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Memorandum für eine menschliche Marktwirtschaft

In unsere akademische Wirtschaftswelt kommt Bewegung. Auf Initiative von Ulrich ThielemannTanja von Egan-Krieger und Sebastian Thieme wurde das Memorandum Für eine Erneuerung der Ökonomie geschrieben, das mittlerweile von über 100 besorgten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Deutsch-sprachigen Raum unterschrieben wurde. Ich habe soeben auch unterschrieben, denn so wie jetzt, auch noch wie Merkel eine marktkonforme Demokratie zu fordern, darf es nicht weitergehen.

Mich hatte das Thema Ethik in der Wirtschaft erstmals vor fast zwei Jahren umgetrieben, denn ich fragte Bin ich ein Moralapostel, wenn ich einen Eid für Manager ähnlich dem des Hippokrates für Ärzte gut finde?. Motivation war die Erkenntnis, dass Korruption allenthalben in unserer Gesellschaft und ganz besonders in der Wirtschaft zu finden war. Meine Erkenntnis dazu hatte ich exakt vor zwei Jahren, als ich meinen ersten Artikel zum Thema Compliance Management geschrieb: Compliance: Warum man sich um die Einhaltung von Regeln kümmern sollte und nicht wegschauen. Kurz darauf verfasste ich Die Kunst des Compliance Management ist, nach den Ursachen für die Gier der Manager zu suchen, so Prof. Josef Wieland.

Diese drei Artikel haben mich zu vielen weiteren Fragen, eben der Ursachenforschung der aktuellen Krisen geführt, bis ich mich aufgrund immer kritischeren Denkens dazu entschloss, die Posts, in denen ich die Finger in die Wunden unserer Gesellschaftlich bohrte, auf diesem privaten Blog zu veröffentlichen. So fragte ich weiter: Wie ethisch kann ein Manager sein, der Profit machen und die Konkurrenz ausstechen soll?, und dann kam auch schnell die Erkenntnis, dass unsere Idee der Konkurrenz genau die Gier mitbefördert und wir besser in eine Kooperationsgesellschaft des achtsamen Umgangs miteinander eintreten sollten.

Im letzten Jahr wollte ich wissen, wie unser Geldsystem funktioniert. Das war meine grausamste Erkenntnis, denn so wie es aufgebaut ist, verstößt es gar gegen eine der ethischen Grundregel, die jede unserer Religionen aufstellt: „Du sollst nicht stehlen.“ Das war die Motivation dazu, einen Artikel zu beginnen, der aufsammelt, was wir alles über unser Geldsystem wissen können, wenn wir nur ernsthaft wollten.

Der letzte Schritt zur Erkenntnis, was unsere Gier, die nun so offensichtlich dabei ist, unsere Erde für längere Zeit endgültig zu zerstören, so befeuert, war es nun, an der letzten der Grundfesten unserer Demokratie zu rütteln, einem Tabu-Thema, wie mir scheint, und wieder treffen wir auf das schon angesprochene Rechtsempfinden: Steht unser Rechtssystem auf dem falschen Fundament: ist Eigentum Diebstahl?

Ich bin gespannt, ob in den aktuell angefeuerten Diskussionen durch das Grass´sche Gedicht auch dieses Thema endlich auf den Tisch kommt, um in dem Licht der Krisen neu beurteilt zu werden.

  1. April 7, 2012 um 5:42 pm

    Ich habe noch ein Interview „Der größte Bankraub der Geschichte“ mit Dr. Ulrich Thielemann (Privatdozent an der Universität St. Gallen, war im Sommersemester 2011 Gastprofessor für Wirtschaftsethik an der Universität Wien. Er ist Direktor des MeM, Denkfabrik für Wirtschaftsethik) gefunden, einem der Initiatoren des Memorandums. Darin stellt er fest:

    Die weithin nach wie vor grassierende Kapitalmarktgläubigkeit besteht darin, nicht zu verstehen, dass die „Schaffung“ von Arbeitsplätzen unvermeidlich zur „Zerstörung“ von Arbeitsplätzen an anderen Orten führt. Dies ist einfach der Wettbewerb, der hierdurch weiter angefeuert wird. Wir sollten uns heute in Freiheit fragen, ob wir mehr davon wollen, ob der Wettbewerbs- und Wachstumsdruck noch dem guten Leben dient und ob dem Kapital, das sind wir mehr oder minder alle, weitere Abschöpfungserfolge zuzugestehen sind. Die derzeitige Krise ist ein deutliches Zeichen dafür, dass diese Frage zu verneinen ist.

    Statt das Kapital zu besteuern, hat man sich bei ihm verschuldet. Die Staatsschuldenquote ist vor allem in den 1990er Jahren angestiegen und verblieb dann auf einem relativ hohen Niveau von etwa 65 Prozent. Sie ist dann im Zuge der Finanzkrise durch die „Rettung“ des Bankensektors auf über 80 Prozent emporgeschnellt.
    Und jetzt sollen diese gigantischen Schulden, die uns das Kapital beschert hat, nicht etwa von diesem selbst getragen werden, sondern von der Mehrheit der Bürger, die an dem Kasinospiel gar nicht mitgewirkt haben? Jetzt sollen sie den Gürtel enger schnallen bzw. noch enger schnallen? Pardon, aber dies ist geradezu grotesk. Selbstverständlich sollte das Kapital diese Last tragen. Schuldenabbau durch Besteuerung vor allem des Kapitals, dies muss die Losung sein.

    Der Artikel endet mit der aktuell wichtigsten zu klärenden weltpolitischen Frage:

    Wie begrenzen wir die ins Absurde gesteigerte Macht des Kapitals als dem de facto „Prinzipal“ dieser Welt?

  2. April 7, 2012 um 6:33 pm

    Ich habe mir erlaubt diesen Beitrag bei mir zu verlinken!

    Wünsche allen ein frohes Fest!

    Gruß Hans

    • April 7, 2012 um 11:45 pm

      Ich freue mich über jede Anknüpfungspunkte, Hans. Nur zu, und Danke dafür. LG Martin

  3. April 7, 2012 um 8:30 pm

    Ich denke, dieses Thema muss nicht neu beurteilt werden, es muss verändert werden! Und das heißt: Abschaffen des Privateigentums und das heißt komplette Umgestaltung der Wirtschaft und damit der Gesellschaft.

    Ich habe von diesem Artikel auf facebook gelesen und mich hat gleich als erstes die Bezeichnung Denkfabrik gestört, die Du hier auch benutzt.
    Kann Denken fabrikmäßig erfolgen? Ist Denken eine Produktion, die wie alles im Kapitalismus zur Ware verkommt und an den meistbietenden verkauft wird?

    Hier wird, resultierend aus dem Grundproblem des Privateigentums, das sich selbst die Gedanken der Menschen aneignet!!, das in meinen Augen Hauptverbrechen des Kapitalismus deutlich, dessen Auswirkungen wir heute immer stärker zu spüren bekommen: Alles verkommt zur Ware. Und so wird auch alles behandelt, egal ob Menschenleben, Wissen, Kreativität, Kunst, Bildung, Empathie, Liebe, einfach alles!

    Wenn wir etwas besseres schaffen wollen, müssen wir das Übel an der Wurzel packen. Schönheitsoperation oder Symptom-Behandlung bringen gar nichts!
    Das hat mich nebenbei auch an dem Artikel gestört. Die Herren Professoren wollen alles hübsch lassen wie es ist, sie haben immer noch nicht begriffen, das der Kapitalismus nicht zu reformieren ist, denn der Kapitalismus IST das Übel!

    Herr Grass ist freilich ein Thema für sich, und meine Hoffnung bei der Diskussion um sein Gedicht ist, dass immer mehr Menschen aufwachen und FRIEDEN fordern!
    Kein Krieg kann ohne die wenigstens stillschweigende Einwilligung der Menschen geführt werden. Sie brauchen die Zustimmung oder das Dulden der Menschen. Darum ist unsere Forderung nach FRIEDEN so immens wichtig!

    • April 7, 2012 um 11:44 pm

      Ja, Solveigh, das Memorandum ist noch nicht der große Wurf. Darf es aber auch nicht sein, um nicht gleich als Unsinn abgetan zu werden. Ich denke, dass es für Viele wichtig ist, diese ersten Signale des Umdenkens der „akzeptierten“ Experten des Systems zu erkennen, um selbst ans Erforschen neuer Pfade zu gehen. LG Martin

  4. federleichtes
    April 8, 2012 um 1:03 am

    Es gab wohl mal eine „menschliche“ Wirtschaft – ist verdammt lange her.

    Realität: Amerikanische Manager wurden per Gerichtsbeschluss dazu verdonnert, NUR die Interessen der Kapitaleigner zu vertreten und entsprechend firmenpolitisch umzusetzen – rücksichtslos gegen Menschen und Natur.
    Sieht es bei uns anders aus? Wohl kaum.
    Tatsache: Die normalen oder bürgerlichen Menschen erarbeiten sich etwas – Eigenes. Dann kommen Inflation und/oder Krieg, und sie fangen wieder von vorne an. Die meisten abhängig, ABHÄNGIG beschäftigt. Um sich wieder etwas zu erschaffen – und zwar, um aus der Tretmühle der Abhängigkeit heraus zu kommen.
    Aber die Abhängigkeit blieb bis heute – weitgehend – bestehen.

    Im Prinzip der Abhängigkeit begründet sich glaube ich auch der Wunsch nach Eigentum.

    Eigentümer aber sind die Kirche, die Banken, die Aktionäre und die „privaten“ Großgrundbesitzer. Eigentümer drehen an der Chaos-Schraube – und liefern damit das Öl für die Ordnungs-Schraube.

    Ich meine, das Schaffen von Arbeitsplätzen, im weiteren Sinne das (sinnlose) Produzieren dient allein dem Zweck, dem „normalen“ Menschen vorzugaukeln, ER habe sein Leben in der Hand. Nein, das Kapital hat’s, und spielt damit nach Belieben.
    Das Spiel von Produzenten und Konsumenten war eine ganz guter Trick, von den tatsächlich herrschenden Zuständen abzulenken und eine – in der letzten Phase glimpflich verlaufenden – enorme Polarisierung zwischen Egozentrik-Geist und Sozialo-Liebe zu veranstalten.

    Martkwirtschaft?
    Wir sollten neue Schulen bauen, und vernünftige Energieversorgungssysteme bauen – und wir sollten den Dreck wegräumen, den wir produzierten. Die Liste ist lang.

    Wolfgang

    • April 8, 2012 um 8:58 am

      Ich hatte mich schon als kleiner Junge gefragt, wieso die Rolle Arbeitgeber und Arbeitnehmer so seitenverkehrt verwendet wird. Denn wenn ich später für jemand Anderen arbeiten sollte, gebe ich doch und der Andere nimmt dabei. Ja, ich bekomme zwar ein Gehalt von ihm, von dem ich selbst leben kann, und habe damit auch. Aber der, für den ich Arbeite, hat, ohne meist selbst zu leisten (Kapitaleigner), etwas durch meine Lohnarbeit von mir bekommen.

      Und es kommt mir dann wieder die Geschichte des Hohepriesters Dämon Kratie in den Sinn.

      LG Martin

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