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Wieder Kooperation: Dynamische soziale Netzwerke verhindern die “tragedy of the commons”

Ich habe gerade wieder eine wichtige Studie zu meinem Hauptthema der Kooperation entdeckt, bzw. eine Kurzbesprechung derselben, die ich Euch nicht vorenthalten möchte:

Von Heinz Wittenbrink aus „lost and found“

Nicholas A. Christakis

Nicholas A. Christakis

Wann funktioniert Kooperation in Netzwerken dauerhaft, wann funktioniert sie nicht? Nicholas A. Christakis  von der Harvard-Universität hat in einer experimentellen Studie (PDF hier) gezeigt, dass kooperatives Handeln sich in Netzwerken durchsetzt, wenn die Mitglieder ihre Bindungen zu anderen frei knüpfen und lösen können. Wenn sie nicht oder nur selten entscheiden können, mit welchen Partnern sie kooperieren, versandet die Kooperation. Für das Lernen und die Zusammenarbeit mit sozialen Medien legt die Studie nahe: Sie werden immer dann scheitern, wenn die Partner nicht laufend selbst entscheiden können, mit wem sie sich austauschen wollen.

Die Studie, die Christakis und seine Kollegen unternommen haben, versucht eines der alten Probleme der Sozialwissenschaften zu lösen: Wann handeln die Mitglieder einer Gruppe (oder auch nur eines Paares) uneigennützig, obwohl sie nicht sicher sein können, dass sich dieses Verhalten für sie lohnt? Wenn die Mitglieder einer Gruppe ihr Handeln nur nach sicheren Vorteilen für sich selbst ausrichten, kommt es zur tragedy of the commons: Gemeinsame Güter oder gemeinsame Ressourcen werden aufgeteilt oder zerstört. Das individuell rationale Handeln der Einzelnen kann für Gruppen katastrophale Konsequenzen haben, wenn alle auf die gemeinsamen Güter angewiesen sind. Der Klimawandel führt uns täglich eine tragedy of the commons vor Augen.

Christakis hat ein Online-Experiment durchgeführt: Die über Amazons Mechanical Turk rekrutierten Teilnehmer sollten direkten Partnern in einem Netzwerk Spielgeld zahlen und konnten dann umgekehrt von diesen wieder eine Summe erhalten. Sie konnten sich aber auch entscheiden, nichts zu zahlen. Das Spiel wurde mit vier verschiedenen Gruppen gespielt; sie unterschieden sich dadurch, wie die Beziehungen nach jeder Runde im Spiel neugeordnet wurden. Bei einer Gruppe wurden neue Partner nach dem Zufallsprinzip zusammengestellt, bei einer Gruppe waren die Beziehungen fix, bei einer durften die Teilnehmer jeweils 10% ihrer Partner neu wählen, bei einer 30%. Das Ergebnis: Nur in der letzten Gruppe, in der die Teilnehmer ihr Netzwerk am leichtesten rekonfigurieren konnten, handelte ein großer Teil der Spieler auf Dauer kooperativ. In allen anderen sank die Bereitschaft zur Zusammenarbeit sehr schnell.

Die folgende Grafik aus der verlinkten Studie zeigt diese Entwicklung:

Christakis und seine Kollegen erläutern sie so:

Dynamic social networks prevent the tragedy of the commons. The fraction of players choosing to cooperate is stable in fluid dynamic networks (blue) but declines over time in random networks (red), fixednetworks (green), and viscous dynamic networks (yellow). Game length is stochastic and varies across sessions, with a constant 80% chance of a subsequent round. Although one might expect to see more cooperation in the viscous condition than in the static condition and more cooperation in the static condition than in the random condition, any differences in cooperation across these conditions are far from statistical significance (considering either all rounds or only rounds 7–11; P > 0.45 for all comparisons).

Die Studie, die ich hier sehr oberflächlich zusammenfasse, enthält auch einen Erklärungsversuch: Nur in dem rekonfigurierbaren Netzwerk wird unkooperatives Verhalten relativ schnell bestraft. Es lohnt sich auf Dauer nicht; die unkooperativ Agierenden werden isoliert. Wer kooperativ handelt, baut sich dagegen ein Netzwerk aus ebenfalls kooperativen Partnern auf.

Die Studie ist ein Beispiel für die sozialwissenschaftliche Methodik, die Christakis in dem Video A New Kind Of Social Science For The  21st century bei Edge erläutert. In Christakis’ Forschung fließen Evolutionsbiologie, Netzwerkanalyse- und Theorie und Spieltheorie zusammen. Ich bin erst jetzt auf sie gestoßen. Ich glaube, dass sie sehr viele Impulse für die Erforschung sozialer Medien enthält.

Eine, vielleicht zu simple, Idee im Anschluss an die Studie von Christakis: Lernen mit Social Media und das Erlernen des Umgangs mit Social Media funktionieren offenbar nur in einem Setting, in dem die Teilnehmer sich frei entscheiden, mit wem sie sich austauschen. In einer Art Klasse (wie wir sie zum Beispiel bei uns an der FH meist haben) lässt sich viel schwerer gemeinsam lernen als in offenen Formaten, z.B. bei einem BarCamp. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass eine Klasse eine fixes Setting ist, in dem kooperatives Verhalten zu wenig bestätigt wird. Netzwerke, Lernnetzwerke, so kann man vielleicht sagen, sind dann effizient, wenn sie auf Freiwilligkeit beruhen und jederzeit neu konfiguriert werden können.

Quelle: Dynamische soziale Netzwerke verhindern die “tragedy of the commons”.

  1. Oktober 5, 2012 um 5:14 am

    Hat das auch Gültigkeit für Ehe und Familie?
    Besitzanspruch grenzt ein und das angenehme Zusammengehörigkeitsgefühl am Anfang – ist dann die zu enge Grenze, die gesprengt werden muss..
    Auch für größere Kinder und junge Erwachsene ist dies wohl zutreffend. Sie halten die Verbindung zur Familie, wenn die Familie sie annimmt ohne erziehen zu wollen. Sie sprengen die Familienbande, wenn diese einengt und ein Fortkommen oder Entwickeln nicht zulässt.
    Die Erziehungs-Regel: Kinder brauchen Grenzen – stimmt ganz sicher nicht. Kinder brauchen Regeln – auch sollten Gewohnheiten für Notwendiges herausgebildet werden.
    Aber Grenzen – nein. Und schon gar keine mentalen.
    Liebe, die frei lässt, verbindet. Besitzdenken und Klammern zerstört.

    • Oktober 5, 2012 um 7:52 am

      An den Familienkreis, gar den Familien-Clan, hatte ich noch gar nicht gedacht.
      Aber wo Du es ansprichst, scheint mir, dass da an Deiner Beobachtung dran ist. Ich babe im letzten Jahr das Buch „Die Gabe des Glück – Rituale dür ein anderes Miteinadner“ von Sobonfu E. Somé gelesen. Die Autorin ist eine in Afrika aufgewachsene und ausgebildete „Schamanin“, die inzwischen in Amerika lebt. Sie berichtet in ihrem Buch, wie das Wohl der dörflichen Gemeinschaft funktioniert. Und da ist sowohl viel Freiheit des Einzelnen zu spüren als auch das Miteinanderverwoben sein.
      Es ist wohl die Balance zwischen großer Transparenz des Einzelnen, dem einfach Machenlassen durch Vertrauen in das zuträgliche Verhalten des jeweils Anderen, so wie dem sich fortwährenden Einlassen auf das Anpassen von Regeln aufgrund neuer Kenntnisse.
      Lass mich maximal eingebunden ohne eingeengt zu sein. Schwierige Sache …

  2. Oktober 5, 2012 um 11:09 am

    Durch die frei wählbaren Verbindungen können sich keine Hierarchien bilden!, und damit bleibt das Projekt selbst lebendig und entwickelt sich zum Nutzen aller!

    Ich bin auch völlig mit Rosenzierde einverstanden!

    Das heißt ja nicht, dass der Partner dauernd gewechselt werden muss, sondern nur, dass die Freiheit dazu besteht! Es ist niemand gezwungen bei/in der Familie zu bleiben! Ja, auch die Familie ist ein soziales Netzwerk!

    Und die Studie beweist eindeutig: Jeder Zwang führt letztendlich zur Zerstörung der ganzen Struktur, wie wir ja gerade erleben können! Die Familien, die ganze Gesellschaft wird regelrecht atomisiert!

    Vielleicht ist das auch notwendig, damit sie sich dann neu zusammenfinden kann – nach dem oben beschriebenen Muster?

  3. Oktober 6, 2012 um 1:31 pm

    Kinder, Familien/ Kleingruppen u Gemeinschaften brauchen zur optimalen ENTFALTUNG Regeln, Reviere (Freiräume mit durchläss Grenzen), Rhythmen und Rituale.. Alfred Hinz, ehem Rektor der freien kath Bodenseeschule

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