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Wo bleibt der freie Wille, wenn wir uns selbst durch erfahrene Unterdrückung ein unbekannter Fremder sind?

Ich habe vor zwei Wochen einen weiteren Buchtipp erhalten, dieses Mal von Karin Desai, inzwischen selbst Autorin: Arno Gruen, Der Fremde in uns. Der Psychoanalytiker Gruen geht in seinem Buch den dunklen Seiten des Menschen auf den Grund und zeigt auf, was mit uns durch Beherrschung / Unterdrückung passiert. Ich hatte das Thema freier Wille schon Mal angesprochen, denn es scheint, dass unser Unterbewusstsein vieles von dem, was wir tun, schon zuvor für uns entschieden hat und wir nur noch Handlanger sind. Nach der Lektüre dieses Auszugs von S. 209 scheint mir, dass der Grad immer schmaler wird, auf dem die meisten von uns einen wirklich freien Willen ausmachen können. Es kann auch beantworten, warum das immer mehr Habenwollen zur Sucht wird und in der aktuell zerfallenden Gesellschaft am Ende Depression oder Burn-Out stehen. Aber lest selbst:

Das innere Leben – das innere Opfersein

Der Fremde in uns bleibt uns verborgen, gerade weil eine zunehmend nach außen gerichtete Welt die innere Leere, die damit in Verbindung steht, überdeckt. Wir sind ausgefüllt mit Aktivitäten, die permanent unsere Sinnesorgane stimulieren. So verwechseln wir Bewegung mit Lebendigsein und schauen zu denen auf, die scheinbar mitten im Leben stehen, weil sie ständig in Aktion sind.

Einer meiner Patienten verliebte sich immer wieder in Frauen, die er als besonders lebendig empfand, weil sie laufend etwas Neues anfingen und ihm deshalb nicht „langweilig“ erschienen. Sie gingen auf Partys, reisten um die Welt, gestalteten ihre Wohnungen und Gärten um. Mit der Zeit fand der Patient jedoch heraus, daß es nicht möglich war, mit ihnen bei einem Buch, in der Natur, in einem Gedanken, einem Gefühl wie Schmerz oder Ekstase zu verweilen. Das langweilte. Der Patient hatte einen Vater, der nie auf Träume und Phantasien des Sohnes eingegangen war, weil er diese für wertlos hielt. Er war jedoch immer aktiv, immer in Bewegung gewesen, sowohl in beruflicher Hinsicht, wo er ständig nach Erweiterung und Eroberung strebte, als auch in seiner Freizeit, die von Reisen, Theaterbesuchen, gesellschaftlichen Ereignissen ausgefüllt war. Der Sohn kam sich deshalb minderwertig vor, lehnte aber gleichzeitig den Vater in seiner zurückweisenden Haltung ab. Er war sehr erstaunt, als er eines Tages feststellte, daß er dessen „Lebendigkeit“ immer in Frauen suchte.

Diese Suche nach äußerer Stimulation führt zu einer Sucht, die nicht als solche erkannt wird. Wir werden nicht müde, unseren Besitz zu vergrößern, ständig müssen wir unsere Herrschaft über Dinge, Personen und wirtschaftliche und politische Systeme erweitern. Je mehr wir diesem Bestreben folgen, umso mehr geraten wir in eine Abhängigkeit von diesem Aktionismus. Zugleich sind die äußeren Dinge in ihrer Rückwirkung auf unser Selbst Grund dafür, daß unser Erlebnishunger nicht mehr zu stillen ist und die Abhängigkeit von äußerer Stimulation immer größer wird. Denn diese Art der Bewegung, die innere Prozesse wie unser Bedürfnis nach Zuwendung und Liebe nicht tangiert, verstärkt das künstlich geschaffene Verlangen nach dieser Art Bewegung, die den Anschein von Lebendigsein gibt. Das kreative Innere jedoch bleibt unberührt und deshalb leer.

Wenn das Äußere keinen Halt mehr gibt, bricht auch die Persönlichkeitsstruktur von Menschen immer mehr auseinander. Diese Gefahr besteht zum Beispiel, wenn das soziale Gefüge einer Gesellschaft zerfällt, weil die Verteilung von Status und Besitz zu immer größerer Ungleichheit führt, wenn Reiche immer reicher und Arme immer ärmer werden, wenn Menschen immer weniger Mitgefühl empfinden, weil der andere im Kampf um den sozialen Status als Bedrohung erlebt wird, denn sich mit ihm zusammezutun könnte den eigenen Status herabsetzen. Dadurch wächst die Isolation des Einzelnen. Solche Vorgänge verstärken das Gefühl, Opfer zu sein. Der Haß, der damit einhergeht, muß immer mehr nach außen projiziert werden. Die Folgen sind Fremdenhaß, die Suche nach vermeintlichen Feinden, Progrome, Genozide, überhaupt eine erhöhte Bereitschaft zur Gewalttätigkeit.

Menschen, die ihren Haß nicht nach außen verlagern können, verlieren unter solchen Bedingungen das Gefühl, ihr Leben im Griff zu haben. Sie fühlen sich ohnmächtig und hilflos, neigen zu Depressionen oder entwickeln Krankheiten. Auch das sind Folgen einer Sozialisation, in deren Verlauf sich entweder eine eigene Identität herausbildete oder es durch Verlust des Eigenen zu einer Nicht-Identität kam. Bei Menschen, die sich im Laufe dieser Entwicklung nicht völlig mit äußeren Autoritäten identifiziert haben, führt das Aufsteigen des eigenen Opferseins zu einer nach innen gelenkten Aggression. Je stärker solche Menschen noch in der Lage sind, Schmerz und Leid als Teil ihrer Selbstentwicklung zu erleben, desto mehr werden die nach innen gelenkten Aggressionen Depressionen hervorrufen. Bei denjenigen, die Schmerz und Leid weniger als eigene seelische Erfahrung zulassen können, wird es eher zu Auswirkungen auf der somatischen Ebene kommen. Die Kinderpsychiaterin Myriam Szejer hat in ihrer Arbeit mit Säuglingen gezeigt, daß solche Prozesse schon sehr früh ablaufen können. Kinder, deren Gefühle und Wahrnehmungen von der Umgebung verneint und nicht wiedergespiegelt werden, können in solchen Momenten lebensbedrohliche Zustände entwickeln.

Kategorien:Gesellschaft, Gesundheit
  1. federleichtes
    Mai 25, 2012 um 11:24 am

    Eine Aktive Ordnung, lieber Guido,
    ist uns Menschen verwehrt. Ich möchte kurz auf die Gründe eingehen.

    1. Laut Schöpfungsgeschichte sind Menschen mit einem Freien Willen ausgestattet – worden. Das schließt eine aktive Ordnung nicht aus, so lange Gleiche unter Gleichen leben.

    2. Offensichtlich war das – zu einem gewissen Zeitpunkt – nicht mehr der FALL.

    3. Im Schöpfungsbericht wird ein Eingriff in den freien Willen beschrieben: Der Fluch des Schöpfers kam über die Menschen.
    Ichs ehe darin die Infizierung des Freien Willens mit lebensfeindlichen Informationen.

    4. Fortan war der Wille nicht mehr frei, sondern zielgerichtet disponiert.

    5. Offensichtlich entstanden die Probleme aus einem Miteinander verschiedener Wesen.

    6. Offensichtlich geht es um die Lösung dieser Probleme.

    7. Offensichtlich lassen sich die Probleme nur lösen, indem die Konflikt-Parteien miteinander agieren.

    8. Wahrscheinlich ist aus dem Miteinander ein echtes existenzielles Problem für beide Wesensarten entstanden: Die dritte Kraft, das Böse.

    9. Es geht also um zwei Lösungen:
    a) Bewusstsein schaffen für ein konfliktfreies Miteinander von Verschiedenheiten; und
    b) um die Auflösung/die Entmachtung des Bösen.

    10. Da viele oder alle Wesen (?) von der dritten Macht betroffen – im Sinne von geschädigt – waren, konnten sie sich selber nicht davon erlösen.

    11. Es brauchte dazu eine vierte Kraft, die über das Wissen (Plan, Programm) und die Energie (Leben, vier Elemente – alle materiellen und energetischen Erscheinungen) verfügte.

    12. Es brauchte den Willen, den Prozess der Bewusstseinschaffung und Erlösung (vom Übel) zu starten. Es könnte sich dabei um eine notwendigkeit gehandelt haben.

    Fazit
    Mein „Freier Wille“ ist eingebunden in diesen Prozess. Gewisserweise diene ich der Schöpfung, andererseits diene ich mir selber, denn die Schöpfung dient mir.

    Hoffentlich kannst Du das mit Deinen „Worten“ auch beschreiben.

    Herzlich Grüße an Euch.

    Wolfgang

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