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Der Homo Oeconomicus ist tot – es lebe der Homo Empathicus

„Gestalten wir den Homo Empathicus!“

Diesen Imperativ habe ich gerade auf der äußerst inspirierenden Website innovative Mitte von Herbert Haberl gefunden. Dies regte mich zu dem Titel dieses Posts an, hatte ich doch in letzter Zeit auf dem Firmenblog u.a. formuliert Wird unsere alte Wirtschaftsreligion nach und nach widerlegt? Ist der Mensch doch kein reiner Nutzenmaximierer?Wo Nutzemaximierer das althergebrachte Modell der Ökonomen ist und mit dem die Rechtfertigung ausgesprochen wird, dass der an sich faule Mensch zu Leistung angetrieben werden muss, damit der Profit möglichst groß ausfällt.

Herr Haberl schreibt in seinem Artikel Für den Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Rücksichtslosigkeit so anrührig, dass ich diesen hier ungekürzt bringe:

——–

Was mich antreibt, ist die Abkehr vom Glauben an eine Wirtschaft bei der Krisen die Ausnahme und eine Wirtschaft in der Rücksichtnahme üblich sind. Und die Erkenntnis, dass die westlichen Gesellschaften nach 300 Jahren Kolonialisierung, Industrialisierung, kalten und warmen (Wirtschafts-) kriegen, recht freier Marktwirtschaft, auch großen materiellen Wohlstandsgewinnen wie nie in der Geschichte und heute ungezügelter Finanzwirtschaft vor einem Scherbenhaufen aus Schulden, Naturzerstörung und unerträglichen Ungleichgewichten an Macht und Geld sowie Überforderung der Gemeingüter stehen.

Ein weiterer kompetitiver/protektionistischer Umgang mit den menschlichen und natürlichen Ressourcen wird sehr wahrscheinlich zu Stagflation, einem Dahinsiechen führen oder sogar – wie oft in der Geschichte – zu Auseinandersetzungen und statt Ausbau des Wohlstands und der Lebensqualität muss der Wiederaufbau für Wachstum sorgen. Ich frage mich, ob diesmal die Menschheit aus Einsicht statt aus Katastrophen lernt.

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die nicht Ideologien verfolgt (Wahrheitslehren, Kommunismus, Kapitalismus, Paternalismus, …) sondern lebensnah praktizierende, rücksichtsvoll denkende und (weltweit) verantwortlich handelnde Wertegemeinschaften entwickelt. Es braucht eine neue Sicht auf und Kombination von Geschäftssinn, Gemeinsinn und Natursinn.

Die Mehrheit weiß heute, dass eine den Menschen schonende und die Natur bewahrende Wirtschaft zu gestalten ist. Aber wie? Die Politik findet hier heute (noch) kein schlüssiges Konzept, die heutige Philosophie denkt darüber kaum oder nicht nach. Wir spüren, was zu tun ist, aber wie umsetzen? – das ist die Frage.

Aus der Geschichte können wir lernen, das staatliche Machtausübung ohne Toleranz (Autokratien, Diktaturen) ins Elend führen. Der Widerstand dagegen wurde zunächst mit Gewalt gegen Menschen oder Gemeinschaften (Hexenverbrennungen, Glaubenskriege) beantwortet.

Die philosophische Lösung war die Aufklärung, sprich der Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Die politische Lösung war Trennung von Staat und Kirche, später dann die Gewaltenteilung.

Aus der Geschichte können wir lernen, das wirtschaftliche Machtausübung ohne Toleranz (Kommunismus, Konsumismus) ins Elend führen. Der Widerstand dagegen wurde zunächst mit Gewalt gegen Menschen oder Staaten (Verfolgung, Weltkriege) beantwortet.

Die politische Lösung einer Machtausübung mit Toleranz nennen wir heute Demokratie, Rechtsstaat, Menschenrechte und soziale Marktwirtschaft. Die philosophische Lösung ist immer noch Gleiche: Aufklärung, heute Bildung genannt – der Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Und heute erkennen wir, dass uns die Extreme persönlichen, wirtschaftlichen oder staatlichen Wohlstandsaufbau ohne genügend Rücksichtnahme auf das Gemeinwohl und die Gemeingüter uns Geizhälse, Gierhälse und Blender gebracht haben und uns diese immer mehr ins Elend stürzen:

  • Geizhälse wie „Geiz-ist-geil“-Haltung oder dem Anderen keine Zeit für Orientierung geben oder seine Meinung nicht gelten lassen können (Intoleranz, Egozentrik, Glückssuche ohne Sinngebung)
  • Gierhälse wie internationale Finanzoptimierer oder wie viele in der Finanzwirtschaft, die das Ich-Wohl über das Gemeinwohl stellen, mit der Folge einer Finanz- und jetzt Wirtschaftskrise, morgen Vertrauenskrise, übermorgen vielleicht wieder bürgerliche und staatliche Auseinandersetzungen.
  • Blender, die uns mit dem Glauben an Arbeit und Wohlstand in allen Lebenslagen den Blick auf die Zunahme von Unbehagen, psychischen Krankheiten und von ungeschützt Arbeitenden und Arbeitslosen (Prekariat) und damit auf mögliche Auswege aus den Problemen verstellen.

Der Homo economicus hat in über 300 Jahren Industrialisierung und Globalisierung den Wohlstand der Nationen erarbeitet. Aber dabei auch die menschlichen und natürlichen Ressourcen zu Lasten heutiger und zukünftiger Generationen in nicht mehr vertretbarer Weise (aus)genutzt, denn überwiegend gewann dabei der Geschäftssinn des Stärkeren, nicht der Gemeinsinn des Klügeren, des Faireren.

Der Widerstand dagegen heißt momentan Rückzug ins Private, Sinnsuche, Politikverdrossenheit, Protest, Terror.

Die politische Antwort ist unklar. Man ist uneins, wie man „die Geister, die man rief“ im Zaum halten kann. Es fehlt an der einenden Vision. Man wählt das kleinere Übel. Die noch beste Antwort bezeichnet man oft als sozial-ökologische Marktwirtschaft.

Und was macht die Philosophie? Nichts!

Ich schlage vor, dass wir eine „zweite Aufklärung“ starten – den Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Rücksichtslosigkeit. Gestalten wir den Homo empathicus. Meine gesellschaftliche Initiative dazu nenne ich „Innovative Mitte“.

Mein Wunsch ist, dass die Menschen diesmal eine Lösung zur Schonung der Menschen und zur Bewahrung der Natur finden, bevor Gemeinschaften die Antwort wieder in Intoleranz und Gewalt finden.

Wie sind eine freie Gesellschaft und Wirtschaft beschaffen, die Menschen in allen Lebenslagen und Natur in seiner Vielfalt wertschätzt? Was denkt ihr?

Die Aufklärung hat uns von Machtausübung ohne Toleranz befreit. Nun ist es an der Zeit, das eine „zweite Aufklärung“ uns vom Wohlstand ohne Rücksicht auf Mensch und Natur befreit.

Wenn alles gut geht, wird eine „zweite Aufklärung“ uns mit der bisherigen Geschichte und dessen Gewinnern und Verlierern sowie der Natur versöhnen und uns Wege zeigen, mit beiden zukünftig schonend umzugehen, bevor wieder Gewalt gegen Menschen und Gesellschaften eine „Vorklärung“ der Verhältnisse mit sich bringen.

Es wäre wunderbar, wenn wir diesmal aus Einsicht und nicht aus Katastrophen lernen.

Ich bitte um den Dialog, das gemeinsame Denken, ihr persönliches Handeln und Ihre Unterstützung.

——

Es ist schön zu sehen, dass sich immer mehr Menschen auf die Suche nach und auf den Weg zu einer bessern Welt aufmachen!

  1. April 28, 2012 um 5:45 pm

    Wenn man Rifkins Ansatz für soziale Systeme weiterdenkt bedeutet es vielleicht auch: Unternehmensorganisationen, die Empathie durch ihre Mitarbeiter fördern und leben (sei es gegenüber Kunden, Lieferanten, Partnern und anderen Mitarbeitern) haben mehr Selbstbewusstsein, sind interaktionsfähiger – und damit erfolgreicher.

    Dies schließt nach Rifkin allerdings auch ein, dass wir es schaffen, den Widerspruch zwischen dem Gegentrend nach rücksichtsloser Ausschöpfung der Ressourcen und Ausbeutung von Mitgeschöpfen (Tiere, wie Menschen) zu bewältigen.

    gefunden in: Homo empathicus vs. Homo oeconomicus?

  2. Kevin
    Juli 31, 2011 um 5:40 pm

    Sehr geehrter Herr Haberl,
    Sie müssen in meinen Augen gar nichts tun um mitreden zu dürfen. Ihr Engagement in allen Ehren, aber wenn Sie Begriffe falsch verwenden und Ideen ohne Inhalt präsentieren, dann müssen Sie damit rechnen, nicht ernst genommen zu werden. Ein Bürger muss auch kein Wissenschaftler sein um zu sehen was in einer Gesellschaft falsch läuft. Jeder, der mit offenen Augen durch die Welt geht, kann das erkennen. Ihre Antworten überzeugen mich jedoch nicht.

  3. Juli 20, 2011 um 12:14 pm

    Ich bin der Autor und habe keine Einwände, dass mich Herr Bartonitz zitiert hat. Ich bin kein Wissenschaftler, einfach nur ein Bürger, der sich aufrichtig bemüht, zu verstehen, wieso wir trotz der guten Absichten der meisten Menschen zugleich eine Finanz-, Umwelt-, Energie- und Demokratiekrise haben; wieso wir sehenden Auges das Erreichte riskieren und in möglicherweise bald nicht mehr kontrollierbarer Weise Natur und Mensch schädigen. Ich weiß nicht, was man als Bürger tun muss, um in den Augen Dr. Zeuch und Kevin mitreden zu dürfen statt sich gleich mit abwertenden Bemerkungen beschäftigen zu müssen. Wie auch immer. Vielleicht hilft es, wenn Sie meine konkreten Vorschläge sehen: Bürgerinitiative Innovative Mitte: Rechte, Regeln und Ringen für eine Welt des gut leben statt mehr haben – zum lesen: http://bit.ly/j1KucL – als Video: Teil 1 von 2 http://bit.ly/mSExwa und Teil 2 von 2 http://bit.ly/mgCGlC.

  4. Juli 20, 2011 um 7:17 am

    Hallo Kevin,

    danke für Deine kritischen Worte, die ich teile. EIn konkretes Beispiel von mir, warum der Inhalt lausig ist:

    „Die Aufklärung hat uns von Machtausübung ohne Toleranz befreit. Nun ist es an der Zeit, das eine „zweite Aufklärung“ uns vom Wohlstand ohne Rücksicht auf Mensch und Natur befreit.“

    Wie kommt der Mann denn auf die weltfremde Idee? Wir seien durch die Aufklärung von Machtausübung ohne Toleranz befreit??? Ich sehe allenortens genau dieses Phänomen: Machtausübung ohne Toleranz. Und der Witz dabei: Die bis heute NICHT umgesetzte Aufklärung trägt einen gehörigen Teil dazu bei. Weil Sie eine der Grundlagen geliefert hat, in ihrem falschem Verständnis die Rationalität zu vergöttern und unsere Emotionen und Intuition als nicht-professionell abzutun und in unser Privatleben zu verdrängen. Die Folge ist eine unmenschliche Arbeitswelt mit epiemiologisch messbar zunehmenden Problemen wie arbeitsbedingt steigender Medikamenten- und Drogenabhängigkeit, steigenden Depressionsraten und zunehmenden Psychosomatosen, mal abgesehen von arbeitsbedingten Suiziden wie bei der France Telekom etc. Den genauen Zusammenhang habe ich ausführlicher in meinem aktuellen Buch „Feel it! Soviel Intuition verträgt Ihr Unternehmen“ dargestellt.

    Aus diesem ersten Argument folgt für mich nahtlos das zweite: Die erste Aufklärung hat noch gar nicht stattgefunden. Wir haben uns keineswegs aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit befreit. Wir wagen in der Masse noch lange nicht, eigenständig zu denken, uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen. Womit ich lediglich den beiden deutschen Philosophen und Gesellschaftskritikern Horkheimer und Adorno zustimme, die genau dies in ihrem hervorragenden Essay „Dialektik der Aufklärung“ auf den Punkt gebracht haben:

    „Wir sind die Versprechen der Aufklärung schuldig geblieben.“

    Lieber Martin,

    ich schätze Dein Engagement sehr. Aber allmählich schwindet bei mir die Lust, Deine Blogbeiträge zu lesen. Ich wünsche mir mehr kritische Reflektion im Vorfeld. Und einfach nur Beiträge anderer in Deinem Blog abzudrucken, wird mir als publizistisches Vorgehen allmählich unangenehm. Auf die Art kann man natürlich ziemlich schnell ziemlich viel veröffentlichen. Aber die Qualität leidet erheblich. Ich wünsche mir – und das ist ausdrücklich nur mein Wunsch! – mehr eigenständige Artikel von Dir! Mich interessiert, was DU denkst und fühlst. Ein „Weblog“ war schließlich mal von der Idee ein Web-Tagebuch, eben etwas persönliches. Nicht das teils ausschließliche Wiederaufgießen anderer Gedanken und Eindrücke.

    Herzliche Grüße
    Andreas

    • Juli 20, 2011 um 7:43 am

      Lieber Andreas, Lieber Kevin,
      vielen Dank für Eure offene Kritik, die ich nun mal sacken lassen muss. Allerdings denke ich schon, dass es eine erste Aufklärung gegeben hat, sehe ich schon. Allerdings sehe ich auch, dass sie uns nicht von der Versklavung komplett befreit hat. Der überwiegende Teil von uns muss seine Arbeitskraft andienen und dort tun, was verlangt wird. Befreit worden sind durch die erste Aufklärung viele allerdings von dem Gedanken, in Sünde zu leben und erst mit dem Tod zu einem besseren Dasein zu kommen.
      Die 2. Aufklärung sehe ich wie Herr Haberl allerdings darin, dass wir weg von der Versklavung kommen, d.h. weg von der Konkurrenzgesellschaft hin zur Kooperationsgesellschaft, in der wir gemeinsam in Eigenverantwortung und Selbstbestimmung, in Respekt voreinander unser Leben gestalten werden. In der wir frei sind, da wir grundversorgt sein werden. In der wir erkennen, das unsere derzeitiges, auf Zins-basiertes Geldsystem umgestellt werden muss auf eines, das die Gier vergessen lässt und nicht für die Umverteilung von unten nach oben unterstützt.
      Herr Haberl mag in seinen Formulierungen nicht exakt wissenschaftlich sein. Aber hier ging es mir um die Gesamtbotschaft. Und diese hat mir intuitiv zugesagt.
      Liebe Grüße, Martin

  5. Kevin
    Juli 20, 2011 um 12:14 am

    Fazit: Herbert Haberl hat ein schräges Verständins von Philosophie, Demokratie und Wissenschaft. Ich fordere den Weltfrieden, dass sich alle Menschen lieb haben und jeden Tag soll die Sonne scheinen. Herr Bartonitz, Sie dürfen mich gern zitieren, denn ich befürworte ebenfalls eine bessere Welt. Wer glaubt, dass ein homo oeconomicus die Welt so geformt hat, wie sie ist, der sollte sich mal eingehender mit dem befassen, was man gemeinhin als Wissenschaft bezeichnet.

    Es wäre wunderbar, wenn wir diesmal aus Erkenntnis und nicht aus Wunschdenken lernen.

    Mal ehrlich, soweit ich das sehe sind Sie doch Physiker. Sie sollten sich also mit den Grundlagen von Ursache und Wirkungsbeziehungen auskennen. Anders als in den Naturwissenschaften wird in den Sozialwissenschaften in der Regel nicht mit deterministischen Kausalbeziehungen gearbeitet. Das ist auch nicht möglich! Warum um Himmels Willen zitieren Sie also so einen Blödsinn?? Zitieren sie doch gleich aus Bibel, Koran oder Thora… da geht es auch um das Paradies und den ewigen Frieden.

    Sie wollen die Welt verändern? Lernen Sie, wie sie funktioniert und Sie lernen, wie man Sie verändern „könnte“. Weltverbesserer fordern nur, tragen aber nichts Konkretes bei. Sicher sind Ideen wichtig und können den Lauf der Dinge beeinfllussen, aber so platt formuliert, sind sie einfach nicht ernst zu nehmen. Eine zweite Aufklärung?! Der gute Mann ist nicht mal über die erste Aufklärung aufgeklärt!

  1. April 28, 2012 um 5:19 pm

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