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Sollen wir die AKWs abschalten? Unter Anderem, wenn eine Haftpflicht für AKWs nicht finanzierbar ist

Prof. Gunther Dueck, Chefarchitekt der IBM Deutschland, hat in seinem aktuellen Beitrag auf seiner Web-Site sinnraum sich Gedanken über seine Haftpflichtversicherung gemacht und diese auf das Kapitel Atomkraftwerke übertragen. Es bleibt auch hier nur eine Schlussfolgerung: Abschalten. Aber lest selbst:

Ich schaue verwundert auf meine Haftpflichtversicherungspolicen. Ich bin als privater Mensch für Millionenschäden versichert, auch bei Autounfällen. Es ist bekannt, dass Autos Unfälle mit einer grässlichen Schadenshöhe verursachen können, die ein Einzelner kaum bewältigen kann. Deshalb zwingt uns der Gesetzgeber, alle Risiken unseres Autofahrens für ANDERE zu versichern. Mein eigener Schaden bleibt mir überlassen. Ich kann dafür per Vollkasko vorsorgen oder nicht. Aber der Schaden, den ich potentiell anderen zufüge, muss auf jeden Fall über eine Versicherung wiedergutzumachen sein.

Warum aber zahlen wir als Volk die Schäden der Banken? Warum die der Atomgaus? Es gibt in der ganzen Welt etwa 450 Atommeiler, von denen inzwischen drei (Harrisburg, Tschernobyl, Fukushima) schwere Katastrophen verursacht haben. Der Bau eines Atommeilers kostet um die fünf Milliarden Euro. Alle 450 Kraftwerke zusammen haben folglich 2250 Milliarden gekostet. Der Schaden von Fukushima wurde schon in den Nachrichten im Billionenbereich vermutet. Also kosten dann die Schäden der drei Unfälle doch mehr als der Bau von allen zusammen? Ist das so? Ich meine, dann lohnt sich doch der Atomstrom eventuell ökonomisch gar nicht! Er lohnt sich dann nur deshalb, weil die Energieerzeuger den Schaden nur bis zur Höhe ihres Eigenkapitals bezahlen müssen. Den Rest zahlen immer wir. Das ist eine Folge des Kapitalismus der AGs und GmbHs („mit beschränkter Haftung“), die den Anleger schützt, der nur höchstens um seine Aktien oder Einlagen fürchten muss – nicht aber, dass er die volle Verantwortung trägt.

Das bin ich jetzt leid. Wir haben doch die Banken zu einem Einlagensicherungsfonds gezwungen, dass wenigstens jeder Privatmensch sein Geld bis 50.000 Euro wiederbekommt, wenn seine Bank Pleite macht. Warum heben wir die 50.000 nicht auf beliebige Höhe an und erzwingen das gleiche Verfahren für alle anderen Industriezweige auch? Das klingt jetzt sehr hart, aber die Rückgabe der Einlagen oder das Entschädigen bei Katastrophen ist doch noch der kleinste Teil der Schäden. Die Aktien praktisch aller Unternehmen gingen bei jeder Großkatastrophe in den Keller, die müssten die Verursacher doch eigentlich auch zahlen?
Ich fordere, dass alle potentiellen Verursacher sich unbegrenzt versichern müssen.

Geht das in Deutschland allein? Sie werden gleich alle laut zetern, dass es den Wettbewerb verzerrt. Wahrscheinlich gründen die potentiellen Verursacher von Großunglücken dann kleine autonome Staaten, die davon prächtig leben, nur unsichere, ganz billige Kernkraftwerke zu betreiben und uns den Strom zum Dumpingpreis zu liefern? Statt Steueroasen gründen sie Umweltoasen, in die die Kernkraftwerke fliehen, weil sie dort sicher sind – vor der von mir geforderten Haftpflichtversicherung? Was machen wir, wenn alle deutschen Kraftwerke abgeschaltet sind, aber eines der vielen französischen plötzlich per Westwind herübergeweht wird? Wer zahlt das? Frankreich? Also ich finde: die Haftpflichtversicherung.

Wahrscheinlich ist die aber so irre teuer, dass sich das Betreiben von Atommeilern nicht lohnt. Wenn das so ist, sollte man es lassen, oder? Vielleicht wäre es schon einmal gut, wir würden die Industrie zwingen, sich einmal nach ihren Haftpflichtversicherungsprämien zu erkundigen. Dann schauen wir, wie viele Business-Modelle überhaupt valide sind. Okay? Hören Sie auf, immer so idealistisch vage von Zukunft und Nachhaltigkeit zu babbeln, eine einfache Haftpflichtversicherung wird konkret.

Oder kann man zu einem anderen Rückschluss kommen, als diese gefährliche Technologie endlich in die Mottenkiste zu stecken?

Und dann noch etwas zu dem Argument: „Was nützt es uns denn, wenn um uns herum lauter risikoreiche Kraftwerke betrieben werden?“

Ganz einfach, wenn auch mit etwas Tragik: Wenn wir uns mit aller Kraft über alternative Energien kümmern, während die anderen sich auf der alten Technik ausruhen, und dann der nächste GAU kommt, und der kommt bestimmt (Drücken wir die Daumen, dass es nicht einen direkt in unserer Nähe ist, denn es gibt ja immerhin etwa 450 Stück), dann wird man uns die Bude einrennen, weil wir es dann drauf haben. Also packen wir es an!

Nachtrag vom 21.05.2011: Volker Pispers zur Brennelementesteuer

Er vergleicht die Steuer mit einer Vereinbarung, die ich mit einem Einbrecher eingehe, indem ich ihm erlaube mich zu beklauen, wenn er mich später wieder an seiner Beute beteiligt:

Nachtrag vom 23.04.2011:  Wie teuer wird der Atomausstieg?

Dieser Frage geht Franz alt auf seiner Web-Site sonnenseite.com nach und schreibt:

An das Märchen vom billigen Atomstrom glauben immer weniger Menschen, wenn sie erfahren, dass wir als Steuerzahler in den letzten 30 Jahren in Deutschland knapp 200 Milliarden Steuergelder in die Nuklearenergie investieren mussten. Seit 1990 haben die Erneuerbaren Energien die Steuerzahler nur mit 36 Milliarden Euro belastet.

Nachtrag von 22.04.2011: Ein SEHR aufschlussreiches Interview mit Holger Strohm

Kategorien:Ethik, Gesellschaft Schlagwörter: , ,
  1. März 24, 2011 um 10:23 am

    Wie Strom aus Wasserkraft von unserer Regierung aus Deutschland ferngehalten wird:

  2. Martin
    März 24, 2011 um 10:52 am

    Sehr guter Beitrag,ergänzen würde ich noch gerne die Folgen in z.B. Ochtrup durch die unnötigen Strommastschäden und daraus folgenden Ausfälle (RWE),und die zur Zeit im Bau befindliche Giftgasleitung von Krefeld nach Leverkusen(Bayer),noch ohne Tote.

  3. März 24, 2011 um 4:32 pm

    Das Thema Versicherung ist nun auch auf Der Tagesspiegel von Harald Martenstein aufgenommen worden: Strahlen und Haften
    Herr Martenstein bringt noch einen sehr interessanten Aspekt bzgl. der Restrisiken ein: Versicherungen prüfen sehr genau, was sie versichern können und nutzen mathemitische Verfahren. Und wenn die Wahrscheinlichkeit des Eintretens mit dem resultierenden Schaden nicht gut genug korreliert, dann lehnen Versicherungen den Deal dankend ab. Wie im Falle der AKWs. Soweit zum Thema „Es gibt keine Risiken“.

  4. März 26, 2011 um 5:19 pm

    Zigtausende Atomgegner haben in Deutschland für den Ausstieg aus der Kernkraft demonstriert. Widerstand gegen den Regierungskurs kommt inzwischen auch aus den Reihen der Koalition doch Kanzlerin Merkel verteidigt ihre Politik. Spätestens seit Stuttgart 21 sollte die Regierung erkannt haben, dass man nicht gegen das Volk regieren kann. Wer das ignoriert wird abgewählt.

  5. März 27, 2011 um 12:16 pm

    Gerade auf NaturEFund gefunden: Volles Risiko

    Beitrag von Atomkraft zur Weltenergieversorgung

    • Im Jahr 2008: 2 %
    • Zur Zeit sind weltweit 438 Atomkraftwerk am Netz.
    • Würde ab jetzt jede Woche ein neues Atomkraftwerk ans Netz gehen, läge der Beitrag von Atomkraft zur Weltenergieversorgung im Jahr 2040 bei 6 %.
    • Im Jahr 2008 ging weltweit kein einziges Atomkraftwerk ans Netz.

    Im Vergleich Beitrag von Erneuerbaren Energien zur Weltenergieversorgung

    • Im Jahr 2006: 18 %
    • Im Jahr 2008 wurden weltweit Hundertausende kleiner und größerer Kraftwerke mit erneuerbarer Energie installiert.
    • Im März 2010 legten das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers gemeinsam eine Untersuchung vor, nach der Europa bei entsprechender Politik bis 2050 komplett mit Strom aus Erneuerbaren Energie versorgt werden können.
    • Die Umstellung auf Erneuerbare Energien könnte Energiesicherheit bieten, die Stromerzeugung dekarbonisieren und Energiearmut verringern, heißt es in dem Bericht.

    Nutzen von Atomenergie für den Klimaschutz

    • Gemäß einer aktuellen Studie vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung spielt die Kernenergie für die Vermeidung des Klimawandels eine untergeordnete Rolle.
    • Zur Vermeidung von Treibhausgasen ist es kostenneutral, wenn auf den Ausbau von Kernenergie verzichtet wird.
    • Auch ein globaler Ausstieg aus der Kernenergie wird die Kosten zur Vermeidung von Treibhausgasemissionen kaum erhöhen.

    Kostenfaktor Atomkraft

    • Die PROGNOS AG stellte in ihrer Studie: „Identifizierung und Internalisierung der externen Kosten der Energieversorgung.” bereits 1992 fest, dass eine Kilowattstunde Atomstrom umgerechnet 2 EUR kostet.
    • Die Kosten entstehen u. a. durch die externen Kosten wie Sicherheitsmaßnahmen beim Transport, Steuererleichterung für Atomstrom, Kostenübernahme für Lagerung bzw. Endlagerung sowie die Haftung des Staates bei einem Atomunfall.
    • Den größten Teil der Kosten für Atomstrom wird von den deutschen Steuerzahlern und Steuerzahlerinnen finanziert.
    • Die Europäische Gemeinschaft, Vorläufer der heutigen Europäischen Union, fördert gemäß dem EURATOM-Vertrag seit 1957 die Entwicklung der Atomenergie in Europa.
    • Ab 2007 stellt die Europäische Union jährlich rund 550 Millionen Euro für die Atomforschung zur Verfügung.
    • Ab 2007 stellt die Europäische Union jährlich nur 168 Millionen Euro für die Erforschung erneuerbarer Energien zur Verfügung.
    • Uran wird seltener und der Abbau schwieriger. Uran wird daher teurer.
    • Aufgrund des verstärkten Einsatzes von Wind-, Solar-, Wasserkraft, Agrargas- sowie Geothermieenergieanlagen sinken die Kosten für die Eneuerbaren Energien jährlich.

    Arbeitsplätze in der Atomindustrie bezogen auf Deutschland

    • Im Jahr 2008 arbeiteten 30.000 Menschen in der Atomindustrie.
    • Im Jahr 2008 arbeiteten 280.000 Menschen in der Branche Erneuerbare Energien.
    • Im Jahr 2008 wurden 30.000 neue Arbeitsplätze im Sektor Erneuerbare Energien geschaffen.

    Atomstrom und Versorgungssicherheit

    • Das Bundeswirtschaftsministerium bestätigte am 11. August 2008 in seinem ‚Monitoringbericht‘ über die Versorgungssicherheit in Deutschland, dass die deutschen Atomkraftwerke stillgelegt werden können. Selbst in Zeiten höchsten Verbrauchs und an kalten, dunklen Tagen wie im Dezember, reiche der vorhanden Strom ohne Atomstrom aus. Bei Stilllegung aller 17 deutschen Atomkraftwerke entstehe keine Versorgungslücke.
    • Sachsen-Anhalt liegt nicht an einer windreichen Küste, noch hat es eine besonders hohe Sonneneinstrahlung zu verzeichnen. Im Jahr 2008 lag der Anteil von Erneuerbaren Energie zur Stromversorgung in Sachsen-Anhalt bei 40 %. In Bayern beträgt der Anteil der Erneuerbaren Energien an der Stromversorgung mittlerweile 30 %.

    Atomstrom und Gesundheit

    • Die Kinderkrebsstudie des Deutschen Kinderkrebsregisters von 2007 kommt zu dem Ergebnis, dass Kleinkinder, die in der Nähe von einem Atomkraftwerk aufwachsen, ein deutlich höheres Risiko haben, an Krebs zu erkranken, insbesondere an Leukämie.
    • Die Zahl der Krebserkrankungen bei Minenarbeiter und Menschen, die in der näheren Umgebung von Uranminen leben, liegt deutlich über den normalen Durchschnitt.
      Endlagerung von Atommüll
    • Atommüll ist über Zehntausende von Jahren strahlungsaktiv und für Lebewesen wie Menschen,Tiere und Pflanzen, gesundheitsschädlich bis tödlich.
    • Die Atomkraft wird sein über 70 Jahren für friedliche und militärische Zwecke genutzt. In diesen 70 Jahre konnte trotz intensiver Suche auf der ganzen Welt kein sicheres Endlager für Atommüll gefunden werden.

    Quellen:

    Internationale Energie Agentur: http://www.iea.org/
    Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung: http://www.pik-potsdam.de
    Renwable Energie Policy Network: http://www.ren21.net/
    Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs, http://www.ippnw.de
    Fakten zur Atomenergie, IPPNW, Henrick Paulitz: http://www.facts-on-nuclear-energy.info/background/fakten_zur_atomenergie.pdf
    Europäische Vereinigung für Erneuerbare Energien e. V.: http://www.eurosolar.org
    Deutsches Kinderkrebsregister: http://www.kinderkrebsregister.de
    Dokumentarfilm über die Nutzung von Kernenergie und dem Abbau von Uran in Australien, nukingtheclimate, Trailer bei Youtube: http://www.youtube.com/watch?v=L4u5rbcx1D0

  6. März 27, 2011 um 11:31 pm

    Und wer auch noch Bilder braucht, wie es unseren Kindern nach einem GAU passiert:

  7. April 30, 2011 um 5:22 pm

    Hier antwortet der Präsident des Umweltbundesamtes auf die Frage, ob der Atomausstieg den Strom teurer macht, eben nicht!!

  8. Mai 11, 2011 um 1:44 pm

    Gerade wurde eine Studie veröffentlicht, die die Versicherungsgebühren für einen Super-GAU berechnet hat. Es würde 6.000 Millarden € zur Begleichung der Schäden anfallen. Wenn man dies auf die KWh über 50 Jahre Laufzeit umlegt, wären es immer noch 50 Cent pro KWh, also nicht tragbar.
    Speigel online: Forscher errechnen horrende Haftpflicht-Kosten für AKW

  9. Mai 18, 2011 um 8:00 pm

    Um Fukushima sieht es wohl doch deutlich schlimmer aus, als bisher angenommen. Franz Alt schreibt auf seinem Blog http://www.sonnenseite.de: Update Fukushima: Die Lage wird immer ernster

  10. Juli 1, 2011 um 8:29 am

    Spiegel Online hat gestern einen wichtigen Artikel zur Lebenslüge der Atomkraftswerksbetreiber gebracht. Diese ziehen vor das Verfassungsgericht und wollen den Ausfall Ihrer AKWs von uns bezahlt bekommen. Es geht um ca. 15 Milliarden Euro. Das ist starker Tobak. Wären die Kraftwerke Gemeingut des Volkes, bräuchten wir uns um diese Aktion erst gar nicht zu kümmern. Der Artikel bewertet die damalige Entscheidung des Verfassungsgericht zur Einschätzung des Restrisikos, dass wir, die Bürger zu tragen hätten. Aber da die AKWs privat betrieben werden, müssen die Gesellschaften für Ihre Aktienbesitzer klagen, um deren Eigentum zu wahren. Ob die damalige Ansicht der Verfassungsrichter nun gedreht werden kann:
    Kann Fukushima die Maßstäbe der Verfassungsrechtsprechung verschieben?
    Verfassungsklage – Die Lebenslüge der Nuklearindustrie

    Der Schlaf der praktischen Vernunft gebar Ungeheuer: Die Karlsruher Weisheit, dass man bei Risiken, wenn sie nur unwahrscheinlich genug sind, einfach weggucken kann, entwickelte sich geradezu zur Lebenslüge der Atomindustrie und der Politik, die sie stützte: Über Jahrzehnte hielt fast niemand eine Risikovorsorge in jenem Bereich für geboten, der als „Restrisiko“ zu vernachlässigen schien. Gepflegt wurde von vielen das Missverständnis, „Restrisiko“ sei etwas gering zu Schätzendes. Fukushima hat grausam deutlich gemacht, dass nicht etwa die riskierte Katastrophe gering ist, sondern allenfalls die Wahrscheinlichkeit ihrer Realisierung. Doch auch das Unwahrscheinliche, sagt die Kanzlerin, passiert. „Ein Wahn“ sei es, sagt Koch, „so etwas den Bürgern für zumutbar zu halten“.

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