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Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

Wir haben ja schon mehrfach die Problematik der subjektiven Interpretation von Wirklichkeit diskutiert. Gerade erst hatte Wolfgang in diesem Kommentar geschrieben:

Das Verhalten eines Menschen drückt also aus, WELCHES Wissen er WIE verarbeitete, sprich, welche Schlussfolgerungen er daraus zog, und zwar im Hinblick auf ein Ergebnis oder ZIEL. Nun sollte man anerkennen, dass nicht alle Informationen, die wir verarbeiten,
a) richtig sind, und
b) uns bekannt sind, und
c) logisch (bzw. vernünftig) verarbeitet werden.

Ich hatte dazu gestern noch was Passendes gefunden, das ziemlich deutlich macht, wie leicht wir unseren gesunden Menschenverstand über Bord werfen, wenn wir selbst nicht durchblicken und uns dann besser auf den vermeintlichen Experten verlassen.

Paul Watzlawick

Paul Watzlawick beschreibt in seinem gleichnamigen Buch Wie wirklich ist die Wirklichkeit?: Wahn, Täuschung, Verstehen u.a. im Kapitel „Desinformation“, Versuche, die an der Stanford University unter Leitung von Prof. Bavelas durchgeführt wurden und die zeigen, wie leicht sich unsere Wirklichkeitsauffassung nachhaltig beeinflussen lässt, zum Beispiel dieses

Experiment

Zwei Versuchspersonen –  A und B – sitzen jeweils so vor einem Projektionsschirm, dass sie sich gegenseitig nicht sehen können und die Auflage haben, nicht miteinander zu sprechen.

Beide haben jeweils vor sich:

2 Drucktasten mit der Aufschrift „gesund“ und „krank“
2 Signallämpchen mit der Bezeichnung „richtig“ und „falsch“

Der Versuchsleiter projiziert nun eine Reihe von Gewebezellen und es ist die Aufgabe der Versuchspersonen, durch Versuch und Irrtum die gesunden von den kranken Zellen unterscheiden zu lernen. A und B müssen hierzu bei jedem Bild die ihrer Diagnose entsprechenden Drucktasten betätigen, worauf sofort das Lämpchen „richtig“ oder „falsch“ aufleuchtet.

Tatsächlich aber hat die Versuchsanordnung ihre geheimen Tücken

Nur A erhält jedesmal die zutreffende Antwort auf seine Diagnose. Da das Erlernen dieser Diagnose verhältnismäßig einfach ist, lernt Person A meistens bald, die gesunden von den kranken Zellen mit einer Verlässlichkeit von 80% zu unterscheiden. B’s Situation ist jedoch eine ganz andere: Die Antworten, die er erhält, beruhen nicht auf seiner eigenen Diagnose, sondern auf denen von  A’s! B erhält also dann die Antwort „richtig“, wenn A richtig geraten hat. Wenn A sich geirrt hat, hat auch B jedesmal die Antwort „falsch“ signalisiert bekommen, ungeachtet welche Diagnose B tatsächlich gestellt hat.

Die Anworten, die B erhält, haben also rein gar nichts mit seinen Vermutungen zu tun, die er mit der Aufgabenstellung verbindet und er hat auch keinerlei Möglichkeit dies festzustellen.

A und B werden nun ersucht, miteinander zu besprechen, welche Grundsätze der Entscheidung zwischen gesunden und kranken Zellen sie entdeckt haben: A’s Erklärungen sind meist einfach und konkret.

B’s Annahmen dagegen sind subtil und komplex.

Das Ertaunliche ist nun, daß A die Erklärungen von B nicht einfach als unnötig kompliziert  oder geradezu absurd ablehnt, sondern von ihrer detaillierten Brillanz beeindruckt ist! Da Beide nicht wissen, daß sie buchstäblich über zwei verschiedene Wirklichkeiten sprechen, kommt A zu der Einsicht, daß die banale Einfachheit seiner Erklärungsprinzipien, der Subtilität von B’s Diagnosen unterlegen ist. Mehr noch: B’s Ideen klingen um so überzeugender je absurder sie sind!

Bevor sich A und B einem zweiten, identischen Test unterziehen, werden sie ersucht anzugeben, ob  A und B bei diesem Test besser abschneiden wird, als bei seinem ersten. Alle B’s und die meisten A’s vermuten, daß es B sein wird!

Dies ist nun tatsächlich der Fall, da A zumindest einige von B’s abstrusen Ideen übernommen hat und daher seine Vermutungen daher absurder und dementsprechend unrichtiger sind als beim ersten Mal.

Das Fazit

Besteht einmal ein Unbehagen über einen Desinformationszustand, der vielleicht nur durch eine beiläufige Erklärung gemildert ist, führt zusätzliche, aber widersprüchliche Information nicht zu Korrekturen, sondern zu weiteren Ausarbeitungen und Verfeinerungen der Erklärung. Damit wird aber die Erklärung „selbst-abdichtend“, das heißt, sie wird zu einer Annahme, die nicht falsifiziert werden kann! Da jedoch Karl Popper nachgewiesen hat, dass gerade die Falsifizierbarkeit (die Möglichkeit der Widerlegung) den Kern einer wissenschaftlichen Theorie ausmacht, sind Erklärungsmodelle dieser „wasserdichten“ Art, pseudowissenschaftlich, abergläubisch und letzten Endes psychotisch.

Wie viele unserer Ideologien, denen wir vertrauten, dürften in die gleiche Kategorie gehören?

Und dann ist es erfrischend, von solchen neuen Ansätzen der Organisation zu erfahren, sollte doch hierbei weniger ideologisch, dafür miteinander agil gehandelt werden, oder?:

DIE INTEGRALE THEORIE

Der Entwickler der integralen Theorie, Ken Wilber, vertritt die Auffassung, dass neben wissenschaftlichen Erkenntnissen auch mystische und spirituelle Erfahrungen Wissen über die Natur – also Welt und Mensch – vermitteln können und deshalb in einem umfassenden Weltmodell ebenso berücksichtigt werden müssen. Mittels geeigneter Übungsmethoden wie der Meditation ist es möglich, diese unterschiedlichen Erkenntniszugänge intersubjektiv zu überprüfen. Dies wird mit der großen Ähnlichkeit spiritueller Erfahrungen quer durch alle Kulturen und Epochen sowie ihrer prinzipiellen Zugänglichkeit durch meditative Praxis begründet.

Nach Ken Wilber besteht die Aufgabe integraler Theoretiker nicht darin, alle existierenden Theorien zu betrachten und zu entscheiden, welche davon „richtig“ sei. Vielmehr müssten sie klären, in welchem Kontext die Gesamtheit dieser Ideen passend, weil förderlich, sein können. Denn all diese unterschiedlichen Theorien in Wissenschaft, Kunst und Spiritualität sind tatsächlich praktizierte Erkenntniszugänge.

Ernüchternd ist, dass nur 0,1% der Menschen auf dem Weg zu einem ganzheitlichen Denken sein sollen und noch weniger zu der integralen. 90% stecken noch in Eben 3-5 fest. Aber es zeigt, wo es hin geht. Sehr lesenswert …

 Modell der „Spiral Dynamics" basiert auf der Pionierarbeit von Clare W. Graves,  verfeinert von Don Beck und Christopher Cowan

Modell der „Spiral Dynamics“ basiert auf der Pionierarbeit von Clare W. Graves, verfeinert von Don Beck und Christopher Cowan

 

  1. Juni 8, 2012 um 7:09 pm

    Ich war gerade auf dem Blog von Andreas Felten (s.o.) und finden zum Thema unserer Wirklichkeit in dem Artikel Verfassungsgeschwätz 1/3 folgende passende Aussage:

    Der Begriff “Wahrheit” ist ein Rechtsbegriff. Das Gegenteil des Tatsachenbegriffs “Wahrheit” ist – abweichend vom eingebürgerten Vokabular – nicht die “Lüge”. Der Begriff “Lüge” besteht in der Rechtsprechung nicht, man spricht von “wahr” oder “unwahr”. Heinz von Foerster übte bereits Kritik an der “Wahrheit”, von der die Welt spricht, indem er sagte: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Wer von Wahrheit spricht, macht den anderen – direkt oder indirekt – zu einem Lügner”. Noch so viele “Wahrheiten” sind bedeutungslos und trivial, wenn es doch eigentlich um etwas ganz anderes geht. Die ganze Wissenschaft ist genauso “praktisch”, wie die Politik. Die Frage muss sein, für wen oder was?

    Die Dinge sind nicht ansich das oder das, sondern haben für jeden einzelnen Menschen eine ganz bestimmte Bedeutung. In einer geistigen Atmosphäre von naivem semantischem Aberglauben genügt die bloße Erwähnung des Wortes “Realität”, um ahnungslosen Zeitgenossen Ehrfurcht einzuflößen. Für die Verharmlosung derart geistiger Gewalt zahlt die Menschheit einen hohen Preis wie allgemeine Verwirrung, unnötige Armut und Krankheit, vermeidbare Kriege und sonstigem sinnlosen Sterben. Bei dem Stichwort “Realität” lenkt die Politik ihre Manövriermasse in eine strategisch vorgeprägte “Wahrheit”, welche sie eigens konstruierte und von der breiten Masse fortgedichtet, ausgeschmückt und kommentiert wird. Dies geschieht nach allen Regeln der Kunst.

  2. Oktober 27, 2012 um 12:50 pm

    Hier ist ein schönes Beispiel, wie uns unsere Wirklichkeit gemacht werden kann:

    Facebook macht uns die Welt widewide wie sie Facebook gefällt. Nicht der Nutzer bestimmt, was er zu sehen bekommt, sondern ein Algorithmus. Das ist schon ein beeindruckender Eingriff in die Informationsfreiheit, aber es kommt noch besser: Niemand außer Facebook weiß, wie der Algorithmus funktioniert und was genau wann und warum ausgefiltert wird und was nicht. Und um noch einen draufzusetzen: Facebook ändert diesen Algorithmus von heute auf morgen ohne mit der Wimper zu zucken und ohne euch darüber Bescheid zu sagen. Facebook ändert so über Nacht buchstäblich euer Weltbild.

    Im sehr lesenswerten Artikel: Facebook – das asoziale Netzwerk, von Christian Buggisch

    Grund genug, mich langsam von dieser Plattform zu verarbschieden. Sie ist Teil der alten Welt, die uns gerade wie auf diesem Blog in vielen Beiträgen gezeigt, dabei ist, an die Wand zu fahren. Die neue Welt, so will mir scheinen, ist die des Commoning, wozu auch die Open Source Projekte gehören. Ich werden nun Diaspora ausprobieren. Meine ID ist hier:
    bartonitz@despora.de.

    Wer sich dort auch anmelden mag: http://despora.de

  3. Juli 30, 2013 um 8:08 am

    Optische Illussionen „Wie Wirklich ist die Wirklichkeit“

    Ist die Welt, wie wir sie sehen, tatsächlich Realität oder nur ein Produkt unseres Gehirns? Was wäre, wenn das, was wir erleben, bloß eine individuelle Illusion ist? International renommierte Wissenschaftler machen anhand anschaulicher Beispiele deutlich, wie leicht unsere Wahrnehmung – und damit unsere individuelle Realität – beeinflussbar ist. Ist die Welt, so wie wir sie sehen, real oder lediglich Produkt des menschlichen Gehirns? Was wäre, wenn unsere Erlebnisse individuelle Illusionen wären, ein Film in unserem Kopf? Das widerspricht unserem Weltbild, nach dem Realität wissenschaftlich messbar, somit Fakt und für alle Menschen gleich ist. Doch Hirnforscher gehen davon aus, dass wir unser Leben innerhalb unseres Gehirns erleben. Jeder Mensch konstruiert somit seine individuelle Realität. Und der Mensch kann seine Wahrnehmung und sogar die Struktur seines Gehirns durch gezielte Techniken verändern und damit aktiv seine Realität gestalten.

    In der Dokumentation kommen international renommierte Wissenschaftler aus verschiedenen Bereichen der Hirnforschung, der Psychologie und der Philosophie zu Wort. Sie veranschaulichen ihre Forschungsergebnisse anhand verschiedener Experimente: Von Operationen unter Hypnose, Umgang mit Phantomschmerzen bis hin zu Illusionsexperimenten zeigt die Dokumentation Beispiele, die deutlich machen, wie leicht unsere Wahrnehmung – und damit unsere individuelle Realität – beeinflussbar ist. Untersuchungen aus dem Bereich des Cyberspace und der Meditationsforschung beweisen, wie fließend die Grenzen zwischen virtueller und echter Realität sind. Sie zeigen auch, welche Risiken teils damit verbunden sind. Die Erkenntnisse der Hirnforschung verleihen dem bisherigen Verständnis von Realität jedenfalls eine neue Dimension. Unendlich viele Möglichkeiten würden sich eröffnen, wenn wir die Wahrnehmung der Wirklichkeit durch unser Gehirn aktiv steuern könnten. Die Dokumentation zeigt darüber hinaus, wie die Neurowissenschaft versucht, mit modernsten Techniken das Rätsel Realität zu lösen. Dadurch bekommt die Hirnforschung auch eine philosophische Relevanz, da sie indirekt die Frage stellt, in was für einer Welt wir leben wollen und wie wir sie erleben wollen. Link zur Dokumentation:

    http://www.youtube.com/user/sternenbote2008?feature=mhum#p/c/C5E411E64DD22DB6/101/ATRJL6C_hzc

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