufgesucht (da lagen dann etliche Knochen herum, manchmal wurde gerade jemand verbrannt, umrahmt von Ritualen), um mich dieser Wirklichkeit zu stellen. Und im Laufe der Zeit, ob durch Übung oder auch durch natürliche Signale des eigenen physischen Alterns, verstärkt sich die Zuwendung.

Eine SEHR GUTE Übung ist auch, im Alltagsleben immer mal wieder innezuhalten und sich ganz bewusst zu fragen: Wenn ich jetzt genau wüsste, dass ich morgen nicht mehr hier bin – welche Wertigkeit hat das, was ich jetzt gerade mache?

Da wird jeglicher Ausdruck von Ego ganz schnell zu einer Absurdität …

I said to Life: “I would like to hear Death speak.”
And Life raised her voice a little higher and said: “You hear him now.”
(Khalil Gibran)

übersetzt etwa:

Ich sprach zum Leben: “Ich möchte gerne den Tod sprechen hören.”
Und Leben erhob die Stimme ein wenig, und sagte: “Du hörst ihn jetzt.”

Leben und Tod sind eine untrennbare Einheit. Vielleicht sollten wir ein neues Wort für diese Einheit erfinden: Bereits die Sprache ist hier grundsätzlich irreführend – sie gaukelt eine Trennung vor, die nicht existiert.

Jedes Einatmen ist ein Stück Leben, jedes Ausatmen ein Stück Tod … Essen/Ausscheidung ebenso wie alle weiteren Stoffwechselvorgänge, Lernen/Vergessen usw. – in allen Lebensbereichen ist diese Einheit zu finden. Noch einmal: Nicht der Tod ist morbid, sondern die Angst vor dem Tod, da sie das Leben be- bzw. sogar ver-hindert.

Auf der biophysikalischen Ebene ausgedrückt: Die Existenz jedes Lebewesens ist ein dynamisches Fließgleichgewicht, ein sogenannter metastabiler Zustand weit jenseits des thermodynamischen Gleichgewichts, nur möglich durch einen ununterbrochenen Durchsatz von Energie und Information, von Werden und Vergehen.

“Memento Mori” = “Sei Dir stets bewußt, dass Du sterblich bist” ist eine hochwirksame Meditation für jede Lebenslage, und es ist gleichzeitig auch die grundsätzlichste Form von Meditation überhaupt: “Meditation heißt, sterben zu lernen, solange Du noch im Körper bist”, habe ich mal (ich glaube von Osho) gehört. Es ist das Einzige, dessen wir uns WIRKLICH sicher sein können – der solide Boden, auf dem wir stehen … ohne diesen Boden gibt es keinen Weg, auf dem wir gehen könnten.

Viele Menschen haben das erkannt und immer wieder neu formuliert, aber es zu hören ist erst der Anfang: Jeder Einzelne muß dies ganz allein für sich selbst neu erkennen, nur hören nützt nichts. Es geht nicht um äußere Information, sondern um innere Transformation aufgrund dieser Erkenntnis.

z.B. Mozart (in einem Brief an seinen Vater, frei aus meiner Erinnerung):
“Der Tod ist der beste und treueste Freund des Menschen … ich danke Gott, daß er mir gnädig die Gelegenheit geschenkt hat, zu lernen, daß der Tod der Schlüssel ist, der das Tor zu unserer wahren Seligkeit öffnet.”

Oder der Dalai Lama (ebenfalls frei aus meiner Erinnerung):
“Awareness of death is the very bedrock of the entire path. Until you have developed this awareness, all other practices are obstructed.”
übersetzt etwa:
“Das aktive Wissen um den Tod ist das wirkliche Grundgestein jedes Pfads. Bevor du nicht dieses Wissen entwickelt hast, sind alle anderen Praktiken blockiert.”

Zum Abschluß fällt mir noch Osho ein:
“If you know death, you know eternal life.”
übersetzt etwa:
“Wenn du den Tod kennst, kennst du das ewige Leben.”

Jede “spirituelle Lehre”, die dieses Grundwissen nicht ausreichend klar formuliert und zu vermitteln versucht, ist in meiner Sicht irreführender Unsinn.

“Memento mori” – der ultimative Weckruf des Lebens … wenn nicht jetzt, wann dann?

Euer Manfred Voss

1.P.S.: “memento mori” wird z.B. meisterhaft angeleuchtet von Jed McKenna in seinem dritten Buch Spiritual Warfare, bzw. in deutscher Übersetzung Spirituelle Dissonanz.

2.P.S.: Noch eine Zusatzbemerkung, da der Dalai Lama und Mutter Teresa hier auch mal ein Thema waren:

Ich mag den Dalai Lama, weil ich ihn “respektiere” … der geschichtliche Hintergrund mag so abscheulich sein, wie er ist (er ist außerdem überall abscheulich) – ich hab ihn ein paar Mal persönlich erlebt, seine Ausstrahlung, seine ganz normal alltags-menschliche und gleichzeitig humorvolle und mitfühlende Art, hab ihm in die Augen geschaut, und das zählt für mich letztlich. Das, was jetzt für mich zu spüren ist. Und, wie ich schon ein paar Mal angemerkt habe, das ist die wörtliche Bedeutung von “Respekt” – das kommt von lat. re-spectari = immer wieder genau schauen, JETZT. Nicht irgendein für wahr angenommenes, aus irgendeiner Vergangenheit rührendes Bild darüberstülpen.

Wenn ich dagegen Bilder von Mutter Teresa sehe, läuft es mir kalt den Rücken runter – allerdings sind´s nur Fotos, die ich da bisher gesehen habe, und daher bin ich einerseits vorsichtig, traue aber andererseits durchaus meiner Wahrnehmung …

  1. loettchen
    Februar 6, 2019 um 11:51 am

    Oijajoijajoi, so viel Wissen vereint über Tod und Leben. Für mich ist es einfach der Abschied und danach – das lasse ich offen, weil meine Neugierde – vielleicht – ja nicht stirbt.
    Gunhild Ziegenhorn

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