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Sollten wir besser gleich ganz ohne Geld leben?

Motiviert durch die aktuellen Finanzkrisen habe ich mich etwas weiter ins Thema vertieft. Dabei  hatte ich auf dem Blog keimform.de, der sich im Wesentlichen um Commons, also Gemeingüter dreht, einen Dialog begonnen und Fragen gestellt. Aufhänger war, dass ich als wesentliche Lösung neben den Gemeingütern Energie, Wasser und Lebensmittel auch noch die Umstellung unseres Geldsystems auf ein zinsloses vorgeschlagen hatte. Neben einem Schwall Unverständnisses, dass ich so einen unsinnigen Vorschlag unterbreiten konnte, gab es die folgende hilfreiche Antwort:

Der Witz bei den Commons ist, dass die Regeln, wann wer was nehmen kann, selbst verabredet werden. Und da gibt es nichts pauschales, sondern die Regeln müssen zu der Art der Ressourcen und Produkte sowie den Bedürfnissen der beteiligten Menschen passen. Selbstbestimmte Regeln sind da am besten geeignet. Bei Wissensgütern, das war Dein Beispiel, sind »open access« Regeln oft perfekt: Sie fördern die maximale Verbreitung. Wichtig: open access ist eine vereinbarte Regel, und keine Selbstverständlichkeit für alle Commons.

Bei rivalen Gütern (solche mit Nutzungskonkurrenz) sieht das anders aus. Hier kann »open access« sinnvoll sein, wenn genug da ist. Wenn nicht genug da ist, besteht die Gefahr der Übernutzung (Plünderung etc.). Sinnvollerweise verabreden die Commoners dann eine Nutzungsregel, die die Ressource erhält, denn das wollen ja alle. Oder sie verabreden Aktivitäten, um die Ressource zu vermehren, damit alle mehr haben können. Oder beides. Share what you can.

Tauschen braucht es dafür nicht. Kein bißchen, und das ist keine Fiktion, sondern so funktionieren Commons auch bei rivalen Gütern heute noch, wo es sie noch gibt (etwa Bewässerungsystemen) oder bei nicht-rivalen Gütern, wo sie neu geschaffen werden (etwa Informationsgütern).

Was ist, wenn der Eine mehr nimmt als er geben kann, fragst du. Ganz einfach: Wenn das verabredet ist, dann ist es ok. Wenn das gegen Verabredungen verstößt, dann wird’s wohl Ärger geben, und dann muss eine Lösung des Konflikts gefunden werden. Wichtig hier: Es gibt keine formale Gleichheit. Niemand sagt, dass alle gleich viel haben müssen, niemand sagt, dass nur formale Gerechtigkeit fair ist. Es kann viele Gründe für ungleiche Verteilungen geben, die real als fair empfunden werden. Kinder können nichts oder nicht viel beitragen, aber alle werden es fair finden, wenn sie das bekommen, was sie brauchen. Usw.

Was, wenn ich gerne etwas Luxus genießen wollte, fragst du. Hm, das hört sich sehr nach Verzicht an, der wohl deiner Meinung die Regel sein muss. Uh, nein, das wäre nichts für mich. So platt der Kollege oben argumentierte: Es geht um Luxus für alle. Aber was ist Luxus? Eigentlich geht’s darum, dass es keinen Luxus mehr gibt, weil alle ihre Bedürfnisse so befriedigen können, wie sie es möchten. Dann verschwindet Luxus, weil Luxus nichts exklusives mehr ist. Luxus ist nur deshalb Luxus, weil er auf Kosten anderer, die an den Luxus nicht herankommen können, realisiert wird. So läuft das nämlich heutzutage.

Wenn Geld fließt, wird Zeug produziert, werden Ressourcen verbraucht. Schon jetzt haben wir Peak-Oil überschritten und wir verbrauchen 1,5 Planeten. Das soll jetzt noch schneller fließen? Das ergibt für mich gar keinen Sinn, und nichts wird dadurch fairer. Bei dem Argument will ich es belassen (es gibt noch mehr dazu).

Und nachdem ich ja schon die Geschichte Wie der Schritt vom Sklaventum zur Freiheit den Arbeitseifer befeuerte und dabei eigentlich doch nicht wirklich frei machtehier veröffentlicht habe, die zeigt, dass Geld auch nicht wirklich freimacht, muss ich doch feststellen, dass es mich doch nun richtig neugierig, wie eine Gesellschaft, die sich komplett dem Gemeingutgedanken hingibt, ohne Geld funktionieren kann (siehe auch den Artikel Es geht auch ganz ohne Geld, wie uns Heidemarie Schwärmer in ihrem lanjährigen Projekt nachweist). Ich werden weiter berichten, was ich auf meiner Suche nach einer besseren Welt hier noch herausfinden kann.

Kategorien:Gesellschaft Schlagwörter: , ,
  1. Juni 30, 2011 um 8:34 am

    Wer sich schon vorab interessiert, ich habe noch folgende Quellen erhalten:

    Unterschiedliche Artikel zur (Kritik der) Geldlogik auf keimform.de gibt’s beim Tag geldlogik

    Andreas Exner hat auch das Projekt demonetize.it initiiert, beim dem einige von uns mitmachen. Dort findest du weitere Artikel zum Thema.

  2. Educat
    Juni 30, 2011 um 12:53 pm

    Vielen Danl für die ausführliche Recherche und die erneute nachhaltige Inspiration!

  3. Frank S.
    November 25, 2011 um 9:56 pm

    Nur kann man die Zeitgenossen auch abschaffen, die den Hals nicht voll kriegen und sich bedienen, obwohl sie es gar nicht gebrauchen können? Denn wenn dieses System gekippt wird, sind diese Geier immer noch da. Es ist wie im Straßenverkehr. Es gibt viele, die sich ordentlich und rücksichtsvoll verhalten, und dann kommt so ein Mensch daher, der meint, er kann sich herausnehmen und sich verhalten wie es ihm gefällt, Rücksicht Fehlanzeige! Das ist der Punkt der mir bei diesem Vorschlag nicht gefällt, wie kann das in den Griff bekommen werden?

    • November 25, 2011 um 11:17 pm

      Lieber Frank,
      das kommt ganz von allein wieder in die Waage, wenn wir weg von diesem unsinningen Konkurrenzgedanken hin zum kooperativen Miteinander kommen. Wenn unser Denken nicht auf „nach mir die Sintflut“ (Unterdrückung) steht, sondern wir uns auf Augenhöhe in Liebe begegnen, warum sollte ich dann einem Mitmenschen etwas antun wollen, was ich mir nicht wünschen möchte, dass man es mit mir tun (Kant´scher Imperativ).
      Wenn unser Anbetungsobjekt nicht mehr der Konsum ist (Geiz ist geil), sondern das Miteinanderleben im Einklang (darüber, dass Alles verbunden ist, wird mein nächster Artikel gehen), warum sollte es dann noch Verbrechen geben? Verbrechen erfolgen dort, wo Ungerechtigkeit empfunden wird. Wenn Menschen geliebt werden, und es ihnen damit gut geht, warum sollten sie anderen Gewalt antun?
      In meinen Augen waren die Indianer jene, die die richtige Zivilisation besaßen. Das, was wir haben, sieht nur vordergründig so aus. Ich komme nach drei Jahren intensiven Lesens zu dem Ergebnis, dass unsere derzeitige Gesellschaftsform in eine Phase getreten ist, in der die Menschen entweder krank oder gewaltätig werden, und sie damit nicht als zivilisiert gelten kann.
      Wir sehen aber überall auf der Welt, dass die Menschen es Leid sind, dieses Konkurrenz- und Hassspiel mitzumachen. Und wenn wir alle gemeinsam das nicht mehr wollen, dann werden wir dies auch schaffen. Es wäre allerdings allen zu wünschen, dass auch die Letzten so wie in dem kleinen Filmausschnitt erkenne, dass ein Blutvergießen unmenschlich und sich nicht zu Ehren eines Gottes sein kann.
      Liebe Grüße, Martin

  4. Dezember 13, 2011 um 9:27 pm

    Hier kommt ein interessanter Vortrag zum Thema der Commons

    Commons als Grundlage einer neuen Produktionsweise, Von StefanMz

    Das ist der Titel meines Vortrags bei der COM’ON-Tagung am 10.12.2011 in der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

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