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klares Denken

Rolf Dobelli

Rolf Dobelli

Ich hatte heute eine weitere Gelegenheit, erkennen zu dürfen, wie leicht unser Denken uns zu falschen Entscheidungen führt. Der Autor des Buchs „Die Kunst des klaren Denkens: 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen“, Rolf Dobelli, hatte heute den Eröffnungsvortrag auf der von 150 Teilnehmern gut besuchten und gelungenen 2. BPMCon der camunda gehalten. Nicht nur, dass wir von allen Seiten beschallt werden, wie und was wir zu denken haben (siehe z.B. meine Buchbesprechung Wissensaktivierung – Neue Denkwege). Auch eine Reihe von Denkalgorithmen, die vermutlich auf unserem evolutiven Weg vor einigen zehntausend Jahren Sinn gemacht habe, führen uns häufig genug hinters Licht, so Herr Dobelli. In seinem Buch bespricht er 52 von über 100 systematischen Denkfehler. Hier ein paar, die ich mir notiert habe.

Zuerst sprach er auf unseren Fehler an, dass wir meist nur das Ergebnis anschauen, aber nicht den Prozess, wie es zum Ergebnis kam. Deutlich machte er das an dem Verhalten der Brösenteilnehmer. Die Börse sei ein komplexes System und daher nicht berechenbar. Daher stehen Gewinner nur durch Zufall dort. Wir nehmen an, dass dies die Könner sind und versuchen sie nachzuahmen. Schaut man sich aber den Prozess an, so entdeckt man schnell das Glücksspiel dahinter. Der Begriff für dieses Verhalten ist „Outcome bias“.

Was nicht in unsere Lieblingstheorie passt, vergessen wir wieder in kürzester Zeit. Daher sollten wir entsprechend konträre Gedanken sofort notieren. Darwin z.B. hatte diese Praxis intensiv angewandt. So sollte ein Unternehmer immer einen zweiten Berater beauftragen, um gegen die präferierte Lösungsalternative zu argumentieren. Sein Honorar sollte zudem davon abhängen, dass die geplante Lösung nicht umgesetzt wird.

Ein weiteres wichtiges Fehldenken ist, das wir die Grundverteilung missachten. Mit Grundverteilung ist gemeint, wie sich die Verteilung von Häufigkeiten der betrachteten Paramenter verteilen. Als Beispiel brachte er die Frage:

Ein Mann ist schlank und hört gerne klassische Musik. Ist der Mann eher ein Professor in Berlin oder eine LKW-Fahrer?

Häufig wird auf den  Professor getippt. Aber in Berlin gibt es sehr wenige Professoren in Relation zu den tausenden von LKW-Fahrern. Da ist es wahrtscheinlicher, dass es ein solcher ist.

Ebenso schlecht sieht es um unsere Fähigkeit zur Einschätzung unserer Aufwände für eine Aufgabe aus. Wir schaffen es so gut wie nie, unsere Todo Liste wie geplant abzuarbeiten. Studenten lagen in einer Untersuchung durch die Bank mit jeweils über 50% daneben.

Gerade im Fall komplexerer Aufgaben wird zu wenig mit unvorhergesehenen Ereignissen gerechnet. Inzwischen gehen viele hin und schauen sich im Ereignisfall nochmals an, warum eine Planung nicht funktionierte (post mortem). Seine Empfehlung ist eine präventive Pre-Mortem-Sitzung: „Stellen Sie sich vor, am Ende sind wir in der Situation, dass wir den Plan nicht umsetzen konnten?“

Wir sind äußerst autoritätshörig (siehe Experiment von Milgram). Hier bietet sich ein Abtrainieren an, ähnlich wie das inzwischen bei Piloten-Crews gemacht wird und der 1. Pilot quasi ein Mantra spricht: „Lieber Co-Pilot, wenn Du etwas nicht verstehst, was ich tue, bitte sprich mich darauf an. Ich bin nicht davon frei, Fehler zu machen.“ Wir sollten viel mehr Vertrauen in unsere eigene Expertise haben.

Ein weitere unserer Schwächen, die wir uns immer wieder vor Augen halten sollten, ist unser Herdenverhalten (social proof, Experimente): wir tendieren dazu, das Verhalten der Vielen nachzuahmen. In der Savanne war das früher sicher ein wichtiges Verhalten, wenn alle anderen wegrennen, ihnen besser direkt zu folgen.

„Jetzt haben wir so viel investiert, jetzt können wir das doch nicht einfach stoppen!“ Als Beispiel nannte er die Fortsetzung des Vietnamkriegs, obwohl schon klar war, dass er nicht mehr zu verlieren war. Man sei es den schon gefallenen Soldaten schuldig. Auch das Concord-Projekt wurde weiter durchgeführt, obwohl klar war, dass man nie einen Gewinn erzielen würde. (Sunk cost fallacy).

Uns fällt es viel leichter, eine schlechte Botschaft zu akzeptieren, wenn sie begründet ist, selbst wenn es nur eine fadenscheinige ist. Hierzu fiel mir spontan die Bahn ein. Seit ein paar Jahren erst wird immer ein Grund für eine Verspätung angeben, sei es eine Signal- oder Weichenstörung, ein Personenschaden oder einfach nur Probleme im Betriebsablauf. Seitdem wird weniger geschimpft. (Begründungsrechfertigung)

Wenn wir etwas im Jetzt haben können, sind wir eher bereit, es zu nehmen, als es später mit einem Zuschlag zu bekommen. Herr Dobelli zeigte einen Film, in dem Kindern ein Marshmellow vorgesetzt wurde. Wenn er noch auf dem Teller läge, wenn man zurückkommt, gäbe es noch einen dazu. Die Kinder kamen in einen riesigen Konflikt. Man hatte sich später angeschaut, was aus den Kindern wurde. Wer warten konnte, hatte eine bessere Karriere gemacht.

Wir wüssten nicht wirklich, was uns glücklicher oder erfolgreicher macht. Aber wir wissen mit Sicherheit, was unser Glück zerstört. Negatives Wissen sei handfest und klar. Daraus leitet er am Ende seine Empfehlung ab: wir sollten unsere bekannten Denkfehler reduzieren.

Und was mich nicht wirklich wunderte: dieser Vortrag war nicht von allen Teilnehmern positiv angenommen. Wer wird schon gerne auf seine Schwächen angesprochen? Der englische Mathematiker und Philosoph Bertrand Russel (1872-1970) formulierte schon:

Die meisten und schlimmsten Übel, die der Mensch dem Menschen zugefügt hat, entsprangen dem felsenfesten Glauben an die Richtigkeit falscher Überzeugungen.“

Wer also von sich überzeugt ist, wird sich auch von diesen Anregungen kaum inspirieren lassen, oder?

  1. September 15, 2012 um 11:42 am

    Nettes Buch: Dobelli verarbeitet etwas populistisch lang bekannte Erkenntnisse bezüglich ‚Decision Bias‘ und ‚adaptive toolbox‘ von Kahenmann und Tversky (70er), sowie Gigerenzer und Todd(90er). Es ist auf der anderen Seite eine Illusion zu glauben, dass jeder Mensch einfach sein evolutionär erworbenes Reptilien und Säugetier Gehirn mit der dem Menschen eigenen Neocortex einfach übersteuern kann. Der freie Wille ist daher eine solche Illusion. Alles was wir tun ist von Emotion und Chemie gesteuert. Da unser Hirn aber eben auch unser Verständnis steuert gefällt manchen diese Illusion des freien Willens.

    Es kann sein, dass das Warten und die Kontrolle der eigenen Emotionen beruflich erfolgreichere Menschen macht. Das heisst wohl nicht unbedingt GLÜCKLICHER! Auch derjenige der seine Triebe krampfhaft unterdrückt mag zwar in der Gesellschaft als ‚guter Ehepartner‘ dastehen aber das macht noch lange keinen Menschen der sein Leben zufrieden lebt.

    Der feste Glaube an die Richtigkeit falscher Überzeugungen kann auch genau diese Illusion des freien Willens sein und das doch jeder Mensch in der Lage sein müsste sich zu beherrschen. Menschliche Eigenschaften fallen alle unter die Gauss’sche Verteilung und daher gibt es eben solche und andere. Menschen die Emotionen krampfhaft unterdrücken sind stärker psychisch belastet wie jene denen sie fehlen oder absolut unkontrolliert sind.

    Klar, das Wissen um unser Sein und Werden ist äusserst hilfreich vor allem in der Akzeptanz von Menschen die anders sind.

    Klar zu Denken ist keine Kunst die man Lernen kann. Das hat man oder nicht. Man kann Lernen seine eigenen Emotionen mit Klarheit wahrzunehmen und sich deren immense Bedeutung vor Augen zu führen. Wer versucht seinem Kind die Kraft die von der empfundenen Emotion ausgeht abzutrainieren der produziert einen Psychopathen. Wichtiger als das Verständnis von anderen ist daher das Verständnis UND Akzeptanz der eigenen Emotionen. Ohne sich selbst zu Lieben, kann man nie jemanden Anderen wirklich lieben.

    Es ist interessant, dass Dobelli in seinen Romanen vor allem Menschen beschreibt die vor diesem Emotions/Vernunftskonflikt stehen. Das dürfte sein eigener, innerer Kampf sein den er da verarbeitet. Auch für mich war Schreiben immer Therapie …

    • September 15, 2012 um 11:56 am

      Wer versucht seinem Kind die Kraft die von der empfundenen Emotion ausgeht abzutrainieren der produziert einen Psychopathen. Wichtiger als das Verständnis von anderen ist daher das Verständnis UND Akzeptanz der eigenen Emotionen. Ohne sich selbst zu Lieben, kann man nie jemanden Anderen wirklich lieben.

      Lieber Max,

      das scheint auch mir ein wichtiger Leitsatz für die Bildung unserer Kinder. Und nach dem Vortrag musste ich ebenso an unseren freien Willen denken. Auch dieser scheint mit zunehmend unwahrscheinlicher. Jedenfalls umso mehr wir uns in Abhängigkeiten verstricken.

      Das Schreiben. Ja, es hilft, die Gedanken zu sortieren. Und das Intenet mag da sogar wie ein Nervensystem zu agieren, in dem Feedbacks helfen, sich neu zu justieren …

      Vielen Dank für Dein Feedback wieder und liebe Grüße
      Martin

  2. September 15, 2012 um 1:37 pm

    Weil es gerade zur Sprache kam, Charlie Chapölin zum Thema der Selbstliebe in seiner Rede zu seinem 70. Geburtstag:
    „Als ich mich endlich lieben lernte“

  3. September 20, 2012 um 11:04 am

    Reblogged this on Tinyentropy's Blog und kommentierte:
    Sehr hilfreiche Tipps zum Vermeiden klassischer fehlgeleiteter Gedankenzüge. 🙂 Hilfreich!

  4. thymi
    September 20, 2012 um 9:49 pm

    Hallo tinyentropy, interessanter Artikel, danke!
    Ändere bitte bei „Vietnamkrieg“ das „nicht mehr zu verlieren“ in „nicht mehr zu gewinnen…“.

  5. Armin Köhler
    September 22, 2012 um 12:29 am

    Heisst das im Umkehrschluss also, wer ein iedriges Selbgstwertgefühl hat, besitzt größere Chancen, in neue Welten aufzubrechen?

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