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Gastbeitrag: Schüchtern und introvertiert? Gut so!

Wir hatten in der abgelaufenen Woche einen Gastbeitrag von Erich Feldmeier, der zeigte, dass in unserer darstellungssüchtigen Welt die Ansichten der Extrovertierten denen der Introvertierten  bevorzugt werden und deshalb die weniger gut durchdachten, weil aus der „Hüfte geschossenen“ Ideen den Vorzug erhalten. Auf Facebook hatte ich nun den Kontakt mit Gilbert Dietrich, dessen Spezialgebiet die Introversion ist und der mit erlaubte, den folgenden, die Introvertierte unter uns aufbauenden Artikel von ihm hier ebenfalls zu veröffentlichen (Danke dafür):

<<< beginn des Artikels von Gilbert Dietrich >>>>

Schüchtern und introvertiert? Gut so!

Heute früh las ich in der New York Times den Artikel Shyness: Evolutionary Tactic? von Susan Cain. An dieser Stelle: Dank an Thomas Bagusche für den Lektüre-Tipp. Kurz gesagt geht es in dem Artikel darum, dass eine erfolgreiche Population alle Sorten von Temperamenten braucht: risikofreudige und vorsichtige, tatkräftige und nachdenkliche, extrovertierte und introvertierte. Das scheint für Fische wie Menschen zu gelten und deckt sich auch mit unserer generellen Auffassung von Diversität als Überlebensvorteil einer Gruppe oder Art. Die Autorin hebt auch hervor, dass wir aufhören müssen, schüchterne und introvertierte Menschen als problematisch zu begreifen. Dies ist ein Punkt den ich ganz gerne unterstützen möchte…

Wer bin ich?

Durch meine Ausbildungen im Bereich Coaching, Team-Führung und Psychologie kam ich oft in Kontakt mit Persönlichkeitstests wie beispielsweise MBTI und seinen vier typologischen Begriffspaaren Extraversion-Introversion, Sinnlichkeit-Intuition, Denken-Fühlen, Urteilen-Wahrnehmen (zum Schubladendenken, habe ich schon etwas gesagt). Immer wieder machten meine Testergebnisse deutlich, dass ich extrem introvertiert bin. Nach anfänglichem Unglauben halfen mir diese Analysen besser zu verstehen, wer ich bin und warum mir bestimmte Sachen schwer und andere leicht fallen. Zum Beispiel wurde mir nun endlich klar, dass es einfach meiner Persönlichkeit entspricht, nicht gerne auf Parties rumzustehen, mich nicht lange in großen Menschenmengen aufzuhalten und nicht spontan und schnell Entscheidungen zu treffen oder große Reden zu halten. Warum soll ich mir das dann also zumuten? Das Beste daran: Ich fing an, diese Seite an mir zu akzeptieren, sogar zu lieben. Denn die vielen positiven Aspekte, die wir Introvertierte oft mitbringen, fehlen manchen extrovertierten Menschen schmerzhaft: Unabhängig, analytisch, beharrlich, selbstverbessernd, ernsthaft, entschlossen, zurückhaltend, selbstständig, tolerant, entspannt.

Macher oder Stubenhocker?

Aber machen wir uns nichts vor: Die heutige Arbeitswelt gehört den extrovertierten Machern, den risikofreudigen Entscheidern, den redegewandten Netzwerkern, die auf den After-Work-Partys neue Partner und Klienten angeln. Sie gehört eher nicht den kontaktscheuen Stubenhockern, den Leseratten und Teetrinkern. Das sollte man jedenfalls denken, wenn man die Lautstärke und Präsenz der einen vergleicht mit der Zurückhaltung und Unscheinbarkeit der anderen. Ganz so ist es aber nicht. In vielen Arbeitsbereichen kommt es auf sorgfältiges Abwägen der Risiken an, auf gründliche Analyse und längerwieriges Vor-sich-hin-Arbeiten an. Selbst bei kommunikativen Berufsprofilen wie Personalmanagern können introvertierte Menschen in vielen Bereichen punkten, wie beispielsweise einfach mal zuhören, Ideen und Feedback ernst nehmen und bei der Umsetzung konsequent unterstützen.

Strategien für Introvertierte

Hinzu kommt, dass man seine Schwächen kennen lernen und an ihnen arbeiten kann, wenn man sein eigenes psychologisches Strickmuster kennt. Wie ich zum Beispiel sagte, kann ich nur sehr schlecht spontan wirklich gute Redebeiträge in Meetings und Konferenzen bringen. Dahinter steht die Angst, Blödsinn zu sagen oder etwas triviales, was sowieso schon alle wissen. In der spontanen Situation fehlt mir die Vorbereitungszeit, um Ideen und Argumente abzuwägen, bevor ich sie „an die große Glocke hänge“. Daraus habe ich zwei Lehren gezogen. Zum einen: Ich bereite mich auf Meetings vor, ich lese die Agenda, dazugehörige Dokumente und mache mir Stichpunkte zu den Dingen, die ich sagen will. Das funktioniert sehr gut und macht im Meeting den Eindruck, als sei ich durchaus spontan. Zum anderen: Ich begegne meiner Angst ganz bewusst, indem ich wissentlich das Risiko eingehe und einfach spontan etwas Gewagtes sage. Auch wenn ich dann mit dem Resultat nicht immer zufrieden bin, habe ich doch festgestellt, dass es keineswegs meinen Ruf ruiniert. Auch Schüchternheit und extremes Lampenfieber beruhen auf Ängsten, die man abbauen kann oder denen man mit Strategien begegnen kann. Selbst sehr schüchterne oder von Nervosität gepeinigte Menschen können zu guten öffentlichen Rednern werden, wenn sie ganz bewusst trainieren und sich über Zeit die Erfolgserlebnisse mehren.

<<<< Ende des Artikels >>>>

Wer noch mehr über Introversion von Gilbert Dietrich lesen mag, der kann das hier.

Kategorien:Gesellschaft Schlagwörter:
  1. Mai 7, 2012 um 4:27 am

    Guter Beitrag!
    Das genau kann aber auch ein Auslöser von Drogenproblemen werden(Alkohol)
    In meiner Musiker Zeit hatte ich auch Lampenfieber und habe mich deshalb gerne im Hintergrund aufgehalten nicht ohne vorher ein paar deftige Züge aus der Dimple Flasche zunehmen!Jemehr wir Arrangements bekommen haben um so schneller war die Flasche leer bis es auch Tagsüber nicht mehr ohne ging!
    Nun,es ist richtig was oben beschrieben wird.Ich als Bassist der Gruppe habe aus dem Hintergrund der Band den Takt vorgegeben damit auch unter anderem unser Extrovertierter Sologitarrist sich nicht in Minutenlange Solis verlor!Nachdem sich nach Jahren die Band auflöste hat sich auch mein Alkoholproblem gelöst.Nun warte ich darauf das sich mein Nikotinproblem löst schon alleine deshalb das mein Computer nicht mehr unter den Ascheflocken leiden muss!

    Gruß Atonal1

    • Mai 7, 2012 um 3:47 pm

      Das passt zum Alkohol und der Ordnung:

      … “Solarzellen sind der Versuch die Blätter von Pflanzen nachzubilden. Blätter nehmen Sonnenlicht auf, welche die Energie der Sonne in Zucker umwandeln. In dieser Form wird die aktive energetische Unordnung der Sonne in die aktive energetische Ordnung des Zuckers überführt und auf diesem Wege gespeichert.
      Kein Wunder, dass süße Früchte so verlockend sind und Kinder eine Vorliebe für Zucker haben. Kein Wunder, dass unser Gehirn Kohlenhydrate benötigt, um einwandfrei zu funktionieren. Kein Wunder, dass Alkohol auf Menschen so reizvoll wirkt, kann er doch, in Maßen genossen, aus der Isolation befreien und durchaus für Ordnung sorgen. Daher wird er gerne zur Konservierung genutzt. Doch wie schon bei den Drogen allgemein und beim Meerwasser speziell, kann auch hier ein Zuviel schnell ins Gegenteil umschlagen und eine Kaskade reaktiver Unordnung freisetzen. Beim Zucker selbst ist es nicht anders.“ …

      http://www.gold-dna.de/ziele7.html

      Gruß Guido

  2. gilbertdietrich
    Mai 7, 2012 um 8:06 am

    Vielen Dank für die Veröffentlichung meines Artikels! Es stimmt, was Hans Erdmann sagt: Mut antrinken und ähnliche Strategien bieten sich an und da muss man vorsichtig sein. Generell sollte man es mit Strategien zum Umgang mit sich selbst nicht übertreiben, damit es nicht in Anpassung umschlägt. Wer dennoch ein paar Strategien für Introvertierte testen möchte, kann in diesem Artikel mehr finden: http://www.geistundgegenwart.de/2011/06/strategien-fur-introvertierte-menschen.html

    PS: Lustig, merke ich jetzt erst – Wenn immer ich auf Konzerten bin, faszinieren mich die Bassisten am meisten 🙂

  3. Mai 8, 2012 um 9:34 pm

    Scheinen oder Sein, das ist doch die Frage, oder?

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